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Justiz & Skandale · Vereinigtes Königreich

Calthorpe Street: Drei Urteile über ein Handgemenge

In London schlägt am 13. Mai 1833 eine politische Versammlung in ein gewaltsames Handgemenge um; der Polizeikonstabler Robert Cully wird getötet, zwei weitere Beamte werden verwundet. Eine Coroner-Jury stuft diesen Tod als gerechtfertigte Tötung ein, woraufhin der Court of King’s Bench den Spruch aufhebt; schließlich spricht ein Geschworenengericht George Fursey von den Angriffen auf die beiden anderen Polizisten frei. Keine dieser Entscheidungen vermochte die Identität von Cullys Mörder festzustellen.

Am 20. Mai 1833 fällte die Coroner-Jury nach mehrtägigen Zeugenverhören über das Ableben von Robert Cully das Urteil einer gerechtfertigten Tötung (justifiable homicide). Die Geschworenen warfen der Regierung vor, die Zusammenkunft weder im Vorfeld verhindert noch die Menge förmlich zur Auflösung aufgefordert zu haben; das Verhalten der Polizei brandmarkten sie als „grausam, brutal und unprovoziert“. Der Chronik von Camden Pelham zufolge nahmen der Gerichtssaal und die umliegenden Straßen diesen Befund mit lautem Jubel auf. Zehn Tage später hob der Court of King’s Bench diese richterliche Untersuchung auf. Derselbe Todesfall hatte somit zwei gegensätzliche behördliche Antworten erfahren, ohne dass eine von ihnen den Urheber des tödlichen Streiches namhaft gemacht hätte.

Seinen Anfang nahm der Vorfall mit Maueranschlägen. Auf dem Calthorpe-Gelände hinter dem Gefängnis von Cold Bath Fields sollte eine Kundgebung zur Vorbereitung eines Nationalkonvents stattfinden. Die Regierung erließ daraufhin eine Proklamation, welche die Zusammenkunft für ungesetzlich erklärte und die Einwohnerschaft ermahnte, sich fernzuhalten. Wie Pelham berichtet, verlieh diese Warnung dem Vorhaben erst jene Publizität, die ihm sonst vielleicht gefehlt hätte: Schaulustige strömten herbei, um den Fortgang der Dinge zu beobachten, während zugleich starke Polizeikräfte in dem Viertel zusammengezogen wurden.

Am Montag, dem 13. Mai, hatten sich bereits vor der festgesetzten Stunde Hunderte von Menschen eingefunden. Um ein Uhr zählte Pelham zwischen sechs- und siebenhundert Seelen; der Zulauf schwoll bis drei Uhr unaufhörlich an. Frauen und Kinder mischten sich unter die Männergruppen. Um drei Uhr bestieg ein junger Mann namens Lee eine Kutsche, die als Rednerbühne dienen sollte; der Kutscher fuhr jedoch, von Furcht ergriffen, sogleich davon. Lee sah sich genötigt, eine Palisade zu erklimmen, und schlug einen Herrn Mee zum Versammlungsvorsitzenden vor. Mee nahm an und fragte die Menge, ob sie ungeachtet der widrigen Umstände des Tages fortfahren wolle. Er mahnte, er habe eine Familie zu ernähren, und ein Mann, der im Kampfe falle, könne die Seinen nicht hilflos zurücklassen. Das Volk verlangte einhellig die Fortsetzung.

Wenig später traf der Zug der National Union of the Working Classes ein, an die einhundertfünfzig Personen mit acht Bannern stark. Ihr Ausschuss hatte sich zuvor in einer benachbarten Schenke versammelt, um die Tagesordnung festzulegen. Die Prozession rückte geordnet vor und bot, so die Überlieferung, keineswegs das Bild einer angriffslustigen Rotte. Auf einem Banner prangten die Worte „Freiheit oder Tod“ nebst Totenschädel und gekreuzten Knochen; andere forderten gleiche Rechte und Gerechtigkeit. In geschlossener Formation zog die Kolonne zur Calthorpe Street. Dort marschierte nun eine Abteilung Polizei ein, die Schlagstöcke in den Händen. Das Geschrei schwoll an. Zunächst wich die Menge vor den Beamten zurück; nahe der Rednertribüne jedoch stießen sie auf Widerstand, und das Handgemenge brach los.

Was sich in den darauffolgenden Augenblicken zutrug, ließ sich nie widerspruchsfrei ergründen. Robert Cully, Konstabler der Division C, erlitt einen tödlichen Dolchstich und verstarb noch an Ort und Stelle. Sergeant Brooks und Konstabler Redwood wurden durch eine anscheinend gleichartige Waffe verwundet. Pelham berichtet, wie weit die Aussagen über den Ausbruch des Kampfes, die Hiebe der Beamten und die Gegenwehr der Menge auseinandergingen. Seine Schrift vermag nicht mit Gewissheit zu sagen, wer Cully traf; darum darf dieser Tod keineswegs mit dem nachfolgenden Prozess gegen George Fursey verwechselt werden, der wegen der Verwundung der beiden anderen Polizisten belangt wurde.

Noch am Nachmittag erfolgten Festnahmen. Am selben Abend hielt man in der Polizeiwache Bow Street einen gewissen Robert Tilly fest, da man ihn des Mordes an Cully verdächtigte. Fursey wurde wegen des Angriffs auf Brooks und Redwood in Gewahrsam genommen; weitere Beteiligte wurden wegen Tätlichkeiten oder Landfriedensbruchs belangt. Die Quelle stellt klar, dass sich der Verdacht gegen Tilly als haltlos erwies. Diese erste juristische Verzweigung war von Gewicht: Bei dem Handgemenge zugegen zu sein, eines Mordes verdächtigt zu werden oder der Verwundung zweier Polizisten angeklagt zu sein, bildeten rechtlich grundverschiedene Sachverhalte. Nach Furseys Freispruch wurde Tilly gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt, da die Vorwürfe gegen ihn hinfällig geworden waren.

Die Untersuchung des Coroners zum Tode Cullys begann am 15. Mai und zog sich über mehrere Tage hin. Zeugen sagten aus, Polizisten hätten auf unbeteiligte Personen eingeschlagen, selbst auf Frauen; andere versicherten, die Demonstranten hätten mit Blei beschwerte Knüppel und eisenbeschlagene Fahnenstangen mitgeführt. Die Chronik verzeichnet zudem zwei Umstände, die eine sittliche Beurteilung erschwerten: Weder war vor Ort die Riot Act verlesen noch die königliche Proklamation verkündet worden; überdies behauptete ein Zeuge, Cully habe jenen Mann geschlagen, der ihn schließlich verwundete, während ein anderer beteuerte, der Beamte habe friedlich mit einer Frau gesprochen, als der Angreifer hervorgebrochen sei. Dieser Widerspruch bleibt in den Quellen ungelöst.

Am 20. Mai entschied sich die Coroner-Jury, den Tod als gerechtfertigte Tötung einzustufen. Ihr Urteilsspruch tadelte die Vorkehrungen der Regierung und verurteilte das Vorgehen der Polizei als gewaltsam und unprovoziert. Als der Coroner die Geschworenen aufforderte, ihren Beschluss zu überdenken, beharrten diese darauf. Die Menge begrüßte den Schiedsspruch laut Pelham mit donnerndem Beifall. Doch eine Coroner-Inquest vermochte aus sich heraus keine strafrechtliche Verurteilung eines bestimmten Beamten auszusprechen: Die Chronik benennt weder den Urheber des Todesstoßes, noch folgte ein Verfahren, das diese Schuld endgültig feststellte.

Am 30. Mai wurde die Untersuchung auf Antrag des Attorney General vor dem Court of King’s Bench für nichtig erklärt, da die Kronjuristen den Spruch als unvereinbar mit Recht und Beweislage ansahen. Dieser Hoheitsakt tilgte freilich weder die Wunden noch die Zeugenaussagen oder die Zwietracht über den Hergang des Krawalls. Er beraubte lediglich das Urteil des Coroners seiner Rechtskraft. Der öffentliche Streit verlagerte sich sodann auf das Gerichtsverfahren gegen Fursey.

Am 4. Juli trat Fursey vor die Schranken des Old Bailey. Die Anklage legte ihm zur Last, an einer aufrührerischen Versammlung von fünfhundert Personen teilgenommen und Brooks sowie Redwood in Tötungsabsicht verwundet zu haben. Beide Polizisten erklärten eidlich, ihn als jenen Mann wiederzuerkennen, der sie niedergestochen habe. Konstabler Hayles berichtete, nach der Ergreifung von Fursey und Tilly sei im Strohlager, worauf sie geruht hatten, eine kurze Waffe gefunden worden, ähnlich einer hergerichteten Florettklinge; die beiden verletzten Beamten brachten diese mit ihren Wunden in Verbindung. Zeugen der Verteidigung hingegen schilderten erneut die Grausamkeit der Polizei und willkürliche Stockhiebe. Verhandlungsgegenstand war somit nicht die Frage, wer Cully getötet hatte, sondern einzig, ob Fursey die Beamten Brooks und Redwood in Tötungsabsicht angegriffen hatte.

Der Prozess währte bis zwei Uhr morgens. Nach den Plädoyers der Verteidigung und der Zusammenfassung des Richters sprachen die Geschworenen Fursey nicht schuldig. Das Publikum brach in Jubel aus; die Gerichtsdiener mühten sich vergebens, den Tumult zu dämpfen. Der Freispruch bezog sich strikt auf die genannten Anklagepunkte. Pelham deutet ihn keineswegs als eine Feststellung darüber, wer Cully den tödlichen Stoß versetzt habe; diese Frage bleibt im Rahmen seines Berichts gänzlich ungelöst.

Ein letztes Nachspiel ergab sich aus der Berichterstattung des Morning Chronicle. Fursey erstritt vor Gericht vierzig Pfund Schadenersatz wegen Verleumdung vom Eigentümer des Blattes, da dieser ihn als Mörder Cullys dargestellt hatte. So standen am Ende drei ungleiche Schiedssprüche nebeneinander: Die Geschworenen des Coroners erachteten den Tod eines Mannes für gerechtfertigt, ohne seinen Töter zu nennen; der Court of King’s Bench verwarf diesen Richterspruch; und ein Kriminalgericht sprach Fursey von den Wunden zweier anderer Polizisten frei. Pelhams Rückblick ordnet diese Urteile nebeneinander an, ohne sie zu vermengen. In diesem Falle bildet die strenge Scheidung von Anklagepunkten und Urteilssprüchen die einzige Gewähr davor, einer Entscheidung jenen Sinn unterzuschieben, den sie niemals fällte.

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Historische Akte auf der Grundlage des vollständigen Berichts von Camden Pelham (rückblickende Zusammenstellung, erschienen 1891) und nicht zeitgenössischer Sitzungsprotokolle. Die Quelle behandelt getrennt den Tod von Robert Cully, den Spruch der Inquest nebst dessen Kassation sowie den Prozess gegen George Fursey wegen der Verwundung von Brooks und Redwood. Sie nennt keinen erwiesenen Täter für den tödlichen Stich gegen Cully. Furseys Freispruch bezog sich allein auf die Angriffe gegen die beiden überlebenden Polizisten und entschied nicht über die Urheberschaft an Cullys Tod.

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