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Justiz & Skandale · England

Die Zelle in der York Street

Im Jahre 1834 wurde ein Solicitor unter dem falschen Namen Heath in eine Zelle gelockt und dort angekettet, um ihm einen Scheck und eine Urkunde abzupressen. Die Anklagen wegen Raubes und Erpressung vor dem Old Bailey scheiterten; erst vor den Middlesex Sessions ergingen getrennte Schuldsprüche wegen Verschwörung und tätlichen Angriffs.

In der York Street West war die Zelle so eingerichtet, dass sie selbst den geringsten Laut eines Menschen erstickte. Wände aus starken Holzbohlen umschlossen einen Raum von fünf Fuß auf drei; zwischen diesen und einer zweiten Zwischenwand war feste Erde aufgeschüttet worden. Als die Polizeibeamten nach der Flucht des M. Gee das Haus betraten, fanden sie noch die von den Balken herabhängende Kette und die durch Bodenringe geschlungenen Seile vor. Camden Pelham überliefert diese Entdeckung als den dinglichen Endpunkt eines Nötigungsunternehmens, das um eine Geldsumme ersonnen worden war, deren Verwahrung dem Solicitor oblag.

Gee verwaltete für die Testamentsvollstrecker eines gewissen Canning jene Gelder, die für dessen Witwe und sodann für seine drei Kinder bestimmt waren. Von den zweitausend Pfund des Nachlasses waren zwölfhundert angelegt worden; achthundert harrten noch der Unterbringung. Diese letzte Summe hatte Gee seinen Bankiers, Gibson und Comp., in Saffron Walden anvertraut. Ein von einem „W. Heath“ unterzeichneter Brief trug ihm den Kauf eines Grundstücks nahe Bishop’s Stortford an. Gee willigte ein, den Briefschreiber am 12. Mai 1834 im Bull Inn zu Aldgate zu treffen. Der Mann erschien nicht. Stattdessen überbrachte ein als Matrose gekleideter Jüngling ein zweites Schreiben, worin Gee gebeten wurde, ihm in einer Droschke zur Wohnstatt des Erkrankten zu folgen.

Die Fahrt endete vor dem Hause Nummer 27 in der York Street West. Im Vorraum eröffnete ihm ein Mann, sein Bruder nehme das Frühstück in der Küche ein. Hinter Gee fiel die Haustür ins Schloss; der Kutscher fuhr von dannen. Als Gee hinabstieg, wurde er von dem Boten, dem Manne aus dem Vorraum und einer dritten Gestalt gepackt, in die Spülküche geschleppt und in der Zelle festgebunden. Einer von ihnen gab sich nun als der Bruder der Mrs. Canning aus und forderte einen Scheck über achthundert Pfund sowie eine Anweisung zur Aushändigung der Urkunde, welche die bereits angelegten zwölfhundert Pfund sicherte. Erst in diesem Augenblick begriff Gee, seinen eigenen Bekundungen zufolge, den wahren Zweck der Falle.

Die Männer machten aus dem Zwang kein Hehl. Sie erklärten ihm wohl zu wissen, dass ihr Tun wider das Gesetz sei; doch gedächten sie ihn gefangen zu halten, bis das Geld und die Urkunde in ihren Händen seien. Als sie sich anschickten, ihn in der Finsternis zurückzulassen, befürchtete Gee, ein Hilferuf könnte seinen Tod nach sich ziehen. Er rief die Peiniger zurück und willigte ein zu schreiben. Der Scheck war auf seine Bankiers zu ziehen; das Schreiben an einen M. Bell in Newport (Grafschaft Essex) wies diesen an, die Urkunde dem Überbringer zur Prüfung durch Mrs. Canning auszuhändigen. Der Mann, der sich als deren Bruder ausgegeben hatte, verließ sogleich mit den Papieren das Haus. Gee blieb unter der Bewachung der übrigen zurück, doch stand die Zellentür nun offen.

Drei volle Stunden bedurfte es, ehe es ihm gelang, die eiserne Kette um seine Brust abzustreifen und seine Füße von den Stricken zu befreien. Daraufhin schlich er in den Garten, entging den Blicken der beiden in der vorderen Küche speisenden Männer, überwand die Mauer und gelangte in eine benachbarte Straße. Er entsandte sogleich Boten zu M. Bell und zur Bank mit der Weisung, den Verfügungen keineswegs Folge zu leisten, und begab sich alsdann zur Polizeiwache.

Die Beamten Lea und Shelswell fanden das Haus verschlossen und verlassen vor; sie mussten die Tür gewaltsam aufbrechen. Abgesehen von einigen Stühlen in der Küche und einem Fensterrollo wies das Anwesen kaum Mobiliar auf; seine Bewohner hatten es erst am vorhergehenden Sonnabend gemietet. Nachbarn hatten nach der Flucht zwei Männer beobachtet, die den Garten absuchten; sie gaben vor, einen Dieb zu verfolgen, und entfernten sich alsdann. Die Untersuchung der Zelle bestätigte die Zurichtung des Ortes: ein erhöhter Sitz, eine für die Kette in die Wand geschlagene Eisenstange, eine weitere auf dem Boden mit zwei Wirbeln und der zur Bindung der Füße benutzte Strick. Die Vorrichtung allein bewies zwar noch nicht, wer die Falle ersonnen hatte, doch deckte sie sich haargenau mit dem Bericht des Mannes, der ihr soeben entronnen war.

Pelham bezeichnet als Hauptanstifter einen blinden Mann namens Edwards, den Mieter des Hauses, der überdies bei Mrs. Canning in Providence Row verkehrte. Edwards wurde festgenommen, nachdem er die Wohnung jener Witwe verlassen hatte. Peter Lecasser, dessen Eheweib Mary und Jeremiah Weedon wurden ergriffen, als sie sich dem Hause in der York Street näherten. Die Chronik weist ihnen unterschiedliche Rollen zu: Mrs. Lecasser war Edwards’ Schwester; ihr Gemahl und Weedon sollten bei dem Überfall geholfen haben; Weedon, von Beruf Schmied, habe die Zelle erbaut. Edwards soll gestanden haben, das Unternehmen ins Werk gesetzt zu haben, nachdem er auf gesetzlichem Wege nicht an das Geld gelangen konnte. Pelham bringt „Heath“ überdies mit einer weiteren Identität in Verbindung: Der Geistliche Mathias erkannte Edwards als jenen Mann wieder, den er unter diesem Namen mit einer Elizabeth Jenkins getraut hatte – hinter welcher sich nach damaliger Vermutung Mrs. Canning verbarg. Diese Behauptung wurde von der Betroffenen bestritten; ihre Schwester wiederum bestätigte die vom Pfarrer bezeugte Eheschließung. Edwards gab an, Mrs. Canning etwa zwei Jahre zuvor kennengelernt zu haben, als man ihn zum Stimmen ihres Klaviers empfohlen habe, welchem Gewerbe er nachging. Pelham vermerkt, sein Nießbrauch am Nachlass wäre mit dem Ende ihrer Witwenschaft erloschen; er stellt diesen Umstand als mögliche Erklärung für ihr Leugnen dar, keineswegs jedoch als erwiesene Tatsache. Mrs. Lecasser wiederum wurde von der weiteren Verfolgung ausgenommen und schied vor dem Prozess der drei Männer aus dem Verfahren aus.

In der Voruntersuchung wurden drei Männer zur Verhandlung vor den nächsten Assisen überwiesen; Mrs. Lecasser wurde entlassen. Pelham zitiert hierzu die herangezogene Gesetzesbestimmung: Für das Erpressen von Eigentum durch Drohungen oder Gewalt sah das Gesetz die lebenslange Deportation oder eine solche von mindestens sieben Jahren vor, ersatzweise Gefängnis bis zu vier Jahren, verbunden mit körperlicher Züchtigung. Das Kapitel verlegt das Erscheinen von Edwards, Weedon und Lecasser vor dem Old Bailey auf den 12. Juli. Die erste Anklage lautete auf den Raub eines Schuldscheines über achthundert Pfund „von der Person“ des M. Gee; die Verteidigung wandte ein, dass Gee das Dokument keineswegs am Leibe getragen habe. Richter Patteson schlug diese Klage nieder, und die Geschworenen sprachen die drei Männer frei. Dieser erste Freispruch entsprang mithin der gewählten Fassung der Anklage, deren juristische Konstruktion mit dem tatsächlichen Besitz der Schriftstücke nicht übereinstimmte.

Eine zweite Anklage machte geltend, die Beschuldigten hätten unter Drohungen eine Sicherheit über zwölfhundert Pfund und eine Zahlungsanweisung über hundert Pfund erpresst. Der Gerichtshof befand abermals, dass die Formulierung nicht standhalten könne: Den überlieferten Gründen zufolge hatten die Angeklagten die besagte Anweisung bereits erlangt, während Gee die zur Eigentumsübertragung der Urkunde erforderlichen Papiere zu keinem Zeitpunkt besessen hatte. Sie wurden folglich auch von diesem Anklagepunkt freigesprochen, blieben jedoch in Haft, da den Middlesex Sessions eine gesonderte Anklage wegen tätlichen Angriffs unter Einbeziehung von Mrs. Canning vorlag. Ein Freispruch von Raub und Erpressung setzte dem gerichtlichen Nachspiel somit kein Ende.

Am 1. August standen vier Personen – Edwards, Weedon, Lecasser und Mrs. Canning – vor den Middlesex Sessions; die Verhandlung währte bis zehn Uhr nachts. Die Geschworenen sprachen Mrs. Canning frei. Edwards und Weedon befanden sie der Verschwörung schuldig, Lecasser des tätlichen Angriffs. Das Strafmaß trug dieser Abstufung Rechnung: zwei Jahre Gefängnis in Newgate für Edwards, zwölf Monate Zuchthaus für Weedon und sechs Monate in derselben Anstalt für Lecasser.

Das Haus in der York Street fand sich beinahe kahl vor, doch hatte seine bauliche Gestalt das genaue Maß des Zwanges bewahrt: fünf Fuß auf drei, eine Kette für den Rumpf, Stricke für die Beine, Erde zwischen den Wänden. Auf den Richterbänken hatten sich die rechtlichen Würdigungen im Verlaufe der Sitzungen gewandelt. Im Raume selbst waren die Ringe und Stangen unverrückt geblieben; die endgültigen Schuldsprüche lauteten auf Verschwörung und tätlichen Angriff.

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Die Schilderung folgt dem retrospektiven Bericht von Camden Pelham: Sie überliefert eine Freiheitsberaubung zur Erlangung eines Schecks und einer Übertragungsanweisung. Gee verfasste diese Schriftstücke und ließ alsdann die Bank sowie Bell anweisen, ihnen keine Folge zu leisten; über den tatsächlichen Erfolg dieser Warnungen schweigt die Quelle. Das Old Bailey schlug zwei fehlerhaft formulierte Anklagen nieder und sprach die Angeklagten frei; ein gesondertes Verfahren vor den Middlesex Sessions verurteilte Edwards und Weedon sodann wegen Verschwörung, Lecasser wegen tätlichen Angriffs, während Mrs. Canning freigesprochen wurde. Die Gleichsetzung von Edwards mit Heath sowie die Personalie Mrs. Cannings entstammen Pelhams Werk, und ihr Bestreiten wird ausdrücklich vermerkt. Es wurden weder Prozessakten, zeitgenössische Sitzungsprotokolle noch Primärquellen herangezogen; die drei literarischen Entwürfe sind eigenständige Fiktionen.

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