Das Leben des James Hind, wie es George Borrow im Jahre 1825 der Nachwelt überlieferte, zeigt zwei Gesichter: das des Wegelagerers, der die Reisenden ausplünderte, und das des Royalisten, der vorgab, seine Opfer mit Vorliebe unter den Widersachern des Königs zu wählen. Die folgenden Abenteuer und Begegnungen beruhen auf jener retrospektiven Sammlung alter Kriminalfälle.
Hind war der Sohn eines Sattlers aus Chipping Norton in Oxfordshire. Sein Vater schickte ihn zur Schule; mit fünfzehn Jahren verstand er zu lesen, zu schreiben und zu rechnen. Daraufhin trat er bei einem Fleischer in die Lehre. Zwei Jahre später verließ er dessen Werkstatt und erbat von seiner Mutter Reisegeld, da er den Zank seines Meisters nicht länger ertrage. Sie gab ihm drei Pfund und sah ihn mit tränenumflorten Augen nach London ziehen.
Dort blieb er nicht lange einsam. Eines Nachts verhaftete man ihn an der Seite einer Dirne, die man des Diebstahls von fünf Guineen zieh, und führte ihn in den Poultry Compter. Mangels Beweisen entließ man ihn am nächsten Morgen. Thomas Allen, der wegen einer anderen Sache eingesessen hatte, erlangte zur selben Stunde die Freiheit. Die beiden Männer tranken miteinander; Allen war mit den Straßen und den Überfällen wohlvertraut. Auf Shooter’s Hill hieß er seinen neuen Gefährten einen Kavalier samt Diener stellen. Hind erbeutete fünfzehn Pfund und gab dem Reisenden ein Geldstück zurück, damit dieser seine Reisekosten bestreiten könne. Es war sein erster Raub, doch sogleich offenbarte sich seine Art: das Geld zu nehmen, sich aber die Hoheit darüber anzumaßen, was er seinem Opfer überließ.
Hind bekannte sich treu zu Karl II. und feindlich gegen jene gesinnt, die Karl I. aufs Schafott gebracht hatten. Gemeinsam mit Allen soll er gelobt haben, die Königsmörder nicht zu verschonen. Beide wagten es gar, der Kutsche Oliver Cromwells aufzulauern; die Begleitmannschaft überwältigte sie jedoch. Allen wurde an Ort und Stelle ergriffen und bald darauf gerichtet, während Hind entkam. Auf der Flucht hatte er sein Pferd zu Tode geritten; ohne Mittel, ein neues zu erwerben, zog er zu Fuß die Straße hinab. Bald erspähte er ein an einer Hecke angebundenes Ross, an dessen Sattel zwei Pistolen steckten. Ungeachtet der Proteste des Eigentümers schwang er sich in den Sattel und ritt davon.
Auch der Prediger Hugh Peters geriet in sein Visier. Hind warf ihm vor, jener Sache gedient zu haben, die den König stürzte, und nahm ihm dreißig Goldstücke ab. Alsbald kehrte er um und forderte auch dessen Mantel; mit Berufung auf das Evangelium höhnte er, wer den Rock verliere, müsse auch den Mantel lassen. Peters fügte sich schließlich. Am darauffolgenden Sonntag wetterte der Geistliche von der Kanzel herab gegen den Raub, woraufhin ihn ein Zuhörer lautstark an das verlorene Kleidungsstück erinnerte und die Gemeinde in schallendes Gelächter ausbrach. Später traf Hind auf den Richter John Bradshaw, der den Vorsitz beim Prozess gegen Karl I. geführt hatte. Bradshaw bot ihm zunächst vierzig Schillinge in Silber an. Hind verlangte Gold und erzwang einen Beutel voll Jakobusse – Goldmünzen aus den Tagen Jakobs I. Nachdem er das Gold eingesteckt hatte, schoss er die sechs Kutschpferde nieder, ehe er davonritt. Sein Hass auf die Königsmörder war mithin keine leere Drohung aus sicherer Ferne: Die Landstraße bot Hind willkommene Gelegenheit, offene Rechnungen zu begleichen und zugleich seine Börse zu füllen.
Die Berichte über seine gewöhnlichen Opfer zeichnen ihn kaum milder. Einst hielt er ein Fuhrwerk voller Damen an, die eine Mitgift von dreitausend Pfund mit sich führten. Er forderte tausend Pfund und behauptete, dieses Geld diene der Linderung unglücklicher Liebender. Die Summe lag in Säcken bereit; sie händigten ihm einen solchen aus. Er versprach von Neuem, das Gold für unglückliche Liebesleute zu verwenden, und ließ sie mit der restlichen Mitgift ziehen. Ein andermal war Hind in Geldnot geraten und hatte sein Pferd verkauft. Er mietete sich in einem Haus an der Straße ein und lauerte auf einen Arzt, der tagsüber ein beträchtliches Honorar eingenommen hatte. Er gab vor, seine Gattin liege im Sterben, und führte den Medicus empor. Oben angekommen, wies er ihm eine Pistole und eine leere Börse vor. Auf die Frage des Arztes, wo die Kranke weile, entgegnete Hind, die Krankheit habe ihn gänzlich ausgezehrt, und hieß ihn die Börse füllen. Der Arzt zahlte vierzig Guineen. Hind schloss ihn ein und suchte das Weite.
Eines Tages beraubte er einen Greis, der auf einem Esel zum Markt nach Wantage ritt. Der Alte hatte zwei Jahre lang gehungert, um vierzig Schillinge für eine Kuh beiseitezulegen, deren Milch seine zehn Kinder nähren sollte. Hind nahm das Geld, befahl dem Mann jedoch, sieben Tage später an denselben Ort zurückzukehren, und versprach ihm das Doppelte. Der Mann erschien pünktlich; Hind überreichte ihm, so die Chronik, sechzig Schillinge, auf dass er zwei Kühe statt einer erwerbe. Solche Rückgaben eines Teils der Beute stechen zwar gegen die von anderen Reisenden erpressten Summen ab, rüttelten aber nicht am unumstößlichen Gesetz der Straße: Hind bestimmte nach eigenem Gutdünken, wer ausgeplündert, wer verschont und welcher Schade beglichen werden sollte.
Jene Furcht, die Hind lange Zeit geschützt hatte, trieb ihn am Ende dazu, einen Mann zu töten, der mit seinen Fehden nichts zu schaffen hatte. Eines Morgens überfiel er Oberst Harrison und erbeutete über siebzig Pfund. Harrison ließ sogleich Alarm schlagen. Hind floh auf einem erschöpften Gaul und spähte voll Unrast nach jedem Verfolger hinter sich. Bei Knole Hill ritt ein Diener in schnellem Galopp heran, um seinem Herrn etwas Vergessenes nachzubringen. Hind hielt ihn für eine Ordonnanz, wandte sich um und drückte ab. Der Getroffene hieß George Sympson; er sank tot zu Boden. Hind entkam zwar, doch sollte er später für diesen Mord zur Rechenschaft gezogen werden.
Nach der Niederlage der Royalisten bei Worcester, wo er sich den Truppen Karls II. angeschlossen hatte, kehrte Hind unter dem Namen Brown nach London zurück. Er nahm Quartier bei einem Barbier in der Fleet Street. Ein früherer Kumpan erkannte und verriet ihn. Man führte ihn vor den Sprecher des Unterhauses; nach langem Verhör warf man ihn, mit schweren Eisen beladen und unter scharfer Bewachung, nach Newgate. Der Haftbefehl verlangte strenge Isolationshaft; niemand durfte ihn ohne Erlaubnis besuchen. Am 12. Dezember 1651 stand er vor den Schranken des Old Bailey wegen diverser Delikte. Nichts von alledem reichte damals für ein Todesurteil hin. So überstellte man ihn nach Reading, wo er sich für den Mord an Sympson bei Knole zu verantworten hatte. Die Geschworenen sprachen ihn schuldig; doch nährte eine Amnestieerklärung noch seine Hoffnung auf Begnadigung. Auf Befehl des Staatsrats brachte man ihn schließlich nach Worcester.
Dort empfing Hind 1652 sein Todesurteil und wurde hingerichtet. Auf dem Schafott verkündete er, der Großteil seiner Raubzüge habe den Republikanern gegolten, und er bedaure zutiefst, vor der Rückkehr seines „königlichen Gebieters“ sterben zu müssen. Jene Männer, die den König vom Thron gestoßen hätten, verdienten den Strick weit mehr als er. Nachdem der Henker sein Werk verrichtet hatte, steckten die Behörden seinen Kopf auf der Brücke über die Severn auf und verteilten die geviertelten Glieder auf die Tore der Stadt. Das Haupt wurde später heimlich entwendet und bestattet; die Gliedmaßen blieben an den Toren hängen, bis Wind und Wetter sie verzehrten. Zurückgegebene Goldstücke, eine den Armen gestiftete Kuh und schneidende Worte gegen die alten Königsmörder bilden die Legende, die er hinterließ. George Sympson hingegen hatte sich für keine Partei entschieden: Er war bloß jener Reiter, den Hinds Todesangst für einen Feind gehalten hatte.
