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Justiz & Skandale · England

Die Leiche für das Kollegium

Im Jahre 1831 bieten zwei Männer dem King’s College einen Leichnam an, der für eine Ruhestätte im Grabe allzu frisch erscheint. Die Nachforschungen führen zu Bishop, Williams und May – und in der Folge zu Geständnissen und Identifizierungen voller Widersprüche. Im Zentrum des Verfahrens steht der Mord an einem Knaben, dessen Name – Carlo Ferrari oder ein unbekanntes Kind – in den Annalen der Kriminalgeschichte bis heute umstritten bleibt.

Richard Partridge zeigte den Männern, die ihm einen Leichnam verkaufen wollten, eine Banknote über fünfzig Pfund. Man müsse diese, so erklärte er, erst wechseln lassen, ehe er sie entlohnen könne. Bishop schlug vor, das vorzuschießen, was der Arzt bei sich trug, und das restliche Geld am Montag abzuholen. Partridge weigerte sich. An jenem Samstag, dem 5. November 1831, suchte er im King’s College vor allem Zeit zu gewinnen: Er hatte die Polizei verständigt. Wenige Minuten darauf kehrte der Anatomieprofessor in Begleitung eines Inspektors und mehrerer Constables zurück. Der Handel sollte nicht zustande kommen.

Begonnen hatte alles kurz vor Mittag, als John Bishop und James May an die Pforte des Seziersaals klopften. William Hill, der Pförtner, kannte sie bereits; sie hatten das Kollegium schon früher mit Leichen beliefert. Für den Körper eines etwa vierzehnjährigen Knaben verlangten sie zwölf Guineen. Man feilschte. Partridge wollte nicht mehr als neun Guineen bewilligen; May weigerte sich, unter zehn zu gehen. Da nahm Bishop den Pförtner Hill beiseite und willigte in den Preis ein. Am Nachmittag kehrten die Männer in Begleitung von Thomas Williams und James Shields zurück, welcher einen Korb trug. Darin befand sich ein Sack. May stülpte ihn um und ließ den Leichnam auf den Boden gleiten.

Hill bemerkte die Frische des Körpers und fragte, woran der Knabe gestorben sei. May erwiderte, das gehe sie nichts an. Der Pförtner rief Partridge herbei. Die Glieder waren starr, die Augen blutunterlaufen; an der Stirn zeigte sich ein Mal. Der Körper schien nie in einer Grube gelegen zu haben. Bishop führte die Wunde auf den Sturz zurück, den May verursacht habe. Diese Erklärung genügte dem Mediziner nicht; er entfernte sich unter einem Vorwand, um die Polizei zu alarmieren. Die Fünfzig-Pfund-Note verschaffte ihm hernach die nötige Frist. Die vier Männer wurden mitsamt dem Leichnam, dem Korb und dem Sack abgeführt.

Der Wundarzt Richard Partridge fand unter der Kopfhaut einen Blutaustritt und in den Nackenmuskeln sowie nahe dem Rückenmarkskanal Spuren innerer Gewalteinwirkung. Er erachtete diese Verletzungen als hinreichend für den Eintritt des Todes und als vereinbar mit einem Schlag in den Nacken. Die äußere Beschau hatte keine Verwundung offenbart, die für sich allein den Tod hätte herbeiführen können. Andere Ärzte teilten seine Schlüsse. Die Zähne waren kurz nach dem Ableben ausgebrochen worden, und später entdeckte man in Bishops Haus eine blutbefleckte Ahle. Diese Befunde wurden der Untersuchung als Zeichen eines gewaltsamen Todes vorgelegt. Der Knabe war kein namenloses „Präparat“ mehr, das man dem Seziermesser überließ: Die Obrigkeit musste ergründen, woher dieser Körper stammte.

Beim ersten Verhör lieferten die drei Männer einander widersprechende Darstellungen. May behauptete, er habe Bishop lediglich begleitet, um die Leiche zu veräußern; Bishop gab an, er habe sie aus dem Guy’s Hospital herbeigeschafft; Williams beteuerte, bloß aus Neugier mitgegangen zu sein. Nach den Worten von Superintendent Thomas soll sich Bishop selbst als Grabräuber bezeichnet haben. Die Ermittler besaßen noch keinen Namen für den Toten. Ein Italiener namens Perrigalli glaubte Carlo Ferrari wiederzuerkennen, einen Knaben, der weiße Mäuse auf den Straßen zur Schau gestellt hatte. Der Anklagebehörde stand indessen ein zweiter Klagepunkt offen: der Mord an einem Knaben unbekannten Namens.

Die erste Untersuchung durch den Coroner benannte keinen Schuldigen. Die Geschworenen erkannten auf vorsätzlichen Mord durch eine oder mehrere unbekannte Personen, verliehen jedoch zugleich ihrer Überzeugung Ausdruck, dass Bishop, Williams und May an der Tat beteiligt gewesen seien. Die Polizei setzte daher ihre Nachforschungen fort. Zeugen erinnerten sich an den Knaben mit der braunen Mütze und den weißen Mäusen nahe den Nova Scotia Gardens. Andere verfolgten den Weg des Leichnams, der von jenem Hause zum Guy’s Hospital geschafft und daraufhin verschiedenen Anstalten feilgeboten worden war. Der Weg des Korbes wurde Station um Station nachgezeichnet wie die Etappen einer heimlichen Reise.

Im Garten von Bishop gruben die Beamten vergrabene Knabenkleidung aus, die man jenem Jungen mit den Mäusen zuordnete. Doch ein zweiter Fund weitete den Fall aus. Im Abtritt des ehemals von Williams bewohnten Hauses entdeckte man mit Blut befleckte Frauenkleider. Eine Verwandte, Mrs. Lowe, erkannte darin die Sachen ihrer Schwester Frances Pigburn wieder, die im Oktober verschwunden war; eine Nichte und eine Bekannte bestätigten einzelne Stücke, darunter ein Schultertuch und eine Tasche von sonderbarer Machart. Aus einem Brunnen förderte die Polizei zudem ein Tuch zutage, von dem Mrs. Lowe aussagte, es habe ihrer Schwester gehört. Der Magistrat hielt die Identifizierung für stichhaltig. Dies bedeutete jedoch weder, dass Pigburns Leichnam gefunden worden wäre, noch dass ein Gericht damals über diesen zweiten Tod geurteilt hätte.

Beim Prozess im Dezember trug die Anklage den Fall des Knaben vor. Die Anklageschrift enthielt zwei Punkte: Der eine lautete auf Carlo Ferrari, der andere auf einen Knaben ohne Namen. Die Zeugen schilderten die Wege der Angeklagten, das Feilbieten an mehreren Spitälern, die verscharrten Kleider und die ärztlichen Gutachten. Die drei Männer wurden zur Verantwortung gezogen; ihre Aussagen stimmten nicht überein. Der Richter wies die Geschworenen darauf hin, dass die Klage gleichermaßen einen Spruch über einen unbenannten Knaben wie über Ferrari gestatte; die bürgerliche Identität des Toten bilde mithin nicht die einzige zu lösende Frage. Er trug ihnen auf, zunächst zu prüfen, ob der Leichnam eines natürlichen Todes gestorben sei, und sodann zu bestimmen, welche Rolle jedem der Gefangenen zukomme. Was namentlich May betraf, so entschied der Nachweis seiner Anwesenheit beim Transport und Verkauf nicht ohne Weiteres über seine Beteiligung am Morde selbst. Diese Unterscheidung wurde vor der Beratung dargelegt. Der Urteilsspruch stellte ihre Schuld an dem angeklagten Morde fest, verwandelte jedoch die Verdachtsmomente bezüglich Pigburns oder der übrigen Verschwundenen nicht in richterliche Schuldsprüche.

Die Jury befand Bishop, Williams und May des Mordes für schuldig. Alle drei empfingen den Urteilsspruch zum Tode, doch gewährte der König May einen Aufschub, der später in lebenslängliche Deportation umgewandelt wurde. Bishop und Williams hingegen wurden am 5. Dezember hingerichtet.

Vor ihrem Ende legten die beiden Verurteilten Geständnisse ab, worin sie sich des Todes des Knaben, der Frances Pigburn und eines weiteren Kindes namens Cunningham bezichtigten. Sie maßen May dabei eine untergeordnete Rolle bei, die dieser bestritt. Diese Erklärungen, die zusammengetragen und von der Chronik überliefert wurden, stellen keine weiteren Gerichtsurteile dar. Pelham selbst mahnt zur Vorsicht: Die Männer hätten Umstände verschweigen können; er widerspricht mehreren Punkten ihrer Beichte und hebt hervor, dass sie sich anfänglich geweigert hätten, die Identität des Knaben einzugestehen. Die Gerüchte schrieben ihnen über sechzig Opfer zu; der Chronist hielt dies für ungewiss. Man muss daher die für den Mord an dem Knaben ausgesprochene Verurteilung, die Identifizierung Pigburns durch ihre Angehörigen und jene Todesfälle voneinander scheiden, die die Gefangenen eingestanden haben wollen.

Bishop und Williams starben vor einer ungeheuren Menschenmenge. Ihre Leichen wurden ihrerseits seziert und ihre Skelette in den Lehranstalten der Medizin ausgestellt. Am Anfang ihrer Ergreifung stand die Frage eines Pförtners, woran jener Knabe gestorben sei, den man ihm zum Kaufe bot. Die Antwort hatte gelautet, das gehe ihn nichts an. Die Untersuchung hatte diese Frage den Verkäufern mit aller Schärfe aufgezwungen und alsdann eine weitere aufgeworfen: Welchen Namen trägt dieser Tote? Der Prozess führte zur Verurteilung seiner Mörder, ohne jene letzte Ungewissheit je ganz zu zerstreuen.

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Das Urteil von 1831 bezieht sich auf die Anklage wegen Mordes an dem Knaben, der als Carlo Ferrari oder als unbekanntes Kind bezeichnet wird. Die Identifizierung Ferraris bleibt in der Quelle umstritten. Pigburn und das Kind namens Cunningham werden in den Geständnissen von Bishop und Williams erwähnt; eine gesonderte Verurteilung für diese Todesfälle ist in diesem Kapitel nicht belegt, und Pelham bezweifelt die Vollständigkeit jener Geständnisse. James May wurde im Prozess verurteilt, daraufhin begnadigt und zu lebenslänglicher Deportation verurteilt; Bishop und Williams wurden hingerichtet. Bei der Quelle handelt es sich um eine retrospektive Chronik aus dem Jahre 1891 und nicht um eine unabhängige Prüfung der ursprünglichen Prozessakten.

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