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Justiz & Skandale · Frankreich

Die Briefe, die in Saumur emporstiegen

Saumur, 1834. Anonyme Schmähbriefe und die Schilderung eines nächtlichen Überfalls bringen Émile de La Roncière vor das Schwurgericht. Sachverständige, Zeugen und Verteidiger streiten über den Ursprung der Zettel und die Möglichkeit eines Einstiegs durch das Fenster. 1835 sprechen die Geschworenen ihn schuldig; der Gerichtshof verhängt zehn Jahre Zuchthaus. Die spätere Chronik von Gourmont ficht diesen Urteilsspruch an, doch bleibt seine Deutung der Marie de Morell eine späte Mutmaßung, keine erwiesene Tatsache.

Das Stadtpalais am Ufer der Loire

In Saumur war das Haus des Generals de Morell im Jahre 1834 zum Ziel einer Korrespondenz geworden, zu der sich kein Bote bekennen wollte. Folgt man der Chronik, die Remy de Gourmont der Affäre fast ein Jahrhundert später widmete, so tauchten ehrabschneidende und drohende Zettel in den Gemächern auf, niedergelegt auf Tischen oder an die Wände geheftet. Sie galten namentlich Marie, der sechzehnjährigen Tochter des Generals. Der Verdacht fiel alsbald auf Émile de La Roncière, einen jungen Kavallrieleutnant, der bis dahin im Hause verkehrt hatte.

Die Handschrift schien der seinen nachgebildet. In einem gesonderten Billet, das, wie Gourmont berichtet, anlässlich eines Duells verfasst worden war, soll sich der Leutnant gar im Geheimen als Urheber der Schmähschriften bezichtigt haben. Dieser Umstand, dessen genaue Hintergründe die Chronik im Dunkeln lässt, wog fortan schwer wie ein vorweggenommenes Geständnis. Die Familie Morell wies ihn von ihrer Schwelle. Der junge Offizier verließ Saumur; die Entfernung hätte den Skandal ersticken können. Doch das unheimliche Schreiben begann von Neuem.

Die Blätter waren mehr als ein bloßes Mittel der Mitteilung: Sie dienten zugleich als Zeugnis, Drohung und Indiz, obschon sie ohne fassbaren Urheber blieben. Jedes einzelne fügte der Erzählung, welche sich die Familie von ihrem Peiniger wob, einen neuen Zug hinzu. Es gibt Rechtsfälle, in denen die Feder der Tat vorauseilt; es gibt andere, in denen die Worte, weil sie namenlos bleiben, selbst zu jener Tat werden, deren Täter die Gerichte suchen.

Eine Nacht nach der Lesart der Anklage

Das Ereignis, welches den Verdacht in einen Kriminalfall verwandelte, trug sich nach den Akten in der Nacht des 23. September 1834 zu. Maries Eltern waren ausgegangen. Das junge Mädchen befand sich im Obergeschoss in Gesellschaft ihrer Erzieherin Miss Allen und einiger Besucherinnen. Nach deren Aufbruch besichtigte Miss Allen die Räume, verriegelte den Korridor und begab sich zur Ruhe. Maries Zimmer, so hält es die von Gourmont zitierte Anklageschrift fest, ging zur Loire hin; eine benachbarte Mansarde stand mit der Kammer des Dieners Samuel in Verbindung.

Gegen zwei Uhr morgens soll Marie durch das Klirren einer zerberstenden Fensterscheibe erwacht sein. Sie gab an, einen Mann durch das Fenster habe einsteigen sehen; trotz Mütze und Halstuch, die sein Antlitz verhüllten, habe sie La Roncière erkannt und vernommen, wie er verkündete, er komme, um Rache zu nehmen. Das Mädchen schilderte daraufhin einen tätlichen Angriff und das Erscheinen von Miss Allen, deren Schläge gegen die verriegelte Tür den Eindringling in die Flucht geschlagen hätten. Der Mann habe noch einen Brief auf der Kommode hinterlassen, ehe er wieder durch das Fenster entwich.

Gourmont gibt hier die Darstellung der Anklageschrift und der Marie de Morell wieder. Die Art des Einstiegs und die Identität des Täters blieben indessen erst noch zu erweisen; sie sollten Gegenstand erbitterter Verhandlungen vor den Assisen werden.

Die Familie rief nicht sogleich die Justiz an. Eine erneute Drohung gegen Marie, die Vergeltung an ihren Nächsten ankündigte, gab den Ausschlag, der die Morells schließlich zum Handeln bewog. Der Zettel war gefunden worden, als das Mädchen gerade ohnmächtig darniederlag. Am 28. Oktober wurde La Roncière in Paris verhaftet. Doch die anonymen Briefe rissen nicht ab. Gourmont berichtet, sie seien nach der Festnahme von Neuem aufgetaucht, bisweilen mit »E. R.« gezeichnet, und man habe sie gar im Futter von Maries Kleidern entdeckt. Den einen galt diese Fortdauer als schierer Beweis für Helfershelfer; den anderen machte sie es nur umso schwerer, die Schriften dem Gefangenen zuzuschreiben. Die Unterschrift löste das Rätsel mithin keineswegs: Sie wiederholte auf jedem Blatt lediglich jenen Namen, den man ohnehin bereits verdächtigte.

Die Indizien der Fenster und der Mauern

Ende Juni 1835 begann der Prozess vor dem Schwurgericht des Departements Seine. Chaix d’Est-Ange verteidigte La Roncière; Odilon Barrot und Berryer vertraten die Nebenklage. Das Publikum drängte in einen Saal, der eine bereits von Gerüchten zersetzte Affäre verhandeln sollte, in der der Leumund des jungen Offiziers und das Wort des Mädchens vorab mit moralischer Bedeutung beladen worden waren.

Doch Fenster und Mauern wurden einer peinlichen Prüfung unterzogen. Der Architekt Girard ermittelte für das Gemach eine Höhe von achtundzwanzig Fuß über dem Pflaster; das Fenster der darüberliegenden Mansarde befand sich vierzehn Fuß höher. Ein äußerer Sims bildete einen Winkel von wenigen Fuß. Girard fand weder Spuren eines Erklimmens noch Seile auf dem Dachboden oder in Samuels Kammer, noch Blutspuren auf den Fliesen. Er erklärte den Aufstieg keineswegs für unmöglich: Seiner Ansicht nach mochte ein wohlüberlegtes Erklimmen ohne jene Beschädigungen vonstattengegangen sein, die eine hastige Kletterei hinterlassen hätte. Der Glasermeister Jorry, der am 27. September herbeigerufen worden war, beschrieb ein Loch von drei bis fünf Zoll; die Glassplitter lagen auf dem äußeren Mauersims. Er hielt es für misslich, durch diese Öffnung hindurch das Basküle-Schloss zu erreichen. Ein Stubenmädchen bezeugte, im Inneren keine Scherben zusammengekehrt zu haben. Zudem griff der Riegel zwischen Maries Gemach und dem Zimmer von Miss Allen nur schlecht in sein Schließblech. Die Staatsanwaltschaft mochte dies den Vorsichtsmaßregeln eines Eindringlings zuschreiben; die Verteidigung hielt jene Einzelheiten der vom Mädchen behaupteten Schilderung entgegen.

Die Begutachtung der Schriften

Eine weitere Beweiskette betraf die Briefe. Oudard, einer der Schriftsachverständigen, befand, ein an d’Estouilly gerichteter und von Marie de Morell gezeichneter Brief sei das einzige von vierzehn Schriftstücken, das ohne Verstellung niedergeschrieben worden sei. Die dreizehn übrigen stammten nach seinem Dafürhalten von derselben Hand, die sich verstellt habe, um die Schriftzüge La Roncières nachzuahmen. Ein Freund der Familie bestätigte die Echtheit des von Marie unterschriebenen Briefes; dieses Zeugnis stützte das Gutachten Oudards eher, als dass es dieses entkräftete. Die Sachverständigen gerieten somit in den Mittelpunkt eines Streits, der sich gleichermaßen um die Zettel selbst wie um ihre Auslegung drehte.

Eine Verteidigung, die den Spieß umkehrt

Die Verteidigung kehrte die Waffe alsdann gegen die Familie um. Sie mutmaßte, Marie habe die Briefe eigenhändig ersonnen und die Anschuldigungen inszeniert. Barrot fasste diese These zusammen, indem er mit einer rednerischen Schärfe, die Gourmont überliefert, die Taten aufzählte, welche man dem jungen Mädchen zur Last legte. Im Gerichtssaal prallten zwei unvereinbare Darstellungen aufeinander: jene von einem drohenden Offizier, dem Urheber des Überfalls; und jene von einer jugendlichen Anklägerin, die nach Lesart der Verteidigung die Briefe und das nächtliche Schauspiel selbst ersonnen haben mochte. Keine der beiden Darstellungen vermochte die verbleibenden Ungewissheiten zu tilgen.

Barrot zog die Schriftsachverständigen vor den Zuhörern ins Lächerliche; Gourmont urteilt, die Nebenklage habe deren Wirkung damit zunichtegemacht. Chaix d’Est-Ange stand für den Angeklagten zwei Nebenklägern und dem Vertreter der Anklagebehörde gegenüber. Die Verteidigung durfte sich nicht darauf beschränken, die Kletterpartie zu leugnen: Sie musste eine andere Herkunft der Briefe aufzeigen und die Schlüssigkeit des gesamten Anklagegebäudes erschüttern.

Der Urteilsspruch und sein Nachhall

Der Gerichtspräsident Férey mahnte die Geschworenen, manche Händel blieben dem menschlichen Scharfsinn unzugänglich, und ein fortbestehendes Geheimnis gebiete den Richtern äußerste Vorsicht. Gourmont zitiert diese Worte, um die darauf folgende Entscheidung umso schärfer zu rügen. Er berichtet ferner von einem Brief des Vaters von Marie, der am 25. August 1835 im Observateur des Tribunaux abgedruckt wurde.

Die Geschworenen sprachen La Roncière gleichwohl schuldig. Der Gerichtshof verurteilte ihn zu zehn Jahren Zuchthaus. Gourmont schreibt diesen Ausgang dem Druck der öffentlichen Meinung und den damaligen Vorstellungen von der Unschuld junger Mädchen zu. Seine Erklärung ist diejenige eines Chronisten, der lange nach den Verhandlungen zu Feder griff.

Nach dem Verdikt bleiben die Briefe der Angelpunkt des Falles, wie Gourmont ihn vorlegt. Wer führte die Feder, und weshalb wurde eine Nachahmung für ein Geständnis genommen? Die Geschworenen fällten ihr Urteil; die Chronik schlug sich später auf eine Seite. In Saumur hatte ein namenloses Blatt Papier das Haus, die Gerichtssäle und die Zeitungen durchwandert. Es hatte seine Anonymität noch nicht verloren, als der Gerichtshof die Strafe verkündete.

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Die Darstellung stützt sich auf eine rückblickende Chronik in der Textgestalt von 1926. Gourmont gibt wesentliche Züge des Prozesses von 1835 wieder, liefert jedoch keinen vollständigen Sitzungsbericht und ergreift Partei. Die Geschworenen sprachen La Roncière schuldig, worauf das Gericht auf zehn Jahre Zuchthaus erkannte. Die Verteidigungsschrift und die Mutmaßungen des Chronisten werden hier nicht als bewiesene Tatsachen dargestellt. Gourmont unterstellt Marie de Morell ein Krankheitsbild, ohne dass die angeführten Schriftstücke eine solche Diagnose hinlänglich stützen; diese Behauptung wurde in den vorliegenden Text nicht übernommen.

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