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Justiz & Skandale · Schottland

Der Stein von Dumfries

Schottland, bis 1821. Um sich der Gefängnisschlüssel zu bemächtigen, schlägt David Haggart den Oberaufseher nieder, flieht und erfährt wenig später vom Tod Thomas Morrins. Nach monatelanger Flucht in Irland aufgespürt, wird er nach Schottland überstellt, wegen Mordes verurteilt und in Edinburgh hingerichtet.

Zu Dumfries wurde ein Gefängniswärter bei einem Ausbruchsversuch mit einem Stein niedergeschlagen. David Haggart riss den Schlüssel des Außentors an sich und floh. Stunden später, verborgen in einem Heuschober, erfuhr er, dass Thomas Morrin seinen Verletzungen erlegen war. In den folgenden Monaten durchstreifte er Schottland und Irland unter wechselnden Namen; als man seiner schließlich habhaft wurde, brachte man ihn nach Dumfries zurück, auf dass er sich für jenen Streich verantworte.

Haggart erblickte das Licht der Welt nahe Edinburgh am 24. Juni 1801. Sein Vater stand als Jagdaufseher im Dienst eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Das erste Vergehen des Knaben war der Diebstahl eines Zwerghahns bei einem Nachbarn; mit sechzehn Jahren, so berichtet Pelhams Chronik, zog er bereits mit M’Guire, einem jungen irischen Taschendieb, über die Landstraßen. Auf einem Pferderennplatz wagte er zum ersten Mal am helllichten Tage den Griff in die Tasche eines Wettenden. Er riss so ungestüm daran, dass er das Tuch samt dem Gelde abriss. Der Bestohlene wandte sich jäh um; Haggart hatte die Beute jedoch bereits seinem Kumpan zugesteckt. Der Gewinn belief sich auf elf Pfund.

In der Folgezeit suchten die beiden Burschen die Märkte und Rennbahnen Nordenglands und Schottlands heim. In Newcastle mieteten sie sich bei einer Witwe ein, die sie für ehrbare Reisende hielt. Haggart gab sich als Wilson aus, sein Gefährte als Arkinson. Sie speisten mit den drei Töchtern ihrer Wirtin und begleiteten sie ins Theater. Nicht selten verweilte der eine an der Seite der jungen Damen, während der andere sich ins Getümmel stürzte, um nach einer lohnenden Tasche Ausschau zu halten.

Im Januar 1818, auf dem Wege zum Jahrmarkt von Durham, drangen sie durch ein Fenster in ein abgelegenes Gehöft ein. Der Hausherr leistete Widerstand; sie schlugen ihn nieder, fesselten ihm Hände und Füße und knebelten ihn mit einem Taschentuch. Die übrigen Bewohner, lauter Frauen, verharrten in zu großer Furcht, um einzugreifen. Die Räuber entkamen mit etwa dreißig Pfund. Tags darauf in Durham festgenommen, hatte Haggart seine Kleidung gewechselt, sodass der beraubte Mann ihn zunächst nicht wiedererkannte. Man ließ ihn auf freien Fuß. Zwei oder drei Tage später wurden er und M’Guire jedoch in ebenden Kleidern ergriffen, die sie beim Einbruch getragen hatten.

Haggart, dessen Schuld erwiesen war, erwartete noch sein Urteil, als er bereits die Flucht vorbereitete. Gemeinsam mit M’Guire und anderen Häftlingen brach er die Zellenwand auf und gelangte in den hinteren Gang, wo sich ihnen jedoch der Kerkermeister in den Weg stellte. Sie überwältigten ihn, knebelten ihn und entrissen ihm die Schlüssel. Im Hof erklommen mehrere Gefangene die Mauer; M’Guire und ein weiterer stürzten ab und wurden gefasst. Haggart hingegen gelang das Entkommen. Er wandte sich nach Newcastle und kehrte daraufhin mit einem Manne aus Yorkshire nach Durham zurück, um M’Guire zur Flucht zu verhelfen. Unterwegs holten zwei Gerichtsdiener sie ein. Haggart schoss auf einen der Häscher, der zu Boden sank; er setzte die Flucht fort, ohne zu wissen, ob er ihn getötet hatte. Später gelangte er mittels einer Strickleiter über die Gefängnismauer und steckte M’Guire eine kleine Säge zu, mit der dieser die Gitterstäbe seines Fensters durchtrennte.

Nachdem M’Guire in Kelso erneut verhaftet worden war, trennten sich ihre Wege, und Haggart zog nach Newcastle, dann nach Edinburgh. Eine schwere Krankheit zwang ihn für einige Zeit ins Haus seiner Eltern zurück, doch wurde er bald wegen eines früher verübten Ladendiebstahls festgenommen. Nach seiner Entlassung nahm er das Diebeshandwerk mit einem ehemaligen Mitgefangenen namens Graham wieder auf. Er stahl das Bündel eines Hausierers samt mehreren Ballen Leinen, schlüpfte in die Rolle des Wanderhändlers und veräußerte die Ware auf den Straßen. Am 1. März 1820 wurde er schließlich mit einem Helfershelfer namens Forest in Leith dingfest gemacht.

Am 27. März sann er abermals auf Flucht. Mit einer Feile zersägte er seine Beineisen, erbrach die Zellentür und grub sich geduldig durch eine mächtige Steinmauer. Er schuftete bis Mitternacht, setzte das Werk an der Außenmauer fort und holte dann Forest herbei, damit er ihm beistehe. Auch weckte er einen Schuldhäftling, der ihm half, die Kette seiner Handschellen zu sprengen. Wenige Minuten vor fünf Uhr morgens hatte er genügend Steine herausgebrochen, um hindurchzukriechen. Als sich auf der Treppe eine Gestalt näherte, wähnte er sich bereits einem Aufseher gegenüber; der Mann jedoch rief ihm zu, er solle laufen, und versicherte, er werde ihn nicht aufhalten. Haggart wartete dennoch, bis Forest ins Freie gelangt war, ergriff ihn bei der Hand und riss ihn mit sich fort.

In Dumfries traf Haggart abermals auf M’Guire, der zu vierzehn Jahren Verbannung verurteilt worden war. Die Chronik verortet ihn bald darauf im Gefängnis von Dumfries, wo Mitgefangene ihm einen gemeinsamen Ausbruch vorschlugen. Laurie beabsichtigte, den Kerkermeister niederzuschlagen; Haggart hielt Gewalt zunächst für unnötig, da er hoffte, sich auf andere Weise in Sicherheit zu bringen. Ein zum Tode verurteilter Häftling namens M’Grory drängte ihn jedoch unablässig, und so willigte Haggart schließlich ein, den Oberaufseher Thomas Morrin zu überwältigen und ihm die Schlüssel abzunehmen. Der Schließer Hunter befand sich bei den Pferderennen. Unter einem Vorwand ließ die Gruppe Morrin herbeirufen. Haggart sprang hervor und versetzte ihm einen einzigen wuchtigen Schlag mit einem schweren Stein, der ihn die Treppe hinabwarf; daraufhin entriss er ihm den Schlüssel zum Außentor.

Dunbar hob den Stein auf, während Simpson Morrin bei den Schultern packte und seinen Rücken gegen die Stufen schlug; Haggart eilte an ihnen vorbei, querte den Hof und schloss das Tor auf. Er floh allein; Dunbar holte ihn draußen ein. Als ein Beamter herannahte, wandten sich beide zur Flucht, doch Dunbar wurde überwältigt. Haggart legte fast zehn Meilen in weniger als einer Stunde zurück. Er entledigte sich seines Mantels, setzte über eine Hecke und rannte über ein Feld, auf dem Tagelöhner Kartoffeln rodeten; diese schlossen sich alsbald den Verfolgern an. Er erreichte das Gehölz von Cumlangan und verbarg sich am Waldsaum. Nachdem die Häscher vorbeigezogen waren, schlug er sich nach Annan durch und schlief in einem Heuschober. Das Gespräch einer Frau mit einem Knaben brachte ihm die Gewissheit, dass Morrin tot war.

Er setzte seine Flucht fort, warf die Lumpen einer Vogelscheuche über und kehrte schließlich nach Edinburgh zurück. Er mied das Tageslicht und änderte die Route, sobald er befürchtete, erkannt zu werden. In Belfast bezeichnete ihn Robert Platt, der in Dumfries mit ihm eingesessen hatte, als den entflohenen Mörder. Haggart legte sich sogleich einen irischen Akzent zu und behauptete, in der Grafschaft Armagh geboren zu sein. Die Richter stellten ihn unter die Bewachung zweier Yeomen; er füllte sie mit Branntwein ab, nutzte ihre Unachtsamkeit und sprang durch ein Fenster.

In Dublin tat er sich mit einem Taschendieb namens O’Brien zusammen. An den Kais bemerkte er einen Mann in abgetragenem Rock, der soeben achtzehn Guineen für ein Pferd geboten hatte. Haggart tastete nach und fand einen Beutel in der zerrissenen Gesäßtasche des Mantels; er erbeutete fünfundneunzig Goldguineen nebst etlichen Banknoten. In den darauffolgenden Tagen stahlen die beiden Männer vierundfünfzig Pfund am Eingang eines Theaters, kleideten sich neu ein und fuhren in einer Kutsche mit zwei Frauenzimmern davon. Ihre einmonatige Vergnügungsreise durch mehrere Grafschaften kostete sie über einhundertneunzig Pfund. Nahezu mittellos nach Dublin zurückgekehrt, machte sich Haggart wieder zu Fuß auf den Weg.

Seine letzte Festnahme erfolgte nach einem Diebstahl auf einem Jahrmarkt bei Downpatrick. Vor Gericht verurteilte man ihn zu sieben Jahren Deportation. Als er aus dem Gerichtssaal geführt wurde, erkannte man in ihm den Flüchtigen von Belfast, woraufhin man ihn in das Gefängnis von Kilmainham überstellte. Dort unternahm er mit mehreren Gefangenen den Versuch, einen Durchgang in das Mauerwerk zu brechen, doch schlug ein Mithäftling Alarm. Haggart zwängte sich als Erster durch die Öffnung; er empfing einen Hieb, und Soldaten überwältigten die Flüchtigen, noch ehe sie die Außenmauer erreichen konnten. Man legte ihn in Eisen und stülpte ihm ein eisernes Instrument über das Haupt, dessen Zunge sich in seinen Mund schob und ihm das Sprechen wehrte. Tags darauf reihte man ihn mit Hunderten von Sträflingen im Hofe auf. Der schottische Gerichtsdiener Richardson erkannte ihn auf der Stelle. Haggart versuchte sich nochmals in seinem falschen Akzent, doch der Beamte rief ihn bei seinem wahren Namen. Unter starker Eskorte wurde er nach Dumfries verbracht. Bei seiner Ankunft erwartete eine gewaltige Menschenmenge den Gefangenen. Als er die Stufen emporstieg, musste er an jener Stelle vorüber, an der Morrin gefallen war. Später schrieb er, dieser Boden habe ihm unter den Füßen gebrannt.

Man überführte ihn daraufhin nach Edinburgh, wo der Mordprozess verhandelt werden sollte. Pelham berichtet, die Beweise seien für hinlänglich befunden worden, und man habe ihn zum Tode verurteilt. Vierzehn Tage lang schien Haggart von vollkommener Gleichgültigkeit befallen; dann erklärte er, er werde keinen Fluchtversuch mehr unternehmen, selbst wenn die Tore sich öffneten, denn der Tod sei in seinen Augen das einzige Mittel, um für seine Vergehen Buße zu tun. Am Morgen der Hinrichtung, nach dem Gebet des Geistlichen, forderte ein Gerichtsdiener die Fremden auf, die Zelle zu verlassen. Haggart rief aus: „Ich vermute, dies ist der Henker.“ Seine Fassung verließ ihn für einen Augenblick; er schritt mit verschränkten Armen im Gemach auf und ab, während Verzweiflung seine Züge zeichnete. Er fasste sich wieder, als der Scharfrichter eintrat, kniete nieder zum Gebet und richtete einige Worte an die Menge. Am 18. Juli 1821 wurde er in Edinburgh gehängt, drei Wochen nach seinem zwanzigsten Geburtstag.

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Vollständige Lesung des OCR-Auszugs zum Kapitel „David Haggart“ (Zeilen 3871–4230), nicht des Faksimiles oder des gesamten Bandes. Pelham hält ausdrücklich fest, dass die Einzelheiten seines Berichts zum Teil der Autobiographie entstammen, die Haggart nach seiner Verurteilung verfasste; diese Schrift wurde hier nicht gesondert herangezogen. Der Bericht nennt das Datum der Hinrichtung, den 18. Juli 1821, verschweigt jedoch den genauen Tag des Angriffs auf Morrin sowie die detaillierten Verhandlungstage. Die Aussagen des Verurteilten und die Szenen seiner Flucht beruhen auf Pelhams Wiedergabe und sind nicht durch unabhängige Gerichtsakten gegengeprüft.

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