Neben dem Toten lag eine Pistole, die erklären sollte, warum man ihn erdolcht hatte. Im Falle Lescombat hatten die Gegenstände ihre Rolle bereits zugewiesen bekommen, noch ehe die Justiz überhaupt ihren Blick auf sie richten durfte.
Der Getötete war Architekt. Der Mann, der ihn niedergestoßen hatte, hatte zuvor unter seinem Dach gewohnt; die Frau, um derentwillen er das Haus schließlich verließ, war als Ehegattin darin verblieben. Man könnte meinen, die Sache liege klar zutage, noch ehe die Namen genannt sind: ein Ehemann, ein Liebhaber, eine Frau, die den ersten loszuwerden trachtet, ohne den zweiten zu verlieren. Doch die den Liebenden zugeschriebenen Briefe haben dieser Bluttat eine Verstörung bewahrt, die über das gewöhnliche Dreiecksverhältnis weit hinausreicht. Sie zeigen – oder erwecken den Anschein zu zeigen –, wie ein Entschluss zu zweien heranreift, indem jeder den anderen auffordert, jene letzte Grenze zu überschreiten, für die keiner allein die Verantwortung tragen will.
Der verwiesene Kostgänger
Marie-Catherine Taperet, 1728 in Paris geboren, hatte Lescombat geheiratet. Mongeot lebte als Kostgänger in ihrem Hause. Das Zusammenleben trug anfangs das Gepräge eines gewöhnlichen häuslichen Arrangements: ein Mann, der Aufnahme unter dem Dach eines anderen gefunden hat, zugegen zur Stunde der Mahlzeiten, beim Heimkommen, in Augenblicken mithin, da das eheliche Leben nicht immer auf der Hut zu sein pflegt.
Ein Verhältnis entstand. Schenkt man dem 1910 von J. Hilss verfassten Nachwort Glauben, so ahnte Lescombat lange Zeit nichts davon; doch kaum gewarnt, wies er Mongeot vor die Tür. Der Architekt ergriff die naheliegendste Maßnahme. Die geschlossene Tür trennte die Körper und schien den Personen wieder ihren gehörigen Platz zuzuweisen. Weder das Verlangen indessen vermochte sie zu ersticken, noch den Briefwechsel.
Wir kennen diese Korrespondenz aus Druckausgaben, die daraus ein Buch gemacht haben. Dieser Umstand verlangt von Anbeginn Beachtung: Wir öffnen hier keine unversehrte Prozessakte, die seit dem Tage des Urteils versiegelt geblieben wäre. Drucker, Sammler und Kommentatoren überlieferten Briefe, die sie den beiden Liebenden zuschrieben. Deren Lektüre mag uns den Geschehnissen annähern; sie berechtigt uns jedoch keineswegs, jede Zeile wie ein lauschfertig erhaschtes, unverfälschtes Geständnis ohne Zwischeninstanz hinzunehmen.
In der Darstellung von Hilss vermag die räumliche Trennung folglich nichts zu heilen. Im Gegenteil: Die bloße Existenz des Ehemannes wird zum Hindernis, um das sich das fortbestehende Verhältnis krampfhaft organisiert. Es genügt nicht mehr, sich heimlich zu treffen. Er müsste aufhören dazusein. Zwischen diesen beiden Gedanken liegt ein Abgrund; das eigentliche Ärgernis des Falles besteht darin, dass die Liebenden diesen Abgrund schließlich wie eine bloße Unbequemlichkeit behandelten, die es zu überwinden galt.
Ein Mahl vor dem Streich
Mongeot trifft wieder mit Lescombat zusammen. Sie speisen im Jardin du Luxembourg und verlassen darauf die Örtlichkeit. Kurz darauf sticht der vormalige Kostgänger auf den Architekten ein und legt eine Pistole neben den Leichnam.
Das Nachwort von 1910 schildert diesen Vorgang mit karger Kürze. Es gestattet weder den Speisezettel noch die gewechselten Worte oder den genauen Augenblick zu rekonstruieren, da Lescombat die tödliche Gefahr erkannte. Wir werden seinem Ende kein galantes Tischgespräch hinzudichten, nur um den Verrat pikanter auszumalen. Die einzige gesicherte Fügung dieses Berichts genügt vollauf: Der aus dem Haus Verwiesene vermochte noch mit dem Mann das Brot zu brechen, der ihn verstoßen hatte; kaum war diese Begegnung beendet, sank der Wirt als sein Opfer zu Boden.
Nach seiner Verhaftung berief sich Mongeot auf Notwehr. Die Waffe sollte dem Toten die Rolle des Angreifers zuweisen, dem Überlebenden die Notwendigkeit der Gegenwehr. Auf diese Weise ließ sich der Mord von hinten her aufzäumen: Man begann mit der angeblichen Gebärde Lescombats und stellte den Todesstreich als eine dem Angegriffenen aufgezwungene Folge dar.
Ein solcher Winkelzug hätte überdies Catherine geschützt. Ein Zweikampf unter Männern hätte ihr die Stellung einer unglücklichen Ehefrau belassen, die zwar durch eine Affäre kompromittiert, an dem Mordentschluss jedoch unbeteiligt war. Sie geriet zwar in Verdacht, wurde jedoch bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Eine Zeit lang schien es, als könne der Fall im Gehäuse der Darstellung des Überlebenden zur Ruhe kommen.
Bis die Briefe auftauchten.
Was die Hände wechselt
Zwei Überlieferungen berichten von deren Auffindung. Nach der einen fand man Briefe und Entwürfe im Zimmer Lescombats; nach der anderen lieferte Mongeot sie eigenhändig der Justiz aus. Hilss erwähnt beide Lesarten. Den Vorzug jener Version zu geben, die den dramatischsten Schauplatz böte, hieße, aus romanhafter Willkür über eine Frage zu verfügen, die unsere Quelle ausdrücklich offenlässt.
Der Ausgang hingegen steht im Mittelpunkt seines Berichts: Die Korrespondenz rückte das Verbrechen in das Licht einer lange gehegten Absicht und verwies Catherine wieder auf die Anklagebank. Was einst dazu gedient hatte, das Band der Leidenschaft aufrechtzuerhalten, vermochte nunmehr lückenlos darzulegen, was jeder von ihnen verlangt, gebilligt oder angestiftet hatte. Die Schriftzüge auf dem Papier waren dieselben geblieben; doch die Briefe hatten die Leser gewechselt.
Catherine, so heißt es in der Rückschau weiter, besuchte Mongeot unentwegt im Kerker und beschwor ihn standzuhalten. Diese Beharrlichkeit duldet mancherlei Deutung; der Kommentator von 1910 erblickt darin vor allem das Bild einer furchtbaren Frau. Wir müssen uns sein moralisches Urteil nicht zu eigen machen, um den Kern der Sache zu begreifen. Solange ihre Aussagen ineinandergriffen, durfte jeder hoffen, der andere werde das gemeinsame Geheimnis nicht preisgeben. Eine Vertraulichkeit unter zwei Personen wandelt sich zur verhängnisvollen Schwäche, sobald ein Richter beide getrennt darüber ins Verhör nehmen kann.
Am 9. Januar 1755 wurde Mongeot zum Tode verurteilt und auf das Rad geflochten, folgt man der von Hilss überlieferten Zeitrechnung. Gegen Catherine erging das Urteil auf den Strang. Ihre Hinrichtung ward ihrer Schwangerschaft wegen aufgeschoben: Sie fand erst einige Monate später statt, nachdem sie das Kind zur Welt gebracht hatte.
Ihre Geschichte hatte in einem Hause begonnen, darin ein dritter Bewohner Platz fand. Sie endete mit zwei Todesurteilen und einer Geburt, über deren Ausgang uns hier jede Nachricht fehlt. Es wäre ein Leichtes, diesem Kinde ein Schicksal anzudichten, das das Verhängnis seiner Erzeuger sühnen oder erneuern müsste. Das wäre bereits ein Roman. Die belegte Überlieferung bricht ab, ehe sie uns diesen Stoff gewährt.
Die Liebenden feilgeboten
Das Publikum freilich dachte nicht daran innezuhalten. Die Briefe verbreiteten sich alsbald in kleinen Bänden. Eine Bluttat, die ein ganzes Haus zerrüttet hatte, wandelte sich zu einer Lektüre, die man sich in die eigene Stube holte. Man suchte darin nach der Glut der Leidenschaft, nach dem Bekenntnis, nach dem unziemlichen Detail; das wohlfeile moralische Verdikt erlaubte es, dabei zu verweilen, ohne sich allzu offenkundig der lüsternen Neugier zu zeihen.
Hilss erinnert daran, dass noch 1761 eine Dichtung den Liebhaber der berüchtigten Lescombat erwähnte. Hernach nahmen andere Fälle die Auslagen in Beschlag. Die Broschüren zerlasen sich, verschwanden, wurden zu Raritäten. Im darauffolgenden Jahrhundert wob Roger de Beauvoir aus Lescombat einen Roman; Charles Nisard stieß in seiner Untersuchung des Volkslesestoffs wieder auf die Briefe und druckte etliche davon ab, weigerte sich jedoch, das gesamte Konvolut preiszugeben. Er fürchte, so erklärte er, ebenjene Gesinnungen weiterzuverbreiten, die er zu verdammen vorgab.
Der Herausgeber von 1910 entschied sich umgekehrt dafür, die Schriften von neuem dem Druck zu übergeben, als einen Schlüssel zum menschlichen Herzen. Zwischen diesen beiden Haltungen hatte das Geschäft mit dem Skandal zu alter Blüte zurückgefunden. Galt es, den Leser vor diesen Worten zu verwahren, oder sollte man ihm gestatten, darin die Irrwege einer mörderisch gewordenen Leidenschaft zu erkunden? Jede der beiden Antworten bot einen hinlänglichen Grund, das Buch aufs Neue aufzuschlagen.
Lescombat hatte dieses Buch nicht geschrieben. Von seinem irdischen Dasein behielten die Leser vor allem die Erinnerung daran, dass er den Liebenden im Wege gestanden hatte. Dies vielleicht ist der Blickwinkel, den man zurechtrücken sollte, wenn man die Briefe schließt: Hinter der berühmt gewordenen Korrespondenz stand ein Mann, der arglos eingewilligt hatte, noch ein Mahl zu teilen. Er war kein bloßes Hindernis aus Papier. Und er stand nicht wieder auf, als die Drucker seine Geschichte zu Ende erzählt hatten.
