Das Papier trug eine Autorität zur Schau, welcher das Meer nicht immer Gehorsam zollte. Wohl mochte William Kidd es vor einem Offizier entfalten, auf das Siegel weisen und jene hochgestellten Herren anrufen, die seine Ausfahrt begünstigt hatten; wenn jedoch der Wind sich legte und die Mannschaft Rechenschaft über die versprochenen Gewinne heischte, bedurfte es anderer Antworten.
Er war ausgesandt worden, den Seeräubern nachzustellen. Wenige Jahre später sollte man ihn zu London vor Gericht stellen, weil er selbst einer geworden war.
Zwischen diesen beiden Zuständen lagen ein Schiff, reiche Beute, Insubordination, ein im Zorn erschlagener Mann und die Aussicht auf hinlänglich viel Geld, als dass ein jeder zunächst seinen Anteil fordern mochte – und hernach einen schicklichen Abstand zum unrühmlichen Ausgang der Unternehmung.
Ein wohlbefohlenes Geschäft
Der Gedanke schien vortrefflich. Die Seeräuber schädigten den Handel; so wollte man ein Fahrzeug rüsten, das sie aufspüre, ihre Güter beschlagnahme und einen Teil dieser Beute dazu verwende, die Finanziers der Jagd zu entschädigen. Die Sicherheit der Seewege und der Vorteil der Teilhaber sollten Hand in Hand gehen. In den Amtsstuben, wo man die Expedition ins Werk setzte, besaß diese Verquickung von Gemeinwohl und Privatvorteil jeden Anschein einer glücklichen Fügung.
Kidd verstand sich auf die Schifffahrt und die Gewässer, in die man ihn zu entsenden gedachte. Das Unternehmen erfreute sich der Fürsprache mächtiger Persönlichkeiten, unter denen sich Männer aus dem Umfeld der Krone befanden. Offizielle Kaperbriefe ermächtigten ihn, gegen Piraten und gewisse Feinde, namentlich die Franzosen, vorzugehen; keineswegs gestatteten sie ihm, nach eigenem Gutdünken ein jedes Schiff zu plündern, dessen Fracht die Reise einträglicher gestalten mochte.
Die Adventure Galley ward ausgerüstet. Die Unterschriften blieben an Land zurück; die Fährnisse schifften sich mit ein.
Die Mannschaft fordert ihren Teil
Das Schiff querte den Atlantik, ergänzte seine Bemannung und erreichte die östlichen Meere. An Bord vertröstete die Aussicht auf reiche Prisen jene Männer, die sich gewiss nicht verdingt hatten, um die Gestade zu bewundern. Die Unkosten, die Mühsal und die versäumten Gelegenheiten verliehen der Frage des Gewinns eine Schärfe, welche vorauszusehen die Verträge keineswegs erst der Erfahrung bedurft hätten.
Ein junger Matrose namens Samuel belauscht die Alten, wie sie über ein Fahrzeug hadern, das man soeben hat ziehen lassen. Der eine beteuert, es habe genug Fracht geführt, um all ihre Pein zu vergelten; ein anderer fragt, wozu ein Kaperbrief nütze sei, wenn er dazu zwinge, dem Reichtum beim Vorüberziehen zuzusehen. Samuel ermangelt der Erfahrung, um die Klage eines Matrosen von den Anfängen einer Meuterei zu scheiden. Er weiß nur, dass die Männer leiser sprechen, sobald der Kapitän sich zeigt.
Kidd wahrt seine Herrschaft. Gleichwohl kann er nicht verkennen, dass eine jede Verfügung fortan zwei Forderungen genügen muss, die sich nur schwerlich noch vereinen lassen: den Anschein der Rechtmäßigkeit zu wahren und jenen, die unter seinem Befehl fuhren, etwas einzutragen.
„Es ist keine Prise“, spricht er.
„So sagt uns, wann wir je eine zu Gesicht bekommen“, versetzt ein Mann.
Samuel blickt auf das Meer. Das Schiff, das dort am Horizont entschwindet, ahnte vielleicht nie, von welch finsterem Wortstreit sein Schicksal abhing.
William Moore
Die Spannung entlud sich nicht allein in Worten. Ein Hader entbrannte zwischen Kidd und William Moore, einem Mann der Besatzung. Der Kapitän schlug ihn mit einem eisenbeschlagenen Eimer an den Kopf; Moore verschied am folgenden Tage. Dieser Totschlag sollte beim späteren Prozess einen gesonderten Anklagepunkt bilden.
Sein Name gebührt dem Gedächtnis inmitten all der Ladungsverzeichnisse und seerechtlichen Streitigkeiten. Man mag über Prisen, Vollmachten und die politischen Ränke jener feilschen, die Kidd verfolgten; das gewaltsame Ende eines Menschen lässt sich nicht hinter der bloßen Frage begraben, wem ein gekapertes Schiff von Rechts wegen gehörte.
Samuel sieht, wie man den Leichnam fortschafft. Die Seeleute, die am Vortage noch aufbegehrten, verstummen jäh. Ein jeder bemisst den Zorn des Kapitäns nun nach anderem Maßstab, und diese neue Furcht macht den Gehorsam keineswegs verlässlicher: Eine Obrigkeit, die sich gefürchtet macht, mag Schweigen erzwingen, ohne je das Vertrauen wiederzugewinnen.
Die Fahrt geht weiter. Das Meer gewährt Männern, die soeben einen der ihren erschlagen haben, keinen Tag des Innehaltens.
Die gekaperte Handelsbrigg
Die Wegnahme der Quedagh Merchant verlieh der Angelegenheit ein ungleich größeres Gewicht. Das Schiff führte eine beträchtliche Fracht; seine Eigner waren Armenier, seine Schiffsführung und Papiere verwiesen auf wechselnde Loyalitäten. Kidd berief sich insbesondere auf französische Schutzbriefe, um darzutun, dass er eine rechtmäßige Prise gemacht habe. Die Wirklichkeit des Welthandels erwies sich als ungleich verworrener denn jene handlichen Schubladen, in die ein Kapitän das Angetroffene gern geordnet hätte.
Die Kaperung, der Verkauf der Waren und das Verteilen der Beute machten den Nöten kein Ende. Männer fielen von Kidd ab; das Unternehmen löste sich auf. Er wandte sich wieder nach Nordamerika, in der Hoffnung, seine Sache vor jenen zu vertreten, deren Schutz er einst genossen hatte.
In Boston schlug man ihn in Ketten. Die Namen, die seiner Ausfahrt Ansehen verliehen hatten, gehörten nunmehr Männern, die sich gezwungen sahen darzulegen, was sie bewilligt, was sie gewusst hatten – und wofür man sie keinesfalls haftbar machen durfte, weil es ihnen verborgen geblieben war.
Samuel geht andernorts an Land. Er besitzt einige wenige Münzen, abgetragene Kleider und eine Frage im Gemüt, die kein Beuteanteil auflöst: Ab welchem Augenblick war er auf einem Piratenschiff gefahren? Am Tage einer Kaperung, an jenem einer verweigerten Beute oder beim Totschlag an Moore? Er hätte sich ein klares Datum gewünscht, das auch seinen eigenen Wandel unzweideutig geschieden hätte.
Der Kapitän vor seinen Richtern
Kidd wurde nach England überführt. Im Mai 1701 wurden vor dem Old Bailey die Anklagen wegen Mordes und Seeräuberei verhandelt. Der Kapitän verteidigte sein Gebaren, focht Zeugenaussagen an und berief sich auf die ihm übertragenen Vollmachten. Das Gericht befand ihn für schuldig. Am 23. Mai ward er zu London gehenkt.
Die Nachwelt verklangte die Affäre weitaus glanzvoller als ihren Anfang: Schätze, Seekarten, die Erwartung des irgendwo Verscharrten. Der sagenhafte Pirat sollte weit länger reisen als der historische Kapitän; er hatte vor dem wirklichen Mann den unschätzbaren Vorzug voraus, dass keine Mannschaft mehr Rechenschaft von ihm fordern würde.
Samuel bewahrte einen Schnipsel Papier, auf dem die Bedingungen seiner Anheuerung standen. Er hatte ihn so oft gefaltet, dass die Brüche manche Zeile getilgt hatten. Als ein Werber ihm eine neue Fahrt anbot, bat er diesen, laut vorzulesen, was er da verspreche.
„Misstraut Ihr mir etwa?“
Der Seemann legte den Finger auf den unteren Rand des Bogens.
„Ich möchte bloß wissen, wer noch da ist, um Rede und Antwort zu stehen, wenn wir erst fern auf See sind.“
Der Werber hielt die Frage für unnütz argwöhnisch. Samuel nahm sein Papier wieder an sich. Er hatte bereits eine Unternehmung erlebt, bei der man die Gewinne vor der Abreise aufs Vortrefflichste zu erklären wusste.
