Auf dem Schiff, das den Shannon hinabfuhr, ging ein Offizier mit geladener Flinte an Bord; er war derart betrunken, dass er die Waffe bedrohlich über den Köpfen der Reisenden schwenkte. Richard Fitzgerald, damals Student am Trinity College, berichtet, er habe die Waffe an sich genommen, nachdem der Mann eingeschlafen war, und festgestellt, dass sie scharf geladen war. Unweit von ihm saß eine junge Frau, die ihren Gefährten mit einer Bestürzung betrachtete, deren tieferen Grund der junge Zeuge damals noch nicht erfasste. Sie vertraute ihm an, sie habe soeben das Haus ihres Oheims verlassen, nachdem eine feierliche Handlung vollzogen worden war, durch die sie sich als rechtmäßige Gattin wähnte. Nahezu ein halbes Jahrhundert später schrieb Fitzgerald nieder, er habe diese Begegnung nie vergessen können. Der Mann war John Scanlan; die junge Frau, von den Quellen bald Ellen Conery, bald Ellen Hanley genannt, war bereits in ein unheilvolles Geschehen verstrickt, in welchem das Eheversprechen einzig dazu diente, sie ihren Verwandten zu entfremden.
Fitzgerald stilisiert sich selbst zum Augenzeugen jener schicksalhaften Wochen: Als Student auf Ferienreise im Sommer 1819 will er mit Scanlan und Ellen gereist sein, mit ihr gesprochen und später der Auffindung des Leichnams beigewohnt haben. Sein 1868 in Dublin veröffentlichtes Buch verwebt diese persönlichen Erinnerungen mit Auskünften der Familie sowie mit Verhörprotokollen, die ihm nach eigener Aussage vorlagen. Gleichwohl stellt sein Werk kein zeitgenössisches Gerichtsprotokoll dar, und sein sittlicher Eifer färbt den Bericht merklich ein. Neben ihm publizierte Camden Pelham 1891 eine kürzere Fassung, die abweichende Zahlen und eine fehlerhafte Chronologie aufweist. Das Dictionary of Irish Biography identifiziert das Opfer als Ellie Hanley, bekannt als die »Colleen Bawn«, und datiert die Gerichtsverfahren auf das Jahr 1820. Es gilt daher, den Tatsachen nachzuspüren, ohne diese divergierenden Stimmen zu einem einzigen Zeugnis zu verschmelzen.
Ellen war von ihrem mütterlichen Oheim, dem Seiler John Connery, aufgezogen worden. Der biographische Eintrag des DIB vermerkt, sie sei noch nicht ganz sechzehn Jahre alt gewesen, als sie dessen Haus am 29. Juni 1819 an der Seite Scanlans verließ. Fitzgerald schildert, der junge Offizier, der unter dem Vorwand der Jagd im Hause verkehrte, habe sich das Vertrauen der Familie erschlichen, ehe er das Mädchen zur gemeinsamen Flucht bewog. Hinsichtlich der mitgenommenen Barschaft widersprechen sich die Quellen: Pelham und das DIB sprechen von einhundert Pfund in Banknoten und zwölf Guineen; Fitzgerald hingegen berichtet, der Oheim habe ihm anvertraut, sie habe sechzig Pfund entwendet – die Ersparnisse vieler mühseliger Jahre. Diese Diskrepanz wiegt weniger als rechnerische Differenz denn als Maß des Bruchs: Eine Minderjährige verließ das Dach, das sie aufgenommen hatte, um einem Manne zu folgen, dem sie sich unlösbar verbunden glaubte.
Die Zeremonie selbst bleibt in den Darstellungen ein Gegenstand des Zweifels. Pelham versichert, Scanlan habe sie zunächst für rechtlich wirkungslos gehalten, ehe er erfahren habe, dass sie ihn nach irischem Recht binden könnte. Fitzgerald wiederum behauptet später, Sullivan habe sich als Priester verkleidet, um die Trauung zu vollziehen; das DIB spricht von einer Scheintrauung, die vorgenommen worden sei. Ein eigenständiges richterliches Urteil über die Rechtsgültigkeit dieser Verbindung liegt nicht vor. Für Ellen indessen bestand kein Zweifel: An Bord erklärte sie Fitzgerald, sie sei Scanlans Eheweib und die Einsegnung habe am Vortag stattgefunden. Fitzgerald vermerkt, Scanlan habe sich auf dem Deck damit gebrüstet, die ganze Nacht durchgezecht zu haben.
Die Reise führte die drei Gefährten nach Glin am Shannon und zwang sie zu wiederholten Überfahrten zwischen verschiedenen Ufern und Anwesen. In dieser Geographie kleiner Flussreisen war Sullivan kein Fremder: Als ehemaliger Soldat unter Scanlans Befehl war er nun dessen Diener und Bootsmann. Pelham behauptet, Scanlan habe den Mordplan ersonnen und dessen Vollstreckung Sullivan übertragen, um sich einer Gattin zu entledigen, die ihm bei einer standesgemäßen Heirat im Wege stand. Diese Deutung entstammt der Feder des Kompilators; sie stützt sich auf kein unmittelbares Geständnis Scanlans. Fitzgerald hingegen legt dem späteren Geständnis Sullivans die Schilderung eines ersten, gescheiterten Anschlags zugrunde: Der Diener habe den Gehorsam verweigert, als Ellens Blick ihm den Mut raubte; bei Pelham ist es ein Lächeln des Mädchens, das ihn innehalten ließ. Beide Autoren deuten dieses Zögern als letzte Frist vor der Bluttat, zeichnen die Szene im Detail jedoch keineswegs deckungsgleich.
Die zweite Ausfahrt war keine gewöhnliche Lustfahrt. Fitzgerald berichtet, Scanlan habe eine Unpässlichkeit vorgeschützt und Ellen allein mit Sullivan aufs Wasser geschickt, unter dem Versprechen, bald nachzukommen. Vor der Abfahrt habe er den Diener zur Tat gedrängt und ihm eine Waffe übergeben – so lautet der Bericht über das angebliche Geständnis, nicht das Zeugnis eines unbeteiligten Beobachters. Mitten auf dem Strome schlug Sullivan mit dem Kolben auf Ellen ein. Er tötete sie und trachtete danach, den Leichnam in den Tiefen verschwinden zu lassen. Das schwere Senkblei samt Kette, das zuvor hergerichtet worden war, war bei einer Angelfahrt verloren gegangen. Fitzgerald zufolge behalf sich Sullivan mit einem Seil, das er an einen Bootsstein band. Die junge Frau wurde in den Fluss geworfen; Scanlan harrte am Ufer aus und entnahm, so die nämliche Überlieferung, Ellens Ausbleiben die Gewissheit, dass das Werk vollbracht war.
Das Verschwinden blieb nicht unbemerkt. Scanlan streute zunächst aus, er habe Ellen auf ein Schiff gebracht, dessen Kapitän sich ihrer annehmen werde; nach einer anderen, von Fitzgerald überlieferten Variante gab er an, sie weile bei seiner Schwester. Ellen Walsh, die der jungen Frau gedient hatte, erkannte Kleidungsstücke und ein ihr gehörendes Cape wieder. Das an der Leiche gefundene Seil wurde von einem Mann identifiziert, der es geliehen zu haben behauptete und an einem Spleiß wiedererkannte. Das DIB datiert die Auffindung des Leichnams bei Money Point im County Clare auf den 6. September; es berichtet, Walsh habe die Tote anhand zweier Doppelzähne im Oberkiefer identifiziert. Auch Fitzgerald erwähnt dieses anatomische Merkmal sowie die Kleider, die bei Verwandten Sullivans sichergestellt wurden. Diese Umstände wurden als Indizien zu Protokoll gegeben, nicht als ein von beiden Chronisten gemeinsam beobachteter Vorgang.
Scanlan wurde laut DIB am 14. November 1819 im Hause seines Vaters aufgespürt, wo er sich verborgen hielt. Bezüglich der Gerichtsverhandlung weichen die Berichte beträchtlich voneinander ab. Pelham behauptet, der Prozess habe »im August« stattgefunden, ohne das Jahr zu nennen; diese Angabe deckt sich weder mit den von Fitzgerald abgedruckten Akten, die den Haftbefehl auf den 14. November 1819 datieren, noch mit dem DIB, wonach die Assisen von Limerick am 11. März 1820 eröffnet wurden. Die Fitzgeraldsche Urteilsseite legt den Vollzug der Hinrichtung durch den Strang auf Donnerstag, den 16. März fest. Wir dürfen mithin den Ausgang des Verfahrens und das deutlich verzeichnete Hinrichtungsdatum als gesichert ansehen, wenngleich Pelhams Zeitangabe als irrig oder lückenhaft gelten muss.
Vor Gericht plädierte Scanlan auf nicht schuldig. Das DIB hält fest, Daniel O’Connell, der die Verteidigung übernommen hatte, habe geltend gemacht, die feierliche Handlung sei keine rechtsgültige Ehe gewesen, weshalb Scanlan kein Motiv gehabt habe, das Mädchen zu ermorden. Zugleich suchte er die Schuld gänzlich auf Sullivan abzuwälzen. Pelham geht auf diese Rechtsgründe nicht näher ein, und Fitzgerald fasst die Zeugenaussagen lediglich zusammen, anstatt sie wörtlich wiederzugeben. Die Geschworenen sprachen Scanlan schuldig; am 16. März 1820 starb er am Galgen. Fitzgerald überliefert ein Scanlan zugeschriebenes Wort, worin dieser jede Tatbeteiligung leugnete, während das DIB hervorhebt, er habe seine Unschuld bis zum letzten Atemzug beteuert. Es steht dem Chronisten nicht an, ein solches Leugnen zum Unschuldsbeweis zu verklären, noch gestattet der Urteilsspruch einen Einblick in das verborgene Gewissen des Verurteilten.
Sullivan entzog sich zunächst den Nachforschungen. Laut DIB wurde er zwei Monate nach Scanlans Hinrichtung in Kerry unter dem falschen Namen Clifford gefasst; Fitzgerald druckt eine Verhaftungsanordnung vom 17. Juni 1820 ab, die auf einem Haftbefehl aus dem County Kerry beruht. Pelhams Behauptung, der Diener habe sich der Justiz zwölf Monate lang entzogen und sei ein Jahr nach seinem Herrn gestorben, lässt sich mit den Akten nicht vereinbaren. Sullivans Prozess fand laut DIB am 25. Juli in Limerick statt. Fitzgeralds Buch enthält ein Urteil, das als Verhandlungstag einen Dienstag nennt und die Hinrichtung für Donnerstag, den 27. Juli, anordnet; das Datum des Donnerstags stimmt mit dem DIB überein, doch genügt der Vermerk »Tuesday« allein nicht, um den genauen Beginn der Sitzung festzulegen.
Fitzgerald berichtet, Sullivan habe vor seinem Tode gestanden, Ellen getötet zu haben, und Scanlan als Urheber bezeichnet. Überdies habe der Diener ein Gnadengesuch an die Richter gerichtet, worin er seine Strafe annahm und darum bat, seine letzten Stunden vor ungebetenen Besuchern zu bewahren. Dieses Geständnis mindert Sullivans unmittelbare Täterschaft nicht; vielmehr lenkt es den Blick auf das Abhängigkeitsverhältnis, dem er unterlegen sein wollte, und auf die Mitschuld des Herrn, der am Ufer wartete. Die Schrift von 1868 bekräftigt, Sullivan habe seine Erklärungen auf dem Schafott erneuert, während Scanlan unerschütterlich leugnete. Das DIB fasst dieses Bekenntnis gleichfalls zusammen und datiert Sullivans Hinrichtung auf den 27. Juli 1820.
So schlossen zwei im Abstand von vier Monaten vollstreckte Hinrichtungen das Strafverfahren ab, keineswegs aber die Ungewissheiten des Falles. Eine der späten Quellen datiert Ellens Tod im Urteilstext, den Fitzgerald zitiert, auf den 4. Juli; das DIB nennt den 14. Juli, während Pelham sich mit der Angabe des Monats Juli begnügt. Anhand der vorliegenden Aktenstücke lässt sich zwischen diesen Tagen nicht entscheiden. Ebenso wurde die Zeremonie, die das junge Mädchen für eine Ehe hielt, nachträglich als bloße Farce geschildert, ohne dass ein endgültiges Rechtsgutachten überliefert ist. Das Drama bleibt weit vielschichtiger als jene moralische Erbauungsschrift, die Fitzgerald der Dichtung entgegensetzen wollte: Eine junge Frau verließ ihr Heim im Vertrauen auf ein Versprechen, zwei Männer wurden getrennt voneinander gerichtet, und die Worte nach dem Tode des einen vermochten der Toten ihre eigene Stimme nicht wiederzugeben.
