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Justiz & Skandale · Frankreich

Die fünfzig Schritte der Madame Pagnon

In Courbiac steht Marie-Anne Béchaud, Ehefrau Cousty, nach dem Tod von Blanco, dem Werkmeister der benachbarten Manufaktur, vor den Schranken des Gerichts. Die Gazette berichtet über die Anklage, das lückenhafte Zeugnis der Madame Pagnon, die medizinischen Befunde und den Ausgang des Verfahrens, der sich an der Frage der Provokation entschied.

Mme Pagnon hatte sich etwa fünfzig Schritte entfernt, als sie sich umwandte. Blanco wurde von Marie-Anne Cousty verfolgt, die einen Gegenstand in der Hand hielt. Die Nachbarin setzte ihren Weg fort. Fast im selben Augenblick vernahm sie das Geräusch eines wuchtig geführten Stockschlags; als sie ihren Blick zurückwandte, sah sie Blanco am Boden liegen und Mme Cousty mit noch erhobenem Arm dastehen.

Diese wenigen Sekunden sollten zum Ausgangspunkt der Verhandlung vor dem Schwurgericht werden. Die Szene hatte bereits vor dem Fortgang der Nachbarin ihren Anfang genommen; doch weder sie noch der Gerichtsbericht schildern genau, was sich in jenen Augenblicken zutrug.

Der Artikel schildert die Sitzung vom 25. Mai 1874 vor dem Assisenhof des Departements Charente-Inférieure unter dem Vorsitz des Herrn Aubugeois de la Ville du Bost. Auf der Anklagebank saß Marie-Anne Béchaud, Ehefrau Cousty, dreiundvierzig Jahre alt, wohnhaft zu Courbiac, Gemeinde Saintes. Der im Titel genannte Anklagepunkt lautete auf »Körperverletzung mit Todesfolge«.

Diese rechtliche Würdigung setzt den Rahmen für den geschilderten Fall: Sie folgt der Abfolge von Schlägen, einer Verwundung und dem schließlich nach Blancos Heimkehr eingetretenen Tod. Der Fall wird nicht als Mord verhandelt. In der Sitzung verweilt der Bericht bei der Frage der Provokation und vermeldet sodann die Freilassung; ein weiter ausgreifender Schluss, der die Erzählung abrunden würde, fehlt.

Um zu verstehen, was den fünfzig Schritten der Mme Pagnon vorausging, greift das Blatt auf die Anklageschrift zurück. Die Eheleute Cousty und die Eheleute Blanco bewohnten gemeinsam mit zwei weiteren Arbeiterfamilien ein Haus mit vier Wohnparteien. Es lag weniger als hundert Meter von der Manufaktur des Herrn Prévôt entfernt, in welcher Blanco als Werkmeister tätig war. Die Anklage sprach von einer großen Vertrautheit zwischen ihm und Mme Cousty; sie schrieb ihr Eifersucht und Vorwürfe hinsichtlich seines Lebenswandels zu. Überdies hieß es, beide seien jähzornig gewesen und hätten häufig miteinander gestritten. Die Gazette ging auf das Wesen ihrer Beziehung nicht näher ein. In dieser Schilderung teilen der Werkmeister und die Ehefrau eines Arbeiters zunächst nur die Nähe eines kleinen Mietshauses; die Anklageschrift verwandelt diese Nachbarschaft alsdann in Eifersucht und Händel. Diese Darstellung begründet den Konflikt, liefert jedoch keine von den Belastungsmomenten unabhängige Geschichte.

An jenem Tage, zwischen fünf und sechs Uhr des Abends, hatte sich Mme Pagnon auf Geheiß des Herrn Prévôt zu dem Haus begeben, um Blanco zu holen. An der Tür sah sie, wie er sich das Gesicht abwischte, während Mme Cousty ihn vom Garten aus beschimpfte. Sie wollte sich nicht in den Streit mengen und ging davon. Erst nach diesem Aufbruch beginnen die fünfzig Schritte und der vernommene Schlag.

Blanco erhob sich wieder. Er begab sich zur Fabrik, gezeichnet von einer Wunde am Kopf und einer weiteren im Gesicht, oberhalb der linken Augenbraue; letztere hatte einen starken Blutverlust zur Folge. Er vermochte noch eine Weile zu arbeiten und kehrte daraufhin nach Hause zurück. Während der Nacht verlor er das Bewusstsein. Am folgenden Tage verschied er.

Zwischen dem tätlichen Angriff und diesem Ableben verzeichnet der Artikel zwei Wegstrecken: Blanco kehrt zur Fabrik zurück und sucht später seine Wohnung auf. Die verstrichene Zeitspanne wird nicht in genauen Stunden bemessen. Der Bericht vermerkt lediglich, dass er noch einige Augenblicke arbeitete und in der Nacht das Bewusstsein verlor; diese Angaben schließen aus, dass der Moment, in dem Mme Pagnon ihn am Boden liegen sah, zeitlich mit jenem zusammenfällt, den die Ärzte später als Ursprung des Todes bestimmten.

Bei der Obduktion gelangten die gerichtlich bestellten Sachverständigen zu dem Schluss, dass ein intrakranieller Blutaustritt vorlag, der durch einen Schlag gegen das Gesicht herbeigeführt worden war. Der Zeitungsbericht verknüpft diesen Hieb nicht ausdrücklich mit dem von Mme Pagnon gehörten Stockschlag. Er berichtet von einer nach dem Vorfall festgestellten Gesichtsverletzung und einer medizinischen Todesursache, benennt jedoch nicht die Handlung, die diese Wunde hervorgerufen hatte. Blancos Gang zu seiner Arbeitsstätte und die anschließende Heimkehr nehmen nur wenige Zeilen ein; der Bericht nennt keinen Zeugen dieser letzten Lebensstunden.

Die gerichtliche Untersuchung, wie sie die Gazette zusammenfasst, verortete Blanco während des größten Teils des Tages in der Wohnung der Mme Cousty. Er soll sich dort reichlichem Zuspruch von Alkohol hingegeben haben. Gegen vier oder fünf Uhr seien die beiden Nachbarn in Streit geraten; den Beschimpfungen seien bald Tätlichkeiten gefolgt. An dieser Stelle stützt sich der Artikel auf die Anklagebehörde, ohne einen weiteren Zeugen für den Beginn des Streits namentlich anzuführen.

Bei ihrem ersten Verhör vor dem Polizeikommissar von Saintes soll Mme Cousty erklärt haben, dass sie Blanco, zermürbt von seinen zudringlichen Nachstellungen während des ganzen Tages, ihren Holzschuh ins Gesicht geschleudert habe. Es sei zu einem Ringen gekommen, woraufhin sie ihm einen Schlag mit dem Stock versetzt habe. Später widerrief sie dieses Geständnis und behauptete, nicht die ersten Schläge ausgeteilt zu haben. Diese Abfolge entspricht ihrer ersten, von der Zeitung wiedergegebenen Aussage. Die Gazette bezeichnete den Widerruf als lügnerisch und ihre aufeinanderfolgenden Erklärungen als widersprüchlich. Sie berichtete ferner, die Wundärzte hätten an Mme Cousty einige Quetschungen oder Blutergüsse von geringer Erheblichkeit festgestellt.

Das Blatt widmete dem Verhalten der Angeklagten nach dem Vorfall einige Zeilen. Es kreidete ihr an, sich nicht nach Blancos Zustand erkundigt zu haben und erst dann auf dem Polizeirevier Anzeige gegen ihn erstattet zu haben, als sein Tod unmittelbar bevorstand – laut der Gazette in der Absicht, ihre eigene Schuld zu mindern. Der Bericht stellte diesen Schritt als Versuch dar, ihre Verantwortung abzuschwächen; den Wortlaut der Anzeige teilte er nicht mit. Der Tonfall gleicht hier dem der Anklage: Er nennt den Widerruf verlogen und das Gebaren der Mme Cousty gefühllos, während das Plädoyer der Verteidigung nur beiläufig erwähnt wird. Dieses Ungleichgewicht entspringt der gedruckten Gerichtszeitung, nicht einer weiteren Zeugenaussage.

Die Tat trug sich am 11. Februar zu; die Verhandlung fand am 25. Mai statt, und die Gazette veröffentlichte ihren Bericht am 8. und 9. Juni. Etwas mehr als drei Monate trennen somit das Geschehen von seiner Erörterung vor den Assisen, und weitere zwei Wochen vergingen bis zum Druck.

In der Verhandlung vertrat Herr Jouvion die Anklage. Rechtsanwalt Suquinbort, Vorsteher der Anwaltskammer von Saintes, übernahm die Verteidigung der Mme Cousty. Der Vorsitzende fasste die Verhandlungen zusammen und stellte von Amts wegen die Frage der Provokation. Die Geschworenen verneinten diese Frage. Der Gerichtshof ordnete daraufhin unverzüglich die Freilassung der Angeklagten an.

Diese Frage der Provokation durchzieht den gesamten Bericht. Die Anklage macht geltend, Mme Cousty könne sich nicht darauf berufen; ihre erste Aussage, wie sie kolportiert wird, hebt indessen mit der Erschöpfung an, die sie angesichts von Blancos Nachstellungen empfunden haben will. In der Sitzung legt der Präsident die Frage dennoch von sich aus vor; die Geschworenen verneinen sie, und der Gerichtshof verfügt die Entlassung aus der Haft. Das Blatt erläutert diesen Zusammenhang nicht näher, hält jedoch dessen Abfolge fest.

Der Titel kündigte Schläge und einen Todesfall an; die letzte Zeile vermeldet eine Freilassung. Dazwischen führte der Artikel den Leser von der Gartentür bis in den Gerichtssaal. Die Nachbarin hatte sich entfernt; Blanco vermochte die Arbeit wieder aufzunehmen, ehe er am folgenden Tag verschied. Der Gerichtsbericht schließt mit dem Beschluss des Hofes und lässt diese beiden Lebenswege sowie ein Urteil, das er nicht kommentiert, nebeneinander stehen.

Dokumentarische Anmerkung — Bericht nach der Gazette des Tribunaux vom 8.–9. Juni 1874, S. 549, Sitzungsbericht der Assisen der Charente-Inférieure vom 25. Mai. Die der Anklageschrift entnommenen Behauptungen, die Beobachtungen der Mme Pagnon, die erste Einlassung der Mme Cousty, der medizinische Befund und der berichtete Ausgang des Verfahrens werden getrennt dargestellt. Die Zeitung vermerkt eine Verneinung der Provokationsfrage und die Freilassung, ohne eine weitere rechtliche Begründung des Endurteils zu liefern.

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