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Justiz & Skandale · England

John Everett: Von den Landstraßen nach Newgate

John Everett, einst Feldwebel auf den flandrischen Schlachtfeldern und später Gerichtsdiener am Whitechapel Court, tat sich mit Richard Bird zusammen, um die Landstraßen rings um London unsicher zu machen. Nach seiner Verhaftung wurde er Kerkermeister, ehe er erneut dem Straßenraub verfiel. Des Überfalls auf Mrs. Manley – identifiziert durch Mrs. Ellis und William Coffee – schuldig befunden, wurde er am 20. Februar 1729/30 (nach heutiger Zeitrechnung 1730) hingerichtet.

John Everett sank nicht durch einen einzelnen Fehltritt zum Straßenräuber herab. Er hatte ehrliche Arbeit verrichtet, im Felde gedient, die Montur der Foot Guards getragen und schließlich das Amt eines Schließers im New Prison bekleidet; doch jede Rückkehr in ein geordnetes bürgerliches Leben scheiterte an neuen Geldsorgen, Festnahmen oder gebrochenen Schwüren. Erst die letzte gerichtliche Verfolgung – der Raub an Mrs. Manley – sollte dieser Laufbahn ein Ende setzen.

Geboren zu Hitchin in der Grafschaft Hertfordshire als Sohn von Eltern, die der Chronist als ehrbar und angesehen beschreibt, erhielt Everett eine kaufmännische Unterweisung und trat bei einem Händler in die Lehre. Noch vor Ablauf seiner Lehrzeit jedoch zog er nach Flandern, wo er an etlichen Belagerungen und Schlachten des damaligen Feldzugs teilnahm. Im Infanterieregiment des Generals Howe stieg er bis zum Feldwebel auf. Nach dem Friedensschluss kehrte er nach England zurück und kaufte sich während der Garnisonszeit in Worcester seinen Abschied.

In London fristete er rund sieben Jahre lang sein Dasein als Gerichtsdiener am Whitechapel Court. Als ihm wegen drückender Schulden der Schuldturm drohte, nahm er erneut Dienst bei den Foot Guards, und zwar in der Kompanie des Earl of Albemarle. Im Hause eines gewissen Mr. C——th machte er die Bekanntschaft von Richard Bird. Angesichts ihrer beider Geldnot schlug Bird vor, ihr Auskommen auf den großen Heerstraßen zu suchen. Everett willigte ein. Sie rüsteten sich aus und begannen ihr Raubhandwerk in den Grafschaften Middlesex, Essex, Surrey und Kent.

Zu ihren ersten namhaften Taten zählte der Überfall auf die Postkutsche von Dartford. Ihr fiel ein Reisesack in die Hände, der Juwelen, bares Geld und kostbare Waren enthielt. Sie brachten die Beute ebenso rasch durch, wie sie sie erbeutet hatten, und blieben trotz der Häufung ihrer Verbrechen in ständiger Not. Bei der Kutsche von Woodford trafen sie nur auf einen einzigen Reisenden, dessen Habe ihnen lohnend schien: Sie nahmen ihm eine goldene Taschenuhr nebst einigem Geld ab. Als der Beraubte den Verlust der Uhr bitterlich beklagte, boten die Räuber ihm an, sie gegen Erlegung einer bestimmten Summe an einem vereinbarten Ort zurückzugeben. Die Chronik lässt offen, ob dieser Handel tatsächlich vollzogen wurde.

Auf Hounslow Heath lauerten sie zwei Offizieren auf, die von mit Donnerbüchsen bewaffneten Dienern begleitet wurden. Ungeachtet der Gegenwehr der Offiziere entrissen sie ihnen deren Golduhren und Geld. Infolge einer noch an Ort und Stelle getroffenen Übereinkunft wurden die Uhren im Young Man’s Coffee House zu Charing Cross hinterlegt, wo ihre Besitzer sie gegen Zahlung von zwanzig Guineen wieder in Empfang nahmen. Der Bericht verzeichnet solche Abmachungen ausdrücklich als unter Zwang erpresste Vergleiche; die spätere Rückgabe des Gutes gegen Lösegeld hob den verbrecherischen Charakter des Raubes keineswegs auf.

Squire Amlow aus Bream’s Buildings wurde auf der Straße nach Epsom in einer offenen Chaise überfallen. Er zog seinen Degen und versuchte die Räuber abzuwehren, doch diese nahmen ihm zwei Guineen, eine silberne Uhr, einen Degen mit Silbergriff sowie wichtige Pergamenturkunden ab. Auf sein Flehen hin händigten sie ihm die Schriftstücke wieder aus. Die Uhr, die bereits beim Pfandleiher Corket in Houndsditch lag, gelangte später ebenfalls an ihn zurück. Bei einer anderen Gelegenheit beraubten sie eine alte Bauersfrau ihres Spitzhutes, von dem sie beteuerte, er stamme noch von ihrer Mutter; als die Räuber das Futter durchsuchten, fanden sie drei Pfund Sterling darin, woraufhin sie ihr den Hut zurückgaben. Auf Acton Common hielten sie zwei mit Edelleuten und Damen besetzte Kutschen an und erbeuteten Geld, Uhren und weiteres Gut im Werte von vierzig Pfund.

Einige dieser Überfälle hat Everett selbst in Denkwürdigkeiten geschildert, in denen er den Schrecken der Taten mit zynischem Spott ins Lächerliche zog. So beschreibt er ein Fuhrwerk auf Hounslow Heath, in dem zwei Quäker saßen; diese hätten ihn als „Sohn der Gewalttat“ beschimpft und seien herabgesprungen, um Widerstand zu leisten. Er rühmt sich, den beiden Quäkern dreißig oder vierzig Schillinge und ihre Uhren abgenommen zu haben, überdies dem einen das Toupet, das er durch eine alte Perücke ersetzt habe. Bird habe derweil die übrigen Insassen ausgeplündert. Der Chronist führt diesen Bericht an, um die frivole Leichtfertigkeit zu belegen, mit der Everett seine Verbrechen darstellte, bemerkt jedoch, dass er die Flüche des Originals übergangen habe.

In seinen Memoiren berichtet Everett ferner von einem Raub auf Millington Common, wo er und Bird zwei Reiter stellten und um etliche Pfund sowie ihre Uhren erleichterten. Sie zerschnitten die Sattelgurte und nahmen die Zäume mit, um eine Verfolgung zu erschweren. Zur Flucht setzten sie mit einer Fähre über die Themse; als die Bestohlenen sie fast eingeholt hatten, bestachen die Räuber die Fährleute, zwangen sie, ihre Ruder ins Wasser zu werfen, sprangen selbst in die Fluten und schwammen ans Ufer. Everett schildert dieses Entkommen als beinahe heiteres Abenteuer, ohne die Todesangst zu bedenken, in die er die Fährleute versetzt hatte.

Schließlich wurde er auf bloßen Verdacht hin festgenommen und ins New Prison geworfen, wo er drei Jahre zubrachte. Dort führte er sich so wohlgefällig auf, dass die Richter ihn freiließen und zum Schließer bestellten. Um seinen Unterhalt aufzubessern, übernahm er das Wirtshaus „Zum Roten Löwen“ in der Turnmill Street; sein Amt gab er ab, als sein Nachfolger – ein Kammerdiener der Herzogin von Newcastle – ihn darum bat. Jener rief ihn indessen bald zurück, da er sich den Amtsgeschäften nicht gewachsen zeigte, und Everett kehrte bereitwillig zurück. Er unterwies den neuen Kerkermeister in der Verwaltung des Gefängnisses und der Versorgung der Gefangenen, wurde jedoch entlassen, sobald dieser seiner Hilfe nicht mehr bedurfte.

Daraufhin pachtete Everett eine andere Schenke, geriet in Schulden und wurde im Fleet-Gefängnis inhaftiert. Dort betrieb er nacheinander mehrere Schenkstätten, darunter den Fleet Cellar, bis das Unterhaus den Direktor und Everett selbst wegen ihrer Verstrickung in unlautere Machenschaften der Gefängnisverwaltung nach Newgate überstellte. Während dieser Haft beschlagnahmte ein Brauer seinen gesamten Bierbestand im Wert von dreihundert Pfund. Everett behauptete später, dieser herbe Verlust habe ihn zurück auf die Landstraße getrieben. Der Chronist bezweifelt diesen Rechtfertigungsversuch: Everett hatte zuvor bereits sein Leben dadurch gerettet, dass er Bird verriet – der daraufhin in Chelmsford am Galgen endete –, und feierlich geschworen, dem Verbrechen für immer abzuschwören.

Der erste Überfall nach diesem neuerlichen Entschluss galt einer Dame, die mit einem sechsjährigen Kinde in einer Kutsche reiste. Auf ihre Bitte hin steckte Everett die Pistole weg, um das Kind nicht zu ängstigen, und begnügte sich mit einer Guinee und etwas Kleingeld; ihre Golduhr und sonstige Kostbarkeiten ließ er unberührt. Der Gatte der Dame und ein weiterer Reiter setzten ihm nach. Everett erreichte mit knapper Not die Taverne „The Globe“ in Hatton Garden, schickte sein Pferd fort und verbarg sich in einer kleinen Schänke in Holborn; seine Verfolger ritten an ihm vorüber, ohne ihn zu erkennen.

Sein letzter Überfall galt Mrs. Manley und einer weiteren Dame in einer Kutsche, in der auch der Knabe William Coffee saß. Everett entkam zunächst den Verfolgern und kehrte in die Stadt zurück, doch schöpften seine Nachbarn Verdacht; er wurde verhaftet, mangels Beweisen jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt. Bald darauf wurde er erneut ergriffen und wegen dieses Überfalls vor dem Old Bailey angeklagt. Mrs. Ellis bezeugte eidlich, er sei der Mann gewesen, der die Kutsche angehalten habe; sie hatte bereits am Stadtrand bemerkt, wie er ihnen folgte. Auch Mrs. Manley erkannte ihn zweifelsfrei wieder. William Coffee, der hinten auf der Kutsche gesessen hatte, bestätigte die Identität des Räubers mit Bestimmtheit. Mehrere Zeugen seiner Festnahme sagten aus, er habe unter einem roten Mantel eine Pistole, einen Dolch, sechs Bleikugeln, einen Feuerstein und ein Pulverhorn getragen.

Seine Verteidigung erschien den Geschworenen haltlos; nach kurzer Beratung sprachen sie ihn schuldig. Zum Tode verurteilt, hegte Everett zunächst die Hoffnung, die beraubten Frauen würden für ihn um Gnade flehen. In einem Brief bat er um Verzeihung für den Schrecken, den er den Damen und dem Kinde eingejagt habe, versicherte jedoch, er habe lediglich fünfzig Pfund zusammenbringen wollen, um sich als ehrlicher Gastwirt niederzulassen. Seine Armut schrieb er zudem den schlechten Ratschlägen eines früheren Dienstherrn zu. Das Schreiben drängte auf ein Gnadengesuch an den Recorder von London, damit der König die Strafe mildere. Der Schritt blieb fruchtlos; der Hinrichtungsbefehl erging alsbald.

Die Berichte über seine letzten Tage weichen voneinander ab. Der Chronist tritt den Schilderungen des Geistlichen von Newgate entgegen, der den Verurteilten gänzlich schwarz gezeichnet hatte: Er hält Everett zugute, dass dieser auch gute Regungen besessen habe, namentlich ein von Natur aus gutmütiges Wesen, und vermerkt, dass er den Andachten in der Kapelle mit gebührendem Anstand beiwohnte. Andere Versuche, sein Leben durch Enthüllungen in einer wichtigen Staatsangelegenheit zu retten, schlugen fehl. Everett wurde am 20. Februar 1730 – in den alten Quellen als 1729/30 verzeichnet – im Alter von etwa vierundvierzig Jahren gehängt. Der Bericht vermerkt, dass der Henker sich auf seine Schultern schwang, um das Ende zu beschleunigen, woraufhin der Strick riss; Everett wurde erneut aufgeknüpft und blieb am Galgen hängen, bis die übrigen Verurteilten bereits abgenommen worden waren.

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Historische Quelle vollständig gesichtet. Der Originaltext datiert die Hinrichtung auf den 20. Februar 1730 (in der damaligen Zählung 1729/30); Everett stand im Alter von etwa vierundvierzig Jahren. Die Verurteilung am Old Bailey erfolgte wegen des Raubes an Mrs. Manley und einer weiteren Dame; Mrs. Ellis, Mrs. Manley und William Coffee identifizierten ihn eindeutig. Die Chronik schildert zudem zahlreiche frühere Taten ohne präzise Zeitangaben und gibt Everetts Memoiren wieder, sondert diese jedoch kritisch vom Bericht ab. Die beiden Uhrendiebstähle sind wohl zu unterscheiden: Nach Woodford blieben Lösegeldsumme und Einlösung des Rückgabeversprechens unklar; die Uhren der auf Hounslow Heath überfallenen Offiziere wurden im Young Man’s Coffee House gegen zwanzig Guineen ausgelöst. Everett war mutmaßlich in betrügerische Praktiken der Gefängnisverwaltung im Fleet verstrickt, doch werden die genauen Umstände nicht dargelegt. Der Text wertet seine Memoiren als zynische Prahlerei und sein Gnadengesuch als strategischen Bittbrief, nicht als Beweis für seine tatsächlichen Motive. Der Name C——th bleibt in der Vorlage unvollständig. Der Bericht erwähnt den Riss des Galgenstricks während der Exekution; dieser Vorgang wurde sachlich wiedergegeben.

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