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Justiz & Skandale · England

Das Bündel der Martha Hide

In London erlangt James Dalton die durch königliche Proklamation zugesicherte Begnadigung für Denunzianten und sagt gegen William Russell, Robert Crouch und William Holden aus. Sie werden wegen des nächtlichen Überfalls auf Martha Hide in Lincoln’s Inn Fields und des Raubes eines Bündels verurteilt, das unter anderem einen Mantel und einen Spiegel enthielt. Das Gericht hört die Aussagen des Opfers, Daltons und weiterer Zeugen. Alle drei Männer werden am 20. Mai 1728 hingerichtet.

In den Straßen Londons waren die Überfälle nach den Worten des Chronisten so kühn geworden, dass Passanten am helllichten Tage abgefangen und ausgeraubt wurden. Die Krone reagierte mit einer Proklamation: Einhundert Pfund Sterling wurden für die Ergreifung eines Missetäters ausgesetzt, und jenen, die sich stellten und ihre Mitschuldigen offenbarten, wurde Begnadigung verheißen. James Dalton stellte sich und redete. Aus den Aussagen, die diesem Entschluss folgten, erwuchs das Verfahren gegen William Russell, Robert Crouch und William Holden.

Russell entstammte einer Familie, die der Berichterstatter als ehrbar beschrieb; er hatte eine hinlängliche Bildung genossen, die ihn nach dessen Ansicht von jenen Männern abhob, mit denen er gefasst wurde. Der Bericht legt ihm ein allgemeines Geständnis bei: Er habe die Sündhaftigkeit seines Lebenswandels erkannt und Vergnügungen nachgejagt, die ihm keinerlei Befriedigung verschafft hätten. Diese Seelenregungen werden jedoch lediglich vom Verfasser mitgeteilt und liegen nicht als förmliches Verhörprotokoll vor. Es wird hinzugefügt, sein Vater sei nach Irland abgereist, woraufhin Russell, sich selbst überlassen, in schlechte Gesellschaft geriet.

Robert Crouch war zu Dunstable geboren. Seine Eltern, von der Schrift als rechtschaffene und wohlhabende Leute geschildert, ließen ihn unterrichten und gaben ihn bei einem Fleischer am Newgate-Markt in die Lehre. Nach beendeter Lehrzeit verfiel er dem Spiel und dem Trunke. Dalton, laut Chronist ein einflussreicher Kopf der Bande und bald deren Kronzeuge, soll ihn besonders zu diesem Bunde verleitet haben. Die Quelle hebt hervor, dass der Vater ihn in seinem Handwerk einzurichten gedachte und den späteren Ausgang nicht vorhergesehen habe; nähere Angaben oder ein Datum zu diesem Plan fehlen indes.

Holden hatte eine andere Jugend verlebt. Als Kind armer Eltern empfing er kaum Unterricht und übte kein dauerhaftes Gewerbe aus. Er war zeitweilig zur See gefahren und hatte auch als Kutschenkutscher gedient. Der Chronist mutmaßte, dass diese Männer jenem Gewerbe erst seit weniger als einem Jahre nachgingen, als Dalton, um sein eigenes Leben zu fristen, sich ergab und ein Bekenntnis ablegte. Die Beschuldigten wurden daraufhin alsbald verhaftet und in Newgate eingekerkert.

Bei den folgenden Sitzungen des Old Bailey wurden alle drei wegen des Straßenraubes an Martha Hide und der Entwendung ihres Bündels angeklagt. Zu den in der Anklageschrift verzeichneten Gütern gehörten ein Tuchmantel im Werte von vierzig Schillingen, ein Spiegel zu dreißig Schillingen, ein Nachtgewand sowie weitere Habseligkeiten, die zusammen auf dreißig Schillinge geschätzt wurden. James Dalton bezeugte, er sei um neun Uhr abends mit den Angeklagten gewandert, als sie Hide in der Fleet Street einholten. Da sie sahen, dass sie ein Bündel trug, beschlossen sie, sich dessen zu bemächtigen, und folgten ihr bis nach Lincoln’s Inn Fields. Seiner Aussage nach stieß Crouch sie zu Boden, während Russell das Bündel an sich riss und entfloh.

Als die Männer das Bündel öffneten, fiel der Spiegel heraus und zerbrach. Die übrigen Sachen wurden an eine gewisse Sarah Watts verkauft, die als Hehlerin galt und ein sogenanntes „Lock“ führte – ein Versteck, in dem Diebesgut angenommen und aufbewahrt wurde. Dalton versicherte, sie hätten den Inhalt nicht sorgfältig geprüft und erst später erfahren, dass ein in einen Lappen gewickelter Betrag von vierzig Schillingen darin gelegen habe; Watts habe dieses Geld samt den Kleidern an sich gebracht. Ob dieser Betrag Gegenstand eines gesonderten Verfahrens war, lässt die Quelle offen.

Martha Hide bestätigte selbst, dass sie Lincoln’s Inn Fields durchquert habe, als man sie niederwarf und ihr das Bündel entriss. Daltons Zeugnis blieb nicht ohne Stütze. Solomon Nicholas erklärte, Russell und Crouch hätten nach der Tat in einer Branntweinschenke gestritten, wobei Russell von dem geraubten Mantel als einem Gut gesprochen habe, an dem ihm ein Anteil gebühre. Ein weiterer Zeuge bekundete, Crouch habe einen alten Rock versetzt, um die Umarbeitung von Hides Mantel zu bezahlen: Er ließ den Tuchkragen des Raubgutes entfernen und durch einen solchen aus Samt ersetzen. Das Schicksal des Mantels bot somit im Verein mit Hides Schilderung einen handfesten Bezugspunkt für Russells überlieferte Worte und Daltons Darlegungen.

Der Gerichtsdiener Willis wurde als letzter Zeuge der Anklage aufgerufen. Er sagte aus, Russell habe bei seiner Verhaftung eingestanden, dass die Sachen geraubt und hernach für ein Pfund und zwei Schillinge verkauft worden seien. Er soll hinzugefügt haben, er mache sich nicht viel daraus, da er in Gesellschaft solch tapferer Gefährten sterben werde. Nach Anhörung dieser Stimmen zog sich die Geschworenenschar zurück; kurz darauf kehrte sie wieder und sprach die drei Männer schuldig. Das Todesurteil erging in besonders gedrängten Sitzungen: Nach dem Bericht wurden damals zweiundzwanzig Männer und sieben Frauen zum Tode verurteilt.

Als der Tag der Hinrichtung nahte, unterschied sich das Betragen der drei Gefangenen merklich. Die Aufzeichnung berichtet, Russell habe zunächst eine scheinbare Gleichgültigkeit zur Schau getragen und mit Holden darüber gescherzt, ob man ihre Leichen nach dem Hängen mit einer Kutsche fortschaffen könne, damit sie den Chirurgen entgingen. Er sprach ferner über den Zustand des Straßenraubes und behauptete, die königliche Proklamation habe ihre Genossenschaft keineswegs vernichtet; die Überlebenden würden vielmehr zu noch größerer Verwegenheit getrieben. Er nannte Benjamin Branch und Isaac Ashley unter den Meistern des Taschendiebstahls, die kürzlich gestorben oder dem Urteil nahe seien, und rühmte ihr Geschick beim Sichten entwendeter Beutel.

Nach Verkündung des Hinrichtungsbefehls, so die Quelle weiter, sei Russell ernster geworden und habe in den Gebeten größere Reue bekundet. Crouch blieb gefasst, zeigte sich zuweilen heiter, was er seinem Gemüt zuschrieb. Er erkannte die Verwerflichkeit seines Lebenswandels an und erklärte, er habe nach der Proklamation für vier Jahre zur See gehen wollen – ein Vorhaben, dem Daltons Verrat ein Ende gesetzt habe. Die genaue Zeitfolge dieses Planes wird nicht überliefert.

Holden hatte zunächst hartnäckig bestritten, an dem Raube, für den er sterben sollte, beteiligt gewesen zu sein. Als Russell jedoch seine eigene Schuld einräumte und ihn mit hineinzog, widerrief Holden sein Leugnen und gestand seine Mitwirkung an diesem sowie an mehreren anderen Diebstählen. Russell erklärte ein oder zwei Tage vor seinem Tode, Dalton habe ihm angetragen, sich der Denunziation gegen die früheren Kumpane anzuschließen; er aber habe sich geweigert, sein Leben durch den Verrat an jenen zu erkaufen, die ihn aufgenommen hatten.

Am Montag, dem 20. Mai 1728, wurden die drei Männer hingerichtet. Russell zählte etwa fünfundzwanzig Jahre, Crouch etwa zwanzig und Holden etwas über achtundzwanzig. Der Bericht schildert ihre Haltung als entschlossen, frei von Trotz wie von Verzagtheit, und schreibt ihnen in den letzten Augenblicken einen tiefen Ernst zu. Als durch diese Quelle gesichert dürfen der gemeinsame Schuldspruch, das Urteil und das Datum des Richtfestes gelten; die Urteile über die Gemütszustände der Verurteilten bleiben das Zeugnis eines moralisierenden Chronisten.

Im Mittelpunkt dieses Falles verknüpfte das Bündel der Martha Hide eine von Dalton geschilderte Tat, ein Opfer, das den Angriff bestätigte, einen umgearbeiteten Mantel und eine Geldsumme, von deren Vorhandensein die Diebe nichts geahnt haben wollten. Die Proklamation hatte dem Zuträger Lohn und Begnadigung verheißen; sie machte Dalton zugleich zur Hauptstimme der Anklage. Die weiteren Zeugnisse, darunter jenes der Beraubten, wurden gleichfalls vernommen. Auf diesem Gefüge gründete das Verdikt der Geschworenen gegen Russell, Crouch und Holden – jeder von ihnen hinterließ der Chronik einen eigenen Lebenslauf, doch ein einhelliges Urteil.

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Vollständig eingesehene Quelle. Das Hinrichtungsdatum ist ausdrücklich Montag, der 20. Mai 1728; für die Tat selbst und die Gerichtssitzungen fehlen genaue Tagesdaten. Alle drei Angeklagten wurden wegen des Überfalls auf Martha Hide schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. James Dalton sagt nach seiner Unterwerfung unter das Begnadigungsversprechen gegen sie aus; die Aussagen von Hide, Solomon Nicholas und dem Constable Willis werden ebenso berichtet wie der Crouch zur Last gelegte Austausch des Mantelüberwurfs. Die Äußerungen und Reuebekundungen im Kerker entstammen der Schilderung des Chronisten und stellen keine wörtlichen Gerichtsprotokolle dar. Die moralisierenden Urteile über Herkunft und Lebenswandel der Verurteilten sind quellenimmanent.

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