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Polizei & Unterwelt · Vereinigtes Königreich

Die Pforte in der Bury Street

London, 1812 (erschlossenes Jahr). John Clayton und William Jenkins werden bei einem Einbruchsversuch im Hause einer Mrs. Martin festgenommen; die Dienstmagd Mary Wakelin vermag sich im Augenblick des Zugriffs der Constables zu befreien. Eine Chronik aus dem Jahre 1887 überliefert ihre Zeugenaussage, die Verurteilung beider Männer und deren Hinrichtung.

In der Bury Street begann die Überwachung, noch ehe die Diebe die Schwelle überschritten hatten. Ein Zuträger setzte Constable Reid davon in Kenntnis, dass eine Bande den Einbruch in das Haus einer Mrs. Martin, Nummer 4, im Quartier St. James’s, plane. Der Bericht, den Pelham 1887 veröffentlichte, schreibt der Dienstmagd Mary Wakelin jene Auskünfte zu, die das Vorhaben erst ermöglicht hätten; indessen verbietet es sich, das verächtliche Urteil unbesehen zu übernehmen, mit dem der frühe Chronist ihr Verhalten erklärt. Er überliefert uns eine nachträgliche Darstellung, nicht das unverkürzte Verhandlungsprotokoll des Gerichts.

Folgt man dem Eingang des Kapitels, so hatte John Clayton Mary in jener Schänke kennengelernt, aus der sie das Bier für ihre Dienstherrin zu holen pflegte. Er gab sich als Kofferbauer aus, behauptete, in der Oxford Street zu wohnen, und wusste, dass Mrs. Martin die Abende häufig außer Haus verbrachte. Durch beharrliche Besuche erlangte er schließlich eine Zusammenkunft in der Küche während einer Theatervorstellung. Pelham deutet diese vermeintliche Zuneigung als das Mittel, durch welches Clayton die Gewohnheiten des Hauses auskundschaftete. Nach dieser ersten Version war die Schänke der Ort der ersten Unterredung.

Die Aussage, die Mary vor dem Old Bailey zu Protokoll gab, weist einen anderen Beginn auf. Sie erklärte, Clayton acht oder zehn Tage vor dem 1. Januar kennengelernt zu haben, als er an das Haus getreten sei und sie ihm die Pforte geöffnet habe. Er habe sich Wilson genannt und vorgegeben, ein Schreiben für Mrs. Martin zu überbringen – unter welchem Namen ihre Dienstherrin bekannt war. Ein oder zwei Nächte später habe er Gegenstände in den Souterrainhof geworfen; Mrs. Martin schickte Mary auf einen Botengang, und Clayton, den sie auf der Straße antraf, lud sie auf einen Trunk ein. Auf sein Drängen hin seien sie eingekehrt. Mary sah ihn daraufhin auf der Straße wieder, alsdann häufiger; Jenkins jedoch habe sie erstmals am Abend des 1. Januar erblickt. Die einleitende Schilderung und dieses Zeugnis verlegen die erste Begegnung sonach an verschiedene Orte. Nichts berechtigt dazu, beide zu einer einzigen Szene zu verschmelzen.

Der Informant, den der Text mit dem Gaunerausdruck »nose« bezeichnet, bleibt ungenannt. Reid gehörte zur Patrouille von Inspector Perry. Den Beamten wurde gestattet, einen Raum im gegenüberliegenden Hause von Mrs. Martin zu beziehen, von wo aus sie den Hauseingang überwachen konnten. Sie kehrten Nacht für Nacht dorthin zurück, während Clayton Einlass begehrte und die erkrankte Dienstherrin das Haus hütete. Pelham berichtet, dass zu einem ersten Stelldichein, das auf einen Montag verabredet war, vier Männer und zwei Frauen erschienen; Clayton trennte sich von ihnen und klopfte an die Tür. Die Anwesenheit Mrs. Martins vereitelte den Plan. Ein weiteres Treffen wurde bestimmt, doch die Wachleute sahen zunächst lediglich, wie die beiden jungen Leute Gin miteinander tranken und darauf auseinandergingen.

An jenem Mittwoch schließlich, da sich Mrs. Martin mit zwei Freunden ins Theater begab, verließ Mary für wenige Minuten das Haus und kehrte am Arme Claytons zurück. Sie wechselten vor der Pforte einige Worte, ehe sie hineingingen. Eine Viertelstunde später trat Clayton wieder ins Freie und kehrte etwa fünf Minuten darauf mit einem anderen Manne zurück. Mary öffnete bei seiner Rückkehr. Sie schien dem Begleiter den Zutritt wehren zu wollen; Clayton drückte die Tür auf, und der Fremde stürzte in das Haus. Die Beamten, die bereits auf der Lauer lagen, hörten bald darauf das laute Rufen dreier Stimmen aus der Küche dringen.

Durch ein Schlüsselloch und durch das Getöse im Hause meinten sie wahrzunehmen, dass die beiden Männer Mary gegen ihren Willen nach oben zerrten. Sie schrie: »Herr, erbarme dich meiner! Was soll ich tun?« Einer der Männer drohte ihr, ihr das Gehirn wegzupusten, falls sie nicht zu schreien aufhöre, und hielt ihr eine Pistole an den Kopf. Die Constables vernahmen das Bersten aufgebrochener Türen. Kurz darauf stieg einer der Eindringlinge hinab, um den Schürhaken aus der Küche zu holen; weitere Türen gaben unter ihren Schlägen nach.

Der Chronik zufolge befürchteten die Beamten, als Marys Schreie verstummten, sie sei getötet worden, und schickten sich an, die Haustür mit einem Brecheisen einzuschlagen. In diesem Augenblick rief sie aus, es sei ihre Herrin, tat einen raschen Schritt, wand sich los und stürzte die Treppe hinab, die Diebe auf ihren Fersen. Sie erreichten den Hausflur in demselben Moment, da die Constables eindrangen. Der Text präzisiert weder, auf wen sich jener Ausruf bezog, noch, was Mary erblickt zu haben glaubte; er berichtet lediglich von der Bewegung, die ihr die Flucht ermöglichte, und vom gleichzeitigen Eingreifen der Wachtmeister.

Clayton und sein Kumpan taten, als wollten sie das Haus verlassen, als sei nichts geschehen. Perry und Reid packten sie. Beide leisteten heftigen Widerstand, wie Pelham schildert, wurden jedoch schließlich überwältigt. Der an Claytons Seite Festgenommene wurde im Prozess als William Jenkins identifiziert; der Bericht schweigt über das Schicksal der zuvor gesehenen Personen und beweist nicht, ob die vier Männer und zwei Frauen, die beim ersten Zusammentreffen beobachtet worden waren, sämtlich am Einbruch beteiligt waren.

Die Leibesvisitation brachte unterschiedliche Gegenstände ans Licht. Clayton trug ein großes Klappmesser und eine gefälschte Dollarmünze bei sich. Bei Jenkins fanden die Beamten eine Pistole, zwei falsche Geldstücke und weitere Utensilien. Im Hause entdeckten sie Gegenstände, die bereits zum Abtransport zusammengetragen worden waren. Mehrere Zimmer und Schränke waren erbrochen worden, und die Täter waren im Begriff gewesen, eine Truhe zu öffnen, als sie überrascht wurden. Die Tat hatte somit handgreifliche Spuren an Türen, Schlössern und verrückten Habseligkeiten hinterlassen; ein Einverständnis Marys mit dem Einbruch lässt sich dem Bericht nicht entnehmen. Der Standort der Beamten verdeutlicht zugleich die Grenzen ihrer Wahrnehmung: Zunächst im gegenüberliegenden Hause postiert, beobachteten sie aus der Ferne; danach lauschten sie auf Stimmen hinter Mauern und spähten durch ein Schlüsselloch. Sie berichten mithin nicht von einem geschlossenen, mit einem Blick erfassten Hergang, sondern von einer Kette von Anzeichen, Geräuschen und Zugriffen, deren Zusammenhänge das Kapitel herstellt, ohne uns die Vernehmungsprotokolle zu liefern.

Vor dem Gerichtshof des Old Bailey, dessen Sitzung Pelham auf den 15. Januar datiert, ohne an dieser Stelle die Jahreszahl zu wiederholen, legte Mary Wakelin ihr Zeugnis ab. Sie berichtete von jenem Manne, der sich als Wilson vorgestellt hatte, von dem vorgeblichen Briefe, den Begegnungen und dem gemeinsamen Trinken. Sie erklärte, Jenkins erst am Abend des 1. Januar gesehen zu haben. Ihre Aussage beschreibt die Annäherungen vor dem Einbruch und begrenzt ihre Bekanntschaft mit Jenkins; sie bestätigt für sich genommen keineswegs sämtliche Einzelheiten der Überwachung, die Pelham in seiner Einleitung anführt. Die Chronik enthält weder das vollständige Verhör noch die Plädoyers oder die an die Geschworenen gerichteten Fragen.

Die Geschworenen sprachen Clayton und Jenkins schuldig; beide wurden zum Tode verurteilt. Pelham berichtet, das Urteil sei am 19. Februar 1812 vor dem Schuldnertor von Newgate zur gewohnten Stunde und nach dem hergebrachten Zeremoniell vollstreckt worden. Clayton zählte achtundzwanzig Jahre, Jenkins fünfunddreißig. Der Tag des Einbruchs – der 1. Januar – und jener der Verhandlung – der 15. Januar – tragen hier keine ausdrückliche Jahresangabe. Erst die Hinrichtung im Februar 1812 erlaubt den Schluss, dass der Bericht die ersten Wochen jenes Jahres betrifft; dieser Rückschluss darf indessen nicht mit einem durch ein unabhängiges Register verbürgten Sitzungsdatum verwechselt werden.

Der letzte Absatz legt Clayton, nachdem man ihnen die Eisen abgenommen hatte, Worte in den Mund, die an Jenkins gerichtet gewesen sein sollen: Er habe den Augenblick als schrecklich bezeichnet, ihn ermahnt, standhaft zu sterben, die Gerechtigkeit des Urteils anerkannt und gewünscht, ihr Beispiel möge andere vor schlechter Gesellschaft bewahren. Auch diese Rede verdankt sich der nachträglichen Kompilation. Die Pforte in der Bury Street war unter Drohungen aufgestoßen worden, worauf die Häscher zugriffen, ehe das Gut fortgeschafft werden konnte; was das Kapitel mit größter Deutlichkeit festhält, ist die Ergreifung zweier Männer und der nachfolgende Urteilsspruch, während das erste Treffen und mancher Augenblick des Einbruchs in voneinander abweichenden Fassungen überliefert bleiben.

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Trilogie

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Das gesamte Kapitel erstreckt sich über die Seiten 523–524, von einer Zwischenüberschrift zur nächsten. Pelhams Werk ist eine retrospektive Kompilation aus dem Jahre 1887 mit einem Vorwort von 1840; es stellt kein amtliches Protokoll des Old Bailey dar. Die Einleitung verlegt die erste Begegnung zwischen Mary und Clayton in jene Schänke, in der sie Bier holte; ihre eigene Zeugenaussage besagt, sie habe ihn zuerst an der Pforte von Mrs. Martin gesehen, wo er sich unter dem Namen Wilson mit einem Briefe vorstellte. Diese Versionen wurden nicht miteinander verschmolzen. Für den 1. Januar und die Gerichtsverhandlung vom 15. Januar fehlt die ausdrückliche Wiederholung der Jahreszahl; das Jahr 1812 wird aus der Hinrichtung am 19. Februar 1812 erschlossen. Die Quelle bedient sich in der Einleitung einer herabsetzenden, zeittypisch sexistischen Sprache gegenüber Mary; derlei unterstellte Psychologisierungen werden nicht als Tatsachen übernommen. Der Zuträger bleibt anonym.

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