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Justiz & Skandale · England

Zehn Guineen und das Federmesser

John Dykes gerät von den Spieltischen Londons über den Taschendiebstahl auf die offene Landstraße. Im Jahre 1721 lauert er Charles Wright auf dem Weg zwischen Mile End und Bow auf und raubt ihm ein Federmesser, ein Siegel und fünf Schillinge acht Pence. Sein Kumpan Jeddediah West betrügt unterdessen seinen eigenen Bruder mit dem Märchen einer Flucht über See, ehe er wegen einer Schneiderschuld verhaftet wird. Dykes stirbt am 23. Oktober 1721 am Galgen.

Zehn Guineen, ein Matrosenwams und ein Schiff nach Dieppe: Dies war die Beute, die Jeddediah West seinem leiblichen Bruder für eine rein erdichtete Flucht abzulisten wusste. Sein Geselle John Dykes harrte am verabredeten Ort auf ihn – und sollte bald darauf wegen eines ganz anderen Verbrechens verurteilt werden: des Straßenraubs an Charles Wright, dem er ein Federmesser, ein Siegel und fünf Schillinge acht Pence abgenommen hatte.

Dykes war der erstgeborene Sohn von Eltern aus dem ehrsamen Mittelstand. Diese ließen ihm eine gute Erziehung angedeihen und begegneten ihm mit jener Nachsicht, die der alte Chronist ihnen später bitter zum Vorwurf machte. Der Bericht vermerkt ausdrücklich, dass der Aufwand für diesen Unterricht das elterliche Vermögen merklich schmälerte. Als es an der Zeit war, eine ehrliche Lehre anzutreten, wusste John sich stets durch Ausflüchte zu entziehen. Die Chronik zeichnet das Hazardspiel als seine herrschende Leidenschaft: Solange er Geld besaß, trieb er sich an den Spieltischen der Stadt herum; war er völlig mittellos, warf er sich einen alten Mantel über und spielte mit den Gassenjungen um Kupfermünzen im Schmutz. Der Schauplatz wechselte mit dem Stand seines Beutels: von den Sälen der Stadt hinab zum Straßenspiel, von erwachsenen Gesellen zu den verlotterten Gestalten des Pflasters. Zuweilen gewann er dabei genug, um an die vertrauten Tische zurückzukehren, doch blieb dieser Erwerb stets ungewiss. Weitaus häufiger, so vermerkt der Chronist, verlegte er sich auf den Taschendiebstahl.

Diese Diebereien trugen ihm wiederholte Festnahmen und Haftstrafen im Zuchthaus von Bridewell ein. Seine Verwandten, allen voran der Vater, hielten ihm das schimpfliche Ende vor Augen, das ein solcher Lebenswandel unweigerlich heraufbeschwören musste. Sie beschworen ihn, innezuhalten, solange noch Zeit war, und von seinen Wegen abzulassen, wobei sie versprachen, trotz des Geschehenen nach Kräften für ihn einzustehen. Die Chronik sagt ihm eine erstaunliche Verschlagenheit und eine seltene Gabe zur Verstellung nach: Mit vollendeter Heuchelei wusste er den Seinen das Bild aufrichtiger Reue vorzuspielen und sie glauben zu machen, er habe sich wahrhaft gebessert.

Nach einer abermaligen Ergreifung, der eine öffentliche Züchtigung im Wasserbecken folgte, wurde er vor den Magistrat geführt und in das Zuchthaus Tothill Fields Bridewell gewiesen. Dort traf er auf Jeddediah West, den Sohn eines Quäkers, der wegen ähnlicher Umtriebe einsaß. Zwischen den beiden jungen Männern erwuchs eine enge Vertrautheit. West, an Jahren älter und nach dem Urteil des Chronisten noch geübter in der Kunst des Betrugs, unterwies Dykes darin, die Miene reuiger Zerknirschung noch vollkommener zur Schau zu tragen. Aus Scham zögerte West zwei oder drei Tage, ehe er sich an die eigene Familie wandte; in dieser Zeit zehrte er vornehmlich von den Zuwendungen, die Dykes aus dem Elternhaus zugesteckt wurden. Schließlich fasste er den Mut, seinem Bruder zu schreiben, einem angesehenen und vermögenden Kaufmann. Er wusste diesem weiszumachen, er sei völlig schuldlos eingekerkert worden. Dieses Lügenmärchen erweckte das Mitleid des Bruders und bewog ihn zu rascher Hilfe; er gelangte gar zu der Überzeugung, Jeddediah trage an dem Grund seiner Festsetzung keinerlei Schuld. Die Eltern von Dykes schenkten den Unschuldsbeteuerungen ihres Sohnes zwar keinen ungetrübten Glauben, doch genügte ihnen sein zerknirschtes Auftreten, um ihm abermals zu verzeihen, ihn wieder aufzunehmen und ihn neu einzukleiden. Sie versprachen, alles in ihrer Macht Stehende für ihn zu tun, sofern er fortan auf rechtem Pfade wandele.

Die beiden Kumpane nahmen ihren Briefwechsel alsbald wieder auf, erfreuten sich erneut der Gunst ihrer Familien und verfügten abermals über bare Mittel. Dykes und West sahen einander unentwegt und suchten gemeinsam die Spielhöllen auf. Wohl drei Wochen lang schien das Glück ihnen hold; dann aber verloren sie alles und besaßen keinen Heller mehr, um ihren ausschweifenden Lebenswandel zu bestreiten. Da sie von ihren Angehörigen keine weiteren Zuwendungen mehr erhoffen durften, ersann West eine List, um Geld zu erpressen – gerichtet gegen ebenjenen Bruder, dessen Vertrauen er bereits erschlichen hatte; den Anschlag gedachte er allein auszuführen.

West wusste genau, zu welcher Stunde sein Bruder von der Börse heimzukehren pflegte, um das Mahl einzunehmen. Diesmal sollte der Schwindel im Kontor des Hauses seinen Lauf nehmen. Er erschien in einem groben Seemannswams, das Haar bis auf Ohrhöhe geschoren, die Brauen mit Ruß geschwärzt und ein Tuch um den Hals geschlungen. Trotz dieser Maskerade erkannte der Kaufmann seinen Bruder und zeigte sich bestürzt, ihn in solchem Aufzug zu sehen. West tischte ihm die Geschichte auf, zwei ergriffene Falschmünzer hätten ihn im Zuchthaus Bridewell erblickt und ihn nun samt drei weiteren Personen denunziert, um als Kronzeugen zugelassen zu werden und der eigenen Strafe zu entgehen. Er gab vor, sein Leben gewagt zu haben, um vor der Abreise um Beistand zu flehen; mit der nächsten Flut müsse er sich nach Gravesend einschiffen, von wo aus das Schiff Kurs auf Dieppe nehmen werde.

Der Kaufmann war tief erschüttert, brach in Tränen aus und schloss den Bruder in die Arme. Er riet ihm, sogleich eine Kutsche nach Billingsgate zu nehmen, händigte ihm zehn Guineen ein und versprach, Wechsel bis zum Betrag von einhundert Pfund zu honorieren, die er aus Dieppe auf ihn ziehen möge. In dem festen Glauben, einem unschuldig Verfolgten zur Flucht verholfen zu haben, ließ er ihn ziehen. Kaum jedoch hatte West die Straße verlassen, in der sein Bruder wohnte, eilte er zu dem verabredeten Treffpunkt, wo Dykes auf ihn wartete. Der Chronist berichtet von der unverhohlenen Genugtuung der beiden Spießgesellen über den geglückten Streich.

Als Master West den Betrug durchschaute, brach er für immer mit seinem Bruder. Kurze Zeit darauf wurde Jeddediah wegen einer Schneiderschuld von zwölf Pfund festgenommen. Diese Forderung, die mit den Raubzügen von Dykes nichts gemein hatte, brachte auch ihn hinter Gitter. Er schmachtete ohne jeden Beistand seines Bruders im Kerker, bis lange nach dem Tage, an dem Dykes gehängt wurde.

Dykes vermochte indessen nicht vom Spiel zu lassen. Wann immer Verluste ihn um das letzte Geld brachten, ritt er auf die Landstraße oder wählte ein anderes finsteres Gewerbe, um sich Bares zu verschaffen. Im Kirchspiel Stepney, auf dem Weg zwischen Mile End und Bow, lauerte er Charles Wright auf. Wright zog friedlich seiner Wege, als Dykes ihm unvermittelt die Pistole auf die Brust setzte und ihn unter Androhung des Todes aufforderte, sich zu ergeben.

Die Beute war von kläglichem Wert: ein einfaches Federmesser, ein gewöhnliches Petschaft und fünf Schillinge acht Pence. Bereits zwei Tage später wurde Dykes wegen dieses Überfalls ergriffen, nach Newgate verbracht und bei der darauffolgenden Gerichtssitzung schuldig gesprochen. Die Todesgefahr, in die er Wright gebracht hatte, stand in keinem Verhältnis zu dem geringen Verlust des Beraubten.

Die Chronik schildert sein Verhalten während der Haft als unstet und gepeinigt, worin sie die Seelenqualen des Gefangenen erblickt. Dykes bekannte unumwunden, zahllose Missetaten begangen zu haben. Am Ende seiner Tage ergab er sich mit größerer Fassung in den Tod, als er während seiner Kerkerhaft gezeigt hatte. Er wurde am 23. Oktober 1721 hingerichtet, im Alter von etwa dreiundzwanzig Jahren.

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Vollständige Auswertung des Eintrags Newgate-012 (lokale Quelle work/cap400/sources/newgate/012-the-life-of-john-dykes-a-thief-and-highwayman.txt; SHA-256 6dbe4e28dff67cfc434f471c0cea63c46bd68b9792e7706038c41437853d3b07; 1.295 Wörter). Provenienz: work/cap400/sources/newgate/provenance.json, HTML Project Gutenberg https://www.gutenberg.org/files/13097/13097-h/13097-h.htm. Die Schilderung wurde als eigenständiger Text auf Grundlage der englischen Aktenfassung verfasst. Die Anmerkungen der Hayward-Ausgabe (1927) dienten nicht als Erzählstoff. Die zeitgenössische Chronik enthält weitschweifige Moralpredigten über das Spiel und die Verderbnis der Jugend; diese Urteile wurden im Text auf bloße Quellenzuschreibungen reduziert. Der vor Gericht verhandelte Tatbestand betrifft ausschließlich den Raubüberfall auf Charles Wright zwischen Mile End und Bow, nicht jedoch die Betrügereien von West. Das belegte Raubgut umfasst ein Federmesser, ein gewöhnliches Siegel und fünf Schillinge acht Pence; Dykes wurde am 23. Oktober 1721 im Alter von etwa 23 Jahren hingerichtet. Da die Quelle den Hinrichtungsort verschweigt, wurde Tyburn nicht hinzuerfunden. West wurde wegen einer Schneiderschuld von zwölf Pfund arrestiert und verblieb ohne Hilfe seines Bruders bis über Dykes’ Tod hinaus im Gefängnis.

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