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Justiz & Skandale · England

Die Stöcke unter den Mänteln

Hounslow Heath, 1727. Nach einer im Freien verbrachten Nacht bringen Thomas Timms, Thomas Perry und Edward Brown die Chaise des Samuel Sells zum Stehen. Über die Drohungen und das ausgehändigte Geld gehen die Aussagen von Opfer und Angeklagten weit auseinander; für diesen einzigen Überfall verurteilt, sterben die drei Männer am 11. August 1727 in Tyburn.

Nach einer im freien Feld auf Hounslow Heath verbrachten Nacht hielten drei Männer die Chaise von Samuel Sells an. Vor Gericht sagte der Reisende aus, er habe unter der Drohung eines erhobenen Stockes mehr Geld herausgegeben; die Angeklagten bestritten den Betrag und stellten jede Bedrohung in Abrede. Alle drei wurden wegen dieses Überfalls zum Tode verurteilt.

Alle drei hatten ein ehrsames Handwerk erlernt und den Bund der Ehe geschlossen; Timms und Perry hatten hernach im ersten Garderegiment gedient, während Brown von Oxford nach London gekommen war. Die Chronik zeichnet ihre unterschiedlichen Lebenswege nach, ehe sie auf der Landstraße zusammenführten.

Timms stammte von armen Eltern ab, geboren in einer ländlichen Gegend, die der Text nicht näher benennt. Nur unter Mühen brachten seine Angehörigen das Geld für seine Lehre bei einem Stuhlschnitzer auf. Er verrichtete dort redlich seine Arbeit, machte sich hernach sesshaft und heiratete. Der Bericht vermerkt, dass er damals im Rufe eines gottesfürchtigen, rechtschaffenen Mannes stand. Als das Gewerbe darniederlag, zog er nach London, wo er eine Zeit lang von seinem Handwerk lebte, ehe er sich beim ersten Garderegiment anwerben ließ. Selbst im Soldatenrock setzte er seine handwerkliche Tätigkeit nach Kräften fort.

Der Verfasser berichtet, Timms habe sich dem Trunke ergeben und sei in Gesellschaften geraten, die ihn auf unlautere Wege zur Geldbeschaffung führten. Namentlich erwähnt wird ein Weib, das ehedem bei einem einflussreichen Juristen der City in Diensten gestanden hatte. Dieser Chronik zufolge hatte sie gefälschte Quittungen im Namen mehrerer Kaufleute ausgestellt und das Geld einbehalten, das sie ihrem Dienstherrn hätte abliefern müssen. Als dieser den Betrug entdeckte, entließ er sie, versprach jedoch Beistand, sofern sie ihm ihre jeweiligen Unterkünfte anzeigte. Später gab sie sich als heimlich angetraute Gattin zweier Schreiber jenes Mannes aus, erschlich sich auf Kredit kostbare Waren, ward jedoch überführt und in Bridewell eingesperrt. Indem sie das Vertrauen eines Kerkermeisterknechts gewann, entkam sie und mietete sich just in jenem Hause ein, in welchem Timms sein Handwerk betrieb.

Der Chronist ordnet diese Begebenheit der Zeit vor dem Aufbruch von Timms mit Perry und Brown nach Hounslow Heath zu. Ein Anteil dieser Frau an der Tat zum Nachteil von Sells ist nicht bezeugt. Die drei Männer gelangten auf getrennten Wegen dorthin: durch das versiegende Handwerk bei Timms, durch Kriegsdienst und Versehrung bei Perry, durch den Zuzug nach London bei Brown.

Perry hatte früh seine Eltern verloren; er kam nach London ohne Geld, ohne Arbeit und bar jedes Wechsels von Kleidern. Er begab sich bei einem Glasschleifer in die Lehre und diente dort, so der Verfasser, mit Redlichkeit und Treue. Nach vollendeter Lehrzeit vermählte er sich und arbeitete etwa ein Jahr lang unter schwerster Mühsal. Darnach trat er in das erste Garderegiment ein, begleitete dieses während der Friedensschlüsse von Utrecht und in Flandern und verblieb später mit derselben Truppe in London.

Sein letztes Lebensjahr, so fährt die Chronik fort, geriet unruhiger als die vorangegangenen. Zu Windsor, wo er im Quartier lag, hatte ihn ein Hund in das Bein gebissen. Er besaß kaum Mittel und hatte am Orte keinen Freund, der ihm beigestanden hätte. Nach London zurückgekehrt, fand er im Glasgewerbe kein Unterkommen mehr: Seine vormaligen Meister nahmen Anstoß an seinem verrohten Betragen und verweigerten ihm das Brot. Die Chronik schreibt Timms den Einfall zu, auf der Landstraße zu rauben; Perry, der bis dahin nie an derlei gedacht hatte, willigte ein.

Brown stammte aus Oxford. Seine Eltern hatten ihn zur Schule geschickt und danach bei einem Glasschleifer in die Lehre gegeben. Nach seiner Freisprechung arbeitete er als Geselle, verheiratete sich und stand geraume Zeit in gutem Ruf. Schließlich siedelte er nach London über, wo er mit Timms und Perry verkehrte. Die Chronik vermag den Beginn dieser Bekanntschaft nicht genau zu datieren. Brown soll berichtet haben, die drei Männer hätten ausgiebig gezecht und all ihr Geld verprasst; erst in diesem Zustande sei der Entschluss gereift, auf die Landstraße zu gehen. Wer von ihnen den Anschlag erdacht habe, vermochte er nicht zu sagen.

Am 3. Mai brachen sie folglich auf, um auf Hounslow Heath Beute zu machen. Sie brachten die Nacht unter freiem Himmel zu. Einem alten Mann, dem sie zuerst begegneten, glaubten sie die Beteuerung, er führe kein Geld bei sich, und ließen ihn seines Weges ziehen. Alsbald nahte Sells von Windsor her in einer Chaise; er betrieb in jener Stadt ein Gasthaus. Die Wegelagerer geboten Halt und forderten seine Habe. Die erste Summe, die er ihnen aushändigte, dünkte den Männern unzureichend; er gab ihnen noch zehn Schillinge hinzu. Nach dieser Übergabe zogen sie ab.

Vor Gericht beteuerte Sells, der Raub sei von weitaus größerem Belang gewesen. Er gab zu Protokoll, einer der Männer habe einen Stock drohend über ihm geschwungen und Verwünschungen ausgestoßen für den Fall, dass er Widerstand leiste. Timms, Perry und Brown widersprachen dieser Darstellung einmütig, selbst noch nach ihrer Verurteilung. Sie räumten zwar ein, Stöcke mit sich geführt zu haben, beteuerten jedoch, diese auf der Brust oder unter den Mänteln verborgen gehalten und nimmer gebraucht zu haben. Es verblieb somit ein unüberbrückbarer Zwiespalt zwischen dem Bericht des Reisenden und jenem der Angeklagten – nicht hinsichtlich des Überfalls an sich, wohl aber über die geraubte Summe und die geäußerten Drohungen.

Brown lieferte eine weit eingehendere Schilderung des Geschehens. Sells habe ihm in zwei Tranchen siebzehn Schillinge übergeben; als die Räuber mehr verlangten, habe er beteuert, ihm blieben lediglich anderthalb Schillinge, um in die Stadt zurückzukehren, und gebeten, ihm diese Münzen zu belassen. Brown behauptete, sie hätten eingewilligt und dem Manne kein Leid angetan. Dieser Betrag und jenes Nachlassen stimmten nicht vollends mit den weiter oben genannten Summen überein. Der Chronist stellt mithin die Anklage des Reisenden, die gemeinsame Verteidigung der drei Männer und die Einlassung Browns unvermittelt nebeneinander.

Timms und Perry hinterließen kein so ausführliches Bekenntnis wie Brown. Beide leugneten bis zu ihrem letzten Atemzuge die Drohungen und den Gebrauch der Stöcke. Dieses Beharren stand im Widerspruch zu Sells’ Zeugnis, während Browns Bericht in Ansehung der Summe abwich. Gleichwohl verurteilte das Gericht alle drei Männer wegen dieses Überfalls, ohne dass der gedruckte Bericht die Erwägungen der Richter im Einzelnen darlegt.

Sie waren nicht die Einzigen, die damals ihres Urteils harrten. Im selben Zeitraum wurden auch Alexander Jones, John Platt, Mary Reynolds, Silvia Sherlock und Anne Senior wegen anderer Vergehen verurteilt. Die Verurteilten hofften auf Begnadigung oder Aufschub. Als den drei Männern der Vollstreckungsbefehl verkündet ward, ergriff sie, so der Chronist, Bestürzung; alsbald wandten sie sich mit verdoppeltem Eifer den geistlichen Übungen zu, die den Armen Sündern angeraten wurden. Einzig das Verbrechen an Sells hatte Timms, Perry und Brown zusammengeführt.

Am 11. August 1727 wurden die drei Männer auf demselben Karren nach Tyburn geführt. Ihr Betragen ward als ernst und sittsam beschrieben; die öffentlichen Gebete schlossen mit einem Psalm. Sie starben am selben Tage für diesen einzigen Überfall, obschon in verschiedenen Lebensaltern: Timms zählte etwa achtundzwanzig Jahre, Perry ging auf die Vierzig zu, und Brown stand noch vor seinem vierundzwanzigsten Geburtstag. Die Chronik berichtet nicht, welches Ende das Weib nahm, das aus Bridewell entflohen war, noch misst sie ihr eine Schuld an deren Verurteilung bei.

Die Chaise von Sells und die siebzehn Schillinge aus Browns Bericht bilden den engen Kern des Falles; um diesen Augenblick herum versammelt das Blatt drei Lebensläufe, die auf getrennten Bahnen verliefen, ehe sie sich in der Heide kreuzten. Ein Lehrmeister, ein Hundebiss, der Dienst bei der Garde, eine Flucht aus dem Zuchthaus: All diese Episoden gingen dem einzigen, gemeinsam abgeurteilten Verbrechen voran. Die Männer wurden als Helfershelfer des Raubes hingerichtet, während über die erbeutete Summe und die gebrauchten Drohungen die Aussagen auf ewig widersprüchlich blieben.

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Vollständige Lesung des historischen Einblattdrucks newgate-115. Das Hinrichtungsdatum ist urkundlich belegt: 11. August 1727; als Tattag wird der 3. Mai genannt, ohne erneute Angabe der Jahreszahl. Samuel Sells und seine Begleiter sprachen zunächst von einer Summe von drei halben Kronen und weiteren zehn Schillingen; vor Gericht behauptete Sells einen höheren Betrag und schwere Drohungen. Brown nennt gesondert siebzehn Schillinge in zwei Raten und beteuert, man habe Sells achtzehn Pence für die Heimkehr belassen; diese Versionen dürfen nicht vermengt werden. Timms und Perry räumten die Begegnung ein, leugneten jedoch bis zuletzt Bedrohung und Stockeinsatz. Verurteilt für einen einzigen Überfall; die Vorgänge um die aus Bridewell entwichene Frau sowie die Fälle der übrigen im Druck erwähnten Verurteilten stehen in keinem sachlichen Zusammenhang.

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