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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Das Geheimnis der Chick Lane

In London stirbt das Mädchen Anne Naylor, nachdem es im Hause von Sarah Metyard und deren Tochter gefesselt und ausgehungert worden war. Ihre Schwester schöpft Verdacht ob der Lüge über ihr Verschwinden; das finstere Geheimnis wird erst Jahre später im Zuge eines Streits zwischen den beiden Frauen ans Licht treten.

Es gelang Anne Naylor, die Straße zu erreichen, wo sie sich an einen Milchmann wandte. Sie flehte ihn um Beistand an: Sollte sie zu ihrer Herrin zurückkehren müssen, so beteuerte sie, würde sie an Hunger und Misshandlungen zugrunde gehen. Die Rettung währte nur kurz. Sarah Metyard, die Tochter des Hauses, packte das Kind am Kragen und schleifte es gewaltsam zurück. Die Mutter hielt Anne auf dem Bett nieder, während Sarah mit einem Besenstiel auf sie einschlug.

Die beiden Frauen betrieben ein Modistengeschäft in der Bruton Street, unweit des Berkeley Square. Im Jahre 1758 waren ihnen fünf junge Mädchen von verschiedenen Armenhäusern der Kirchengemeinden als Lehrlinge anvertraut worden. Anne, von zarter Leibesbeschaffenheit, vermochte nicht das gleiche Pensum wie die anderen Mädchen ihres Alters zu bewältigen. Diese Schwäche machte sie, wie Borrow berichtet, zur bevorzugten Zielscheibe des Zorns der beiden Metyards. Sie hatte bereits zuvor einen Fluchtversuch unternommen; nachdem man sie zurückgebracht hatte, hielt man sie im oberen Stockwerk eingesperrt und reichte ihr täglich nur einen kargen Bissen Brot nebst etwas Wasser.

Nach ihrer zweiten Ergreifung sollte ihre Bestrafung den übrigen Lehrmädchen als warnendes Exempel dienen. Man schlang einen Strick um ihre Taille und band ihr die Hände auf den Rücken; das Seil wurde derart an der Tür befestigt, dass das Mädchen weder sitzen noch liegen konnte. In dieser Pein hielt man sie drei Tage lang fest, wenngleich man ihr für die Nacht erlaubte, sich niederzulegen. Drei Tage und zwei Nächte blieb sie gänzlich ohne Nahrung, während die anderen Mädchen im Nebenzimmer arbeiten mussten. Sie waren gezwungen, das Leid mitanzusehen, durften ihr jedoch unter Androhung derselben Marter bei Ungehorsam nicht zu Hilfe eilen.

Am vierten Tag begann Anne nur noch mühsam zu sprechen. Schließlich rührte sich ihr Leib nicht mehr. Die Lehrmädchen riefen Sarah zu: »Miss Sally, Nanny rührt sich nicht mehr.« Sarah stieg hinauf, entgegnete drohend, sie werde sie schon zur Bewegung bringen, und schlug dem Mädchen mit dem Absatz eines Schuhs an den Kopf. Als sich keine Lebenszeichen zeigten, rief sie die Mutter herbei. Die Ältere ließ die Fesseln kappen, nahm den leblosen Körper auf den Schoß und wies eine der Mägde an, ein Fläschchen Riechsalz zur Belebung herbeizuschaffen.

Die Lehrmädchen wurden hinuntergeschickt. Als die beiden Metyards gewahr wurden, dass Anne tot war, schafften sie den Leichnam auf den Dachboden. Den anderen gaben sie vor, das Kind habe lediglich eine Ohnmacht erlitten, sei jedoch wieder genesen; man halte sie dort oben verschlossen, um eine erneute Flucht zu verhindern. Um die Mittagsstunde trug Sarah einen Teller Fleisch hinauf und gab vor, Anne das Mahl zu servieren. Diese Vorspiegelung diente dem praktischen Zweck, das Fortleben des Mädchens glaubhaft zu machen, während man es den Blicken aller entzog.

Vier Tage nach der Bluttat schlossen sie den Leichnam in eine Kiste. Sodann ließen sie die Dachbodentür offen und die Haustür angelehnt. Eine Lehrmagd erhielt die Weisung, Anne zum Essen zu rufen: Wenn sie Gehorsam gelobe, solle sie ihre Freiheit wiedererlangen. Das Mädchen kehrte allein vom Dachboden zurück – Anne befand sich nicht dort. Daraufhin inszenierten die beiden Frauen eine Durchsuchung des Hauses und verkündeten, das Mädchen sei abermals entflohen.

Annes Schwester stand ebenfalls in den Diensten des Hauses. Sie schenkte der Fabel keinen Glauben. Die Schuhe, das Hemd und die übrigen Kleider ihrer Schwester befanden sich noch auf dem Speicher; Anne konnte sonach unmöglich auf die behauptete Weise entkommen sein. Sie vertraute ihren Argwohn einem Untermieter an. Dieses Wort brachte sie in tödliche Gefahr. Als die beiden Frauen begriffen, dass sie den Frevel verraten könnte, brachten sie auch sie ums Leben und schafften den Leichnam beiseite. Der Bericht schweigt über den genauen Zeitpunkt wie über die Todesart dieses zweiten Opfers. Borrow bringt das Ende des Mädchens mit seinen geäußerten Verdächtigungen in Verbindung; dieser Umstand bleibt mithin Bestandteil seiner Chronik.

Annes Leichnam lag zwei Monate lang in der Kiste auf dem Dachboden. Die Tür blieb fest verschlossen, um den Verwesungsgeruch einzudämmen. Am 5. Dezember beschlossen die Metyards, die Gebeine endgültig zu beseitigen. Am Abend zerstückelten sie den Körper: Kopf und Rumpf schlugen sie in ein Tuch, die Gliedmaßen in ein anderes; eine Hand, an der bereits zu Lebzeiten ein Finger gefehlt hatte, behielten sie zurück, um sie im Herdfeuer zu verbrennen. Als die übrigen Lehrmädchen zu Bett gegangen waren, warf die Mutter die Hand in die Glut und sprach, das Feuer wisse Geheimnisse wohl zu bewahren.

Sie beabsichtigte, die gesamten Überreste einzuäschern, doch der unerträgliche Gestank vereitelte den Plan. So trug sie die Bündel zur Chick Lane und unternahm den Versuch, sie hinter einer Mauer in den Einlasskanal der Kloake zu werfen. Da dies misslang, ließ sie die Last vor dem Gitter im Schlamm und Unrat zurück. Der Bericht erwähnt nicht, dass dieser grausige Fund sogleich zu einer Untersuchung geführt hätte. Die Leiber beider Schwestern blieben aus dem Hause getilgt, und die Jahre zogen ins Land.

Die Gewalt zwischen Mutter und Tochter riss indessen nicht ab. Die Ältere misshandelte Sarah häufig und verwehrte ihr das Verlassen des Hauses. Ein Mann namens Rooker, der eine Zeitlang bei den Metyards gewohnt hatte, wurde Zeuge dieser Härten. Er bot der jungen Frau eine Stellung als Magd in seinem eigenen Hause an. Sarah willigte ungeachtet des mütterlichen Widerstands ein. Als Rooker später auf ein kleines geerbtes Gut nach Ealing zog, folgte sie ihm dorthin. Die Überlieferung vermerkt, er habe sie verführt und sie habe als seine Mätresse gelebt. Die Mutter suchte sie jedoch weiterhin heim und fachte wiederholt Streit an.

Am 9. Juni 1762 kam es im Hause Rookers zu einem solchen Ausbruch. Die Mutter schlug nach der Tochter, und beide Frauen überschütteten sich mit Schmähungen. Sarah schmähte die Alte als »die Parfümeurin« und das »Gespenst von Chick Lane«. Diese Worte zielten unverhohlen auf die einst an der Kloake verscharrten Reste von Anne ab. Nachdem die Mutter fortgegangen war, drängte Rooker Sarah zu einer Erklärung jener finsteren Rede. Sie brach in Tränen aus, gestand die Mordtaten und beschwor ihn inständig, Stillschweigen zu bewahren.

Rooker wähnte zunächst, Sarah bleibe straflos, da sie lediglich auf Geheiß ihrer Mutter gehandelt habe. Gleichwohl wandte er sich schriftlich an die Armenaufseher von Tottenham, jener Pfarrei, aus der die unglücklichen Kinder einst in die Lehre gegeben worden waren. Die Mutter wurde festgenommen. Beim Verhör in Bow Street legten Sarah, Rooker sowie zwei vormalige Lehrmädchen des Hauses Zeugnis ab. Die alte Frau wurde in das New Prison überstellt; die verbliebenen, noch gefährdeten Mädchen brachte man unter die Obhut der Kirchenvorsteher von St George’s, Hanover Square.

Vor Gericht bezichtigten sich Mutter und Tochter wechselseitig der Taten, wodurch sich ihre Geständnisse vor den Schranken des Gerichts nur umso unerbittlicher erhärteten. Sarah berief sich auf eine bestehende Schwangerschaft, doch ein Geschworenengericht aus ehrsamen Matronen befand nach körperlicher Untersuchung, dass sie keineswegs guter Hoffnung sei. Beide wurden zum Tode am Galgen verurteilt. Die Verbrechen lagen vier Jahre zurück, folgt man der zeitlichen Spanne, welche die Chronik zwischen Tat und Entdeckung angibt; der Prozess folgte dem Geständnis von 1762 auf dem Fuße. Die Zeit hatte die einstige Komplizenschaft nicht verwischt, sondern in tödliche Feindschaft verkehrt, bis Sarah die grausamen Geheimnisse jenes Hauses preisgab.

Am 19. Juli 1762 wurden sie nach Tyburn überführt. Die Mutter verfiel in eine Ohnmacht, ehe sie den Karren bestieg, und lag während der gesamten Fahrt reglos am Boden. Am Richtplatz blieben alle Wiederbelebungsversuche fruchtlos; sie verschied, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Sarah weinte unablässig vom Augenblick ihres Auszugs aus Newgate bis zu ihrem Ende. Die Chronik vermeldet nicht, worüber sie klagte, noch was ihre Reue an den Leiden der gepeinigten Kinder hätte wandeln können. Sie überliefert einzig jenes Bild zweier Frauen, die, für dieselbe Tat gerichtet, auf so ungleiche Weise den Weg zum Richtplatz antraten.

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Borrow datiert das Lehrverhältnis auf das Jahr 1758 und die Enthüllung des Geheimnisses bei Rooker auf den 9. Juni 1762, druckt jedoch 1768 als Jahr der Hinrichtung. Der Titel des zeitgenössischen Berichts von Stephen Roe (nachgewiesen im Katalog von DeWolfe & Wood) nennt hingegen den 19. Juli 1762, welcher hier übernommen wurde. Eingesehen wurde der bibliographische Nachweis, nicht der vollständige Drucktext. Die in einem früheren Entwurf enthaltene Angabe von sechs Jahren Frist wurde getilgt.

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