Ein abgebrochener Zahn bringt gewöhnlich kein Haus zum Einsturz. Jener Heinrichs IV. hatte jedoch diese und noch viele weitere Folgen. Er hatte, samt der Lippe des Monarchen, den Streich abgefangen, der dessen Leben auslöschen sollte; hinter dem Messer Jean Châtels suchten die Richter sogleich nach einer Lehre, nach Anstiftern und Helfershelfern. Der König blieb am Leben. Die Sache aber sollte weit über das Gemach hinausgreifen, in dem der Angriff eben erst geschehen war.
Am 27. Dezember 1594 mischte sich Châtel unter das Gefolge des Königs. Er war ein blutjunger Mann, Sohn eines Tuchhändlers aus der Cité, der das Jesuitenkolleg von Clermont durchlaufen hatte. Nichts von dem, was einer bürgerlichen Familie Beruhigung gewährt, hatte seinen ersten Lebensjahren gefehlt: wohletablierte Eltern, gelehrte Studien, eine gesicherte Zukunft, die das väterliche Gewerbe keineswegs auf die Landstraße verwies. Dennoch trug er eine Klinge in jene Versammlung von Höflingen.
Eine Bewegung des Königs vereitelte den Stoß. Heinrich beugte sich soeben hinab, um einen Mann aus seinem Gefolge zu empfangen; der Hieb traf ihn am Munde, spaltete die Oberlippe und zerschlug einen Zahn. Das Schicksal des Reiches hing an dieser bloßen Neigung des Leibes. Dem jungen Angreifer war der Mord misslungen. Er befand sich nun in den Händen einer Justiz, für welche die Absicht des Königsmordes keineswegs dadurch geringer wog, dass die Wunde klein geblieben war.
Das Verhör führte alsbald auf das Feld der Religion. In den alten Berichten erscheint Châtel von der Überzeugung durchdrungen, dass es ihm erlaubt sei, einen Souverän zu schlagen, dessen religiöse Rechtmäßigkeit er trotz seiner Konversion zum Katholizismus bestritt. Voltaire, der diesen Handel viel später nachzeichnet, berichtet, dass der Mangel an päpstlicher Absolution ein wesentliches Glied dieser Beweisführung bildete. So traf das Messer auf jene Frage, die Prediger und Streitschreiber seit Jahren hin und her wälzten: Ab welchem Augenblick hörte ein König in ihren Augen auf, ein König zu sein?
Doch um von einer solchen Sprache zur Entlarvung eines wahren Urhebers zu gelangen, bedurfte es mehr als einer bloßen Ähnlichkeit der Gedanken. Châtel hatte bei den Jesuiten gelernt; als die eigentlichen Drahtzieher seiner Tat benannte er sie dennoch nicht. Die alten Chroniken, die in fast allen Punkten uneins sind, stimmen in diesem wesentlichen Umstand überein: Aus seinen Antworten ließ sich das Geständnis einer persönlichen Anstiftung zum Morde durch seine Lehrer nicht erpressen. Selbst Voltaire, der denkbar weit davon entfernt war, sie in Schutz zu nehmen, unterscheidet diesen Mangel eines ausdrücklichen Befehls wohlweislich von dem Einfluss, den er ihren Lehrsätzen zuschrieb.
Die Nachforschungen wurden dennoch sogleich in das Kolleg von Clermont getragen. Räte visitierten die Kammern und sichteten die Papiere. Die Untersuchung, welche die Hand, die geschlagen hatte, bereits gefasst hielt, wollte nun auch die Worte greifen, die sie geführt haben sollten. In den Schriften, die Pater Guignard, dem Bibliothekar des Kollegs, zugeschrieben wurden, stieß man auf Ausfälle gegen die fürstliche Obrigkeit und auf Rechtfertigungen des politischen Mordes. Dies waren keine Straßengerüchte mehr, sondern beschriebene Blätter, die man den Richtern vorweisen konnte.
Sie gehörten indessen auch einer jüngst vergangenen Epoche von Bürgerkriegen und der Heiligen Liga an. Darauf beriefen sich die Verteidiger der Jesuiten: Texte, die man ehedem gefahrlos aufbewahrte, wurden plötzlich zu tödlichen Beweisstücken. Der Bericht Saint-Victors, der der Gesellschaft Jesu wohlgesinnt ist, beharrt auf diesem gewandelten Zustand mit einem Eifer, der dem Voltaires diametral entgegengesetzt ist. Der Streit galt nicht länger dem Messer. Er drehte sich um die Kluft, die das Verfassen oder Verwahren eines Libells, das Lehren einer gefährlichen Doktrin und das Entsenden eines Schülers zur Tötung seines Herrschers voneinander trennte.
Pater Guéret, der Châtel in der Philosophie unterwiesen hatte, wurde gleichfalls verhört und auf die Folter gespannt. Er legte das erhoffte Geständnis nicht ab. Seine Stellung als einstiger Lehrmeister genügte jedoch vollauf, um ihn im Kreis der Verdächtigen festzuhalten. Der Bildungsgang Châtels, der auch andere Lehranstalten umfasst hatte, wurde nunmehr auf jenen einzigen Ort verengt, auf den sich alle Feindseligkeiten richteten. Ein Schulsaal verwandelte sich nachträglich in das Vorzimmer des Verbrechens.
Am 29. Dezember verurteilte das Parlament Châtel zum Tode. Ganze zwei Tage lagen zwischen dem Attentat und dem Richtspruch. Der Jüngling wurde nach der furchtbaren, dem Königsmord vorbehaltenen Strafe durch Vierteilung hingerichtet. Die Justiz machte beim Verurteilten nicht halt: Sein Vater wurde verbannt, das Wohnhaus der Familie dem Erdboden gleichgemacht. An der Stätte, wo die Sippe gelebt und ihr städtisches Ansehen genossen hatte, errichtete man eine mit Inschriften versehene Pyramide. Auf jeder ihrer Seiten fasste das Mauerwerk die Anklageschriften ein; über den Zieraten erhob sich eine steinerne Nadel, gekrönt von einem Kreuz. Das Handelsgeschäft eines Tuchmachers musste einer politischen Lehrstunde weichen.
Derselbe Richtspruch befahl die Ausweisung der Jesuiten. Drei Tage wurden ihnen gewährt, um die Städte zu verlassen, in denen sie ihre Kollegien unterhielten, danach eine Frist zur Ausreise aus dem gesamten Königreich; ihre Güter verfielen der Einziehung. Überdies wurde es den Untertanen des Königs untersagt, ihre Kinder an deren ausländische Lehranstalten zu senden. Diese Verfügung verfolgte die Schüler bis in die künftige Wahl ihrer Schulen hinein. Der Handel um einen einzigen vormaligen Zögling veränderte den Lebensweg unzähliger anderer.
Am 8. Januar 1595 verließen die Jesuiten unter der Führung eines Gerichtsdieners die Stadt Paris. Einige wichen nach Lothringen aus. Guéret entging dem Tod, wurde jedoch ins Exil geschickt; Guignard wurde am Galgen gehenkt und sein Leichnam den Flammen übergeben. Auf die leichte Verwundung des Königs antworteten mehrere unweigerlich gebrochene Lebensläufe. Die Lehre vom Tyrannenmord ward samt ihren vermeintlichen Vehikeln verdammt, und die Pyramide machte diese Ausdehnung der Strafe mitten in der Cité für jedermann sichtbar.
Heinrich sollte dieses Monument indessen keineswegs auf ewig über seine Politik bestimmen lassen. Als die Zeitläufte sich wandelten, rief er die Jesuiten zurück. Die Pyramide wurde auf seinen Befehl geschleift. Saint-Victor berichtet, dass die Demolierung am hellen Tage geschah, ungeachtet jener, die aus Furcht vor Unruhen zur Nachtzeit geraten hatten. Man stürzte öffentlich um, was man zur Belehrung des Volkes aufgerichtet hatte. Der überlebende König nahm die Auslegung seiner eigenen Wunde wieder selbst in die Hand.
War der Stein auch verschwunden, so überdauerte das Bild. Kupferstiche hielten das Denkmal samt seinen Inschriften fest; sie wanderten von Kabinett zu Kabinett und hielten den Streit lebendig. Derselbe Chronist berichtet daraufhin von der Beschlagnahme der Kupferplatte beim Drucker Leclerc, die deren Vervielfältigung ermöglicht hatte. Diese zweite Zerstörung zielte auf ein Abbild. Sie bewies durch eben jenen Aufwand, den sie forderte, wie lebendig eine Rechtssache selbst lange nach dem Tode des Angeklagten fortwirken konnte.
Châtel hatte den König nicht getötet. Dennoch hatte er einen Vater, Geistliche und Schüler aus ihren Behausungen vertrieben und inmitten von Paris ein Denkmal des Hasses errichtet, das der König später selbst wieder zerstören ließ. Eine Lippe mochte heilen; die Kette von Ereignissen, die jener Stoß in Gang gesetzt hatte, ließ sich nicht auf dieselbe Weise kitten. Als die Passanten wieder einen Platz ohne Pyramide betraten, hatte die Stadt ihren Text gewechselt. Die alten Stiche aber bewahrten an verborgenen Orten die getilgten Worte.
