Am 1. September 1840 wurde Louis Vilhardin de Marcellange auf Schloss Chamblas durch einen Flintenschuss getötet. Er hielt sich inmitten der Dienerschaft in der Küche auf, als der Schuss von draußen abgefeuert wurde. Bald fiel der Verdacht auf Jacques Besson, der lange Zeit im Dienst der Familie gestanden hatte. Dieser bestritt stets, geschossen zu haben. Das Gerichtsverfahren sollte klären, was die Zeugen tatsächlich gesehen hatten; es geriet jedoch zugleich zu einem Schauplatz, an dem die alten Zwistigkeiten des Hauses, früher gefallene Worte und erst nach dem Tode geformte Erinnerungen zusammengetragen wurden.
Jeanne-Marie Chabrier, eine frühere Magd, schilderte die Szene später vor den Assisen: Gegen halb neun Uhr abends hätten sie in der Küche zu Abend gegessen; Marcellange habe mit dem Rücken zum Fenster gesessen und mit ihnen „wie ein guter Herr“ gesprochen. Plötzlich habe sie einen Lichtschein wahrgenommen, den Knall gehört und gesehen, wie er vornüber in die Asche stürzte. Im Tumult lief niemand sogleich ins Freie. Die Nacht war finster, und dem Schützen blieb reichlich Zeit zur Flucht. Diese Schilderung bestimmte den Ort des Schusses und die Anwesenden; zu sagen, wer geschossen hatte, vermochte Chabrier nicht.
Marcellange hatte 1835 Théodora de Chamblas geheiratet. Das eheliche Zusammenleben war jedoch bald zerbrochen, und zivilrechtliche Streitigkeiten schlossen sich an. Die Anklagebehörde berief sich auf die Zwistigkeiten und Vermögensinteressen rund um das Gut, um ein Tatmotiv zu konstruieren. Die Verteidigung hielt dem entgegen, dass aus diesen Spannungen keineswegs hervorgehe, wer die Waffe geführt habe. Mehrere den Geschworenen vorgelegte Erzählungen betrafen weniger die Tat selbst als vielmehr die Furcht, die Marcellange zuvor geäußert haben soll: Man schrieb ihm Vertraulichkeiten über einen entlassenen Bediensteten, Drohungen und die stete Angst vor Gift zu. Die Angehörigen gaben diese Vorfälle freilich keineswegs übereinstimmend wieder.
Besson war zunächst bei der Familie von Chamblas in Dienst gewesen und hatte später auch Marcellange gedient. Nach der Heirat verblieb er im Dienst der Schwiegermutter des Getöteten. Aus den vor Gericht vorgebrachten Zeugnissen ging hervor, dass er den Wechsel seiner Stellung und die Streitigkeiten, die das Haus spalteten, nur schwer verwunden hatte. Frühere Äußerungen wurden ihm zur Last gelegt: Marcellange werde „nicht ewig leben“, soll er eines Tages zu einem Bäcker gesagt haben; ein anderer Zeuge berichtete, Besson habe gedroht, einer von beiden müsse „daran glauben“. Besson bestritt solche Reden. Die Zeugen hatten sie zumeist nicht aus erster Hand vernommen, und ihre Bedeutung schien sich erst im Lichte des Mordes verfestigt zu haben.
Die Staatsanwaltschaft verknüpfte diese Worte mit der Stellung, die Besson einst im Haus eingenommen hatte. Er habe gehofft, das Gut zu verwalten und die Aufsicht über das Gesinde zu behalten. Die Trennung des Paares und die Rückkehr des Marcellange nach Chamblas hätten diese Pläne durchkreuzt. Dieses Motiv bildete eine Hauptthese der Anklage, gestützt auf Erinnerungen an Streit und Drohungen; wer jedoch am Tatabend draußen vor dem Fenster gestanden hatte, vermochte sie für sich allein nicht zu erklären.
Auch die Ängste des Marcellange nahmen in den Vernehmungen breiten Raum ein. Sein Bruder berichtete, Vater und Sohn Arsac hätten ihm eine Warnung zukommen lassen: Er müsse Chamblas verlassen, andernfalls werde ein Unglück geschehen. Nach Aussage des Bruders habe der alte Arsac angedeutet, die Schwiegermutter könne ihn für fünfzig Francs töten oder vergiften lassen; zudem habe Marcellange Besson stets mit Misstrauen betrachtet. Ein Beweis für die Täterschaft beim Flintenschuss lag darin nicht. Das Zeugnis verdeutlichte indessen, wie tief sich Gerüchte über Bedrohung und Furcht bereits vor dem Prozess im Kreis der Familie festgesetzt hatten.
Am Tage nach dem Mord begab sich Abbé Cartal zu Théodora. Vor Gericht gab er an, sie in Tränen aufgelöst vorgefunden zu haben. Sie habe ihm anvertraut, sie betrauere den Tod ihres Gatten nicht, weil er sie glücklich gemacht hätte – „dem war nicht so“ –, sondern weil er auf so schreckliche Weise aus dem Leben gerissen worden sei. Dieses von einem Zeugen übermittelte Wort löste weder den ehelichen Zwist noch das Rätsel des Mordes. Es verbot jedoch, Théodora kurzerhand jene vollkommene Gleichgültigkeit zu unterstellen, die andere ihr nachsagten.
Die Gerüchte über Gift führten auch zur Vernehmung des André Arsac, eines Hirten des Anwesens. Jean Hostein behauptete, Arsac habe ihm von einem Angebot über sechshundert Francs berichtet, um Gift in Marcellanges Suppe zu mischen. Besson stritt dies ab. Vom Vorsitzenden befragt, leugnete Arsac zunächst solche Worte, meinte dann aber, er habe so etwas womöglich „im Scherz“ gesagt. Seine Tante Marguerite Morin wurde aufgerufen und bezeichnete ihn mit Nachdruck als jenen, der am Tattag den Hofhund an der Kette gehalten habe. Am Ende der Gegenüberstellung verharrte Arsac bei seinem Leugnen; der Gerichtsvorsitzende ließ ihn daraufhin wegen dringenden Verdachts auf Falschaussage verhaften. Die Sitzung wurde unterbrochen, die Verhandlung vertagt. Ein zentraler Zeuge war zum Beschuldigten eines weiteren Verfahrens geworden.
Auch die nachfolgenden Prozesse vermochten diese Widersprüche nicht aufzulösen. In Riom erklärte Pierre Gras, er sei Besson am 16. August 1840 an der Brücke von Brives begegnet. Der Vorsitzende hielt ihm ein medizinisches Attest aus den Akten entgegen: Besson habe damals mit den Pocken das Bett hüten müssen. Gras beharrte darauf, ihn gesehen und gesprochen zu haben. Am Ende der Verhandlung in Riom verurteilten die Geschworenen Besson im August 1842 zum Tode. Der Kassationshof hob das Urteil jedoch auf, weil ein Schreiben des Präfekten unter Verletzung der Prozessformen verlesen worden war. Die Verhandlung musste von Neuem beginnen.
Die Aussagen kreisten überdies um die Abendstunden des 1. September. Mehrere Männer gaben an, Besson in der Umgebung begegnet zu sein, bekleidet mit einer Bluse und ein Gewehr tragend; andere vermochten den Mann nicht wiederzuerkennen, den sie zuvor beschrieben hatten. Ein Zeuge behauptete, ihm in Le Puy gegen halb neun Uhr im Beisein zweier Personen eine Prise Schnupftabak angeboten zu haben. Besson bestritt jede dieser Begegnungen. Die Verteidigung forderte die Geschworenen auf, die Entfernungen und die nötige Gehzeit abzuwägen, um von jenen Treffpunkten zum Tatort nach Chamblas zu gelangen; die Anklage erblickte darin vielmehr eine lückenlose Kette, die den Verdächtigen dem Ort des Verbrechens unaufhaltsam näherte.
Im Dezember stand Besson zum dritten Mal vor einem Schwurgericht, diesmal vor den Assisen des Departements Rhône in Lyon. Die Presse zählte über hundert geladene Zeugen; etliche Identifizierungen waren erst erfolgt, nachdem der Name Bessons öffentlich kursierte. Die Damen von Chamblas erschienen nicht vor Gericht. Ihr Fernbleben geriet selbst zum Argument: Anklage und Verteidigung legten den Aussagen, welche jene Frauen hätten bestätigen oder entkräften können, eine völlig gegensätzliche Bedeutung bei. Die Geschworenen sahen sich erneut vor das Grundproblem des Falles gestellt: die Unterscheidung zwischen unmittelbarer Wahrnehmung, kolportierter Erinnerung, nachträglichem Wiedererkennen und oft wiederholter Anschuldigung.
Ein Hirte gab an, ein bewaffneter Mann habe ihn aufgefordert, die Hunde loszubinden. Die Zeugen widersprachen einander bezüglich der Uhrzeit, der Entfernung und des Augenblicks, in dem sie Besson erkannt haben wollten. Sein Verteidiger, Charles Lachaud, hob hervor, dass manche Identifizierung erst zustande kam, als der Name des Angeklagten bereits in aller Munde war; die Anklage hielt dem entgegen, dass Drohungen, Begegnungen und Indizien ein geschlossenes Beweisbild ergaben. Die Verhandlungen boten kein einheitliches, von allen gleichermaßen beobachtetes Bild, sondern ein Geflecht aus Erzählungen, die je nach Anordnung einander stützten oder schwächten.
Die Lyoner Geschworenen sprachen Besson schuldig, und der Gerichtshof verhängte erneut die Todesstrafe. Der Kassationshof verwarf sein Rechtsmittel im Februar 1843; am 28. März wurde er in Le Puy hingerichtet. Der Richtspruch beendete das Verfahren. In den Akten blieb Marcellange in vielfacher Gestalt zurück: als der zu Tische sitzende Herr, an den sich Chabrier erinnerte; als der Gatte, an dessen Seite Théodora nach eigenem Bekunden nicht glücklich gewesen war und um den sie laut Abbé Cartal weinte; und als der Mann, dessen Furcht sein Bruder bezeugte. Keiner dieser Berichte vermochte den Getöteten ins Leben zurückzurufen.
