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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Brot und Käse

Nach Jahren des Haders und der Gewalttätigkeiten gegen seine Ehefrau trifft Matthias Brinsden sie bei einem Streit über das Abendbrot mit einem Messerstich. Ihre älteste Tochter sagt gegen ihn aus; er wird verurteilt und am 16. Juli 1722 in Tyburn hingerichtet. In seinen letzten Tagen bittet er seine Tochter um Verzeihung und tritt einem sie betreffenden unzüchtigen Gerücht entgegen.

Hannah Brinsden sprach nach dem Messerstich kein Wort mehr. Ihr Ehemann hatte vor Gericht beteuert, die Verwundung sei ein Unfall gewesen und sie habe sich selbst in die Klinge gestürzt; ihre älteste Tochter jedoch schilderte ein gänzlich anderes Geschehen. Sie bezeugte, er habe ihrer Mutter den Weg zur Tür verstellt, sie zu Boden gerissen und mit jenem Messer zugestoßen, das er zum Schneiden des Brotes in der Hand hielt. Die Geschworenen schenkten dem Zeugnis der Tochter Glauben und sprachen Matthias Brinsden schuldig. Im Gefängnis, vor seiner Hinrichtung, bat der Vater eben jenes Kind um Vergebung dafür, dass er ihre Mutter getötet hatte.

Die Brinsdens hatten mehrere Kinder und lebten in Verhältnissen, die der Chronist als durchaus auskömmlich bezeichnete. Dennoch hatte sich das Paar seit langem in unaufhörlichen Zwistigkeiten eingerichtet. Hannah schätzte die Geselligkeit und trank gern, so überliefert es der Bericht. Ihr Mann warf ihr vor, sein Geld zu vergeuden, obschon er eine kinderreiche Familie zu ernähren habe. Die Nachbarschaft vernahm häufig ihre Wortwechsel, die mitunter in Tätlichkeiten ausarteten. Der Verfasser schildert beide als jähzornige Naturen; dieses Urteil setzt ihre Verantwortlichkeit freilich keineswegs gleich, denn er berichtet zugleich von den Gewalttaten, die Matthias gegen seine Gattin verübt hatte.

Bei einem früheren Streit hatte er ihr die Arme mit einem glühenden Eisen verbrannt. Etwa eine Woche vor ihrem Tod stieß er ihr eine große Schere in den Kopf. Hannah blutete heftig, und wer sie sah, glaubte zunächst an ihr baldiges Ende. Nach ärztlicher Versorgung kam sie wieder zu sich und erholte sich. Matthias war derweil geflohen; erst wiederholte Beteuerungen, dass sie außer Lebensgefahr sei, bewogen ihn zur Rückkehr. Er soll damals versprochen haben, sich nie wieder vom Zorn dazu hinreißen zu lassen, sie zu verwunden. Die Chronik stellt diese Zusage unmittelbar neben den tödlichen Streich, der kurz darauf folgte.

Der letzte Hader entzündete sich, nachdem Hannah mit Besuchern im eigenen Haus getrunken hatte. Als die Gäste fort waren, fragte sie ihren Mann, was es am Abend zu essen gebe. Er entgegnete, es gebe Brot und Käse. Sie hielt ihm entgegen, dass sie dies bereits am Mittag verzehrt habe, und weigerte sich, nochmals vorliebzunehmen. Matthias erwiderte, sie werde nichts Besseres erhalten als der Rest der Familie – ausgenommen ihre älteste Tochter, für die er eine Pastete bestimmt habe. Er erklärte, dieses Kind zu bevorzugen, da sie sich um ihre Geschwister und das Hauswesen kümmere; böswillige Zungen behaupteten indes der Quelle zufolge, seine Zuneigung habe eine andere Ursache gehabt.

Hannah kündigte an, sie werde mit ihren Freunden in dem Gemischtwarenladen speisen, in dem sie eben noch beisammen gewesen waren. Matthias trat zwischen sie und die Tür, das Speisemesser noch immer in der Faust. Als sie mit Nachdruck ins Freie drängte, warf er sie mit der einen Hand nieder und stieß mit der anderen zu – so lautet die Aussage der Tochter vor Gericht. Brinsden bestritt diesen Hergang: Er behauptete, sie sei erst nach dem Stoß gestürzt und er habe sie behutsam auf das Bett gebettet. Zudem beharrte er darauf, die Wunde sei unabsichtlich entstanden, als sie sich gegen ihn gedrängt habe. Hannah brachte nach dem Treffer keinen Laut mehr hervor.

Mitten im Tumult schickte Matthias nach Basilicon-Salbe und Zucker, um die Wunde zu versorgen – in der Hoffnung, so die Chronik, seine Frau werde überleben und bezeugen können, dass kein böser Wille zwischen ihnen gewaltet habe. Die Verwirrung nutzte er sodann zur Flucht zu einem gewissen Herrn Kegg am Shadwell Dock. Eine Zeitlang hielt er sich dort verborgen. Der Chronist berichtet, die Furcht vor der Ergreifung habe schwerer auf ihm gelastet als die Entbehrungen, die er später erdulden musste. Schließlich wurde er festgenommen und vor die Richter gestellt.

Vor Gericht trat Brinsden mit Zuversicht auf. Er hoffte, das öffentliche Gerede werde die Geschworenen nicht gegen ihn einnehmen, und betonte unablässig, dass er zu keinem Zeitpunkt vorgehabt habe zu töten. Der Wundarzt, der Hannah untersucht hatte, erklärte, die Wunde sei sechs Zoll tief gewesen. Brinsden focht dieses Gutachten an und wandte ein, das dem Gericht vorgelegte Messer sei kürzer gewesen. Er berief sich überdies auf das widerspenstige Wesen seiner Frau und behauptete, sie habe stets nur Schlägen gehorcht. Die unmittelbare Zeugenaussage ihrer Tochter wog zusammen mit den übrigen Beweisen jedoch schwerer. Nach kurzer Beratung sprachen die Geschworenen ihn des Mordes schuldig.

Unter dem Todesurteil sonderte sich Matthias fast gänzlich von den anderen Verurteilten ab. Er aß, dämmerte in seinem Bett dahin und wahrte Distanz zu den Dieben und Räubern, die mit ihm einsaßen, als wäre es eine Schmach, an ihrer Seite zu beten. Die Tochter, die gegen ihn ausgesagt hatte, suchte ihn in der Kapelle auf und bat um Verzeihung dafür, dass sie die Wahrheit gesprochen hatte. Am ersten Tag wandte er sich mit Entrüstung von ihr ab. Am folgenden Tage, nachdem Freunde ihm zugeredet hatten, gewährte er ihr schließlich eine Vergebung, die er kaum vernehmbar murmelte.

Sie erschien ein drittes Mal und bat ihn um eine Umarmung. Zunächst weigerte er sich, wandte sich ihr dann jedoch zu und brach in Tränen aus. Er schloss sie in die Arme und bat sie laut Chronik seinerseits um Vergebung dafür, dass er dem Kinde die Mutter genommen hatte. Er ermahnte sie, nicht zu stehlen, dem Zorn zu wehren und die Dienstherrin zu achten, die sie fortan an Vaters und Mutters statt erziehen werde. Er trug ihr auf, für ihn zu beten und das Andenken an ihren Vater so gut wie möglich zu bewahren. Eben jenem Kind, dessen Aussage zu seiner Verurteilung beigetragen hatte, fiel es somit zu, seine letzten Mahnungen zu empfangen.

Am 16. Juli 1722 stand Brinsden in Tyburn in Gedanken versunken da, während die anderen Delinquenten ihren Angehörigen Bücher und Taschentücher zuwarfen. Als das Gebet anfing, erhob er sich und folgte ihm mit Andacht. Daraufhin ersuchte er den Geistlichen von Newgate, einen Text zu verlesen, den er Wort für Wort diktierte. In dieser Erklärung schilderte er, dass er von gottesfürchtigen Eltern abstamme und bei einem Kunststopfer, der Risse in feinen Tuchen ausbesserte, in die Lehre gegangen sei. Er räumte ein, dass er und Hannah oft gestritten und gerungen hätten, versicherte aber, er habe keinen Groll gegen sie gehegt und noch zwei Minuten vor dem Stich nicht im Traum daran gedacht, sie zu töten. Er habe, so sprach er, lediglich ihren Gehorsam erzwingen wollen. Diese Rechtfertigung stammte von dem verurteilten Mann selbst, nachdem seine Tochter ausgesagt hatte.

Brinsden trat überdies einem Gerücht entgegen, das seinem Verhältnis zur ältesten Tochter ein unzüchtiges Vergehen und die Geburt eines Kindes zuschrieb. In seiner letzten Rede wies er diese Anschuldigung feierlich von sich. Er erinnerte daran, dass er das Mädchen oft geherzt und ihr bisweilen einen Kuchen oder eine Pastete zugesteckt habe, wenn sie mehr Arbeit verrichtet hatte als die anderen Kinder. Seine Rede macht das Gerücht nicht zur erwiesenen Tatsache; sie zeigt jedoch, dass es der Familie bis an die Richtstätte nachstellte. Schließlich bekannte er die Vielzahl seiner Sünden, fügte sich in die Strafe und erklärte, mehr auf Gottes Barmherzigkeit als auf eigene Verdienste zu hoffen.

Die Chronik schließt damit, dass er unmittelbar nach dieser Kundgebung gerichtet wurde. In seinen letzten Stunden bat Brinsden seine Tochter um Verzeihung und riet ihr, den Zorn zu bändigen, den er selbst nicht hatte beherrschen können. Er beteuerte, Hannahs Tod nicht gewollt und lediglich ihren Gehorsam gefordert zu haben; seine Tochter hatte geschildert, wie der Vater sie zu Boden warf und mit dem Messer zustieß. Die Geschworenen stützten ihr Urteil auf die Aussage des Kindes und befanden ihn für schuldig. Hannah war ihren Wunden erlegen.

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Englische Originalnotiz vollständig eingesehen. Der Bericht schildert vorangegangene Gewalttaten von Matthias Brinsden gegen Hannah, gefolgt von einem Streit, bei dem die älteste Tochter bezeugt, er habe sie zu Boden gestoßen und niedergestochen; Brinsden behauptet einen Unfall und das Fehlen jeglicher Absicht. Die Geschworenen verurteilen ihn nach kurzer Beratung. Auf dem Schafott räumt er wechselseitige Zänkereien und Handgreiflichkeiten ein, bestreitet eine Tötungsabsicht und bittet seine Tochter um Verzeihung. Ebenso weist er ein unzüchtiges Gerücht zurück, das ihm ein Verhältnis mit ihr unterstellt; dieses Gerücht wird weder als juristische Anklage noch als erwiesene Tatsache geführt. Hannah sprach nach dem Stich nicht mehr und erlag der Verwundung. Hinrichtung am 16. Juli 1722. Die moralischen Werturteile des Chronisten werden nicht als historische Tatsachen übernommen. Fachbegriff „fine-drawer“ als Tuch-Kunststopfer/Rentrayeur verifiziert. Beginn einer Lehre, kein meisterlicher Abschluss belegt. Verzeihung der Tochter im Gefängnis, nicht erst in Tyburn unmittelbar vor dem Tode (im Text präzisiert). Basilicon-Salbe bestätigt. Keine weiteren Fakten hinzugefügt.

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