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Justiz & Skandale · England

Die Denkwürdigkeiten eines Straßenräubers

In Salisbury geboren und zum Schuhmacher ausgebildet, begann John Dyer bereits in den Lehrjahren zu stehlen. Seine lange Laufbahn führte ihn von einfachen Diebstählen und Gefängnisausbrüchen zu Straßenüberfällen und schließlich in eine mehrjährige Haft als Kronzeuge gegen seine einstigen Kumpane. Nachdem er aus Newgate entlassen worden war und Besserung gelobt hatte, nahm er das Räuberhandwerk an der Seite Abraham Dumbletons sogleich wieder auf. Beide wurden schuldig gesprochen, John Bradley misshandelt und einen Leinwandladen erbrochen zu haben; Dyer starb am 21. November 1729 am Galgen.

John Dyer hatte bereits beinahe sieben Jahre als Kronzeuge im Newgate-Gefängnis verbracht, ehe ihm endlich die Freiheit gewährt wurde. Der Magistrat, der ihn entließ, warnte ihn eindringlich davor, den Umgang mit seinen früheren Gefährten wieder aufzunehmen; Dyer gelobte, künftig ein ehrliches Leben zu führen. Dennoch kehrte er fast augenblicklich zu den Diebstählen zurück, bis ein gewaltsamer Überfall auf einen Bürger und der Einbruch in einen Kaufladen ihn abermals vor die Schranken des Old Bailey führten.

Von armen, doch rechtschaffenen Eltern in Salisbury geboren, erhielt Dyer eine auskömmliche Erziehung und wurde bei einem Schuhmacher in die Lehre gegeben. Seine ersten Diebstähle beging er, als er noch Lehrling war. Zu Collingbourne in Wiltshire entwendete er dreißig Schillinge aus der Geldkassette eines Krämerladens und floh. Später schickte ihn sein Meister an einem Sonntag in ein Nachbardorf, um bei einem Spezereihändler Kupfermünzen im Gegenwert von zwölf Pence einzuwechseln; da er niemanden antraf, durchtrennte Dyer die Eisenstange eines Fensters, drang ein und durchsuchte das Haus. Er erbeutete zwar nur drei halbe Kronen, nahm jedoch auch sämtliche Korinthen und Pflaumen mit, derer er habhaft werden konnte. Man verdächtigte ihn, durchsuchte seine Kleider, fand das Geld nicht, verlangte jedoch Rechenschaft über das Obst in seinen Taschen; da kein Zeuge zugegen war, der seine Behauptung, er habe die Früchte auf dem Markt zu Andover gekauft, widerlegen konnte, entging er damals jeder weiteren Verfolgung.

Als ihn sein Meister bald darauf mit fünf Pfund zur Beschaffung von Leder aussandte, verständigte er sich mit einem Kumpanen und brachte diesen dazu, zu bezeugen, man habe ihm die Summe geraubt. Der Meister schenkte ihnen Glauben. Bei einer anderen Gelegenheit, da Dyer Außenstände von Kunden einzutreiben hatte, behielt er ungefähr drei Pfund für sich und wandte sich nach Salisbury, wo ein neuer Umgang ihn in Geldnot stürzte. Auf dem dortigen Markt bemerkte er ein junges Mädchen, das soeben eine Zahlung empfangen hatte; er folgte ihr vor die Stadt, stieß sie zu Boden, beraubte sie, schleppte sie in ein Gehölz und band sie an einen Baum. Der Bericht überliefert diese Gewalttat, ohne den Namen des Opfers, das genaue Datum oder ein gerichtliches Nachspiel zu nennen.

Nach diesem Vorfall fand Dyer für einige Zeit als Schuhmachergeselle in einem Dorfe in Hampshire Arbeit. Er quartierte sich bei der Mutter einer jungen Frau ein, schwängerte diese und überredete sie, ihre Mutter zu bestehlen und mit ihm nach Bristol zu entfliehen. Dort brachten sie das entwendete Geld in vollen Zügen durch. Frau und Kind kehrten schließlich zur Mutter zurück, die sie wieder aufnahm; Dyer hingegen kehrte nicht um. Er suchte seine eigene Mutter in Salisbury auf, stahl ihr fünfzig Pfund, begab sich abermals nach Bristol und verspielte den Großteil der Summe im Hazard. In Wiltshire lebte er sodann mit einer Witwe zusammen und erschlich sich mit ihrer Hilfe einen Kredit von dreißig Pfund, indem sie die Bürgerschaft einer ganzen Stadt täuschten – ein Ausdruck, dessen Dyer sich selbst in seinen Denkwürdigkeiten bediente. Später beteiligte er sich an dem Geschäft eines Kohlenhändlers, doch ging der Teilhaber noch vor der ersten vereinbarten Monatszahlung bankrott; daraufhin wandte sich Dyer nach Hereford.

Dort ging er eine Zeitlang ehrlicher Arbeit nach. Während einer Reise mit einem Hausierer erfuhr er, dass dieser nach Ross zog, um Geflügel aufzukaufen. Dyer fing ihn auf dem Wege ab und nahm ihm zunächst zwei Schillinge ab. Da er überzeugt war, der Mann trage für seine Einkäufe weit mehr Geld bei sich, durchwühlte er die Körbe und zog zwölf Pfund hervor; zudem bemächtigte er sich des Pferdes, ritt vierzig Meilen weit darauf und schlug sich nach Marlborough durch. Bald darauf wegen des Diebstahls eines silbernen Bechers verhaftet, wurde er bis zu den nächsten Assisen eingekerkert; er entdeckte jedoch eine Schwachstelle des Kerkers und entkam.

Nachdem er sich erst bei einer Tante, dann bei seiner Schwester verborgen gehalten hatte, verleitete Dyer einen vormaligen Mitschüler und Verwandten dazu, dessen Mutter um fünfzig Schillinge zu bestehlen. Sie wurden vor einen Friedensrichter geführt und zur Zwangsarbeit ins Bridewell geschickt. Dyer sann sogleich auf Flucht; wenige Tage später gelang beiden das Entkommen durch die Abtritte. Eine redaktionelle Anmerkung hält fest, dass der Kloakenkanal ihnen den Ausweg aus dem Gebäude geboten haben dürfte.

Dyer verlegte sich nun auf den Pferdediebstahl im New Forest und schwang sich schließlich zum Straßenräuber auf. Einer soeben aus dem Dienst entlassenen Magd raubte er einen goldenen Ring sowie Kleider, die er in Winchester veräußerte. In Amesbury gab er sich als Kompagnon eines Spitzenhändlers aus, nahm dem Wirt die Warenkiste ab und flüchtete. Auf der Straße nach Devizes richtete er seine Pistolen auf einen schottischen Hausierer, fesselte ihn mit dessen eigenen Stoffballen und raubte ihm Geld, zum Handel bestimmtes Echthaar, Schnupftücher und Musselin. Daraufhin ließ er den Mann laufen.

Wenig später überfiel Dyer einen betagten Schäfer, der nach dem Verkauf seiner Schafe vom Markte heimkehrte; der Greis wehrte sich zwar mit seinem Knotenstock um sein Geld, verlor jedoch zweiundsiebzig Pfund. Die Beute verweilte nie lange in Dyers Händen. Er schloss sich bald einem herabgekommenen Fleischer an, der ihn sogleich zu hintergehen suchte, ganz so, wie Dyer ihn das Stehlen gelehrt hatte; nach einem Streit und dem Gelöbnis künftiger Treue setzten sie ihr Handwerk gemeinsam fort. Auf dem Jahrmarkt von Woodbury Hill passten sie einen Käsehändler ab, den sie etwa eine Meile vom Marktgelände entfernt überfielen. Der Mann trug von den achtzig Pfund, die er eingenommen hatte, nur noch zwölf bei sich; die beiden Räuber, über die geringe Beute erbost, züchtigten ihn daraufhin mit ihren Reitpeitschen.

Als Nächstes fingen Dyer und sein Kumpan einen Hopfenhändler nebst Gattin ab. Unter Todesdrohungen gestand die Frau, das Geld sei in den Stiefeln ihres Mannes verborgen; Dyer schlitzte das Leder auf und fand fünfzig Guineen. Einem Viehzüchter nahmen die beiden Männer nahezu neunzig Pfund ab, woraufhin sie regelmäßig die Postkutschen zwischen Bath und London heimsuchten, bis bewaffnete Wächter zu deren Schutz gedungen wurden. Ein Reisender feuerte mit einer Donnerbüchse auf sie, verfehlte sie jedoch; daraufhin plünderten sie die Kutsche und peitschten den Mann aus.

Auf der Straße nach Reading raubte Dyer einem Talghändler die Kleider. Als er auf Umwegen nach London ritt, beraubte er vier Studenten aus Oxford – zunächst zwei von ihnen, sodann auch die übrigen, nachdem die ersten Opfer ihm verraten hatten, wo deren Barschaft verborgen lag. Er fand Münzen unter den Knöpfen, eine Taschenuhr im Hosenbund und Geld im Mantelkragen. Diese Begebenheiten entstammen seinen Memoiren, die noch zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden; der Chronist vermerkt, er habe die Flüche und Lästerungen getilgt, mit denen Dyer seine Erzählung zu spicken pflegte.

In London angelangt, fand Dyer Arbeit bei einem Schuhmacher auf dem Ludgate Hill und war danach ein Jahr lang in der Leather Lane tätig. Eine Geliebte stürzte ihn in Schulden und drängte ihn, eine Jahresrente von zehn Pfund zu veräußern, wofür er etwa achtzig Pfund löste. Einen Teil vergeudete er für kostbare Kleider und beglich zwei erfundene Schuldforderungen, die ihm seine Wirtin und eine Bekannte vorlegten. Als ein Seemann erschien, der sich als Ehemann seiner Geliebten ausgab, und diese forderte, floh Dyer in ein anderes Quartier. Der Seemann setzte ihm nach; Dyer ließ ihn wegen angeblich unbezahlter Kost- und Logiskosten arretieren und erpresste zehn Pfund zur Beilegung des Streits.

Als seine Mittel erschöpft waren, jagte Dyer die Geliebte davon, heiratete eine Frau, die er als tugendsam beschrieb, und eröffnete abermals eine Schuhmacherwerkstatt in der Leather Lane. Bald jedoch warb er einen jungen Burschen an, den eigene Not für Verlockungen empfänglich gemacht hatte. Gemeinsam begingen sie Diebstähle nahe dem Old Spa und Sadler’s Wells, beraubten Reisende in Kutschen und sonstige Passanten. Auf den Lincoln’s Inn Fields, von Wächtern verfolgt, feuerten sie über deren Köpfe hinweg und entkamen. Dyer schloss sich daraufhin einer Bande an, die auf der Heide von Blackheath ihr Unwesen trieb – ein Zirkel, der bereits in früheren Bänden Erwähnung fand.

Der zu Lebzeiten veröffentlichte Bericht Dyers verschwieg geflissentlich, dass er hernach gegen eine Vielzahl seiner einstigen Spießgesellen als Zeuge ausgesagt hatte. Nach Angabe des Chronisten saß er beinahe sieben Jahre in Newgate ein, nachdem er seine vormaligen Genossen ausgeliefert hatte. Bei der Anhörung zu seiner Freilassung legte ihm der Stadtrichter (Recorder) nahe, sich freiwillig in die Kolonien deportieren zu lassen, um der Rache jener zu entgehen, die er denunziert hatte. Dyer jedoch verlangte seine Freiheit auf englischem Boden und gelobte untadeligen Wandel. Sie wurde ihm gewährt – zeitgleich mit Abraham Dumbleton, der seine letzte Raubperiode teilen und mit ihm sterben sollte.

Kaum aus Newgate entlassen, fielen Dyer und Dumbleton zwischen ein und zwei Uhr morgens nahe dem Markt von Bloomsbury über einen Händler her. Sie stießen ihn zu Boden, knebelten ihn und raubten ihm eine silberne Taschenuhr, siebzehn Schillinge, zwei schlichte Ringe sowie die silbernen Schuhschnallen. Auf der Tottenham Court Road fesselten sie einen weiteren Mann und nahmen ihm zweiundvierzig Schillinge ab. Daraufhin stahl Dyer einen Diamantring von einem Manne, der ihn in eine Taverne eingeladen hatte; er gab vor, kurz zu einem Freunde in eine haltende Droschke steigen zu müssen, und verschwand auf Nimmerwiedersehen mit dem Schmuckstück.

Ihre letzte überlieferte Tat trug weit blutigere Züge. John Dyer und Abraham Dumbleton überfielen einen Herrn Bradley in der Kirby Street nahe Hatton Garden, entrissen ihm Hut und Perücke, traten ihn mit Füßen und schlugen unbarmherzig auf ihn ein. Herr Bradley sagte beim Prozess persönlich gegen sie aus. Die Räuber schlugen die Nachtwächter mit vorgehaltenen Pistolen in die Flucht und entkamen in jener Nacht; ein oder zwei Nächte später erbrachen sie einen Leinwandladen und schleppten große Ballen Tuch davon. Wegen dieser beiden Verbrechen wurden sie kurz darauf gefasst, vor dem Old Bailey angeklagt und auf Grund von Beweisen überführt, die der Chronist als vollkommen lückenlos bezeichnet.

Unter dem Todesurteil gab Dyer vor, seine Verbrechen zu bereuen, doch sein eigener Lebensbericht, der am Vorabend der Hinrichtung erschien, schilderte diese lange Kette von Gewalttaten in einem frivolen Spottton. Auf dem Schafott ermahnte er die anwesende Jugend, seinen schmählichen Tod als Warnung zu begreifen, bat darum, seinen Eltern keine Vorwürfe wegen seiner Sünden zu machen, und vergab jedermann. Er wurde am 21. November 1729 im Alter von einunddreißig Jahren gehängt. Das gleiche Schicksal ereilte Abraham Dumbleton. Die früheren Raubzüge füllten Dyers Denkwürdigkeiten; der Urteilsspruch, der sein Leben beendete, gründete sich allein auf die Misshandlung Bradleys und den Einbruch in den Leinwandladen.

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Die Quelle wurde vollständig ausgewertet. John Dyer starb am 21. November 1729 im Alter von einunddreißig Jahren. Seine autobiographische Schrift erschien am Vorabend der Hinrichtung; der historische Chronist betont, dass dieser Text Dyers langjährige Rolle als Kronzeuge gegen einstige Komplizen unterschlägt, und korrigiert ihn anhand eigener Nachforschungen. Der hier behandelte Urteilsakt bezog sich auf die Misshandlung und Beraubung John Bradleys sowie den Einbruch in das Leinwandgeschäft: Dyer und Abraham Dumbleton wurden vor dem Old Bailey allein für diese beiden Taten zum Tode verurteilt. Die zahlreichen früheren Straftaten stammen aus Dyers Memoiren, bildeten jedoch nicht den Gegenstand des letzten Prozesses. Genaue Daten der früheren Stationen fehlen weitgehend. Der sexuelle Übergriff auf eine ungenannte Frau wird unter den frühen Taten erwähnt; Opfer, Datum und rechtliche Folgen bleiben unbekannt, Details wurden nicht hinzuerfunden. Im Dossier public340 erwähnt ein Bericht über John Levee die Bande von Blackheath, ohne Dyer namentlich zu nennen oder dessen Taten zu schildern; ein weiterer Bericht über John Little nennt Sadler’s Wells ohne personelle oder sachliche Überschneidung. Diese topographischen Parallelen wurden beachtet, flossen jedoch nicht in Dyers Tathergang ein.

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