Zum Inhalt springen
Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Das Testament zur Hand

London und Surrey, 1855–1862. Der Parlamentsabgeordnete William Roupell unterschlägt Gelder, indem er Urkunden über die Güter seines Vaters fälscht, und setzt schließlich ein unechtes Testament auf, um seine Machenschaften zu decken. Als sein jüngerer Bruder einen Eigentumstitel vor dem Gericht in Guildford anficht, kehrt Roupell aus Spanien zurück, sagt gegen sich selbst aus und gesteht seine Fälschungen sowie seinen Meineid. Nach dem zivilrechtlichen Vergleich bekennt er sich im Strafprozess schuldig und wird zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt.

Lange Zeit schien es, als habe das Schicksal William Roupell alles geschenkt, noch ehe er sich selbst darum verdient gemacht hatte. Im Jahre 1857 zog er nach einem kostspieligen Wahlkampf auf den Straßen von Lambeth ins Parlament ein; er trat für Reformen ein und ließ sich als ein Mann feiern, der für das öffentliche Wohl wie berufen schien. Doch anstatt sich 1862 seinen Gläubigern zu stellen, verließ er England. Wenige Monate darauf kehrte er zurück, um vor Gericht zu erscheinen – nicht als Volksvertreter, sondern als Zeuge seiner eigenen Fälschungen.

Die Geschichte, die der Prozess ans Licht brachte, nahm lange vor dieser Flucht ihren Anfang. Richard Palmer Roupell, ein Bleiwarenhändler, hatte ein beträchtliches Vermögen angehäuft und besaß Ländereien in mehreren Grafschaften. Richard und Sarah hatten lange zusammengelebt, ehe sie den Bund der Ehe schlossen. William war während dieses Zusammenlebens geboren worden; sein älterer Bruder John hatte sich mit dem Vater überworfen und war ins Ausland gegangen. Richard, der jüngste Bruder, erblickte erst nach der Eheschließung das Licht der Welt. Der Vater hatte in seinen letztwilligen Verfügungen vorgesehen, seine Gattin und die Kinder abzusichern und einen bedeutenden Teil des Vermögens der Obhut vertrauenswürdiger Männer zu unterstellen. William, der Zugang zu den Schriften hatte, kannte sowohl die Bestimmungen als auch die Schwachstellen dieses familiären Gefüges.

Im Jahre 1855 drängten ihn die Schulden. Ein an Roupell Park grenzendes Grundstück im Besitz eines gewissen Treadwell stand für fünftausend Pfund zum Verkauf. William redete seinem Vater ein, die Unity Fire Insurance Company habe ihm die Verwaltung eines Kapitals anvertraut und beabsichtige, das große Familiengut zu pachten; der Erwerb des kleinen Flurstücks werde dieses Geschäft erleichtern. Der Vater schenkte ihm Glauben. Zwei Wechsel, einer über fünfhundert, der andere über viertausendfünfhundert Pfund, wurden William ausgehändigt, um Treadwell auszuzahlen. Wie die Verhandlung erwies, gelangte das Geld nie an seinen Bestimmungsort: Die Beträge flossen auf Konten, über die William frei verfügen konnte, und Treadwells Indossament war gefälscht worden.

Dieser erste Streich genügte ihm nicht. Bald darauf gab William vor, die Gesellschaft müsse auch die Eigentumstitel des Gutes Norbiton Park einsehen. Unter diesem Vorwand brachte er die Originalurkunden an sich, die sein Vater verwahrte. Er trug sie jedoch nicht zu den beauftragten Anwälten, sondern begab sich zu Powell, einem Händler für juristische Formulare, und ließ Pergamentduplikate anfertigen. Daraufhin wandte er sich an den Rechtsbeistand Whitaker und veranlasste ihn zur Abfassung einer Schenkungsurkunde, mit welcher der Vater ihm das Land angeblich übereignete. Whitaker, der von dem Betrug nichts ahnte, setzte die Urkunde auf und händigte sie ihm zur Unterzeichnung aus.

William ahmte die Handschrift seines Vaters nach. Daraufhin bestellte er zwei Männer ein, Trueman und Dove, unter dem Vorwand, sie sollten seine eigene Unterschrift beglaubigen. Die juristische Klausel deckte er ab; ahnungslos leisteten die beiden Zeugen ihre Unterschrift, ohne zu gewahren, dass sie damit auch den Namenszug des Vaters bestätigten. Mit dieser Urkunde in Händen nahm William ein Darlehen von siebentausend Pfund auf das Anwesen auf. So konnte er Treadwell abfinden, den Überschuss einbehalten und dem ersten Betrug den Anschein eines ordnungsgemäßen Geschäfts verleihen. Als das Land einige Jahre später veräußert wurde, wähnte sich der Käufer Waite im Besitz eines Rechtstitels, den sein Advokat für unanfechtbar hielt.

Im Januar 1856 wiederholte William sein Spiel. Er spiegelte seinem Vater vor, die Gesellschaft interessiere sich für das Gut Great Warleigh in Essex, und verschaffte sich so die Rechtstitel und Pachtverträge. Erneut fälschte er die Unterschrift; abermals fertigte Whitaker die Papiere aus, ohne deren wahren Zweck zu ahnen. Ein Gutachten bezifferte den Wert des Gutes auf achtzehntausend Pfund, woraufhin eine Anleihe über fünfzehntausend Pfund bewilligt wurde. Diese Umtriebe schädigten nicht bloß Fremde: Sie veruntreuten just jene Besitztümer, von denen die Zukunft seiner Nächsten abhing.

Am 12. September 1856 verschied Richard Palmer Roupell ganz plötzlich. Die tief gebeugte Witwe Sarah übergab die Schlüssel ihrem Sohn. William durchsuchte den Schreibtisch des Vaters und fand das Testament von 1850, das durch ein Kodizill vom 30. August bestätigt worden war. Das Land bei Norbiton sollte dem jüngeren Bruder Richard zufallen. Diese Verfügung drohte die bereits fabrizierten Dokumente und die auf fremde Güter aufgenommenen Hypotheken ans Licht zu bringen. Im selben Hause, in dem die sterblichen Überreste des Vaters aufgebahrt lagen, kaufte William ein Testamentsformular, füllte die Leerstellen aus und verfasste eine neue letztwillige Verfügung, die er auf den 2. September rückdatierte.

Dieses Machwerk setzte Sarah zur Universalerbin ein und ernannte William an ihrer Seite zum Testamentsvollstrecker. Er ahmte die Unterschrift seines Vaters sowie jene Muggeridges nach – eines betagten Dieners, den er zuvor zur Unterzeichnung einer Quittung über fünf Pfund verleitet hatte. Die Mutter ahnte, wie William später aussagte, nichts von der Fälschung. Nach dem Begräbnis legte er das Schriftstück den Anwälten seines Vaters vor und beschwor dessen Echtheit. Damit drückte er seinem Betrug das Siegel auf, das ihm Dauer verleihen sollte: seinen eigenen Eid.

Das Familienvermögen erlaubte es ihm, sein öffentliches Leben fortzuführen. 1857 wurde er für Lambeth ins Parlament gewählt und 1859 im Amt bestätigt; er pflegte einen verschwenderischen Lebenswandel, förderte Vorhaben und stand im Rampenlicht. Derweil wurden die Liegenschaften veräußert, die Gläubiger mehrten sich, und das Geld rann ihm durch die Finger. Der Bericht des Pitaval vermerkt, William habe binnen sieben Jahren an die dreihunderttausend Pfund durchgebracht. Im März 1862 setzte er sich nach Spanien ab, nachdem er einen Teil seiner Papiere den Flammen übergeben hatte. Diese Flucht schien zunächst das Gewöhnlichste zu bestätigen: Ein Schuldner hatte das Weite gesucht, um seinen Gläubigern zu entgehen.

Die Angelegenheit trat wieder zutage, als am 18. August 1862 vor dem Gericht in Guildford eine Zivilklage verhandelt wurde. Richard, der jüngere Bruder, forderte ein an Waite verkauftes Flurstück in Kingston ein. Der Käufer berief sich auf die angebliche Schenkungsurkunde des Vaters. Richards Rechtsbeistände hielten dagegen, die Urkunde sei ebenso falsch wie jenes Testament, das Sarah an die Spitze des Nachlasses gesetzt hatte. Um die Rechte der Familie durchzusetzen, mussten sie den Werdegang der Güter, die einstigen Verfügungen des Vaters und die Fälschung der Urkunden darlegen.

Da wurde Williams Name aufgerufen. Zur Bestürzung der Anwesenden trat er vor und bestätigte kühl und folgerichtig den Hergang. Er berichtete von der erdichteten Vollmacht der Unity Company, den veruntreuten Geldern, der nachgeahmten Unterschrift, der erschlichenen Schenkung und dem rückdatierten Testament. Er gab zu, die Echtheit des Letzteren eidlich beteuert zu haben. Das Kreuzverhör durch Waites Anwalt suchte darzutun, dass diese Aussage abermals den Interessen der Familie diene: Würde die Urkunde für nichtig erklärt, fiele das Land an die Familie Roupell zurück. Die Rechtslage blieb heikel. Konnte man einem Manne Glauben schenken, der bereits einen Meineid geschworen hatte, wenn er nun einen weiteren Betrug anzeigte?

William äußerte sich auch über den Willen seines Vaters. Er behauptete, dieser habe vor seinem Tode das Testament ändern und ihm die Verwaltung der Güter übertragen wollen – mit der Verpflichtung, Mutter und Geschwistern ein Einkommen zu sichern. Doch gestand er ein, den Vater unterbrochen zu haben, als dieser ein Kodizill diktieren wollte, weil dieses den Betrug an Roupell Park aufgedeckt hätte. Diese Ausflucht vermochte nichts ungeschehen zu machen; sie zeigte lediglich, dass das unechte Testament kein Einzelfall war, sondern der letzte Riegel, der eine Kette früherer Übergriffe sichern sollte.

Schließlich einigten sich die Parteien im Zivilprozess auf einen gütlichen Vergleich, indem sie den Wert des Landes teilten. William hingegen wurde in Haft abgeführt, und die Strafuntersuchung nahm ihren Lauf. Vor den Schranken des Kriminalgerichts plädierte er am 22. September zunächst auf nicht schuldig, widerrief dies jedoch sogleich und bekannte sich schuldig. Er führte aus, sein erster Fehltritt sei eine Schuldaufnahme zum Kauf von Büchern gewesen, gepaart mit dem vermeintlichen Zwang, einem Freunde beizustehen; ein Schritt habe den nächsten nach sich gezogen. Er nahm die volle Schuld auf sich und bat lediglich darum, keinen Verdacht auf jene Juristen fallen zu lassen, die die Papiere in Unkenntnis der Fälschung gefertigt hatten.

Seine Rede flehte nicht um Gnade. Er beteuerte, er sei aus sicherer Zuflucht zurückgekehrt, um reinen Tisch zu machen, nachdem er die getäuschten Käufer benachrichtigt habe; eine schwere Strafe sei ihm lieber als ein Leben in Schmach und Furcht. Das Gericht verurteilte ihn zu lebenslanger Zwangsarbeit. Der Pitaval schildert, wie er ohne sichtbare Regung des Aufbegehrens in seine Zelle zurückgeführt wurde. Für seine Familie machte das Urteil die veräußerten Besitztümer nicht auf einen Schlag wieder gut, und für die gutgläubigen Käufer machte das Eingeständnis der Fälschungen ihre Besitztitel keineswegs sicherer.

Roupell hatte es verstanden, den Schein eines Reformpolitikers und pflichtgetreuen Sohnes zu wahren; zugleich hatte er, Dokument für Dokument, ein trügerisches Bild seiner selbst gezimmert. Sein Fall rührte nicht von einer spektakulären Entdeckung her, sondern von jenem Augenblick, da ein Streit um Grundbesitz die Urkunden zwang, gegeneinander Zeugnis abzulegen. Die Fälschung mochte eine Unterschrift nachahmen, der Eid mochte sie eine Zeitlang schirmen; vor Gericht jedoch musste ihr Urheber selbst in den Zeugenstand treten und mit eigenem Munde bekennen, was seine Papiere bis dahin verschwiegen hatten.

Aus diesem historischen Fall könnte ein Buch entstehen

Helfen Sie uns, unser nächstes Buch zu wählen

Sie haben soeben den vollständigen Bericht dieses Falles gelesen. Er inspiriert uns zu drei Romanprojekten. Welches möchten Sie gedruckt sehen? Ihre Stimme hilft AB Éditions bei der Auswahl.

Novelle

Die Tinte auf der Quittung

Eine historische Novelle über einen jungen Schreiber in der Kanzlei eines Londoner Solicitors. Als ihn ein Mandant beauftragt, einen Eigentumstitel mit verdächtiger Unterschrift zu erneuern, muss er entscheiden, ob er den Anwalt warnt, der das Schriftstück bereits beglaubigt hat. Figuren und Handlung sind frei erfunden; die Erzählung beansprucht nicht, eine historische Episode der Roupell-Affäre nachzuzeichnen. Binnen einer Woche erlebt der Schreiber, wie gewöhnliche Akten zur einzigen Bastion einer Familie gegen das schwindende Erbe werden.

Stimmen werden geladen…

Roman

Die Erben von Roupell Park

Dieser historische Kriminalroman folgt einer Grundbesitzerfamilie, in der jede Generation eine andere Fassung des für sie bestimmten Testaments vorfindet. Eine Archivarin, die Urkunden vor einem Verkauf ordnen soll, bemerkt, dass dieselbe Unterschrift im Laufe der Jahre ihre Züge verändert. Sie folgt den Spuren zwischen Geldverleihern, Schreibern und Erben, während ein verschollener ehemaliger Abgeordneter zurückkehrt, um seinen Anteil einzufordern. Alle Personen und Ereignisse sind frei erfunden. Die treibende Kraft des Romans ist die Frage, ob ein Beweisstück gebrochenes Vertrauen heilen kann, ehe das Gericht sein Urteil spricht.

Stimmen werden geladen…

Trilogie

Die Akten des Hauses

Diese fiktionale Trilogie beleuchtet drei Rechtsfälle in einer traditionsreichen Londoner Kanzlei. Der erste Band schildert einen Kanzlisten, der ein gefälschtes Testament entlarvt; der zweite eine Witwe, die um das Stammhaus kämpft; der dritte einen Anwalt, der einen durch gefälschte Rechtstitel zerrütteten Nachlass entwirren muss. Figuren, Verbrechen, Verfahren und Urteile sind frei erfunden. Jeder Band führt seinen eigenen Konflikt zum Abschluss, doch eine Schatulle mit Urkundenabschriften wandert von einer Generation zur nächsten. Das Werk ergründet, wie das geschriebene Wort über Erbschaften und den guten Ruf entscheidet.

Stimmen werden geladen…

Eine Stimme pro Fall in diesem Browser, jederzeit änderbar. Die beliebtesten Projekte fließen in unser Verlagsprogramm ein. Wie Ihre Auswahl gespeichert wird.

Weitere Buchprojekte im Salon entdecken →
Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Historische Zusammenstellung aus dem Neuen Pitaval (1863); das Kapitel stützt sich auf die Berichte des Zivilprozesses in Guildford sowie des nachfolgenden Strafverfahrens und stellt keine vollständige Gerichtsakte dar. Es schildert den Streit um die Echtheit der Urkunden, Williams eidliche Aussage, den zivilrechtlichen Vergleich und seine strafrechtliche Verurteilung zu lebenslanger Haft. Williams Ausführungen über den Willen seines Vaters sind als seine eigenen Behauptungen wiedergegeben, nicht als unabhängig erwiesene Tatsachen. Textgrundlage geprüft anhand von Titelblatt und Inhaltsverzeichnis: 33. Teil, 3. Folge, 9. Teil, 1863; Fall datiert auf 1862.

← Alle 1.003 Fälle des Kabinetts