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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Der Minister ohne Gehör

Thomas Cromwell, der erste Minister Heinrichs VIII., wird am 10. Juni 1540 mitten im Kronrat verhaftet. Eine parlamentarische Ächtungsakte klagt ihn des Hochverrats und der Ketzerei an, ohne dass ihm ein ordentliches Gehör gewährt wird; knapp sieben Wochen später, am 28. Juli, fällt sein Kopf unter dem Beil.

Noch im April hatte Heinrich VIII. Thomas Cromwell in den Rang eines Grafen von Essex erhoben und ihn zum Lord Great Chamberlain ernannt. Doch am 10. Juni 1540 erhob sich der Herzog von Norfolk am Ratstisch des Königs und klagte ihn des Hochverrats an. Die Wachen ergriffen ihn noch im Saale; die Abzeichen des Hosenbandordens wurden ihm von der Brust gerissen, und man führte ihn durch eine Hinterpforte hinab zu einer Barke. Über die Themse glitt das Fahrzeug, bis es durch das Traitors’ Gate in den Tower einlief. Noch tags zuvor war er der mächtigste Diener Heinrichs gewesen, der Lenker von Kirche und Staat. Nun blieb er gefangen, während die Lords die Ausarbeitung einer Ächtungsakte – eines Bill of Attainder – vorantrieben.

Cromwell hatte die Launen königlicher Gunst erfahren wie kaum ein Zweiter. Borrow bezeichnet ihn als Sohn eines Hufschmieds aus Putney; er hatte sich zu den höchsten Würden emporgearbeitet: Generalvikar des Königs in geistlichen Belangen, Lordsiegelbewahrer, Lord Chamberlain und Master of the Rolls. Zugleich jedoch hatte er zahllose Feinde gesammelt, vornehmlich im Hause Howard, wo religiöse Zerwürfnisse und die bevorstehende Vermählung des Monarchen mit Catherine Howard dem Ringen um Macht und Einfluss neue Bitterkeit verliehen.

Ein Gastmahl in Lambeth war zum Schauplatz dieser Feindseligkeit geworden. Heinrich hatte Norfolk, Suffolk und Cromwell zu Erzbischof Cranmer entsandt, um diesen seiner königlichen Huld zu versichern, nachdem der Prälat sich den Sechs Glaubensartikeln widersetzt hatte. Bei Tische rühmten die Herzöge Cranmer und dessen Beredsamkeit. Cromwell bemerkte spitz, der König leihe zwar den Klagen über seine sonstigen Räte stets ein Ohr, weigere sich jedoch standhaft, auch nur eine Beschwerde gegen den Erzbischof anzuhören. Daraufhin verglich er seine eigene Stellung mit jener Thomas Wolseys. Norfolk, der einst in Wolseys Diensten gestanden hatte, erwiderte kühl, er kenne den Kardinal wohl. Cromwell hielt ihm darauf, so Borrow, vor, er habe Wolsey einst nach Rom begleiten wollen, als dieser nach der Tiara strebte. Der Herzog stritt es ab; Cromwell beharrte darauf. Zwar wurde der Streit von den übrigen Tischnachbarn geschlichtet, doch die Schmach, so vermerkt der Chronist, brannte sich tief in Norfolks Gedächtnis ein.

Cromwell stand der Reformation nahe und hatte maßgeblich dazu beigetragen, Heinrich und den Kaiser auf Abstand zu halten; Norfolk und Bischof Gardiner hingegen neigten laut Borrow einer Wiederannäherung an den Papst zu. Der König war Anna von Kleve überdrüssig geworden und blickte nun auf Catherine Howard, die Nichte des Herzogs. In einer solchen Atmosphäre konnte ein Zwist über Glaubensfragen rasch mit einem Hader um Sippenmacht und fürstliche Gunst verschmelzen.

Dabei war die Ehe mit Anna von Kleve ursprünglich als diplomatischer Triumphzug ersonnen worden. Cromwell hatte eine deutsche Fürstentochter vorgeschlagen, und Heinrich hatte Holbein entsandt, ihr Bildnis zu malen. Das Gemälde fand das Wohlgefallen des Königs; die Unterhandlungen schritten voran, und Anna betrat Ende 1539 englischen Boden. Die erste persönliche Begegnung jedoch zerschlug die Hoffnungen des Ministers jäh. Heinrich verbarg sein Missfallen nicht, und die Ehe sollte wenige Monate darauf für nichtig erklärt werden. Dieser Fehlschlag besiegelte Cromwells Sturz indessen noch nicht auf der Stelle: Die Erhebung in den Grafenstand im April 1540 erfolgte erst nach Annas Ankunft. Seine Widersacher mussten erst noch das Missbehagen des Monarchen in den furchtbaren Verdacht des Hochverrats verwandeln.

Am 17. Juni brachten die Lords eine Ächtungsakte ins Parlament ein. Der Text beschuldigte Cromwell, des Verrats verdächtigte Gefangene auf freien Fuß gesetzt, Vollmachten und Pässe ohne königlichen Konsens erteilt, ketzerische Prediger und Schriften gefördert sowie jene geschützt zu haben, die die offizielle Kirchenlehre angriffen. Ferner legte man ihm Erpressung, Verachtung des Adels und Drohungen gegen die Lords zur Last. Nach dem von Borrow überlieferten Schriftstück wurde ihm das Wort zugeschrieben, er sei »seiner Sache beim König gewiss«, samt der Drohung, er werde das Schwert gegen jedermann ziehen, sollte der Herrscher seinen Glauben ändern.

Einer der im Gesetzblatt angeführten Vorfälle soll sich am 31. März im Kirchspiel St Peter le Poor zugetragen haben, wo Bürger vorstellig wurden, um über Prediger wie Robert Barnes Klage zu führen. Die Akte behauptet, Cromwell habe diese verteidigt und erklärt, selbst wenn der König die Partei wechsle, werde er selbst nicht weichen; er habe den Dolch gezückt und geschworen, für diese Sache zu streiten. Eine weitere Drohung wurde ihm nach einem Gespräch in St Martin-in-the-Fields zur Last gelegt: Sollten die Lords ihn übel behandeln, so wolle er ihnen ein Mahl bereiten, das sie nicht vergessen würden. Derlei Begebenheiten bildeten das Fundament des Urteilsspruchs. Borrow führt sie als Anklagepunkte an, nicht als erwiesene Tatsachen eines förmlichen Verhörs.

Die Akte wurde am 17. Juni den Lords vorgelegt und danach zehn Tage lang im Unterhaus verhandelt. Die Gemeinen sandten sie mit einer Zusatzklausel zurück, die die Grundrechte des Bischofs von Bath und Wells und seines Kapitels bei einem früheren Länderaustausch mit Cromwell wahren sollte; der König erteilte noch am selben Tage seine Zustimmung. Dieser Vorbehalt über Grundbesitz fand sich eingewoben in einen Text, der das gesamte übrige Vermögen Cromwells einzog, einschließlich dessen, was er seit dem 31. März erworben hatte. Im selben Federstrich wurden Pässe, Vollmachten und Gnadenakte zu Bausteinen einer Anklage wegen Verrats und Ketzerei erhoben. Der Gefangene wurde nicht einmal vorgeladen, um sich vor dem Parlament zu verantworten.

Im Jahr zuvor hatte Cromwell selbst noch das Ächtungsverfahren gegen Margaret Pole, Countess of Salisbury, und Gertrude Courtenay, Marchioness of Exeter, betrieben. Borrow hebt hervor, dass auch jenen Frauen jede Erwiderung auf die Vorwürfe verwehrt geblieben war. Nun ereilte den Minister dieselbe unerbittliche Form parlamentarischer Verurteilung.

Aus den Mauern des Towers richtete Cromwell einen Brief an den König, den er ihm eigenhändig übergeben wissen wollte. Borrow berichtet, Heinrich habe das Schreiben dreimal verlesen lassen und sei zu Tränen gerührt gewesen. Ein erhaltenes und von Historic Royal Palaces zitiertes Schreiben vom letzten Tag des Juni schließt mit dem Flehen: »Allergnädigster Fürst, ich rufe um Gnade, Gnade, Gnade.« Heinrich begnadigte ihn nicht. Nach fast sieben Wochen im Tower wurde Cromwell auf den Tower Hill geführt.

Am 28. Juli weigerte er sich am Fuße des Schafotts laut Borrow, sich zu rechtfertigen. Er erbat Gebete für den König, den Prinzen und sich selbst; sodann erklärte er, im katholischen Glauben zu sterben, und wies die ihm angelasteten ketzerischen Lehren von sich. Die Berichte über sein Flehen an den Fürsten und seine letzten Worte gelangten auf getrennten Wegen an die Nachwelt: Der Brief aus dem Verlies erflehte Barmherzigkeit, die öffentliche Ansprache hingegen war keine Verteidigung seines Regiments. Nach diesen überlieferten Worten fiel das Beil, und der einstige Minister war gerichtet.

Sein Leichnam kehrte in jene Feste zurück, in der er vergebens auf Begnadigung gehofft hatte. Historic Royal Palaces vermerkt, dass sein Haupt, nachdem es auf der London Bridge zur Schau gestellt worden war, mit seinen sterblichen Überresten zusammengeführt und in der Kapelle St. Peter ad Vincula beigesetzt wurde. Dort ruhten bereits Thomas More und Anne Boleyn, zu deren Sturz er einst beigetragen hatte. Der Minister, den die Häscher über die Themse geschafft hatten, fand seine letzte Ruhestatt an der Seite seiner einstigen Widersacher.

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Borrow datiert die Verhaftung auf den 13. Juni 1540; Historic Royal Palaces sowie die Abhandlung von Charles Carlton nennen den 10. Juni, der auch dieser Erzählung zugrunde liegt. Die National Archives bestätigen die Ächtung in Abwesenheit sowie die Hinrichtung am 28. Juli. Borrows Chronik bleibt die Hauptquelle für die Anklagepunkte, die ausdrücklich nicht das Ergebnis eines kontradiktorischen Prozesses waren.

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