Als John Lowman jene Kammer betrat, galt sein Suchen nicht Mary Carleton. Der Schließer des Marshalsea-Gefängnisses begleitete einen Bierbrauer aus Southwark, der einem Dieb namens Lancaster auf der Spur war. Im Gemach des zweiten Stockwerks stand eine Frau im Nachtgewand nahe einem Tisch, auf dem drei Briefe lagen. Sie verwahrte sich gegen das Eindringen der Männer; der darauffolgende Wortwechsel bot Lowman Gelegenheit, ihr Antlitz genauer zu mustern. Er erkannte sie, rief sie bei ihrem Namen und führte sie samt den Briefen ab. Dies trug sich im Dezember 1672 zu. Die Chronik, welche diese Verhaftung überliefert, zeichnet Mary abwechselnd als deutsche Prinzessin, als zweifelhafte Ehefrau, als Schauspielerin und als gewohnheitsmäßige Diebin. Nun führte sie eine Identität, die man längst enttarnt geglaubt hatte, erneut vor die Schranken des Gerichts.
Die Chronik von 1825, der diese Szene entnommen ist, stellt Gerichtsverhandlungen, Berichte Dritter und Anekdoten über Diebstähle nebeneinander; ihre Anklagen erreichen uns stets durch die Feder jenes späten Kompilators. Im Verlaufe dieser Begebenheiten wechselt Mary beständig Namen und Aufenthaltsort, und der Beiname einer „deutschen Prinzessin“ öffnet ihr die Pforten der Wirtshäuser, des Ehestandes wie auch der Schaubühne. Die wahren Umstände ihrer Herkunft bleiben bis heute im Dunkeln.
Jener Chronik zufolge erblickte sie in Canterbury als Mary Moders das Licht der Welt, als Tochter eines Domchorsängers – oder, nach anderer Überlieferung, eines kleinen Krämers. Sie vermählte sich mit einem Schuhmacher namens Stedman, gebar zwei Kinder, die beide im zarten Alter verstarben, und verließ daraufhin ihren Gatten. In Dover soll sie einem zweiten Manne, einem Wundarzt von Beruf, die Hand gereicht haben. In Maidstone wegen Bigamie angeklagt, sprach das Gericht sie mangels zureichender Beweise frei. Eine dritte Verbindung, eingegangen mit John Carleton, machte ihren Namen in ganz London ruchbar: Die Verwandten ihres neuen Gemahls wiesen auf ihre früheren Ehen hin. Sie wurde in Newgate eingekerkert und abermals wegen Doppelehe belangt; doch auch diesmal endete das Verfahren mit einem Freispruch.
Zwischen der Heirat in Dover und jener mit John Carleton führt die Chronik sie nach Köln. Dort soll sie sich in einer Herberge eingemietet haben und nach Spa gereist sein, wo ein betagter Herr, den der Bericht als wohlhabend schildert, ihr verfiel. Er überhäufte sie mit Geschmeide, einer goldenen Kette und einer Denkmünze aus seinen Feldzugstagen unter dem Grafen Tilly. Er trug ihr die Ehe an; sie willigte ein, woraufhin er abreiste, nachdem er ihr Geldmittel für die Hochzeitsvorbereitungen anvertraut hatte. Da, so weiß der Bericht zu melden, bat sie die Wirtin, ihr eine Kutsche zu beschaffen, deren Weg nicht wieder nach Köln führe. Kaum hatte die Wirtin das Haus verlassen, erbrach Mary die Schatulle, in welcher jene ihr Geld verwahrte, und entwendete den gesamten Inhalt – einschließlich jenes Anteils, den die Wirtin von den Geschenken des Freiers erhalten hatte. Hernach floh sie nach Utrecht, veräußerte einen Teil des Schmucks in Amsterdam, zog über Rotterdam und Den Briel weiter und schiffte sich nach England ein.
In den frühen Morgenstunden gegen Ende März landete sie in Billingsgate und fand schließlich in der Exchange Tavern Unterschlupf. Dort, im Kreise vornehmer Herren, tischte sie eine abenteuerliche Lebensgeschichte auf: Sie sei zu Köln als Tochter des Henry Van Wolway, Herrn von Holmstein, geboren und des Landes verwiesen worden, nachdem sie einen vom Vater verachteten Adligen geheiratet habe. Sie berichtete, dieser Gatte sei aufgrund eines falschen Verdachts getötet worden, und überließ ihre Tränen der weiteren Wirkung. Die anwesenden Männer leerten ihre Börsen zu ihren Gunsten und gelobten, mit weiteren Hilfsgeldern wiederzukehren. Der Ruf einer „deutschen Prinzessin“ blieb an ihr haften; der Überlieferung nach führte sie diesen Titel fortan öffentlich.
John Carleton, der Schwager des Wirtsbruders, begann alsbald um sie zu werben. Zwar erreichte dessen Bruder ein anonymer Brief, der die Dame als Betrügerin brandmarkte und behauptete, sie habe bereits im Kent Männer geheiratet und sei anschließend mit deren Habe entflohen; das Schreiben enthielt gar genaue körperliche Merkmale zu ihrer Erkennung. Dennoch führte Carleton die angebliche Prinzessin vor den Altar. Die neue Verbindung brachte sie abermals vor die Richter; das Buch berichtet, sie sei freigesprochen worden, da die Zeugenaussagen für einen Schuldspruch nicht ausreichten. Mit dieser Ehe war die Geschichte keineswegs zu Ende. Bald darauf nahmen Komödianten sie in ihre Truppe auf; ein eigens von der „deutschen Prinzessin“ inspiriertes Stück kam zur Aufführung, worin sie eine tragende Rolle übernahm und schließlich den Epilog sprach.
Die Schaubühne verschaffte ihr neue Bewunderer. Der Chronik nach boten ihr zwei Herren beträchtliche Summen an, ehe sie ihnen den Laufpass gab. Ein dritter, von reiferen Jahren, bedachte sie mit Ringen und Geschmeide und sicherte ihr ein jährliches Auskommen zu. Sie nahmen gemeinsam Wohnung. Eines Abends, als er dem Trunke zugesprochen hatte, schenkte er ihr einen Edelstein; sobald er eingeschlafen war, durchstöberte sie seine Taschen und fand ein Notizbuch, einen auf einen Goldschmied gezogenen Wechsel über hundert Pfund sowie die Schlüssel zu seinen Geldkisten. Zudem eignete sie sich zwanzig Goldstücke, eine Taschenuhr, ein Siegel, eine silberne Uhr, Tafelgeschirr und sonstige Kostbarkeiten an. Am Morgen begab sie sich zum Goldschmied, der den Wechsel anstandslos einlöste, ohne Argwohn zu schöpfen, dass das Papier nicht vom rechtmäßigen Inhaber stammte.
In Cheapside ließ sie sich von einem Seidenhändler Stoffe im Werte von sechs Pfund vorlegen. Ihre Börse, so gab sie vor, enthalte lediglich alte Goldmünzen, von denen sie sich ungern trenne; daraufhin sandte der Kaufmann einen Gehilfen mit ihr zur Unterkunft, um die Zahlung entgegenzunehmen. Nahe der Royal Exchange stieg sie unter dem Vorwand aus, passende Bänder besorgen zu wollen. Der Gehilfe verharrte mit den Waren in der Kutsche; die Dame und ihre Magd jedoch verloren sich in den anliegenden Gassen.
Auch ein französischer Seidenweber in Spitalfields schenkte der Erzählung einer vermögenden Kundin Glauben. Sie bestellte Seide im Werte von vierzig Pfund, von welcher ein Teil, so behauptete sie, für eine im Nebenzimmer logierende Verwandte bestimmt sei. Sie vertröstete ihn mit Wein, während sie die Ballen angeblich zu jener Verwandten trug. Als er schließlich ungeduldig anklopfte, wies ihm das Hausgesinde eine Hintertreppe; die Mieterin war längst über alle Berge. Ein Schneider wiederum erhielt den Auftrag, Seidenstoffe zu Gewändern zu verarbeiten. Für den Tag, an dem sie Gäste empfangen wollte, händigte sie der Wirtin zwanzig Schillinge aus, um ein Mahl zu bereiten. Der Schneider betrank sich. Als die Hausherrin hinaufstieg, um ihn zu Bette zu bringen, verließen Mary und ihre Tischgesellschaft das Haus, beladen mit dem Silber und allen greifbaren Kleidern; ihre Magd bestieg samt der Beute eine Droschke, während sich die übrigen auf verschlungenen Wegen zerstreuten.
Diese Schelmenstreiche, welche der Kompilator wie lauter Bravourstücke aneinanderreiht, fanden schließlich in Newgate ihr vorläufiges Ende. Wegen des Diebstahls eines silbernen Bechers in Covent Garden festgenommen, wurde Mary schuldig gesprochen und verurteilt. Die Todesstrafe wandelte man in Verbannung um; sie wurde nach Jamaika deportiert. Zwei Jahre später freilich, so bezeugt die Chronik, weilte sie wieder in London und gab sich diesmal als wohlhabende Erbin aus. Sie ehelichte einen Apotheker in Westminster, den sie um mehr als dreihundert Pfund erleichtert haben soll, ehe sie ihn verließ.
Dann folgte jener Tag in der Kammer, da Lowman nach Lancaster fahndete. Nach ihrer Festnahme blieb Mary bis zum 16. Januar des folgenden Jahres in Marshalsea in Haft, ehe sie durch einen Habeas-Corpus-Befehl vor dem Gerichtshof des Old Bailey erschien. Man hielt ihr vor, ob sie tatsächlich jene als Mary Carleton bekannte Person sei; sie bejahte dies. Das Gericht verlangte daraufhin Auskunft darüber, weshalb sie vor Ablauf ihrer Verbannungszeit zurückgekehrt sei. Der Bericht besagt, sie habe zunächst auf Zeit gespielt und sodann eine Schwangerschaft vorgegeben. Ein Geschworenengericht aus Frauen erklärte sie nach Leibesvisitation für nicht schwanger. Am letzten Verhandlungstage empfing sie das Todesurteil.
Im Gefängnis gaben sich die Besucher die Klinke in die Hand: manche kamen aus bloßer Schaulust, andere, um mit ihr über den Tod und das Seelenheil zu sprechen. Einem derselben soll Mary anvertraut haben, sie sei katholischen Glaubens, bereue ihren bisherigen Lebenswandel und wünsche sehnlichst, ein neues Leben beginnen zu dürfen. Zugleich beklagte sie sich über jene Frauen, die über ihre Leibesfrucht geurteilt hatten; sie hätten ihres Urteils unmöglich gewiss sein können und ihr billigerweise mehr Zeit gewähren müssen.
Am 22. Januar 1673 wurden ihr die Eisen abgenommen. Vor dem Aufbruch heftete Mary das Bildnis ihres Gatten Carleton an ihren Ärmel. Einem Kavalier, der sie besucht hatte, entbot sie auf Französisch ein Lebewohl, während die Glocke von St. Sepulchre die Sterbestunde schlug. Ein Freund, Master Crouch, bestieg mit ihr den Richtkarren; sie überreichte ihm zwei katholische Erbauungsbücher, The Key of Paradise und The Manual of Daily Devotion.
In Tyburn angelangt, bekannte sie vor der versammelten Menge, sie sei eitel gewesen, flehte Gott um Vergebung an, wie auch sie ihren Feinden vergebe, und fügte hinzu, sie habe noch manches zu ihrer Verteidigung vorzubringen. Alsdann wurde sie am Galgen gehenkt. Man bettete ihren Leichnam in einen Sarg und scharrte ihn auf dem Kirchhof von St. Martin ein. Der Prinzessinnentitel hatte das Richturteil nicht abzuwenden vermocht; das Bildnis jenes Gatten jedoch, den sie einst gewählt hatte, geleitete sie bis auf ihren letzten Gang.
