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Justiz & Skandale · England

Die trockenen Stecknadeln

In Southwark behauptet Richard Hathaway, von Sarah Morduck verhext worden zu sein; diese wird angeklagt und schließlich freigesprochen. Eine aufgebrachte Menge stellt ihr nach, während Zeugen beschwören, der Jüngling faste beharrlich und erbreche Stecknadeln. Vor den Assisen von Surrey im Jahre 1703 überführen ihn jedoch Indizien einer argen Inszenierung und widersprüchliche Aussagen: Die Geschworenen sprechen ihn des Betrugs schuldig.

An einem Februargottesdienst wird die Andacht jäh durch ein Geraune unterbrochen, das das Kirchenschiff durchweht: Sarah Morduck sei eine Hexe. Pastor Martin lässt sie unverzüglich in die Sakristei geleiten. Unter Tränen beteuert sie, zu keiner solchen Anschuldigung Anlass gegeben zu haben. Vor den Toren drängen sich die Gemeindemitglieder um Richard Hathaway, einen Schmiedelehrling aus Southwark, den man für behext hält. Man sagt, er sei erblindet, stumm und nehme seit Wochen keinen Bissen zu sich. In ihren Augen trägt Sarah die Schuld; sie fordern, Hathaway solle sie kratzen und ihr Blut vergießen, fest davon überzeugt, dass diese Handlung ihm Genesung bringen werde.

Martin begibt sich daraufhin in Begleitung des Schmieds, Hathaways Lehrherrn, zu dem jungen Mann. Dieser reagiert auf die Stimme des Geistlichen, ergreift dessen Hand und scheint den Worten des Gebets zu folgen. Der Meister berichtet, es sei eine Besserung eingetreten, nachdem Hathaway Sarah mit den Nägeln zerkratzt habe. Der Geistliche jedoch weigert sich, hierin einen Beweis für einen Zauber zu erblicken. Am folgenden Tag kehrt er mit Sarah und deren Bruder zurück. Hathaway willigt ein, dass eine andere Frau in das Gemach geführt wird. Er wähnt sie für Sarah, zerkratzt ihre Haut und erlangt sogleich das Augenlicht wieder. Als man ihm seinen Irrtum offenbart, bricht er zusammen. Für Martin genügt diese Verwechslung, um schwerste Zweifel zu wecken; ringsumher beharren jedoch viele weiterhin auf dem Glauben an das Wunderzeichen.

Dieser Vorfall vermag die Menge nicht zu bändigen. Kaum hat der Pastor das Haus verlassen, zerren Anwohner Sarah zu der Herberge, in der man Hathaway verwahrt. Diesmal gelingt es ihm, sie zu kratzen; alsbald versichert er, er fühle sich wohler, verzehrt Brot wie Käse und trinkt gierig. Der Wirt und der Lehrherr geraten in Zorn über Martin: Indem er die Sache als Schwindel bezeichne, so klagen sie, habe er ihren guten Ruf vernichtet. Die Nachbarn schmähen den Seelsorger, werfen ihm Bestechlichkeit vor und behaupten, er habe den Galgen um eine Hexe betrogen. Für Sarah wendet der Freispruch die Gefahr mitnichten ab; bald sieht sie sich genötigt, Southwark gänzlich den Rücken zu kehren.

Im ersten Prozess, der in Guildford verhandelt wird, spricht man Sarah Morduck von der Anklage der Hexerei frei. Richard Hathaway steht zu jener Stunde noch nicht als Betrüger vor Gericht. Doch der Skandal flammt von neuem auf, als er Sarah gemeinsam mit einem gewissen Jones und einer Meute bis zu ihrer neuen Unterkunft nahe dem St. Paul’s Wharf nachstellt. Ein Zeuge namens Hern berichtet, er habe gesehen, wie das Weib beschimpft und genötigt worden sei, sich abermals zerkratzen zu lassen. Ein Friedensrichter ordnet eine Untersuchung durch Doktor Hamilton an; dieser vermag nichts Auffälliges zu entdecken. Gleichwohl lässt Friedensrichter Lane sie festsetzen und weist eine Kaution von hundert Pfund zunächst zurück. Erst auf Martins Fürsprache hin kommt sie wieder frei. Doch jenen Nachbarn, die dem Wunder anhängen, steht es frei, ihr bis in das neue Viertel nachzustellen.

Am 24. März 1703 steht Hathaway schließlich vor den Assisen der Grafschaft Surrey unter der Anklage der Hochstapelei. Nicht mehr Sarahs angebliche Zauberei bildet den Gegenstand des Verfahrens, sondern die Anmaßung des Burschen, zehn Wochen lang gefastet, Nadeln erbrochen zu haben und durch das Blut seiner Nachbarin geheilt worden zu sein. Sarah ist bereits reingewaschen; nun obliegt es den Geschworenen zu entscheiden, ob die Zeichen, auf die Hathaway sich beruft, schändlich erlogen sind.

Die Stecknadeln bilden den Kern der Beweisaufnahme. William Bateman sagt aus, man habe ihm angekündigt, Hathaway stehe im Begriff, Nadeln zu speien. Eine Schale sei herbeigebracht worden; der junge Mann habe sich unter Schmerzensgebärden gewunden, und alsbald hätten Stecknadeln auf den Dielen gelegen. Bateman lasse einige davon auf: Sie seien völlig trocken gewesen, zum Teil kantenweise zusammengeheftet, und glichen haargenau jenen, die man ihm zuvor schon gewiesen habe. Als er eine reine Schale verlangte und sie dicht an Hathaways Mund hielt, sei keine einzige Nadel hineingefallen. Schließlich durchsuchte er die Taschen des Burschen und förderte daraus Päckchen verbogener Nadeln zutage, die den auf dem Boden liegenden glichen. Ein Drucker fügt hinzu, Hathaway habe ihm einen gedruckten Bericht über dieses Nadelbrechen zur Veröffentlichung angetragen und eine Schüssel voll Stecknadeln als Beweisstück vorgelegt.

Die Behauptung des langen Fastens erweist sich als schwieriger zu widerlegen. Hathaways Getreue versichern eidig, sie hätten tagelang an seinem Lager gewacht, ohne zu sehen, dass er Nahrung angerührt habe. Eine Pflegerin und weitere Zeugen schildern ihn als hinfällig und elend. Pfarrkinder beteuern, er habe verrostete Nadeln erbrochen und sein Zimmer allein verlassen, um das Gotteshaus aufzusuchen. Eine gewisse Mistress Davenport versichert, sie habe ihn siebzehn Tage lang überwachen lassen und seine Kleidung wie auch sein Bett durchsucht. Ihr Sohn, der gleichfalls Wache hielt, ist vor dem Gerichtstag zur See gefahren und kann nicht vernommen werden.

Diesen Aussagen treten die Schilderungen des Wundarztes Kensey und dessen Dienstmagd entgegen. Kensey berichtet, er habe Hathaway in seinem Haus beherbergt, ohne ihm offen zu drohen, während seine Magd dem Gast heimlich Kost zutrug. Sie hätten ihn mehrmals essen sehen, zuweilen mit rechtem Heißhunger; kaum jedoch näherten sich Besucher, habe er sogleich wieder die Gebärde tiefster Schwäche angenommen. Einmal habe er nach dem Genuss starken Bieres getanzt und mit der Kaminzange gespielt; ein andermal gab er vor, sich nicht einmal von seinem Stuhl erheben zu können. Kensey erzählt ferner, Hathaway habe zu fliehen versucht, und als man ihn fasste, habe er sich heftig gewehrt, um alsbald wie entkräftet auf das Lager zurückzusinken.

Doktor Hamilton bestätigt die Zeichen eines Zaubers keineswegs. Er fand in Mund und Rachen Hathaways nichts, was diesen Zustand erklären könnte. Er erachtet die Nadeln für ein Werk der Fingerfertigkeit und bezweifelt gänzlich, dass ein Mensch ein derart langes Fasten ohne Speis und Trank überstehen könne. Selbst Sir Thomas Lane, der die Anzeichen einer Besessenheit anfänglich ernst genommen und Hathaway gestattet hatte, Sarah zu ritzen, räumt ein, dass der Jüngling nach dem Zerkratzen einer Frau zu essen begonnen und einen großen Humpen in einem Zuge geleert habe. Zuvor hatte Lane noch Sarahs Leibesvisitation befohlen und sie im Gefängnis behalten; er hatte Martin nicht sogleich Gehör geschenkt, als dieser das Wunder bezweifelte.

Hathaway lässt eigene Entlastungszeugen aufrufen. Einige schwören, sie hätten ihn blind, stumm, von Zuckungen geschüttelt oder gänzlich ohne Appetit gesehen. Ihre Zeugnisse zeichnen zwar das Bild sichtbaren Leidens, geben jedoch keinen Aufschluss darüber, was er abseits ihrer Blicke verzehrt haben mochte. Die Anklage begegnet dem mit alltäglichen Beobachtungen und den in seinen Taschen gefundenen Nadeln. Der Richter mahnt die Geschworenen, es gehe einzig um die Frage, ob Hathaway das Volk hintergangen habe, nicht aber darum, ob er leichtgläubig genug gewesen sei, selbst an seine Verhexung zu glauben. Er heißt sie wohl zu trennen zwischen vorgeblichen Wundern und den Tatsachen, die richterlichem Urteil unterliegen.

Die Geschworenen bedürfen keiner Beratung. Sie sprechen Hathaway des Betrugs schuldig. Der Richterspruch vermag die Not Sarah Morducks nicht ungeschehen zu machen, die von ihren Nachbarn geächtet und aus ihrer Behausung vertrieben worden war; noch macht er die damaligen Wächter zu unfehlbaren Beobachtern. Er enthüllt vielmehr, auf welche Weise ein Hexengerücht Fleisch ansetzt: das Blut auf der Haut, die Nadeln auf den Dielen, Zeugen, die fest an ein Fastenwunder glauben, und schließlich die Taschen, die ihr trügerisches Geheimnis preisgeben. Wo das Scheingebilde nicht mehr verfängt, wendet sich der Richtstrahl gegen den Ankläger selbst. Hathaway wird als Schwindler verurteilt; Sarah aber hatte ihre Heimat längst verlassen müssen, ehe die Gerechtigkeit jenen traf, der mit dem Finger auf sie gezeigt hatte.

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Der Bericht trennt die Hexereivorwürfe gegen Sarah Morduck, deren Freispruch und den gesonderten Betrugsprozess gegen Hathaway streng voneinander. Er gibt die einander widersprechenden Zeugenaussagen wieder, ohne das angebliche Fasten oder den Zauber als bewiesene Tatsachen darzustellen.

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