MAISON BEAULIEUHISTOIRES & LETTRESRetour à la Maison
Ein Bericht · Schauplätze · Aktenstücke zur Einsicht

Auf den Spuren
der Vergeltung.

Von der Denunziation bis zur letzten fatalen Wendung: Neun Kapitel, um der Erzählung zu folgen und ihren Rätseln nachzugehen.

Dieser Parcours folgt dem im Rahmen der Untersuchung studierten Bericht. Die überlieferten Orte und Daten stellen für sich allein noch keine verbürgten Tatsachen dar.

Kapitel 1 / 9Auftakt der Erzählung

Nîmes

Vor der Handlung

Ein Name, den es wiederzufinden gilt.

Vor den Maskeraden und dem blutigen Racheschwur stand ein schlichter Name: François Picaud. Der Überlieferung nach stammte er aus Nîmes und verdiente sein Brot als Schuhmacher. Ein Mann noch im Vollbesitz seiner Freiheit, dessen Herkunft, Lehrjahre und Aufbruch nach Paris man gern urkundlich fassen möchte. Um seine Spur aufzunehmen, setzt die Recherche dort an, wo literarische Erzählungen meist schweigen: bei den standesamtlichen Registern, den vollständigen Namen und den Pariser Wohnadressen jener Zeit.

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Im Herzen des Geschehens

Die Kette der Vergeltungsakte.

Reihenfolge der im Dossier untersuchten Geschehnisse, ohne rekonstruierten Straßenverlauf.

Die Erzählung findet ihre Fortsetzung

Ein Buch, um sich Zeit zu nehmen.

Dieser Parcours weist Ihnen den Weg. Die Publikationen zu Picaud gewähren Einblick in den Bericht, die lückenlose Untersuchung und deren meisterhafte literarische Ausgestaltung.

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🕯️ Abendchronik · Die 20 Mythischen Gefängnisse Europas & Der Fall PicaudAbendlektüre · ~6 Min.

Das Phantom von Fenestrelle oder Das Schachbrett des Blutes

Aus der steinernen Hölle der Alpen bis in die mörderischen Gassen von Paris: die unerbittliche Jagd des François Picaud auf jene, die ihm sein Leben raubten.

I. Der Lebendigbegrabene der Alpenkasematten

Es gibt ein Schweigen, das einzig das schrille Knarren eines verrosteten Riegels zu brechen vermag. In jenem Herbst des Jahres 1807 verzeichneten die kaiserlichen Kerkerregister des Forts von Fenestrelle – jener grausigen, auf den eisigen Graten des Piemont errichteten Veste – keinen Menschen mehr, sondern lediglich eine Schattengestalt: den Gefangenen Picaud. François Picaud, ein armer Schustersgeselle aus Nîmes, voll jugendlicher Hoffnungen und der reinen Liebe zur schönen Marguerite Vigoroux nach Paris gewandert, war am Vorabend seiner Hochzeit spurlos von der Erde verschwunden. Ein anonymer Denunziationsbrief, eingegeben vom giftigen Neid vier falscher Gefährten an das Polizeiministerium Fouchés, hatte aus ihm einen gedungnen Spion der englischen Krone gemacht. Ohne Verhör, ohne Urteilsspruch schloss sich die Pforte eines feuchten, tief in den nackten Fels gehauenen Lochs über ihm für sieben lange Jahre des Vergessens.

Im Modergestank verfaulender Strohsäcke und dem triefenden Dunkel der Kasematten hätte Picaud dem Wahnsinn anheimfallen müssen. Doch das Schicksal trat in Gestalt eines Leidensgenossen an ihn heran: des Abbé Torri, eines vornehmen Mailänder Prälaten, der den kaiserlichen Edikten getrotzt hatte und dafür in Ketten geschlagen worden war. Zwischen den beiden Eingekerkerten grub sich bald ein unterirdischer Pfad tiefer Freundschaft, über den Tränen, Gebete und schließlich die Geheimnisse einer anderen Welt gewechselt wurden. Auf seinem Siechbett vertraute der Greis im Jahre 1814 dem jungen Handwerker den Lageplan eines unermesslichen Schatzes an, der auf den Ländereien eines italienischen Klosters verborgen lag. Als die kaiserlich-österreichischen Truppen beim Sturze Napoleons die Pforten von Fenestrelle aufbrachen, war der schlichte Geselle dahin. Diesem wandelnden Grabe entstieg ein steinreicher Rächer, gerüstet mit Gold und getrieben von einem einzigen unerbittlichen Gedanken: jene vier Elenden zu vernichten, die ihn lebendigen Leibes gemordet hatten.

II. Der erste Dolchstoß und die feile Beichte

Im Paris der beginnenden Restauration erkannte niemand den Mann mit dem wächsernen Teint, um zwanzig Jahre gealtert, der unter dem Namen Joseph Lucher der Postkutsche entstieg. Seine Marguerite hatte zwei Jahre gewartet, ehe sie dem grausamsten der Verräter die Hand reichte: Mathieu Loupian, der mittlerweile als wohlhabender Gastwirt auf dem Boulevard d’Italie residierte. Loupian thronte inmitten vergoldeter Salons, gemästet an den Trümmern von Picauds Existenz. Zwei weitere Verräter, Chaubard und Solari, schwelgten feist an seiner Tafel, während der vierte im Bunde, Antoine Allut, von quälenden Gewissensbissen und wohlverdienter Armut gezeichnet, im Dunkeln darsteckte.

»Gott eilt nicht wie die Menschen, doch wenn seine Hand herniederfährt, lässt sie nicht ein Körnchen Staub aufrecht stehen.«

Picaud begann seine Jagd nicht mit dem Blute, sondern mit der Wahrheit. Im Priestergewande, unter dem Namen des Abbé Baldini, spürte er Allut in einer armseligen Spelunke in Orléans auf. Indem er einen Diamanten von ungeheurem Werte vor seinen Augen aufblitzen ließ, bot er den Edelstein für das Geheimnis jener Denunziation aus dem Jahre 1807 feil. Die Habgier brach den letzten Rest von Widerstand: Allut enthüllte das Komplott, nannte die Namen Loupians, Chaubards und Solaris und verschwieg lediglich die eigene feige Mitschuld. Die Falle schnappte zu. Wenige Abende darauf zog man Chaubards Leichnam unter dem Pont des Arts aus der Seine – durchbohrt von einem Stilett, dessen Ebenholzgriff eine mit glühendem Eisen eingebrannte Inschrift trug: Nummer Eins.

III. Das Spinnennetz im Café Loupian

Der Mörder floh nicht; er schlich sich ein. Unter einer feuerroten Perücke und der Livree eines Kellners verdingte sich Picaud unter dem Decknamen Prosper im Etablissement seines Todfeindes. Er trug jenem Mann die Speisen auf, der das Bett seiner Braut teilte, wischte dessen Tische ab und lauschte seinen nächtlichen Vertraulichkeiten. Ein schleichendes Entsetzen ergriff die Verräterclique. Solari, den nach einem üppigen Gelage plötzlicher Schwindel überfallen hatte, verendete in grässlichen Krämpfen unter den Qualen eines zerrissenen Leibes. Auf dem Leichentuch der Heilanstalt fand sich, von unsichtbarer Hand angeheftet, ein Zettel: Nummer Zwei.

Nun blieb Loupian. Für ihn wäre ein schneller Tod eine zu milde Gnade gewesen; Picaud dürstete nach seinem gänzlichen Untergang. Mit der Präzision eines teuflischen Uhrwerks trieb der falsche Kellner die Geschäfte des Wirtes in den Bankrott. Daraufhin schlug er gegen Loupians Fleisch und Blut los: Er fädelte für dessen Tochter eine schändliche Ehe mit einem vermeintlichen Prinzen ein – in Wahrheit ein Galeerensträfling, frisch dem Zuchthaus von Brest entflohen und für diese Posse bezahlt. Tags nach der Trauung brach der Skandal auf offener Straße los. Kaum waren wenige Stunden vergangen, legte eine Feuersbrunst das Café Loupian in Schutt und Asche und raubte dem Verräter den letzten Heller. Der Unglückliche besaß nur noch einen Sohn: Picaud ließ diesen durch falsche Beweismittel des Diebstahls bezichtigen, und der Knabe ward zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

IV. Das blutige Mahl und der Abgrund des Rächers

In einer Nacht des Jahres 1828 irrte in den verlassenen Gängen der Tuilerien ein Mann in zerlumpten Kleidern umher, bettelnd, gebrochen, des Verstandes beraubt: Mathieu Loupian. Ein Schatten schoss aus einem dunklen Boskett hervor. Eine Klinge glänzte im fahlen Mondlicht. Ehe Picaud mitten ins Herz stieß, riss er die Maske des Dieners herab, neigte sein hohlwangiges Gesicht ganz dicht an das seines Opfers und hauchte dem Sterbenden seinen wahren Namen ins Ohr. Loupian sank mit einem gurgelnden Röcheln des Entsetzens in den Staub. Picaud zog einen blutbefleckten Karton hervor und warf ihn auf die Leiche: Nummer Drei.

Doch die Rache ist eine Chimäre, die jenen verschlingt, der sie nährt. Picaud blieb keine Zeit, seinen Triumph zu kosten: Ein noch tückischerer Schatten lauerte ihm in der Pariser Nacht auf. Antoine Allut, der endlich begriffen hatte, wer hinter dem Abbé Baldini und den unheimlichen Morden stand, stürzte sich auf den Rächer. Betäubt, geknebelt und gebunden wurde François Picaud in das feuchte Gewölbe eines Kellerlochs geworfen – nun seinerseits in ein Zerrbild seines einstigen Kerkers geschmiedet.

Allut ging es nicht um Vergeltung; er gierte nach Gold. Über Wochen hinweg ließ er Picaud darben; jeden Bissen harten Brotes, jeden Schluck faulen Wassers verkaufte er ihm um Tausende von Francs, erpresst aus den Geheimdepots des italienischen Schatzes. Als Picaud, wiederum zum sterbenden Schatten von Fenestrelle herabgewürdigt, keinen Centime mehr hergeben konnte und stur schwieg, erschlug Allut ihn in blinder Wut und floh nach England. Erst im Jahre 1828 vertraute der Verbrecher auf seinem Sterbebett in London einem Geistlichen das grauenvolle Geständnis an und hinterließ den Archiven der Pariser Polizeipräfektur jene schauerliche, wahre Begebenheit, die Alexandre Dumas zum unsterblichen Mythos des Grafen von Monte-Christo inspirieren sollte.