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Justiz & Skandale · England

Der Telegrafendraht von Slough

Am 1. Januar 1845 verlässt John Tawell die im Sterben liegende Sarah Hart in Slough, nachdem sie Porterbier getrunken hat. Ein Nachbar schlägt am Bahnhof Alarm, und der elektrische Telegraf lässt die Londoner Polizei noch vor Eintreffen des Zuges Stellung beziehen. Vor Gericht müssen Zeugenaussagen, der Erwerb von Blausäure und umstrittene chemische Gutachten klären, was die Indizien allein nicht offenbaren.

In Slough verlässt ein Mann das Haus von Sarah Hart, während diese im Todeskampf auf den Dielen liegt. Er eilt zum Bahnhof, schlägt durch eine Omnibusfahrt einen Umweg ein und besteigt den Zug nach London. Ein Zeuge verständigt nach seiner Abfahrt den Stationsvorsteher; der elektrische Telegraf eilt dem Reisenden voraus. Als John Tawell in London den Bahnsteig betritt, erwartet ihn bereits ein Polizeibeamter. Sarah hingegen wird kein Wort mehr sprechen. Das Gericht wird den Hergang in jener Stube zu rekonstruieren haben und entscheiden müssen, wie weit Indizien tragen.

Der Bericht von David Skae, der 1845 im Northern Journal of Medicine erschien, beleuchtet zunächst das getrennte Leben Sarahs. Sie war einst als Magd bei Tawell angestellt gewesen, der als Apotheker und Händler chemischer Waren wirkte. Nach dem Ableben seiner ersten Gemahlin schwängerte er Sarah; sie verließ das Haus und gebar zwei Kinder. Tawell besuchte sie weiterhin und trug mit etwa einem Pfund wöchentlich zu ihrem Unterhalt bei. Sarah wohnte am Bath Place nahe Slough; ihre eigenen Verwandten wussten seit Jahren nicht, wo sie sich aufhielt.

Tawell hatte sich wieder verheiratet. Seiner neuen Frau verheimlichte er das Verhältnis zu Sarah; überdies erstrebte er die Aufnahme in die Religiöse Gesellschaft der Freunde, die Gemeinschaft der Quäker. Skaes Bericht zufolge hatte er Sarah angehalten, sich gänzlich von der Welt fernzuhalten, und sie hatte sich in diese Abgeschiedenheit gefügt. Diese Bande erklären die heimlichen Besuche und die unter vier Augen übergebenen Gelder; der Bericht gewährt keinen Einblick in ihren Briefwechsel, noch lässt er Sarahs eigene Haltung zu dieser Übereinkunft erkennen.

Ein früherer Besuch am 30. September hinterließ eine unheilvolle Erinnerung. Tawell weilte bei Sarah und trug einer Frau, die bei ihr wohnte, auf, eine Flasche Porterbier zu besorgen. Nach seinem Fortgang fühlte sich Sarah plötzlich elend, benommen und vermochte sich kaum auf den Beinen zu halten. Sie erbrach fast die gesamte Nacht hindurch, ehe sie sich erholte. Ihre Gefährtin und die Kinder tranken den Rest der Flasche, ohne Schaden zu nehmen. Die Gerichtsverhandlung griff diesen Vorfall als mutmaßlichen Vorläufer auf; für sich allein beweist diese Begebenheit jedoch keineswegs, was dem Getränk beigemengt gewesen sein mochte.

Am 1. Januar 1845 brach Tawell von London auf und hinterließ seinen Reisemantel im Jerusalem Coffeehouse. Dem Kellner gab er an, im West End zu speisen und gegen neun Uhr zurückzukehren. Stattdessen nahm er den Zug um vier Uhr nach Slough und begab sich zum Bath Place. Er schickte Sarah in das nahe Gasthaus, um eine Flasche Porter zu holen. Ein Zeuge sah sie mit der Flasche zurückkehren – bei bester Gesundheit und heiterem Gemüt.

Zwischen sechs und sieben Uhr abends vernahm eine Nachbarin, Mrs. Ashley, ein ersticktes Stöhnen aus Sarahs Wohnung. Sie legte ihr Handarbeitszeug beiseite, nahm eine Kerze und trat hinaus. In diesem Augenblick schritt Tawell durch das kleine Gartentor. Mrs. Ashley rief ihm zu, sie fürchte, seine Nachbarin sei erkrankt; er gab keine Antwort. Sie bemerkte seine Unruhe, als er die Pforte nicht zu öffnen vermochte, deren Riegel durch einen Knopf gesichert war. Sie öffnete sie für ihn und betrat daraufhin Sarahs Stube.

Die junge Frau lag nahe der Schwelle, die Beine dem Kaminfeuer zugewandt. Ihr Kleid war in Unordnung geraten, ein Strumpf herabgerutscht, ein Schuh abgestreift, ihre Haube lag abseits und das Haar war aufgelöst. Ihre Augen starrten starr; kein Glied regte sich mehr. Als Mrs. Ashley sie leicht aufrichtete, bemerkte sie Schaum vor ihrem Mund. Der herbeigerufene Wundarzt hielt sie zunächst für tot; da er jedoch noch ein leichtes Zucken des Kiefers wahrnahm, setzte er zu einem Aderlass an. Es flossen wenige Tropfen Blut, danach zeigte sich kein Lebenszeichen mehr.

Tawell eilte keineswegs auf geradem Weg zum Bahnhof. Er bestieg einen Omnibus in Richtung Eton und bat darum, nahe Herschel House abgesetzt zu werden. Von dort ging er offenbar zu Fuß zur Station zurück. Er nahm einen Zug, der gegen Viertel vor acht abfuhr. Der Geistliche E. T. Champneys, ein Vetter des Wundarztes, der Sarah soeben gesehen hatte, bemerkte Tawell auf dem Bahnsteig und teilte seinen Verdacht dem Stationsvorsteher mit, sobald der Zug abgedampft war. Die Nachricht wurde sogleich auf dem elektrischen Telegrafenweg nach London übermittelt. Ein Polizist heftete sich an Tawells Fersen und nahm ihn am folgenden Morgen fest.

Zunächst leugnete Tawell, überhaupt in Slough gewesen zu sein. Am Tag nach seiner Verhaftung tischte er dem Konstabler eine andere Fassung auf. Sarah, so behauptete er, habe Bier verlangt; sie habe den Inhalt eines kleinen Fläschchens in ihr Glas geleert, erklärt, sie wolle sich das Leben nehmen, und den Rest ins Kaminfeuer geworfen. Er habe sie auf dem Teppich vor der Feuerstelle zurückgelassen, ohne ihre Drohung ernst zu nehmen. Nach ihren Briefen befragt, erwiderte er, er hebe derlei Schreiben nicht auf. Diese Darstellung wälzte die Verantwortung für das Giftfläschchen auf Sarah ab und deutete ihren Tod als angekündigten Selbstmord.

Am Tage nach dem Ableben, achtzehn Stunden danach, nahmen die Wundärzte Champneys und Pickering die Leichenschau vor. Sie nahmen einen Geruch wahr, den sie als den von Blausäure deuteten. An den untersuchten Organen fanden sie keine Verletzungen, die den Tod erklären konnten. Der Mageninhalt wurde sichergestellt und nach London zur chemischen Begutachtung gesandt. Die ersten Prüfungen galten unter anderem der Kleesäure und verschiedenen metallischen Giften; sie blieben ohne Befund. Erst nach einer Destillation wiesen weitere chemische Reaktionen auf die Gegenwart von Blausäure hin.

Der medizinische Streit gestaltete sich verwickelt. Die Sachverständigen hatten am Magen selbst keinen Giftgeruch wahrgenommen, da das Porterbier diesen überdeckt haben mochte. Die in einem Teil des Inhalts ermittelte Menge wurde auf das Gesamtvolumen hochgerechnet. Apfelstücke wurden vorgefunden, jedoch keine Kerne; Versuche mit Kernen von fünfzehn Äpfeln ergaben lediglich eine Spur, die der Chemiker Cooper als belanglos einstufte. Die Verteidigung hob diese Ungewissheiten hervor und focht an, die Zeugen könnten keineswegs beweisen, dass eine tödliche Dosis vorlag. Skaes Bericht verteidigt die Schlüsse der Ärzte, räumt indessen ein, dass die quantitative Analyse gründlicher hätte ausfallen können.

Ein weiteres Indiz verknüpfte Tawell mit dem gesuchten Stoff. Am Morgen des 1. Januar hatte er ein Fläschchen Blausäure gekauft, vorgeblich zur Linderung seiner Krampfadern. Der Apotheker kannte seinen Namen und bestätigte den Verkauf. Es wurden Rezepte vorgelegt, die belegten, dass die Säure seinerzeit gegen die mit diesem Leiden verbundenen Schmerzen verordnet werden konnte; der Kauf allein bewies folglich nicht den behaupteten verbrecherischen Gebrauch. Er fügte sich jedoch in eine Kette von Verdachtsmomenten: der Besuch, die Bierflasche, das überstürzte Verlassen des Hauses, die Eisenbahnfahrt und die widersprüchlichen Aussagen nach der Verhaftung.

Die Verteidigung unter Fitzroy Kelly stützte sich auf die wissenschaftlichen Zweifel und den Mangel an unmittelbaren Beweisen. Er sprach jenen Ärzten die Sachkunde ab, die noch nie mit eigenen Augen einen Blausäuretod beobachtet hatten, und mutmaßte, die Äpfel, ein Kuchen oder andere Stoffe des Körpers könnten für die chemischen Rückstände ursächlich sein. Zudem führte er an, Tawell habe weder ein Motiv noch die Versuchung zum Morde gehabt. Baron Parke schärfte den Geschworenen ein, dass ein Giftmordverfahren keineswegs in jedem Einzelschritt eines direkten Augenzeugenbeweises bedürfe; die Umstände allein vermöchten zu überzeugen, sofern die Geschworenen gewiss seien, dass Gift verabreicht worden sei.

Nach einer halbstündigen Beratung fällten die Geschworenen einen einstimmigen Schuldspruch. Skae berichtet, Tawell habe vor seiner Hinrichtung gestanden, das Verbrechen in jener Weise begangen zu haben, wie es vor Gericht geschildert worden war.

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Gegenstand der vorliegenden Lektüre war der vollständige Aufsatz von D. Skae, ausgehend vom Titel bis zu seiner letzten medizinischen Anmerkung, auf Grundlage des Digitalisats des Internet Archive; die vorangehende Seite über Handschriftenkunde blieb unberücksichtigt. Skae referiert die Zeugenverhöre, die chemischen Untersuchungen, das Plädoyer der Verteidigung, die Rechtsbelehrung durch Baron Parke, das Urteil sowie ein Geständnis vor der Hinrichtung. Es handelt sich um einen zeitgenössischen Bericht und nicht um die amtlichen Sitzungsprotokolle; alle Szenen und Zitate sind diesem Bericht zugeschrieben. Der Textauszug nennt kein Hinrichtungsdatum, weshalb an dieser Stelle keines ergänzt wurde.

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