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Gifte & Erbschaften · Frankreich

Die Schicklichkeit der Marquise

Brinvilliers: Hinter den Pforten eines ehrbaren Hauses

Der Tod Sainte-Croix’ fügte der Marquise einen Schaden zu, wie es sein Leben niemals vermocht hätte: Er gab ihre Geheimnisse dem Zugriff fremder Augen preis. Papiere, die ein lebender Mann zu verbergen, beiseitezuschaffen oder mit einer heilsamen Ausflucht zu bemänteln weiß, erweisen sich als sonderbar halsstarrig, wenn niemand mehr da ist, um die Hand über sie zu halten; jene Schriften aber, die man in seinem Nachlass auffand, machten Verbindungen mit einem Schlage heillos gefährlich, über deren Verschwiegenheit Marie-Madeleine de Brinvilliers sich allzu sicher gewähnt hatte.

Sie begriff sogleich, dass ihr nur noch die Flucht blieb.

Die Flucht einer Person, die gewohnt ist, befehlen zu dürfen, hebt nicht selten mit Anordnungen an, welche von denen einer gewöhnlichen Reise kaum zu unterscheiden sind. Man fordert eine Reisetruhe, wählt das Leinenzeug aus, schiebt einen Vorwand vor, an den das Gesinde keineswegs glauben muss, um ihn dem Anschein nach gehorsam hinzunehmen. Doch der feine Unterschied verrät sich in der Eile, die den Vorbereitungen auferlegt wird, in den Gegenständen, die man leichten Herzens zurücklässt, und in jener auffahrenden Gereiztheit, die jeder noch so arglosen Frage begegnet.

Irgendwo im Hintergrund des Hauses wartete noch jemand darauf, dass man ihm verriete, für wie viele Tage man zu reisen gedenke.

Ein Vermögen im Schoße der Familie

Marie-Madeleine d’Aubray hatte den Marquis de Brinvilliers geheiratet. Ihr Vater bekleidete ein hohes und einflussreiches Amt zu Paris; sein Name und sein Rang öffneten ihr die Pforten zu einer Welt, in welcher Ärgernisse erst spät an die Öffentlichkeit dringen, weil gar viele Personen ihr eigenstes Interesse darein setzen, sie zunächst für bloße Missverständnisse zu halten.

Ihre verhängnisvolle Verbindung mit Sainte-Croix hatte indessen das väterliche Einschreiten herausgefordert. Jener war kraft eines königlichen Verhaftsbefehls, einer Lettre de cachet, festgesetzt worden. Die alten Chroniken sehen in dieser Schmach den Keim jener feindseligen Erbitterung, die sich hernach gegen den Vater kehren sollte; und mit diesem Groll verknüpfte sich gar bald die Aussicht auf jene Güter, über welche erst sein Tod zu verfügen gestatten würde.

Der Vater starb, und nach ihm starben zwei Brüder. Das Gift hatte sein Zerstörungswerk mitten im Kreis vertrauter Beziehungen verrichtet – dort, wo man von Rechts wegen ungehindert eintreten, Besuche abstatten, eine Aufmerksamkeit überbringen und sich nach dem Befinden erkundigen durfte. Jene Gesten, in welchen eine Familie den Ausdruck zärtlicher Fürsorge erblickt, dienten als Werkzeug für das, was sie ins Verderben riss.

Es bedarf keineswegs eines entlegenen Schlosses, keines finsteren Gemachs und keines jener schauerlichen Requisiten, mit denen schlechte Romane das Verbrechen zu überladen pflegen. Ein gewöhnliches Haus genügt vollkommen, wenn die Verwandtschaft freien Zutritt gewährt. Wer als Fremder naht, muss erst nach einem Einlass suchen; die Tochter und die Schwester haben ihren Platz bereits eingenommen.

Was ein Diener wusste

La Chaussée, ein in die Gräueltaten verstrickter Bediensteter, wurde ergriffen. Die nach dem Ableben von Sainte-Croix entdeckten Schriftstücke hatten den Verdacht in eine feste Bahn gelenkt; die richterliche Untersuchung galt nun nicht mehr allein vormaligen Krankheiten, sondern den Personen, die sie herbeigeführt haben mochten, und den Banden, die sie untereinander verknüpften.

Ein junger Domestik namens Martin erfährt von der Festnahme, als er von Botengängen heimkehrt. Er hat an nichts teilgehabt; er besitzt lediglich das verfängliche Gedächtnis der dienenden Klasse – jenes Gedächtnis, in welchem ein zu ungewohnter Stunde empfangener Besuch haften bleibt, ein Päckchen, das man ihm zu öffnen untersagte, eine Kammer, deren Schlüssel plötzlich nicht mehr am gewohnten Haken hing. Einst hatte er diesen Kleinigkeiten keinerlei Bedeutung beigemessen. Nun aber wird man ihn fragen, weshalb sie ihm nicht schon damals verdächtig vorkamen.

Sein erster Gedanke gilt dem Entkommen. Die Marquise ist entflohen; wer reisen kann, überlässt es den Zurückbleibenden, für das geradezustehen, was im Hause vorging. Er legt einige Münzen beiseite, rafft ein Hemd zusammen und stutzt dann vor dem Register, worin er die täglichen Ausgaben verzeichnete. Man hatte ihn veranlasst, mehrere Zeilen nachträglich abzuändern – keineswegs, um ein Gift zu vertuschen, das er ohnehin nicht erkannt hätte, sondern um Gelder, über deren eigentliche Verwendung er im Dunkeln blieb, unter einem ehrbaren Namen aufzuführen.

Dieses Ausgabenbuch beweist das Verbrechen nicht. Es beweist lediglich, dass man ihm dereinst vorwerfen kann, genau das niedergeschrieben zu haben, was nun dort steht.

Der Weg nach Lüttich

Die Marquise überquerte die Grenze. Die Berichte über ihre Flucht führen sie über mehrere Zufluchtsorte bis nach Lüttich, wo sie sich in ein Kloster zurückzog. Eine solche Stätte bot all das, was eine Verfolgte sucht: schützende Mauern, ein geregeltes Getriebe und eine Schranke zwischen der Welt und dem eigenen Ich. Es stand zu hoffen, dass die Weite des Weges den Lauf der Nachrichten hemmen und dass der adlige Name noch immer etwas von seiner Macht über jene bewahren würde, von denen man Schutz erflehte.

Doch ein vornehmer Name besitzt zweierlei Wirkung. Er erleichtert die Hilfe; aber er bietet den Nachforschungen auch eine Gestalt, die man nicht so leicht vergisst. Jene, die nichts sehnlicher wünschte, als dem Gedächtnis der Welt zu entgleiten, trug ein allzu auffälliges Wesen mit sich herum, als dass sie sich im Gewühl der Fremde hätte verflüchtigen können.

Folgt man der alten Überlieferung, die dieser Chronik zugrunde liegt, so erschien ein Abgesandter der Obrigkeit im Gewand eines Geistlichen und verstand es, sie aus ihrem Asyl herauszulocken. Die Papiere, die man bei ihr beschlagnahmte, fügten den Akten neues, erdrückendes Gewicht hinzu. Die Marquise wurde nach Paris zurückgebracht.

Diesmal fragten die Herren, die ihre Reise leiteten, sie nicht mehr, wie viele Tage sie zu verweilen gedenke.

Martins Register

Man unterzog Martin dem Verhör. Er beging anfangs den Fehler, scharfsinniger erscheinen zu wollen, als er jemals gewesen war; doch die Fragen der Richter belehrten ihn gar bald, dass eine erdichtete Erklärung, ersonnen zur Beschönigung vormaliger Ahnungslosigkeit, einen Menschen gefährlich nahe an eine Mitschuld heranrücken kann, die er nie besessen hat.

Er besann sich und begann von vorn. Er berichtete, was er getragen, was er gesehen und was man ihn einzutragen geheißen hatte. Wo sein Wissen endete, gestand er es offen ein, und dies war unter all seinen Antworten jene, die ihm den größten Mut abverlangte; denn die Männer, die ihm gegenübersaßen, schienen darauf zu lauern, dass ein lückenloses Geständnis aus seiner Erinnerung hervorbreche.

— Weshalb habt Ihr diese Zeile geändert?

— Weil man es mir befohlen hat.

— Ihr ändert also die Rechnungsbücher auf bloßen Befehl?

Martin blickte auf seine Hände hinab.

— Ich werde dafür bezahlt, sie zu führen, mein Herr. Ich wusste nicht, dass dies zuweilen bedeutet, sie auch verteidigen zu müssen.

Was der Rang nicht rettete

Die Brinvilliers ward im Jahre 1676 zu Paris hingerichtet. Ihr Leichnam wurde nach der Enthauptung den Flammen übergeben. Der Name der Marquise sollte zu einem der berüchtigtsten in den Annalen des Giftmords werden; doch dieser Nachruhm, der das grellste Licht auf sie allein warf, drohte jene Menschen in ein neues Dunkel zu hüllen, deren Untergang diese ganze Händel erst herbeigeführt hatte.

Martin verließ das Haus. In der Stellung, die er hernach fand, trug man ihm eines Tages auf, einen Betrag abzuändern; er erdreistete sich zu fragen, warum. Sein neuer Herr erging sich in Klagen über einen Diener, der zu viel rede. Dennoch ließ er sich herab, einen Grund zu nennen, den Martin getreulich am Rande vermerkte.

Als er am Abend sein Rechnungsbuch schloss, dachte er an die Pforten, die man der Tochter, der Schwester, der Marquise so bereitwillig aufgetan hatte. Er hatte nicht gelernt, jedem Namen zu misstrauen. Er hatte gelernt, dass ein Name niemals dafür einstehen darf, wo eine nackte Tatsache Rechenschaft fordert.

Auf der nächsten Seite setzte er sorgsam das Datum an. Und dann ließ er den Rand gar wohlweislich breit genug.

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Der Diener und sein Rechnungsbuch sind eine literarische Fiktion und keine überlieferten Aktenstücke des Archivs. Der historische Rahmen folgt der zitierten älteren Gesamtdarstellung; auch die List des päpstlichen Abgesandten entstammt dieser traditionellen Überlieferung. Nicht alle unsicheren Ausschmückungen der Sage wurden in den Text übernommen.

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