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Räuber & Landstraßen · Italien

Das Geschenk der Pilgerin

Eine Reisende lässt ein Goldstück wechseln. Der Mann, der ihr folgt, bietet ihr sein Geleit an; die Kleider, die er seiner Gattin heimbringt, werden sein Verbrechen verraten.

Das Goldstück hatte den Besitzer gewechselt; der Mann aber war an Ort und Stelle geblieben. In Viterbo hatte Giovanni Vagnarelli soeben beobachtet, wie eine Reisende sich Geld wechseln ließ. Von nun an wusste er, dass sie wohlversehen war. Zu Fuß, im Gewande einer Pilgerin, zog sie gen Rom. Er bot ihr eben jenen Schutz an, dessen er sie zu berauben beschlossen hatte.

Charles Dickens überliefert diesen Vorgang in seinen italienischen Reisebildern. Bei der Fremden handelte es sich um eine bayerische Gräfin; die Forschungen zu ihrem Briefwechsel nennen sie Anna Cotten. Es hieß, sie habe die Wallfahrt schon mehrmals vollbracht. Ein wohlbekannter Pfad mag Zuversicht wecken, und die Gefährtschaft eines dienstbaren Mannes mindere Mühsal und Gefahr versprechen. Doch jener schloss sich ihr keineswegs an, um sie vor üblen Begegnungen zu bewahren: Er wartete lediglich ab, bis sie jedem Beistand fern genug waren.

Nach Dickens’ Bericht wanderte Vagnarelli über sechzig Kilometer an ihrer Seite. Der Anschlag entsprang somit keiner jäh im Zorn gefassten Regung. Es galt, die Reise fortzusetzen, den eigenen Schritt dem der Frau anzupassen, in ihrer Nähe zu verharren und lange genug den Anschein eines treuen Begleiters zu wahren. Die Wegstrecke, welche die Pilgerin ihrem Ziele näher brachte, arbeitete zugleich für ihren Mörder. Rom rückte näher; die Schlinge zog sich in eben dem Maße zu, wie sie sich dem Heiligtum nahe wähnen durfte.

Auf freiem Felde, nahe jenem Denkmal, das man gemeinhin als das Grabmal des Nero bezeichnete, fiel Vagnarelli über sie her. Er beraubte sie und erschlug sie mit ihrem eigenen Pilgerstab. Jenes Holz, das den Gang hatte stützen sollen, war in die Hände des Mörders übergegangen. Vom Gelde, das er zu Viterbo erblickt, bis zum Leichnam, den er vor den Toren Roms zurückließ, hatte er seinen Plan unerbittlich zu Ende geführt.

Er war erst jüngst verehelicht. Nach seiner Heimkehr überließ er seinem Weibe etliche Kleidungsstücke der Toten und gab vor, er habe sie auf einem Jahrmarkt erstanden. Die Lüge mochte wohlfeil scheinen: Gewänder wechseln den Besitzer, und mancher Gatte bringt ein Geschenk heim. Doch seine Frau hatte die Pilgerin durch ihre Stadt ziehen sehen. An den Gaben, die er ihr darbot, erkannte sie ein Merkmal wieder, das jener Fremden zu eigen gewesen war.

Da brach Vagnarelli sein Schweigen. In der Fassung, die Dickens aufzeichnete, gestand er seiner Frau den Mord; diese offenbarte die Tat alsbald einem Priester in der Beichte. Der Schriftsteller knüpft an diese Kette von Enthüllungen die Verhaftung, die vier Tage nach dem Verbrechen erfolgte. Das Gewand, mit dem die Beute in den häuslichen Frieden getragen werden sollte, hatte das Opfer selbst in das Gemach zurückgebracht. Was der Mörder als ehrlich erworbenes Gut auszuteilen gedachte, trug noch genug Eigenart an sich, um ihn der Gerechtigkeit zu überliefern.

Monate vergingen im Kerker. Das Verfahren endete mit dem Todesurteil; Dickens’ Schilderung übergeht die Verhandlungen und wendet sich dem Verurteilten erst wieder in jenem Augenblick zu, da die Gerichtsdiener ihm verkündeten, das Warten habe ein Ende. Es war an einem Freitag. Vagnarelli saß beim Mahle mit den übrigen Gefangenen, als man ihn abführte, nicht ohne ihm zu eröffnen, dass er am folgenden Morgen enthauptet werde. Ihm blieb nun keine unabsehbare Frist mehr zu erdulden, sondern lediglich eine Nacht zu durchwachen.

Es war Fastenzeit. Dickens berichtet, die Hinrichtung, die in diesen Wochen höchst ungewöhnlich war, habe zur Abschreckung dienen sollen, da die Pilger zur Karwoche scharenweise nach Rom strömten. Der an einer frommen Wandersfrau verübte Frevel wurde so zum warnenden Exempel in eben dem Augenblick, da andere dieselben Straßen betraten. Anschläge an den Kirchentüren luden dazu ein, für das Seelenheil des Verurteilten zu beten. Dickens sah sie am Freitagabend und beschloss, dem beizuwohnen, was der Morgen bringen sollte.

Am 8. März 1845 fand er sich mit zwei Gefährten bereits um halb acht Uhr morgens ein. Nahe San Giovanni Decollato war das Schafott vor einem weißen Hause aufgerichtet. Das Fallbeil harrte in seinem Gerüst; Dragoner und Fußvolk hielten die Schaulustigen ringsum im Zaum. Die drei Zeugen fanden Einlass in einer Art Waschküche. Auf einen alten Wagen und aufgestapelte Räder gestiegen, blickten sie durch ein vergittertes Fenster. Der Romancier hatte sich somit gleichfalls eine Warte hergerichtet.

Neun Uhr schlug es. Dann zehn. Die Offiziere plauderten und rauchten; Hunde liefen zwischen den Soldaten umher. Ein Händler bot Zigarren feil, ein anderer verkaufte Gebäck. Knaben suchten die Mauern zu erklimmen, um besser zu sehen. Das gewöhnliche Treiben der Gasse füllte die Leere aus, die der Verurteilte hinterließ. Die Menge mochte noch schmausen, feilschen, nach einem günstigeren Platze spähen; der Mann aber, um dessentwillen all dies gerüstet war, blieb unsichtbar.

Um elf Uhr war er noch immer nicht erschienen. Ein Gerücht ging um, er weigere sich zu beichten. Dickens hatte erfahren, dass die Geistlichen ihre Zurede bis in die Abendstunden ausdehnen durften, um dem Verurteilten nicht vorzeitig die letzte Zuflucht der Religion zu entziehen. Dieser Aufschub, bestimmt zur Rettung einer Seele, schien den Neugierigen vor allem den Ausgang ihres Vormittags zu verderben. Erste Zuschauer schickten sich an zu gehen. Die Soldaten stießen die Karren zurück, auf denen andere Platz genommen hatten, und die Offiziere wussten augenscheinlich nicht mehr, wann dieses Verharren enden würde. Die Maschine, ersonnen für einen raschen Schnitt, bannte eine Schar um sich, die der Verzug verdross.

Der Grund der Verzögerung drang alsbald zu Dickens: Vagnarelli hatte verlangt, dass man vor seiner Beichte sein Weib zu ihm führe. Man hatte eine Wache ausgesandt, sie herbeizuholen. Jene Frau, der er die Gewänder seines Opfers geschenkt und der er den Mord gestanden hatte, ward im letzten Augenblick wieder die Einzige, nach deren Gegenwart er verlangte. Der Augenzeuge berichtet nichts über ihr Zwiegespräch. Der Gasse ward allein die Folge kund: Unablässig schlugen die Stunden vor einem verwaisten Schafott.

Endlich erschallten die Trompeten. Die Soldaten rückten zusammen, die Neugierigen drängten nach, die Krämer ließen ihre Waren im Stich. Geistliche schritten voran mit einem schwarz verhüllten Kruzifix, das dem Verurteilten dicht vor die Augen gehalten wurde. Vagnarelli trat barfuß hervor, die Hände gebunden, das Hemd am Halse weit ausgeschnitten. Dickens erblickte einen kräftigen, bleichen jungen Mann mit schmalem, dunklem Schnurrbart. Er zählte sechsundzwanzig Jahre.

Die Enthauptung geschah fast im selben Augenblick. Der Scharfrichter wies das Haupt dem Volke; Männer machten sich sogleich an den Rumpf und das Säubern des Gerüsts. Nach dem langen Harren war das Ende so jäh herbeigeeilt, dass das Auge dem Streich kaum zu folgen vermochte. Dickens verließ seinen Posten und trat näher. Um sich her fand er nicht jenen heilsamen Schauder, den die Obrigkeit zu wecken gehofft hatte. Dagegen spürte er, wie mehrere Hände nach seinen Taschen tasteten.

Im folgenden Jahre, in einem Briefe an die Daily News wider die Todesstrafe, kam er auf jene Diebesgriffe am Fuße des Schafotts zurück. Vagnarelli hatte gemordet, um eine Reisende auszuplündern; an eben jener Stätte, wo man ihn soeben für dieses Verbrechen gerichtet hatte, suchten andere noch immer nach Beute. Das Eisen stand still. Die Hände in der Menge setzten ihr Werk fort.

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Die Darstellung stützt sich auf jene Passage aus Pictures from Italy, in welcher Dickens von dem Verbrechen und der Hinrichtung berichtet, deren Augenzeuge er am 8. März 1845 war. Die näheren Umstände des Mordes, die Eröffnung gegenüber der Ehefrau und die Beichte trug er nachträglich zusammen; diesen Vorgängen wohnte er nicht bei. Die historisch-kritische Ausgabe seiner Briefe belegt die Namen Giovanni Vagnarelli und Anna Cotten. Sein Schreiben vom 13. März 1846 greift die Beobachtungen zu den Taschendiebstählen in der Menge wieder auf. Es wurden weder eheliche Unterredungen noch sonstige vertrauliche Gespräche hinzugedichtet.

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