In der Nacht des 18. Februars 1770 verließ der Chevalier de Fornel sein Gut Lagerie, um in Sainte-Colombe zu speisen und zu nächtigen. Man hatte ihm die vorgerückte Dunkelheit und das widrige Wetter vorgehalten; er erwiderte, er werde am folgenden Tage in aller Frühe zurückkehren, und brach zu Pferde auf. Bei Tagesanbruch erschien ein Bediensteter des Sieur Barraud bei seiner Gemahlin, um ihr zu melden, ihr Gatte sei ermordet worden. Man hatte seinen Leichnam in einem Graben am Rande des Weges gefunden, der Sainte-Colombe mit La Rochefoucauld verband.
Diese Nachricht traf auf ein Haus, in dem der Tod des Hausvaters bald zu einer schweren Anklage gegen seine Frau und seine Tochter gereichen sollte. Der Ortspfarrer traf in Begleitung Barrauds, eines Anwalts und zweier Zimmerleute ein. Madame de Fornel erklärte ihnen, sie wolle die Urheber der Tat ermitteln und unnachsichtig der Rache der Gesetze zuführen. Der Pfarrer und Barraud gaben ihr zu bedenken, dass ein Prozess womöglich mehr verschlingen werde als ihr bescheidenes Vermögen; sie laufe Gefahr, mit ihrer Tochter am Bettelstab zu gehen. Sie rieten ihr an, sich der örtlichen Gerichtsbarkeit anzuvertrauen, welche auf Kosten der Herzogin von La Rochefoucauld einschreiten werde. Von diesen Gründen bezwungen, fügte sich die Witwe in das Schweigen und weigerte sich, den blutüberströmten Körper ihres Mannes anzusehen.
Nichts in dem bis dahin ruhigen Lebenswandel des Chevaliers ließ die Anschuldigungen vorausahnen, die nun folgen sollten. Er hatte auf Martinique unter den Befehlen des Herrn von Longueville gedient, sich dort im Jahre 1743 vermählt und war 1765 auf Drängen seiner Familie nach Frankreich zurückgekehrt. Aus der Ehe war eine einzige Tochter hervorgegangen, Madelaine-Aimée. Auf Lagerie, einem in der Pfarrei Sainte-Colombe erworbenen Lehensgut, hatte er drei Jahre lang mit Weib und Kind gelebt. Seine Einkünfte waren mäßig, doch genügten sie seinen Bedürfnissen; er ließ sein Land bestellen und teilte seine Muße zwischen den Seinen und wenigen Nachbarn.
Am Tage des Mordes hatte der Chevalier die Messe in Sainte-Colombe besucht und darauf mit seiner Tochter und dem Pfarrer bei Barraud gespeist. Nach dem Mahle schickte er Madelaine-Aimée zu Fuß nach Hause, damit sie der Mutter Gesellschaft leiste. Er wohnte der Vesper bei, nahm Barrauds Einladung zum Mittagsmahl für den folgenden Tag an und stieg gegen halb vier Uhr zu Pferde. Er ritt durch ein Dorf, um Tagelöhner anzuwerben, und kehrte darauf nach Lagerie zurück. Dort ging er über sein Gehöft und gab Anweisungen für das Tagewerk des kommenden Morgens. Erst bei Einbruch der Nacht fasste er den Entschluss, nach Sainte-Colombe zurückzukehren, um dort das Nachtmahl einzunehmen und zu schlafen.
Die Gerichtsbarkeit begab sich an die Stätte, an der man den Leichnam aufgefunden hatte, und nahm das Protokoll auf. Der Fiskalprokurator erstattete am 5. März Klage und erhielt die Erlaubnis zur Untersuchung. Zunächst wurden vierzehn Zeugen vernommen. Am 17. März erging ein Haftbefehl gegen Madame de Fornel, ihre Tochter, deren Halbbaurn Bernard Chaput und dessen Sohn Louis sowie gegen den Zimmermann Boisnarbaud. Die Untersuchung dehnte sich alsdann auf vierundachtzig Zeugen aus. Die Mutter wurde achtmal, die Tochter dreizehnmal verhört.
Das Urteil vom 29. Mai 1772 verfügte die Anwendung der provisorischen Frage an Madame de Fornel, ihrer Tochter, dem Hausknecht Pierre Bordat, dem Pächter Bernard Chaput, dessen Sohn Louis und dessen Tochter Anne. François Chaput, der flüchtig geblieben war, wurde in Abwesenheit zum Rädern verurteilt. Dieser Spruch lastete mit ungeheurer justizieller Härte auf mehreren Mitgliedern der Familie und ihres Gesindes. Madame de Fornel legte Berufung ein, und der Urteilsspruch sollte alsbald vor das Parlement von Paris gebracht werden.
Um den Verdacht zu stützen, hatte man sich anfänglich auf ein häusliches Vorkommnis berufen. Am Vortag des Mordes hatte Madame de Fornel zwei Enten und zwei Puter für die tollen Tage der kommenden Woche schlachten lassen. Die Enten waren auf einem Hackklotz nahe dem Hoftor enthauptet, die Puter an derselben Stelle ausgeblutet worden. Am folgenden Morgen bemerkte man Blut im Hofe. Aus diesem Zusammentreffen von Tierblut, das für das Festmahl vergossen worden war, und jenem Blute, das man nach dem Verbrechen erblickte, schmiedete man eine Anklage gegen die Herrinnen des Hauses.
Andere Mutmaßungen nahmen die gleiche Richtung. Man behauptete, vor der Pforte des Wohnhauses seien zwei Schüsse gefallen, ohne dass Frau oder Tochter sich gerührt hätten. Weil im Speisezimmer Wasser verschüttet worden war, bildete man sich ein, der Körper des Chevaliers sei dorthin geschafft, dort vollends getötet und das Blut sodann aufgewischt worden. Man versicherte gar, die Tochter habe diesem Schauspiel beigewohnt und ihr eigenes Messer gereicht, um das Leben ihres noch atmenden Vaters auszulöschen. Nun aber war die Leiche in einem Graben gefunden worden, und weder an jener Stelle noch an den Kleidern der Damen hatte sich Blut befunden. Man hatte Blut gesehen – und schloss sogleich auf Mitschuld. Zwischen der Wahrnehmung und der Anschuldigung war jeglicher Abstand zunichtegemacht.
Das Gerücht fügte eine weitere Beschuldigung hinzu: Madame de Fornel habe es ihrer Tochter gestattet, die Hände in das Blut des Vaters zu tauchen. Es war empörend, einem siebzehnjährigen Mädchen, das seinen Vater zärtlich liebte und von ihm geliebt wurde, ein solches Ansinnen zu unterstellen, und noch ungeheuerlicher, vorzugeben, sie habe ihre Mutter um Erlaubnis dazu ersucht. Zwei Zeugen berichteten ferner, Périgord, der Reitknecht des Chevaliers, habe sich gerühmt, den ersten Schuss abgegeben zu haben; nach den Worten, die man ihm in den Mund legte, hätten er und sein Mitschuldiger Fornel in einen Saal geschleppt, wo ein an der Verschwörung beteiligter Zimmermann ihm mit einem Beilhieb den Schädel gespalten habe. Andere Stimmen verstiegen sich gar zu der Behauptung, die Tochter selbst habe die Schüsse abgefeuert. Champagnac erblickt darin nichts als leeres Geschwätz und argwöhnt, der Pfarrer von Sainte-Colombe habe diese Gerüchte ausgestreut.
Ein anderes Motiv drängte sich der Betrachtung indessen weit eher auf. Der Chevalier war ein Freund der Jagd und des Fischfangs; er verfolgte die Wilderer unnachgiebig und schirmte seine Wälder vor den Bauern ab, die dort jagen, fischen oder Holz schlagen wollten. Diese Härte hatte ihm in der Umgegend Feinde geschaffen. Champagnac hielt es für mehr als wahrscheinlich, dass die Mörder unter diesen Bauern oder Wilderern zu suchen seien. Die Feindseligkeit verlieh dieser Spur Wahrscheinlichkeit; sie lieferte indes keinen gesicherten Namen der Täter.
Gegen jenen Urteilsspruch, der die provisorische Folter anordnete, wandte sich Madame de Fornels Berufung. Die Peinliche Befragung, welche das Urteil befahl, bezweckte das Geständnis der Angeklagten; doch vermochte sie deren Körper zu zerrütten, ohne dem Richter Licht zu spenden. Die einen widerstanden dem Schmerz, während andere, um ihm zu entgehen, bekannten, was man ihnen in den Mund legte, und zuweilen Unschuldige ins Verderben zogen. Welcher Wert durfte einer durch Qualen erpressten Aussage beigemessen werden, da sie weniger das Merkmal einer Schuld als das Zeugnis menschlicher Schwäche war?
Die Berufung wurde vor dem Parlement von Paris verhandelt. Durch Erlass vom 1. Februar 1773 wurde das Urteil der Richter von La Rochefoucauld aufgehoben: Alle Angeklagten wurden von der Beschuldigung entbunden und die Löschung ihrer Raufzettel aus den Gefängnisregistern angeordnet. Das Verfahren gegen die Mutter, die Tochter und die übrigen Beschuldigten fand damit sein Ende; die wahren Mörder des Chevaliers aber bleiben im Berichte ungenannt. Das in einem Hofe erblickte Blut, das in einem Saal vergossene Wasser und das gegen eine Familie gerichtete Dorfgerede hatten ein Bündel von Verdachtsmomenten gewoben. Die höhere Gerichtsbarkeit verwarf sie. De Fornel blieb tot, doch Mutmaßungen, die seine Angehörigen mit dem Tode bedroht hatten, durften nicht an die Stelle des Beweises treten.
