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Gifte & Erbschaften · Deutschland

Der Engel, dessen Bremen gedenkt

Gesche Gottfried: Wenn scheinbare Hingabe jeden Verdacht erstickt

Das Brot blieb auf dem Tische liegen. Es hätte genügt, dass Rumpff seine Mahlzeit fortsetzte, dass er die verdächtigen Körner mit dem Rücken des Messers beiseite strich und diesen sonderbaren Umstand jener gewöhnlichen Nachlässigkeit zuschrieb, wie ein Haushalt sie alle Tage aufweist; doch er hielt inne, trat näher hinzu und verlangte, ein anderer solle prüfen, was er soeben erblickt hatte.

In einem Kriminalfall, der bereits von Leichen umsäumt war, knüpfte sich der Anfang der Entdeckung an dieses eine Mahl, das man nicht zu Ende führte.

Gesche Gottfried lebte zu Bremen. Die Menschen um sie her hatten ihre Pflege erfahren, ihren Eifer am Bette der Siechen, jene wohltuende Gegenwart, deren man sich in einer Stube rühmt, wenn die Nächsten nicht mehr ein noch aus wissen. Ihr Ruf sollte hinfort an dem Namen des Engels von Bremen haften; nach dem Prozess freilich haftete demselben Worte eine so schreckliche Ironie an, dass man bisweilen vergaß, wie es einst reines Vertrauen bezeichnet hatte.

Am Krankenbette

Eine junge Nachbarin namens Lene tritt ein, um beim Tragen der Wäsche zur Hand zu gehen. Sie gehört nicht zur Familie; man hat sie empfohlen, weil sie fleißig ist und es versteht, bei den Leidenden das Schweigen zu wahren. Gesche weist ihr den Platz für die Laken an, bittet sie, einen Stuhl heranzurücken, und dankt ihr alsdann mit einer Herzlichkeit, die das Mädchen verwundert. Bei den Herrschaften, wo Lene für gewöhnlich dient, bemerkt man zumeist nur, was sie versäumt hat.

Die Kranke ruft. Gesche eilt sogleich herbei; die Nachbarin verharrt auf der Schwelle, betroffen von dieser Bereitwilligkeit. Sie sieht, wie Gesche das Kissen zurechtrückt, eine Tasse emporhebt, den Mund wischt. Es sind dieselben Griffe, die sie von ihrer eigenen Mutter kennt, und eben diese Ähnlichkeit nimmt der Szene jeglichen Anschein des Befremdlichen.

Später, als das Gemach verwaist ist und das Linnen fortgeschafft werden muss, begegnet Lene denselben Dingen wieder. Die Tasse gleicht aufs Haar jener vom Vortage; die Sorgfalt, womit das Bett gerichtet ward, ändert nichts daran, dass nunmehr ein Mensch darin fehlt. Sie weint ein wenig, scheltet sich alsdann ihrer Regung, da Gesche, die so manche Nacht durchwacht hat, weit tiefer gebeugt scheint als sie selbst.

Sie bietet an, wiederzukehren.

Die Besuche gleichen einander

Im tatsächlichen Leben der Gottfried trafen die Vergiftungen nahe Verwandte, ja das eigene Haus. Todesfälle und Siechtum folgten Schlag auf Schlag um jene Gestalt, die ihre Pflege spendete; der Zusammenhang zwischen der rettenden Hand und dem Verderben trat nicht sogleich zutage.

Lene indes hatte im Stillen zu zählen begonnen. Sie hätte es selbst nicht so genannt: Sie erinnerte sich lediglich jener Häuser, in die man Wäsche getragen hatte, jener Leute, nach deren Befinden sie sich erkundigt und von deren Hinscheiden man ihr berichtet hatte. Für sich genommen gehörte jede dieser Erinnerungen zur Ordnung des menschlichen Unglücks. Zusammengenommen erweckten sie in ihr eine Unruhe, deren sie sich schämte.

Eines Abends vertraute sie sich ihrer Mutter an. Diese erwiderte, man müsse sich hüten vor dem, was man über aufopfernde Menschen rede; des Undanks sei ohnehin genug auf Erden. Lene sah die Berechtigung dieses Einwands ein, und dies war es, was sie verstummen ließ. Man wähnt gar zu leicht, Schweigen entspringe stets einer Drohung. Es kann ebenso wohl einem guten Rate entstammen, sofern er zur Unzeit erteilt wird.

Was Rumpff untersuchen ließ

Im Jahre 1828 bemerkte Rumpff eine verdächtige Substanz in den Speisen und ließ deren Beschaffenheit erforschen. Diese handgreifliche Tatsache zerriss den Kreis der beruhigenden Ausflüchte. Die Festnahme der Gottfried im März eröffnete ein Verfahren, worin die vergangenen Begebenheiten neu zusammengetragen und mit anderen Augen betrachtet werden mussten.

Lene vernahm die Kunde auf der Straße. Eine Frau fasste sie beim Arm, um es ihr mitzuteilen, mit jenem sonderbaren Eifer, den entsetzliche Nachrichten verleihen, wenn man das Vorrecht genießt, sie als Erster zu künden. Sie nannte Gesches Namen, hernach das Wort Gift, und der jungen Nachbarin schien es, als seien soeben zwei Unmöglichkeiten in ein und denselben Satz gefügt worden.

Sie eilte heim, um den Korb zu holen, den man ihr einst geliehen hatte. Er stand unter dem Tische, gefüllt mit altem Tuch. Sie leerte ihn mit hastigen Händen, als hafte dem Geflecht noch etwas vom Geheimnis seiner Besitzerin an. Ihre Mutter blickte sie wortlos an. Lene harrte einer Erklärung; die alte Frau sprach endlich, man habe es doch unmöglich wissen können.

— Doch ich hatte Euch doch gefragt …

Der Satz brach ab. Sie wollte ihre Mutter nicht wegen der Beweise zur Rede stellen, die damals keine von beiden besessen hatte. Sie verlangte einzig danach, jemand möge anerkennen, wie schwer es ihr gefallen war, sich zu fürchten.

Die Stadt vor ihrem Vertrauen

Drei Jahre lagen zwischen der Festnahme und der Hinrichtung. Gottfried ward im Jahre 1831 auf dem Domshof gerichtet. Die Bürger, die den Berichten über die Vergiftungen gelauscht hatten, sahen nun, wie die öffentliche Gerechtigkeit einer Reihe von Untaten ein Ende setzte, die in der Verborgenheit der Häuser verübt worden waren.

Lene begab sich nicht auf den Platz. Die Mutter fragte, ob ihr vor dem Gedränge bange sei; sie verneinte es. Was sie zurückhielt, ließ sich schwerer in Worte fassen: Sie mochte jenen Leuten nicht begegnen, die an diesem Tage beteuern würden, sie hätten von jeher gewusst, dass an diesem Weibe etwas Unheimliches gewesen sei. Sie selbst hatte es nicht gewusst. Sie hatte Linnen getragen, die Handgriffe bewundert, ihren Beistand geboten. Sie hätte diesen Irrtum gern begriffen, ohne ihn nachträglich in Scharfsinn ummünzen zu müssen.

Bremen bewahrte das Andenken an die Hinrichtung, namentlich um einen Stein herum, an den sich der Brauch des Ausspuckens knüpfte. Diese Geste bot den Vorübergehenden ein gar einfaches Mittel, ihr Grauen kundzutun. Die Einfachheit mochte wohl behagen; die Fragen freilich, welche der Fall in den Stuben zurückließ, waren von ganz anderer, schwerer sagbarer Art.

Ein Stuhl an der Tür

Lange Zeit danach ward Lene an das Lager einer kranken Nachbarin gerufen. Sie zögerte, ehe sie die dargebotene Tasse ergriff. Diese Regung währte nur einen Lidschlag lang, doch das liegende Weib bemerkte es und fragte, ob ihr etwas fehle.

Lene hätte eine Ausrede ersinnen können. Sie setzte die Tasse nieder, rückte den Stuhl heran und erwiderte, sie fürchte sich zuweilen vor Dingen, die sie nicht begreife.

— So fraget nur, sprach die Kranke. Dann haben wir wenigstens jemanden, der fragt.

Sie blieb bis zum Abend. Sie richtete das Kissen, wechselte das Linnen, öffnete das Fenster einen Spaltbreit; nichts von diesen Verrichtungen durfte an das Andenken der Gottfried verlorengehen. Die Pflege gebührte noch immer jenen, die da lindern wollten.

Nur begann Lene, wenn ihr etwas seltsam vorkam, sich hinfort nicht mehr dafür zu schämen, dass sie es bemerkt hatte.

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Lene, ihre Mutter und deren Zwiegespräche sind erdichtet. Die Darstellung der Stadt Bremen stützt sich auf die historischen Akten um Rumpff, die Verhaftung von 1828 sowie die Hinrichtung von 1831. Die Erzählung beansprucht weder eine medizinische Diagnose noch eine abschließende Erklärung der Verbrechen.

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