Das erste Kind ward zur Erde bestattet, nachdem die Geschworenen der Leichenschau auf einen natürlichen Tod erkannt hatten. Als man schließlich nach dem Gifte suchte, ruhte der Leib bereits seit vier Wochen in der Gruft. In dem Bericht, den der Arzt Alfred S. Taylor neun Jahre später der Öffentlichkeit übergab, bildet eben diese Frist den Angelpunkt des Falles: Wie ließ sich beweisen, dass ein am Weihnachtstage verstorbener Knabe mit Arsenik vergiftet worden war, und wer hatte es ihm beigebracht, wenn das gesamte Hauswesen dieselbe Mahlzeit teilte, jedoch nur eine einzige Zeugin bekundete, ein weißes Pulver auf seinen Teller fallen gesehen zu haben?
Im Jahre 1845 stand Thomas Jennings vor den Assisen der Grafschaft Berkshire unter der Anklage, seinen drei Jahre und acht Monate alten Sohn Eleazar am 23. Dezember des Vorjahres durch Verabreichung von Arsenik ermordet zu haben. Taylor, der die Eingeweide untersucht und vor Gericht ausgesagt hatte, schickte voraus, dass seine Darstellung teils auf den Akten der Anklagebehörde, teils auf seinen eigenen Aufzeichnungen aus der Verhandlung beruhe. Sie stellt daher weder eine wörtliche Niederschrift noch den unparteiischen Blick eines Unbeteiligten dar. Doch hält sein Bericht die Stufen fest, auf denen ein zunächst den natürlichen Todesfällen zugerechnetes Ableben sich in eine Mordanklage verwandelte.
Das Mahl im Dezember
Die Familie Jennings bewohnte eine bescheidene Kate mit vier kleinen Kindern. Die Mutter weilte außer Haus, als Thomas, seine Nichte Maria Carter und die Kinder am Montage vor dem Christfeste ihr Mahl aus Speck und Kartoffeln einnahmen. Maria bezeugte später, alle hätten Salz aus dem Salzfass genommen, einzig Eleazar nicht. Sie gab an, sie habe gesehen, wie ihr Oheim in die Speisekammer trat, mit einer Prise weißen Pulvers zwischen Daumen und Zeigefinger zurückkehrte und diese an den Rand des Tellers des Knaben streute, als handele es sich um Salz. Der Bericht führt diese Aussage als den einzigen unmittelbaren Beweis dafür an, dass Jennings das Gift beigebracht habe.
Die Wirkung stellte sich nicht sogleich ein. Eine halbe Stunde nach dem Mahle klagte das Kind über Leibschmerzen. Am folgenden Tage brach die Krankheit offen aus; am ersten Weihnachtsfeiertag erbrach sich der Knabe unablässig und verschied um die Mittagsstunde. Sein Siechtum währte etwa achtundvierzig Stunden. Erst im letzten Augenblick, auf Drängen seiner Gattin, holte Thomas einen Arzt herbei; doch traf die Hilfe erst nach dem Tode ein. Nichts an dieser ersten Besichtigung deutete auf Gift hin. Bei der Leichenschau am 27. Dezember wurde der Leichnam nicht geöffnet; das Kollegium erkannte auf einen natürlichen Tod, und das Kind ward begraben.
Dieser erste Spruch wog in der Folge schwer. Er rührte nicht von einer negativen Analyse her: Eine Sektion war unterblieben, weil noch niemand an Arsenik dachte. Dieser Unterschied ist von maßgeblicher Bedeutung. Das anfängliche Urteil der Leichenschau besagte lediglich, was die damals vorliegenden Tatsachen zu schließen erlaubten; es beantwortete nicht jene Frage, die erst spätere Forschungen aufwerfen sollten.
Etwa vierzehn Tage nach Eleazars Hinscheiden erkrankte ein weiteres Kind der Familie und verschied gar plötzlich. Dessen Leichnam wurde am 11. Januar untersucht. Die Ärzte stellten eine Entzündung des Magens und der Därme fest; eine flüchtige Prüfung verriet kein Gift, und die Geschworenen erkannten abermals auf einen natürlichen Tod. Gleichwohl blieb der Wundarzt Arthur Lamb, welcher der Obduktion beigewohnt hatte, von Unruhe erfüllt. Er sandte Taylor ein Fläschchen mit einer Probe der dem Magen entnommenen Flüssigkeit. Die chemische Untersuchung im Laboratorium wies darin geringe Mengen Arsenik nach.
Dieses zweite Ableben verlieh mithin dem ersten eine völlig neue Bedeutung. Der neue Befund stellte noch keine Anklage gegen Thomas dar; er bewies nach Taylors Urteil lediglich, dass ein weiteres Kind des Hauses mit dem Gifte in Berührung gekommen war. Von diesem Augenblicke an lag der Verdacht nahe, Eleazar könnte an derselben Ursache gestorben sein. Der Bericht nennt dieses zweite Kind nicht mit Namen und erwähnt kein gesondertes Verfahren bezüglich seines Todes. Diese Schranken sind festzuhalten: Die chemische Analyse schlug Alarm und veranlasste neue Ermittlungen, doch der vor Gericht verhandelte Anklagepunkt betraf allein Eleazar.
Vier Wochen unter der Erde
Der Koroner verfügte die Exhumierung des ersten Kindes. Am 24. Januar, achtundzwanzig Tage nach dem Begräbnis, wurde die Leiche in Gegenwart des Konstablers von Thatcham exhumiert. Thomas Jennings wohnte der Handlung bei und erkannte seinen Sohn wieder. Taylor berichtet, auf die Bemerkung, man hege den Verdacht einer Vergiftung der Kinder, habe jener erwidert, in ihnen stecke nicht mehr Gift als in ihm selbst. Diese Worte fanden Eingang in die Akten; sie allein vermögen jedoch nicht aufzuhellen, was Jennings wusste oder was er damit zum Ausdruck bringen wollte.
Der Wundarzt Lamb entnahm den Magen samt den Därmen, unterband die Organe, um ein Entweichen des Inhalts zu verhüten, und brachte sie nach London. Taylor untersuchte sie tags darauf im Guy’s Hospital. Der Leichnam, so vermerkte er, sei wenig verwest gewesen; die Eingeweide zeigten sich von Gasen gebläht und wiesen gerötete Stellen auf. Im Magen fand er eine rötliche Flüssigkeit, Fettbrocken, Johannisbeeren und Rosinenhäute. Ein senfgelber Fleck, der den Rosinen beigemengt war und auf einer geschwürigen Schleimhaut saß, erregte in besonderem Maße seine Aufmerksamkeit.
Die chemischen Folgerungen stützten sich freilich nicht allein auf diese Färbung. Taylor beschreibt mehrere Reagenzprüfungen an Flüssigkeit und festen Bestandteilen, gefolgt von einer Untersuchung der Leber. In der Flüssigkeit fielen die Reaktionen schwach aus und deuteten lediglich auf Spuren hin. Der gelbe Fleck hingegen barg seiner Ansicht nach Arsenik, das sich im Verlaufe der Verwesung in ein Sulfid verwandelt hatte. Er schätzte die im Magen vorhandene Menge auf fünf bis sechs Gran; die in der Leber nachgewiesenen Ablagerungen bewiesen ihm, dass das Gift zu Lebzeiten vom Körper aufgenommen worden war. Er schloss daraus, dass das Arsenik vor dem Tode eingeflößt worden war und diesen herbeigeführt hatte.
Dieser Schluss ist derjenige Taylors und der von ihm angeführten Ärzte, nicht ein neuzeitliches Gutachten, das der Leser anhand des bloßen Berichtes wiederholen könnte. Eben diese Frist, der Zustand der Gewebe und die Verfahren im Laboratorium bildeten einen wesentlichen Gegenstand der Streitreden vor Gericht. Der Verfasser räumt ein, dass die Leichenbefunde vier Wochen nach dem Tode schwer zu deuten seien; er erwidert darauf, das Arsenik konserviere das Gewebe, und man habe zur Zeit der Analyse eine Zeichnung des Magens angefertigt. Ferner beruft er sich auf Reaktionen an Kupferniederschlägen und auf die als arsenig erkannten Kristalle.
Es ging mithin nicht darum, ein einzelnes Zeichen sprechen zu lassen. Die gelbe Substanz, die Ergebnisse verschiedener Proben, der Zustand der Schleimhaut und das Arsenik in der Leber bildeten für Taylor eine geschlossene Kette von Beweisen. Er veranschlagte die im Magen vorhandene Menge auf fünf bis sechs Gran, wobei die tödliche Dosis für ein Kind noch geringer sein konnte. Zudem mutmaßte er, das Gift sei dem Weihnachtspudding beigemengt worden, da sich Rosinen, Korinthen und Rindertalg dabei befanden. Diese letzte Erwägung entsprang freilich der Hypothese des Sachverständigen und nicht der Aussage eines Tischgenossen, der den Pudding hätte auftragen sehen.
Das Pulver und das Wort
Die chemische Analyse bewies nach Taylors Auffassung die Todesursache; das Verfahren vor den Assisen hatte indessen noch zu klären, wie das Arsenik auf den Teller gelangt war. Die Anklage stützte sich hierbei vornehmlich auf Maria Carter. Kurz vor Weihnachten hatte sie Jennings dabei beobachtet, wie er einem Nachbarn ein weißes Pulver aus einer Flasche reichte; er hatte es mit einem Stöckchen herausbefördert, das er sogleich ins Feuer warf. Woher die Flasche stammte, wusste sie nicht. Nach dem Tode der Kinder wurden bei Gericht zwei Fläschchen mit weißem Pulver vorgelegt; Maria Carter bekundete, eines davon gleiche jenem, dem sie das Pulver hatte entnehmen sehen.
Jennings hatte anfangs bestritten, seit zwei Jahren Arsenik besessen zu haben. Als man das Gift in den Leichen nachwies, räumte er ein, solches zur Vertilgung von Ungeziefer gehalten, es jedoch weggegeben zu haben. In seiner freiwilligen Aussage gab er an, das Fläschchen habe auf einem Brett in der Speisekammer gestanden, unweit des Raumes, in dem die Familie speiste. Zeugen bestätigten, dass sich dort zur Zeit von Eleazars Erkrankung Arsenik befunden hatte. Die beiden in der Verhandlung untersuchten Flaschen enthielten nach Taylors Befund reines weißes Arsenik; zusammen mochten sie wenigstens fünf Unzen fassen. Ein weiteres braunes Fläschchen enthielt Brechnuss, die Jennings zum Vergiften von Krähen zu verwenden pflegte.
Die Verteidigung bestritt sowohl die Todesursache als auch die Täterschaft. Sie trug vor, die Erscheinungen könnten von einem im Mastdarm gefundenen Wurme herrühren; überdies habe Jennings keinen Grund gehabt, seine Kinder zu töten, und Maria Carter hätte das Arsenik ebenso gut verabreichen können. Taylor schildert diese Verteidigungslinie als den Versuch, den Verdacht auf die Nichte abzuwälzen; der gedruckte Bericht enthält jedoch weder das vollständige Plädoyer noch die Antworten jedes einzelnen Zeugen auf sämtliche Fragen. Man hüte sich daher davor, den Auszug des Sachverständigen für das getreue und lückenlose Protokoll der Gerichtsverhandlung zu nehmen.
Ein Umstand blieb freilich von ausschlaggebender Bedeutung: Maria behauptete zwar, das Pulver auf dem Teller erblickt zu haben, hatte jedoch der Zubereitung der gesamten Mahlzeit nicht beigewohnt, da die Mutter der Kinder abwesend war. Der Bericht zeigt das erhebliche Gewicht dieses Zeugnisses, aber auch seine eigentümliche Begrenztheit. Die Analysen vermochten darzutun, dass Eleazar Arsenik verschluckt hatte; welche Hand es der Speise beigemengt hatte, konnten sie aus eigener Kraft nicht offenbaren.
Der Ausgang
Die Geschworenen erachteten die Beweise für ausreichend, wie Taylor am Ende festhält, und Thomas Jennings ward des Mordes schuldig gesprochen; der Bericht fügt hinzu, er sei späterhin hingerichtet worden, ohne das genaue Datum zu nennen. Zwischen der ersten Beisetzung und diesem Richtspruch hatte die Untersuchung ihr Wesen gänzlich gewandelt: Das zweite Kind, dessen erste Leichenschau gleichfalls auf einen natürlichen Tod erkannt hatte, veranlasste eine chemische Prüfung, die das Gift zutage förderte; diese wiederum führte dazu, die Erde über Eleazar von neuem aufzuwühlen. Die Exhumierung verwandelte eine verscharrte Hülle in ein chemisches Zeugnis.
Der Fall erschöpft sich weder in der Aussage einer jungen Nichte noch in der Beweiskraft eines Reagenzglases. Maria Carter lieferte den einzigen überlieferten Augenzeugenbericht über die Verabreichung; die Fläschchen, die widersprüchlichen Reden des Jennings und die Analysen Taylors fügten die übrigen Glieder der Kette hinzu. Die erste Untersuchung hatte das Gift nicht entdeckt, weil sie gar nicht danach geforscht hatte. Erst die erneute Befragung des Leichnams ermöglichte den Prozess, doch das Urteil über den Vater fällten die Geschworenen. Taylor schreibt als Gerichtsmediziner mit dem Selbstbewusstsein dessen, dessen Werk soeben vor Gericht Anerkennung fand; sein Bericht bezeugt das wissenschaftliche Argument ebenso wie den Weg, auf dem er zu überzeugen trachtete. Was vier Wochen lang unter der Erde ruhte, redete nicht von selbst: Man musste es öffnen, zergliedern und diesen stummen Befund mit den Stimmen aus dem Hause zusammenhalten.
