Man hatte ihm eine Schandtafel auf die Brust geheftet, die ihn als Gottlosen brandmarkte. Er betete.
Dieser Widerspruch begleitete Agesilao Milano bis unter den Galgen. Die Staatsgewalt trachtete danach, das Exempel eines Soldaten zu statuieren, der seinen König, seinen Fahneneid und Gott verraten hatte; der Verurteilte hingegen verknüpfte in seinen letzten Worten Religion, Vaterland und Freiheit. Die Priester, die an seiner Seite schritten, konnten den Widerschein ihrer eigenen Blicke nicht leugnen. Der Mann, den das Zeremoniell der öffentlichen Verabscheuung preisgeben sollte, erbat ihren Beistand und empfing ihn mit einer Inbrunst, die das vorbereitete Schauspiel empfindlich störte.
Fünf Tage zuvor, am 8. Dezember 1856, hatte eine Truppenparade Ferdinand II. beinahe das Leben gekostet. Zu Capodichino bei Neapel zog das dritte Jägerbataillon vor dem Monarchen auf. Milano trat jäh aus den Gliedern und stürzte sich auf ihn. Er stieß mit dem Bajonett zu; ein Beschlag des Sattelzeugs milderte den Hieb ab. Der König trug eine Wunde davon, ohne dass sein Leben unmittelbar in Gefahr schwebte. Ein Offizier warf den Angreifer zu Boden, und die Soldaten überwältigten ihn.
Ferdinand ließ die Parade fortsetzen. Diese Haltung besaß ebensoviel politisches wie militärisches Gewicht: Das Zeremoniell sollte den Boden sogleich wieder in Besitz nehmen, auf dem ein einfacher Soldat soeben die Ordnung zerrissen hatte. Die Reihen schlossen sich von neuem. Milano, nunmehr ein Gefangener, schied aus jener Armee aus, deren Rock ihm überhaupt erst erlaubt hatte, jenem so nahe zu kommen, den er töten wollte.
Er stammte aus San Benedetto Ullano in den italo-albanischen Gemeinden Kalabriens. Er hatte studiert, die Klassiker gelesen und Verse gedichtet. Der junge Mann, den die ersten amtlichen Verlautbarungen zu einem von Natur aus verruchten Subjekt herabzuwürdigen suchten, besaß geistige Bildung, unerschütterliche Überzeugungen und hatte die Härte der Repression am eigenen Leibe erfahren. Im Jahre 1848 hatte er an den Aufständen teilgenommen. Die Verfassung, die Ferdinand einst gelobt und alsbald widerrufen hatte, blieb der schwelende Kern seines Zorns.
Gefängnis, Amnestie und polizeiliche Aufsicht hatten die darauffolgenden Jahre ausgefüllt. Als er 1856 in den Heeresdienst trat, trug er mithin eine Vorgeschichte mit sich, die die Behörden unter dem Anschein eines pflichtgetreuen Soldaten nicht zu lesen vermocht hatten. Die Zeugnisse seiner Vorgesetzten sollten ihm sogar eine vorbildliche Führung bescheinigen. Dies bildete eine der peinlichsten Verlegenheiten des Prozesses: Die äußere Disziplin hatte den Entschluss nicht verraten, der im Verborgenen reifte.
Nach dem Attentat fahndeten die Ermittler nach einer Verschwörung. Der Monarch war nicht von einem Unbekannten auf offener Straße angefallen worden, sondern von einem jener Männer, die dazu ausersehen waren, vor ihm zu defilieren. Es galt herauszufinden, auf welchem Wege jener in das Korps gelangt war, wer ihn empfohlen hatte und was seine Kameraden wussten. Briefe wurden beschlagnahmt; frühere Bekanntschaften verwandelten sich schlagartig in verdächtige Verbindungen.
Milano beharrte darauf, auf eigene Faust gehandelt zu haben. Diese Behauptung schützte jene, mit denen er verkehrt hatte; sie entsprach jedoch auch vollkommen dem Sinn, den er seiner Tat beimaß. Er gedachte keineswegs, ein Vergehen vorzuschützen, zu dem ihn die Einflüsterung eines Dritten verleitet hätte, sondern ein persönliches Urteil über einen König zu fällen, den er des Treuebruchs an seinen Zusagen zieh. Er verlangte nicht, dass man die Tat vom Täter trenne. Er wollte, dass man begriff, warum er beides unauflöslich vereint hatte.
Die Gerüchte, die alsbald umliefen, nahmen es indessen mit der Wahrheit weit weniger genau als die richterliche Untersuchung. Man kolportierte, er sei wegen schlechter Führung aus dem Kollegium gewiesen worden. Ein diplomatischer Bericht, verfasst zu Neapel nach den Verhandlungen, hielt fest, dass diese Version alsbald berichtigt werden musste. Derselbe Beobachter hob die günstigen Dienstzeugnisse des Mannes hervor. Mochte er das Attentat auch verurteilen, so stellte er doch unumwunden fest, dass das offizielle Zerrbild des Schuldigen der gewissenhaften Prüfung seiner Vergangenheit vorausgeeilt war.
Das Kriegsgericht trat wenige Tage nach dem Bajonettstoß zusammen. Die Verteidigung wurde einem Anwalt anvertraut, der auf eine geistige Umnachtung zu plädieren suchte, auf eine unwiderstehlich gewordene Zwangsvorstellung. Dies bot einen Ausweg zur Rettung des Lebens: Ein Mann, den eine fixe Idee derart beherrschte, dass sein freier Wille erlosch, mochte aufhören, jener voll verantwortliche Verbrecher zu sein, dessen Hinrichtung am Galgen die Anklage forderte.
Milano schlug diesen Beistand zu dem Preis aus, den er dafür hätte entrichten müssen. Er dankte seinem Verteidiger, hielt jedoch mit voller Klarheit an seinem Entschluss fest. Die Berichte über die Verhandlung zeigen ihn, wie er die Richter ersucht, dem König das Gesuch zu übermitteln, seine Provinzen zu bereisen, um sich mit eigenen Augen vom Elend seiner Untertanen zu überzeugen. Damit lenkte der Angeklagte den Blick des Tribunals zurück auf das heimatliche Kalabrien. Seine Richter suchten nach den Umständen eines Attentats; er aber sprach zu ihnen von den Zuständen, die es in seinen Augen zur Notwendigkeit gemacht hatten.
Dieser unversöhnliche Zwiespalt eröffnete keinen Raum für Gnade. Er wurde zum Tode durch den Strang verurteilt, verbunden mit der militärischen Degradation und einem verschärften Schandzeremoniell der öffentlichen Zurschaustellung. Die Strafe sollte ihm nicht bloß das Leben nehmen. Sie sollte vor den Augen der versammelten Truppe die Uniform, die Ehre und die Gestalt dessen zunichtemachen, der aus den Gliedern getreten war.
Bereits während des quälenden Wartens stritten die Berichte um die Deutung seiner letzten Nacht. Wohlwollende Stimmen dichteten ihm die Größe eines Märtyrers an; die Feinde des Königsmordes verdammten das Verbrechen, ohne doch stets die Art und Weise zu billigen, wie es gesühnt wurde. Die Depesche des Grafen von Groppello an Cavour, abgesandt wenige Tage nach der Hinrichtung, wahrt diese bemerkenswerte Unterscheidung. Das anfängliche Entsetzen über den Anschlag, so schrieb er im Wesentlichen, sei keineswegs verflogen; es habe sich jedoch angesichts der Haltung des Verurteilten und der erbarmungslosen Härte, die ihn umgab, mit Mitleid gemischt.
Am 13. Dezember wurde Milano zum Richtplatz nahe der Porta Capuana geführt. Er verlangte nach den Sterbesakramenten. Man degradierte ihn; die soldatische Tracht wich dem vorgeschriebenen finsteren Gewand. Die Schandtafel verwandelte seinen Leib in ein Pamphlet. Vor den angetretenen Soldaten hatte die Krone den unüberbrückbaren Abgrund zwischen dem getreuen Untertanen und dem dem Henker ausgelieferten Frevler sinnfällig vor Augen führen wollen.
Doch der Verurteilte fügte sich nicht in die zugedachte Rolle. Zeitgenössische Zeugnisse berichten von seiner ungebrochenen Haltung, seinen Gebeten und der Bestürzung, die eine qualvolle Exekution hervorrief. Der Diplomat selbst vermerkte, dass die Menge ihn keineswegs mit jenen Schmähungen überschüttet habe, die zu erwarten gewesen wären. Eine Strafe, die dazu bestimmt war, die allgemeine Ächtung zu besiegeln, hatte soeben den Weg für das Erbarmen geebnet. Die Monarchie hatte ihren König behalten; die Deutungshoheit über den Tod des Soldaten war ihr indes vollends entglitten.
In Kalabrien hielten die Verhaftungen unvermindert an. Verwandte, einstige Studienfreunde und des Liberalismus Verdächtige wurden aufgespürt. Das Beharren auf einer Einzeltat schützte Milanos Herkunftskreis nicht. Der Tod, durch den er ein Fanal hatte setzen wollen, bot der Polizei einen anderen Vorwand: Im Umfeld des Schuldigen rechtfertigten die alltäglichen Bande der Familie und der Vergangenheit endlose neue Nachforschungen.
Als Garibaldi 1860 in die entscheidende Phase der Eroberung des Königreiches eintrat, wandelte sich der Klang des Namens Milano von Grund auf. Er wurde als Held und Märtyrer gefeiert; seinen Angehörigen wurde eine Pension zuerkannt. Das Königreich Italien löste dieses Versprechen freilich niemals mit dem gebotenen Nachdruck ein. Ehrenbezeugungen reisten eben leichter als bare Unterstützung.
Das Bajonett hatte Ferdinand nicht getötet. Der Galgen hatte Milano nicht ausgelöscht. Zwischen der Schandtafel und dem verklärten Namen verblieb ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, getrieben von Überzeugungen, die ihn zum Mörder hatten werden lassen, und eine Sippe, die nach seinem Tode schutzlos zurückblieb. Der Richtzug hatte Neapel in wenigen Stunden durchquert. Der Sinn dieses letzten Ganges sollte noch lange von Hand zu Hand gehen.
