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Justiz & Skandale · Spanien

Der Kurgast von Santa Águeda

Ein Italiener betritt die Sommerfrische des spanischen Ministerpräsidenten. Zwischen dem von Gefährten gerühmten sanftmütigen Schriftsetzer und dem Mörder im Wandelgang liegen zwölf Tage bis zum Schafott.

Im Gästebuch des Thermalbades hatte er einen falschen Namen eingetragen. Etablissements, in denen ein Staatsmann Erholung sucht, pflegen eine Kultur des Vertrauens: Man mietet ein Zimmer, nimmt die Bäder und liest in Erwartung der Mahlzeit die Zeitungen. Der Italiener hatte sich mühelos in dieses beschauliche Dasein eingefügt. Am 8. August 1897 trat er zu Santa Águeda mit gezücktem Revolver daraus hervor.

Antonio Cánovas del Castillo saß lesend in einer offenen Galerie. Zu jener Stunde kurz vor dem Gabelfrühstück weilten viele Kurgäste noch auf ihren Gemächern und rüsteten sich zum Hinabsteigen. Ein Bergingenieur namens Azpíroz und der Berichterstatter Torres befanden sich in unmittelbarer Nähe des Ministerpräsidenten. Cánovas war mithin nicht allein; er saß lediglich da, vertieft in seine Lektüre, wehrlos und erreichbar. Der Mörder brauchte keine Pforte gewaltsam aufzubrechen. Es genügte, jene wenigen Schritte zu tun, die der Anstand jedem anderen Kurgast ohne Argwohn zubilligte.

Die Schüsse brachen. Nach der Schilderung, die Torres telegraphierte, stürzten der Ingenieur und er sogleich auf den Italiener zu, der sogleich auch auf sie zielte, ohne sie zu treffen. Weitere Gäste eilten herbei. Ein Advokat packte ihn von hinten; ein Offizier der Guardia Civil und ein Polizeiinspektor überwältigten ihn vollends. Cánovas war am Haupte und am Leibe schwer getroffen worden. Man trug ihn auf sein Zimmer. Das öffentliche Schauspiel war damit vorüber; am Krankenbett begann jenes Ringen, an dem die Kunst der Ärzte an eine Grenze stößt, vor der kein irdischer Rang Bestand hat.

Die Königin entsandte unverzüglich einen Leibarzt in einem Sonderzuge. Doch die Hilfe kam zu spät, als dass der tödliche Ausgang noch hätte abgewendet werden können. Cánovas erlag seinen Wunden, und während seine Gattin zur Witwe wurde, schickte sich der Staat an, die verwaiste Macht neu zu ordnen. General Azcárraga übernahm interimistisch den Vorsitz des Ministerrats. Minister traten zusammen, Beileidsbekundungen wurden gewechselt, die Ehrenbezeugungen festgesetzt. Der Telegraph trug fortan zugleich das Ableben eines Mannes und die ununterbrochene Fortdauer des Staates in alle Welt.

Der Verhaftete hatte zunächst behauptet, Rinaldi zu heißen, sodann einen anderen Namen genannt, den die ersten Depeschen in mancherlei Schreibweisen wiedergaben. Hinter diesen wechselnden Schleiern trat schließlich Michele Angiolillo zutage, ein Italiener von sechsundzwanzig Jahren. Die Zeitungen begnügten sich anfangs mit einer Personenbeschreibung: Brille, Bart, bürgerliche Kleidung, einsame Spaziergänge. Bald jedoch enthüllten sie den Lebensweg eines Heimatlosen. In Foggia geboren, dem Anarchismus verfallen und in seiner Heimat wegen aufrührerischer Umtriebe verurteilt, hatte er nacheinander mehrere Staaten Europas durchwandert. Sein Handwerk als Schriftsetzer hatte ihn bis nach London geführt. Der Mann, der in die Galerie getreten war, kam nicht geradewegs aus seiner Vaterstadt; er trug all die Versammlungen und Nachrichten in sich, die seinen Weg geprägt hatten.

Unter diesen Nachrichten hallte vor allem der Name Montjuïc wider. Nach dem Bombenattentat auf eine Fronleichnamsprozession zu Barcelona im Jahre 1896 hatten die massenhaften Verhaftungen und die Misshandlungen der Eingekerkerten eine internationale Protestwelle entfacht. Jenen, die diese Schrecknisse anprangerten, galt die Festung Montjuïc kaum mehr als bloßer Ort, sondern als Inbegriff der Tyrannei. Angiolillo erkor Cánovas zu jenem Verantwortlichen, den die Rache treffen müsse. In diesem Übergang – von der Klage über die staatliche Härte hin zum Meuchelmord am Regierungschef – lag der Kern seiner Tat: Er maßte sich das Recht an, eigenmächtig Urteil und Henkersamt zu vollstrecken.

Emma Goldman zeichnete später ein parteiisches Bild jenes Entschlusses, ganz darauf angelegt, die Beweggründe zu verklären. Sie berichtete, in London hätten aus spanischen Kerkern entlassene Märtyrer auf einer Versammlung ihre Narben entblößt; der anwesende Angiolillo sei durch diesen Anblick bis ins Mark erschüttert worden. In ihrer Schilderung erschien er als fleißiger Schriftsetzer, der die englische Sprache erlernte und mit sanfter Stimme sprach. Seine Gefährten vermochten in ihm keineswegs jene rohe Fratze zu erblicken, die das Volk dem gemeinen Meuchelmörder zuzuschreiben pflegt. Goldman trachtete begreiflich zu machen, wie ein zu tiefem Mitempfinden fähiger Mensch im Namen fremden Leides zum Mörder werden konnte.

Doch alle Sanftmut, die seine Freunde rühmten, vermochte das Blutbad in der Galerie von Santa Águeda nicht ungeschehen zu machen. Der Verbannte war an einen arglosen Leser herangetreten, hatte gefeuert und sich sodann jenen widersetzt, die ihn bändigen wollten. Zu dem überlieferten Grauen von Montjuïc fügte er eine weitere, blutige Wirklichkeit hinzu. Seine Tat mochte den Gesinnungsgenossen als gerechte Rache gelten, den Machthabern als willkommener Vorwand dienen, die Daumenschrauben der Verfolgung noch fester anzuziehen. Kein einziges Opfer der Kerkermeister erhielt durch diesen Mord das Verlorene zurück.

Der Untersuchungsrichter von Vergara traf alsbald am Tatort ein und nahm die ersten Feststellungen der Guardia Civil entgegen. Die Justiz brauchte keinem Flüchtigen nachzujagen: Sie hielt den mutmaßlichen Täter am Orte des Verbrechens fest, verfügte über Augenzeugen und eine Leiche, deren Wunden den Hergang unmissverständlich bezeugten. Es galt nunmehr, seine wahre Identität festzustellen, seine Reisewege und Absichten zu ergründen und auszuforschen, was er über etwaige Helfershelfer preiszugeben vermochte. Die ersten Blätter vermengten diese Erhebungen mit Gerüchten über weitverzweigte Verschwörungen, die jede nüchterne Vorsicht noch als unbewiesen abtun musste.

In Madrid unterbrach das Ministerium kurzerhand die Fernsprechverbindungen, um den Fluss der Nachrichten schärfer zu zensieren. Der Korrespondent selbst beklagte diese Zensur und die Verzögerungen, die sie seiner Berichterstattung auferlegte. Die Kunde vom Attentat reiste unter strenger Aufsicht, und dennoch schwirrten die widersprüchlichsten Versionen durch das Land. Hier wurde ein Name berichtigt, dort eine Uhrzeit widerrufen, und die Zahl der Schüsse variierte von Telegramm zu Telegramm. Dem fernen Leser bot sich ein Fall dar, der zwar in seinen Grundzügen feststand, in dessen Einzelheiten jedoch noch alles schwankte.

Am 15. August, eine Woche nach dem Attentat, trat zu Vergara das Kriegsgericht zusammen. Eine zeitgenössische Depesche schildert den kleinen äußeren Platz als nahezu verwaist, während gut zweihundert Neugierige den Saal und die angrenzenden Gänge füllten. Der Gefangene trat zwischen zwei Bewachern der Guardia Civil ein und nahm seinen Platz vor den Schranken des Gerichts ein. Eine kurze öffentliche Verhandlung führte schnurstracks zum Urteil; der Präsident und die Beisitzer brachen sodann unverzüglich nach San Sebastián auf, um den Spruch der obersten Militärbehörde zur Bestätigung vorzulegen. Das Verfahren hatte dem auf frischer Tat Ergriffenen nur eine flüchtige Frist bis zum Tode gewährt.

Am 20. August 1897 endete sein Leben im Gefängnis zu Vergara durch die Garrotte. Die Nachricht erreichte Barcelona unter einer unscheinbaren Rubrik. Sie meldete den Vollzug und bemerkte lakonisch, dass kein Zwischenfall die Hinrichtung gestört habe. Nach all den wechselnden Namen, den Beratungen der Machthaber, den Telegrammen und den ministeriellen Nachfolgefragen genügten wenige Zeilen, um diesen Lebenslauf amtlich zu schließen. Die Zeitung widmete den Mutmaßungen über das künftige Kabinett weit mehr Raum; die Lebenden wandten sich sogleich wieder ihren Geschäften und Berechnungen zu.

Doch dieses amtliche Schweigen ward nicht das Schweigen seines Nachruhms. Der sanftmütige Schriftsetzer aus Goldmans Schriften und der bewaffnete Kurgast von Santa Águeda geisterten fortan als zwei unversöhnliche Gestalten durch die Erinnerung. Und doch waren sie ein und derselbe Mann. Darin lag das ganze Rätsel dieses Dramas: Man durfte den Mörder nicht verleugnen, um das Schicksal des Verbannten zu begreifen, noch durfte man den Verbannten tilgen, um die Tat zu schildern. In der Galerie hatte Cánovas die Augen auf ein Blatt Papier gerichtet. Ein anderer, trunken von all dem Weltenelend, das ihm die Zeitungen zugetragen hatten, war herangetreten und hatte beschlossen, dass er die letzte Zeile nicht mehr lesen sollte.

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Die vorliegende Chronik verarbeitet zeitgenössische Depeschen der Zeitung La Vanguardia sowie die 1910 erschienene, eindeutig parteiische Schilderung Emma Goldmans, deren Quelle ausdrücklich benannt wird. Die ersten Berichte wichen bezüglich Namen, Uhrzeiten und Schussanzahl voneinander ab; diese historischen Widersprüche wurden bewusst nicht glattgebügelt. Die italienischen Biographien dienten lediglich der Rekonstruktion des äußeren Lebensweges. Dialoge und Nebenfiguren sind historisch verbürgt. Ein kausaler Nachweis zwischen den Grausamkeiten von Montjuïc und einer persönlichen Schuld des Ministers an jedem einzelnen Willkürakt lässt sich historisch nicht führen; Hintermänner des Attentats bleiben unbewiesen.

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