Als Eleonore zum ersten Mal befahl, jene Frau heraufzuführen, glaubte der Diener sich verhört zu haben. Im Hause ihres Gemahls verkehrten viele Gäste, doch pflegten jene, die durch das Hauptportal eintraten, ihren Namen vorauszuschicken, ehe sie ihr Gesicht zeigten; diese Besucherin hatte weder das eine noch das andere genannt, sondern lediglich ein gefaltetes Billet überreicht, dessen Papier die Herrin des Hauses auf den ersten Blick wiedererkannt hatte.
— In den kleinen Salon, sprach sie.
Sie fügte hinzu, man dürfe sie unter keinen Umständen stören, bereute diesen Befehl jedoch sogleich: Verlieh er doch einer Zusammenkunft, deren Tragweite sie herunterzuspielen suchte, den verdächtigen Anschein eines Geheimnisses. Der Diener verneigte sich. Er diente schon zu lange in vornehmen Häusern, als dass er darnach gefragt hätte, was man dort verbarg; man hätte ihn gewiss besser bezahlt, wäre er weniger geschickt darin gewesen, es zu erraten.
Die Besucherin trat ohne Hast ein. Sie trug ein dunkles, an den Ellenbogen abgetragenes Kleid und Handschuhe, deren Finger sie eigenhändig ausgebessert hatte. Man wies ihr einen Stuhl nahe der Türe an; sie jedoch zog jenen vor, der dem Fenster gegenüberstand.
— Mein Gatte ist ein vortrefflicher Mann, begann Eleonore.
— Dann habe ich mich wohl in der Adresse geirrt.
Eine sonderbare Empfehlung
In dem Palermo, von dem hier die Rede ist, sollte der Name der Giovanna Bonanno für alle Zeit mit jener Giftmordaffäre verknüpft bleiben, von der die Archive namentlich ein Verhörprotokoll vom 9. Oktober 1788 verwahren. Im Schatten tatsächlicher Kriminalfälle lassen Furcht und Begehren andere Geschichten erwachsen: Frauen raunen einander Namen zu, Adressen und Hoffnungen, die sie vor ihren Familien niemals auszusprechen wagten. Der Besuch, der uns hier beschäftigt, gehört auf jene Pfade der Einbildungskraft; er hebt an mit einer so dunklen Empfehlung, dass Eleonore nicht einmal nachgefragt hatte, worin diese eigentlich bestehe.
Ihre Cousine hatte ihr lediglich bedeutet: »Diese Person weiß Auswege.« Jenes Wort hatte sie mehrere Nächte lang verfolgt. Ein Ausweg – das mochte eine Pforte sein, eine Reise, gar ein Tod; sie hatte es ihrer Phantasie überlassen, die Wahl zu treffen, und sich insgeheim beglückwünscht, keine verräterische Frage gestellt zu haben.
Nun wartete die Frau darauf, dass sie das Wort ergriffe.
— Man sagte mir, Sie stünden Personen in meiner Lage bei.
— In welcher Lage?
Eleonore blickte auf die beiden Tassen, die auf dem Präsentierteller standen. Sie hatte Kaffee bringen lassen, um der Zusammenkunft den Anschein des Alltäglichen zu geben; doch seit dem Eintritt der Fremden haftete den Gegenständen eine beinahe unheilvolle Schwere an. Namentlich die Zuckerdose schien ihr allzu nah bei ihr zu stehen.
— Ich wünschte, gewisse Dinge nähmen ein Ende.
— Da müssten Sie mir schon sagen, welche. Ich verkaufe das Glück nicht fläschchenweise.
Die gefangene Hand
Ihr Gatte schlug sie nicht. Dies war der erste Einwand gewesen, den man ihr entgegenhielt, wenn sie sich beklagte, und er galt in ihrer Verwandtschaft als unumstößlicher Beweis dafür, dass ihr nichts Ernstliches fehle. Er bezahlte ihre Kleider, wählte ihre Gesellschaft aus, bestimmte über die Sommerfrische; er verstand es sogar, mit vollendeter Sanftmut darzulegen, weshalb die Entschlüsse, die er fasste, genau jene waren, die sie sich selbst hätte wünschen müssen.
Sprach sie davon, zu ihrer Schwester zu reisen, lachte er. Verlangte sie nach Geld, das ihr eigen wäre, küsste er ihre Hand. Vor Freunden hielt er diese zuweilen in der seinen, mit einer Zärtlichkeit von solcher Dauer, dass sie sich nicht zu erheben vermochte; alle Welt bewunderte alsdann eine Ergebenheit, die sie selbst bis in die tauben Fingerspitzen hinein verspürte.
Sie erzählte von dieser Hand, ehe sie vom Übrigen sprach. Die Besucherin lauschte, ohne sie zu unterbrechen. Dieses Schweigen, das sie weder zu entschuldigen noch zu verurteilen trachtete, löste Eleonores Zunge; sie sprach von erbrochenen Briefen, von gemusterten Ausgaben, von Zeilen, die sie gar nicht erst geschrieben hatte, weil man ihr jedes Wort hätte abfordern können.
— Und Sie möchten, dass er Sie nicht länger festhalten kann? sprach die Frau.
— Ich möchte leben.
Sie hatte zu hastig geantwortet. Das Wort jagte ihr Furcht ein, als bedinge es unausweichlich das Gegenteil für einen anderen Menschen. Die Besucherin öffnete ihre Tasche; Eleonore wich in ihrem Sessel zurück.
Sie zog einen Briefumschlag hervor.
Der Preis der Freiheit
— Eine Dame sucht eine Vorleserin für ihre betagte Mutter. Kost und Logis sind frei, der Lohn wird monatlich gereicht. Ich habe ihr bedeutet, dass Sie wohllautend lesen.
Eleonore betrachtete das Papier, ohne danach zu greifen. Sie hatte sich auf einen schauerlichen Antrag gefasst gemacht, auf eine jener Abmachungen, deren Namen man sein ganzes Leben lang verschweigt; auf die Suche nach einer Dienststelle war sie nicht gefasst gewesen.
— Sie haben mich missverstanden.
— Im Gegenteil, nun beginne ich zu begreifen.
— Ich kann dieses Haus doch nicht verlassen wie eine entlassene Magd.
— Eine entlassene Magd hat nicht immer ein anderes Haus, das sie aufnimmt.
Die Replik traf sie umso tiefer, als sie keinen offenen Vorwurf enthielt. Mit einem Male sah sie die Frau vor sich, die Flickstellen an den Handschuhen, den Saum des Ärmels, abgewetzt von Verrichtungen, nach deren Art sie sich nie erkundigt hatte. Sie hatte gehofft, eine arme Kreatur würde ihr das Mittel feilbieten, reich zu bleiben, ohne eine Gefangene zu sein. Die Fremde jedoch reichte ihr einen Schlüssel, der die Möbel nicht mitnahm.
Auf dem Flur stockte ein Schritt. Der Diener meldete, der Herr Gemahl sei früher heimgekehrt als vermutet. Eleonore sah zur Tür; die Besucherin rührte sich nicht.
— Sie sind eine Händlerin, flüsterte sie.
— Wenn es Ihnen so gefällt.
— Für Spitzen.
— Dann werden sie aber von hohem Preise sein.
Der Herr kehrt heim
Der Gemahl trat ein mit jener Selbstverständlichkeit eines Mannes, dem kein Gemach seines Hauses fremd bleiben darf. Er erblickte die Fremde, den Umschlag, den erkalteten Kaffee, und seine Neugier kleidete sich alsbald in das Gewand des Wohlwollens.
— Eine Ausgabe, die man vor mir verbergen wollte?
Eleonore hätte auf den Scherz eingehen können. Sie kannte den weiteren Fortgang: ein eingestandener kleiner Fehltritt, eine heitere Verzeihung, die Besucherin verabschiedet und jener Umschlag in eine Schublade verbannt, die sie nimmermehr öffnen würde. Ihr ganzes bisheriges Dasein hatte aus solchen unscheinbaren Anlässen bestanden, bei denen man das Wesentliche auf später vertagte.
Sie ergriff das Papier.
— Eine Adresse, erwiderte sie.
— Wozu soll die dienen?
Die Frau mit den geflickten Handschuhen erhob sich. Sie brauchte nicht zu verweilen, damit die Wahl Wirklichkeit wurde; sie hatte begriffen, dass ihre Anwesenheit Eleonore nur dazu verleiten würde, ihr die Entscheidung zu überlassen.
— Ich werde morgen wieder vorsprechen, sagte sie schlicht.
Der Ehemann lächelte, der festen Überzeugung, es mit einer geduldigen Bittstellerin zu tun zu haben. Er reichte ihr eine Münze. Sie blickte auf das Geldstück, sodann auf Eleonore, die zum ersten Mal seit Beginn der Unterredung den Blick nicht senkte.
— Die gnädige Frau weiß, wo ich zu finden bin.
Sie ging hinaus. Im Salon nahm die Stille ein Maß an, an das weder die Frau noch der Mann gewöhnt waren. Der Gatte fragte von Neuem, was der Umschlag enthalte. Eleonore presste ihn an sich; es war bemerkenswert, dass ein so dünnes Blatt ihr schwerer zu entreißen war als all das Geschmeide, das er jemals für sie auserlesen hatte.
— Die Möglichkeit zu gehen, sprach sie.
Er begann zu lachen. Dieses Mal ließ sie ihn zu Ende lachen.
