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Justiz & Skandale · England

Die Börse unter dem Kopfkissen

Im Jahre 1806 versuchte John Docke Rouvelett, Elizabeth Barnet wegen des Diebstahls einer Börse verurteilen zu lassen, ehe er sich in Wells selbst wegen Urkundenfälschung verantworten musste. Die leere Börse unter seinem Kopfkissen und der an die Händlerin Mary Simeon übergebene Wechsel reduzierten zwei Prozesse auf eine einzige Frage: Wem darf man glauben, wenn der Ankläger das belastende Schriftstück selbst verfertigt hat?

Die Stadt Bath hatte schon manchen Reisenden gesehen, der sich einen Namen, einen Rang oder ein Vermögen beilegte. John Docke Rouvelett – von anderen Aktenstücken auch Dorke, Romney oder Rouvellet genannt – verstand es lange Zeit, aus dieser Freiheit Vorteil zu ziehen. Er gab vor, von den Antillen zu stammen, einer angesehenen Familie zu entstammen und von den Überweisungen seines Onkels, eines Plantagenbesitzers, zu leben. Er behauptete, in Amsterdam bei einem Bankier namens Hope aufgewachsen zu sein und danach als Leutnant im 87. Regiment gedient zu haben. Elizabeth Barnet, die mit ihm lebte und als seine Ehefrau ausgegeben wurde, teilte dieses Dasein in gemieteten Zimmern, voll von Reisen und Erzählungen, deren Wahrheitsgehalt einer Prüfung stets noch harrte.

In Bath empfing ihn die Händlerin Mary Simeon zunächst als Kunden. Er besichtigte Spitzen, erwarb einen Fächer und kehrte später in Begleitung Barnets zurück. Die Stoffe waren kostbar: Er sprach von Schleiern im Werte von einhundertfünfzig Guineen und einem Spitzenmantel. Mit jedem Besuch wuchs die Schuld an. Simeon und ihr Bruder Du Hamel streckten ihm schließlich bares Geld vor; die Einkäufe und Vorschüsse beliefen sich nach ihren Angaben zuletzt auf zweihundertneunundneunzig Pfund.

Rouvelett bot an, diese Summe durch einen Wechsel zu begleichen. Dieser war auf Grenada datiert, ausgestellt von Willis & Co. auf das Londoner Bankhaus Child & Co., und trug ein Akzept, das diese Bankiers freilich nie erteilt hatten. Das Dokument versprach vierhundertzwanzig Pfund Sterling, zahlbar neun Monate nach Sicht. Als er es Simeon überreichte, versicherte er ihr, der Indossant sei so gut wie die Akzeptanten selbst. Barnet erinnerte sich, ihn die Ankunft des Wechsels ankündigen gehört und wenige Tage später gesehen zu haben, wie er ein Papier beschrieb; sie gab an, er habe sie fortgeschickt, um rote Tinte zu besorgen.

Simeon sandte das Papier nach London. Die Antwort ließ nicht auf sich warten: Das Akzept war gefälscht. Sie schrieb an Rouvelett, der an einem Sonntagabend nach Bath zurückkehrte. Das Gespräch wurde auf Englisch geführt, nachdem die Übergabe des Papiers von französischen Unterhaltungen begleitet gewesen war. Er fragte nach dem Verbleib des Wechsels und drängte Simeon, selbst nach London zu reisen, um ihn zurückzuholen. Da sie sich weigerte, allein zu fahren, wandte er sich an seinen Sachwalter Luke Evill und versprach zwanzig Pfund für die Reise. Simeon und Evill brachen noch in der Nacht auf; die Händlerin musste den Inhabern des Dokuments dreihundert Guineen erlegen, um es wieder an sich zu bringen. Nach nur einem Tag in London kehrte sie nach Bath zurück, doch Rouvelett hatte die Stadt verlassen. Am 6. Mai 1805 beglich Dorant nach dessen Abreise bei Simeon, was dieser ihr noch schuldete.

Die Geldschuld war nicht der einzige Handel, der sich um ihn spann. Rouvelett hatte eidlich beteuert, eine Forderung gegen William Vernon Dorant, den Wirt des York Hotel, zu besitzen, und nach dem Bericht war deshalb bereits ein Verfahren wegen Meineids anhängig. Barnet war der Prozessrelation zufolge eine gewichtige Zeugin seiner Lebensführung und seiner Handlungen. Doch der Mann, der sie als seine Ehefrau vorgestellt hatte, unternahm es bald, sie als Diebin hinzustellen.

Wegen Schulden verhaftet, wurde er im Fleet-Gefängnis verwahrt und daraufhin unter dem Vorwurf der Fälschung nach Somerset überstellt. Barnet besuchte ihn im Gefängnis. Er bezichtigte sie, aus seinem Zimmer eine Börse mit vierzig Guineen, einer halben Guinee und einem Diamanten entwendet zu haben. Er verlegte die Tat auf den 11. Juni 1805, während sie später beteuerte, das gemeinsame Leben habe bereits am 6. Juni geendet. Rouveletts Darstellung verstrickte sich weiter: Er behauptete, sie nach dem Diebstahl aus den Augen verloren zu haben, räumte jedoch ein, dass sie ihn im Fleet erneut aufgesucht habe. Gleichwohl hatte er gegen sie und Dorant eine Zivilklage wegen Schuldtiteln, Hypotheken und Obligationen im angeblichen Wert von rund zwanzigtausend Pfund anzustrengen gewusst. Der Recorder, der vorsitzende Magistrat der Verhandlung, hielt ihm diesen Widerspruch vor: Er fand Barnet, um sie auf dem Zivilweg zu belangen, gab jedoch vor, ihrer wegen des Diebstahls nicht habhaft werden zu können. Überdies wandte er ein, Zeugen aus Liverpool seien nicht rechtzeitig geladen worden, und verlangte die Vertagung des Strafverfahrens.

Am 5. Juli 1806 führte man ihn in Fesseln aus Ilchester vor das Old Bailey, um diese Anklage zu vertreten. Eine Vertagung hätte Barnet unter dem Druck der Anschuldigung belassen – just zu jenem Zeitpunkt, da sie in den anderen Sachen gegen ihn aussagen konnte. Der Recorder weigerte sich, die Sitzung auszusetzen. Zu seiner Herkunft, seiner Familie, seinen Mitteln und Verbindungen befragt, sprach Rouvelett von seinem Onkel, dessen Geldüberweisungen und dem Hause Hope. Er musste sich auch einer unverhohlenen Frage stellen: Hatte er geäußert, er werde sich an Barnet rächen, weil sie mit Dorant verkehre, und sie eines Verbrechens bezichtigen? Er entsann sich dessen nicht, gab dann jedoch einen Teil der Worte zu.

Cummings, sein Zimmergenosse, hatte die leere Börse bereits am Tag nach dem angeblichen Diebstahl unter dem Kopfkissen gefunden. Rouvelett räumte ein, der Gegenstand sei zurückgegeben worden, doch dieser Fund bestätigte keineswegs den Inhalt, den er ihr anvertraut haben wollte. Er hatte zudem behauptet, Barnet sei geflohen; gleichwohl war sie nach dem von ihm genannten Datum zu ihm ins Gefängnis gekommen. Statt das Verhör fortzusetzen, schloss der Recorder das Verfahren und wies die Geschworenen an, auf Freispruch zu erkennen. Er bezeichnete die Anklage als eine sonderlich schändliche Beschuldigung. Als Rouvelett abgeführt wurde, zischten und murrten die Zuschauer derart heftig, dass die Gerichtsdiener Mühe hatten, die Ruhe wiederherzustellen.

Der andere Prozess wurde am 12. August 1806 in Wells vor Baron Thompson eröffnet. Diesmal stand das Papier selbst im Mittelpunkt der Anklage: Man warf Rouvelett vor, das Akzept von Child & Co. gefälscht und den Wechsel wissentlich in Umlauf gebracht zu haben. Philip George, ein junger Schreiber des Bürgermeisters von Bath, erklärte, er habe das Papier vom Bürgermeister erhalten und seither verwahrt. Simeon erkannte das Dokument wieder, das man ihr übergeben hatte, und schilderte, wie die Einkäufe, die Vorschüsse und das Zahlungsversprechen aufeinander gefolgt waren.

Sodann beschrieb Barnet das gemeinsame Leben, wie sie es erfahren hatte. Nach ihrer Ankunft in Liverpool, so sagte sie, sei sie Rouvelett im September 1804 begegnet; sie war ihm nach London und dann nach Bath gefolgt. Sie hatte sein Versprechen vernommen, mittels eines von Child & Co. akzeptierten Wechsels zu zahlen. Sie berichtete ferner, er habe nach der Übergabe verstört gewirkt, sein Pult verlangt und ein Bündel Papiere verbrannt. Deren Inhalt hatte sie nicht lesen können. Als sie ihn fragte, ob diese Schriften verdächtig seien, erwiderte er, es sei ein Blatt darunter gewesen, das niemand sehen dürfe. Diese vom Zeugen berichtete Äußerung verriet für sich genommen noch nicht, was vernichtet worden war; sie trat jedoch neben den Wechsel, dessen Akzept als gefälscht erwiesen war.

Der Gehilfe von Child & Co. bestätigte, dass sein Haus auf Grenada keine Korrespondenz unter dem Namen Willis & Co. unterhalte und diesen Wechsel nicht akzeptiert habe. Mary Simeon und ihr Bruder bezeugten die Verhandlungen um die Käufe und das Schriftstück; Barnet ihrerseits gab wieder, was sie gesehen und gehört hatte, ohne vorzugeben, den Inhalt der verbrannten Papiere zu kennen. Die Anklage stützte sich nunmehr auf ein verwahrtes Dokument, auf die Händlerin, die es empfangen hatte, und auf den Bankbeamten, der dessen Echtheit bestreiten konnte.

Nach einer Verhandlung, die nahezu zwölf Stunden dauerte, sprachen die Geschworenen ihn schuldig, das Akzept gefälscht und den Wechsel in Kenntnis der Fälschung ausgegeben zu haben. Rouvelett wurde am 3. September 1806 in Ilchester hingerichtet. Der Bericht verweilt bei seinem blauen Rock, den gestreiften Beinkleidern, den grünen Pantoffeln und seiner Pelzmütze. Zuvor hatte sein Kredit auf einem Namen beruht, auf einer Unterschrift, auf einer vorgeschützten Verwandtschaft. Barnet, die er zur Angeklagten hatte machen wollen, hatte vor Gericht erscheinen und berichten können, was sie wusste.

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Vollständiger Wortlaut der Seite aus dem Newgate Calendar nach der digitalen Transkription eingesehen; es handelt sich um eine retrospektive Sekundärquelle, nicht um die originalen Verhandlungsprotokolle. Die überlieferten Daten sind voneinander zu trennen: Barnets Anklage vor dem Old Bailey am 5. Juli 1806, Rouveletts Prozess wegen Fälschung in Wells am 12. August, Hinrichtung in Ilchester am 3. September. Die Relation vermerkt, der angebliche Diebstahl habe sich im Juni 1805 ereignet, berichtet jedoch zugleich, dass die leere Börse unter dem Kopfkissen des Gefangenen gefunden worden sei und Barnet ihn im Gefängnis besucht habe. Szenen und Worte bleiben dem Quellentext zugeschrieben; der Inhalt der von Rouvelett verbrannten Schriften ist nicht überliefert.

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