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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Die silberne Medaille

John Lewis, genannt Laurence, entgeht zunächst einer von Moll Davis ersonnenen falschen Anklage, ehe er nach mehreren Haftstrafen und der Deportation nach South Carolina erneut auf Raub ausgeht. Auf belebtem Terrain beim Beutelschneiden ertappt, wird er verurteilt und am 27. Juni 1720 hingerichtet.

In Smithfield streckte ein ältlicher Mann John Lewis die Hand entgegen. Moll Davis hatte Lewis dem Greis soeben als ihren Gatten vorgestellt. Der Mann heiße Tompkins, behauptete sie, und solle ihm einen Anteil von zweihundert Pfund aushändigen, die bei ihm verwahrt lägen. Doch er packte Lewis oberhalb des Handgelenks, stampfte mit dem Fuß auf und riss ihn zu Boden; sogleich stürzten mehrere Männer herbei, fesselten ihn und zerrten ihn auf die Gasse. Die herbeilaufende Menge beschuldigte ihn, dem Alten ein Messer an die Kehle gesetzt zu haben, während Moll und ein Helfershelfer ihn ausraubten. An diesem Raubüberfall war Lewis jedoch nachweislich unbeteiligt, wie das Opfer selbst bezeugte. Molls Falle brachte ihm dennoch zwei Sitzungsperioden in Newgate ein, ehe er die Freiheit wiedererlangte.

Die Chronik nennt diesen Mann John Lewis, alias Laurence. Weder sein Geburtsort noch seine Eltern sind verzeichnet. Es wird lediglich berichtet, er sei bei einem Fleischer in die Lehre gegangen, habe das Bürgerrecht der City erworben und eine Zeitlang als Geselle gearbeitet. Seinem damaligen Umgang schreibt der Chronist den Hang zum Trunk, zum Müßiggang und zu Liebschaften mit Frauen zu, die er mit der ganzen Verachtung seiner Epoche schildert. Eingehend beschreibt er Lewis’ wechselnde Liebschaften: Nach wenigen Wochen verließ er die Frauen, um sich sogleich nach einer neuen umzusehen. Dieses moralische Sittenbild entspringt der Feder des Chronisten; die nachfolgenden Gerichtsakten zeichnen ein weit präziseres Bild.

Moll Davis, wegen ihrer Geschicklichkeit beim Taschendiebstahl gemeinhin »Diver« – die Taucherin – genannt, lebte erst seit kurzem mit Lewis zusammen, als sie ihm Geld gegen ein Gelöbnis anbot: Er solle fortan keiner anderen Frau mehr nachstellen. Sie gab vor, bei einem angesehenen Onkel, der von ihren Umtrieben nichts ahne, lägen zweihundert Pfund für sie bereit. Am verabredeten Tag begaben sich Moll und Lewis zu einer Schenke nahe dem Markt von Smithfield. Ein alter Mann erschien und begrüßte Lewis scheinbar als künftigen Ehemann. Tompkins’ Geste war das verabredete Signal: Seine Komplizen drangen ein, überwältigten Lewis und bezichtigten ihn eines Straßenraubes.

Die Chronik versichert, Moll habe die Szene inszeniert, um Lewis fälschlich anzuklagen, wofür sie vom Bruder des Opfers – der die Rolle des Onkels spielte – fünf Guineen Schmiergeld erhalten habe. Vor Gericht räumte der Beraubte jedoch ein, dass Lewis nicht der Täter gewesen sei. Trotz seiner schwachen Augen vermöge er Stimmen wohl zu unterscheiden; auch sei der wahre Räuber größer gewesen als er selbst, während Lewis von kleinerer Statur war. Diese Aussage bewahrte ihn vor dem Galgen, nicht aber vor einer zweifachen Sitzungsdauer im Kerker von Newgate.

Kaum auf freiem Fuß, bedrohte Lewis die Verräterin und schwor, ihr die Ohren abzuschneiden. Moll Davis verbarg sich keineswegs: Sie verkehrte offen in einer Branntweinschenke, wo er sie zu finden wusste. Als er dort zur gewohnten Stunde erschien, hatte eine Person aus ihrem Umfeld bereits einen Spitzel ins Vertrauen gezogen, der nun als Zeuge fungierte. Die Gerichtsdiener warteten bereits im Hinterhalt. Sie überwältigten ihn und brachten ihn abermals nach Newgate. In der folgenden Sitzung wurde er mangels anderer Beweise als der Aussage des Denunzianten freigesprochen; das Gericht erlegte ihm jedoch die Beibringung von Bürgschaften für seine künftige Wohlführung auf. Zwei Monate vergingen, bis er diese beisammenhatte. Einschließlich der früheren Inhaftierungen verbrachte er rund ein Vierteljahr hinter Gittern.

Moll Davis ihrerseits wurde steckbrieflich gesucht, nachdem sie einem Kavalier eine beträchtliche Summe aus den Taschen entwendet hatte. Lewis durchkämmte ihre vertrauten Schlupfwinkel in der Hoffnung, sie der Justiz auszuliefern. In einer Schänke in der Fleet Street trat ihre Schwester Susan an ihn heran. Sie drückte ihm eine halbe Krone und eine große silberne Medaille in die Hand, von der sie behauptete, man könne sie versetzen, und bestellte ihn für den nächsten Tag ein. Lewis trug die Medaille zu einem Pfandleiher in Houndsditch. Dieser gab vor, das Stück im Hinterzimmer wiegen zu müssen; kaum zehn Minuten später kehrte er mit einem Constable und zwei Gehilfen zurück. Die Medaille war zur Fahndung ausgeschrieben, geraubt mitsamt elf Guineen in einem grünen Beutel. Der Bericht bestätigt, dass es sich um eben jenen Raub handelte, dessentwegen Moll untertauchen musste.

Nach diesem Vorfall zog Lewis sich aufs Land zurück. Er fand, er habe schon allzu oft unverschuldet im Kerker gesessen, und beschloss nun, wie der Chronist bissig bemerkt, die Strafe endlich auch zu verdienen. Auf der Landstraße nach Gravesend lauerte er einem pensionierten Offizier auf. Er brach aus einer Hecke hervor, stieß ihm ein spitzes Messer gegen die Brust und forderte sein Geld. Der Überfallene händigte einige Schillinge aus. Lewis zeigte sich darüber tief gekränkt, verwahrte sich dagegen, man behandle ihn nicht wie einen Kavalier, und begann, die Taschen des Offiziers eigenhändig zu durchstöbern. Das Messer hielt er dabei zwischen den Zähnen, wie er es einst beim Schlachten der Schafe getan hatte. Der Offizier riss ihm die Waffe mit Gewalt aus dem Mund; bei diesem Ruck wurde Lewis der Kiefer fast zerschmettert. Er ergriff die Flucht, doch beherzte Anwohner setzten ihm nach und überwältigten ihn in dem Augenblick, als er in Gravesend ein Boot besteigen wollte.

Die Anklage lautete auf gewaltsamen Raub. Bei der Assisenverhandlung sprachen die Geschworenen ihn frei; der Umstand, dass er sich über die geringe Münzausbeute des Offiziers empört hatte, schlug nach Darstellung der Akten zu seinen Gunsten aus. Dieser Freispruch bot ihm Gelegenheit zu neuem Unheil. Bereits in der ersten Woche nach seiner Entlassung brach er ein Haus am Ratcliff Highway auf und entwendete Gerätschaften von geringem Wert. Wenige Tage später schnitt er einer Frau auf offener Straße die Tasche ab. Auf frischer Tat ertappt, wurde er im Old Bailey angeklagt, für schuldig befunden und zur Deportation verurteilt.

Eine Frau, die Lewis zu dieser Zeit als seine Gemahlin bezeichnete, empfing dasselbe Urteil. Der Kapitän des Transportschiffes versprach ihnen die Freiheit bei der Ankunft in South Carolina, sofern sie sich ruhig verhielten. Das Paar willigte ein, und an Land hielt der Kapitän Wort. Sie verweilten indessen nicht lange in den Kolonien und fanden einen Weg, mit demselben Schiff nach England zurückzukehren. Während der Überfahrt schlossen sie formell den Bund der Ehe. Doch Lewis blieb nicht lange bei ihr: Er fürchtete, sie könne seine verbotene Rückkehr aus der Verbannung verraten, um sich selbst Straffreiheit zu erkaufen, und warf ihr zudem den Umgang mit anderen Männern vor.

Er heuerte erneut auf einem Schiff an, das Kurs auf die Straße von Gibraltar nahm. In Genua erkrankte er schwer und wurde von der Mannschaft zurückgelassen. Obgleich er später hätte nachfolgen können, zog er es vor, auf dem erstbesten Segler nach England zurückzureisen. In London traf er wieder auf frühere Kumpane, die vom Diebstahl lebten. Gemeinsam brachen sie unter großen Mühen in das Gasthaus »Zum Herzkönig« in der Fore Street ein und erbeuteten ein Dutzend Krüge, die sie für massives Silber hielten. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich lediglich um blankgescheuertes Zinn handelte. Sie schmolzen die Krüge ein und warfen das Metall schließlich weg, da ihnen der Verkauf für einen solch armseligen Ertrag zu gefährlich schien.

Fortan zog es Lewis vor, auf eigene Faust durch die Straßen zu streifen. Auf dem alten Artillerieplatz schnitt er einer Frau die Tasche ab. Ihre Hilferufe alarmierten die Passanten, die die Verfolgung aufnahmen. Der Bericht hält fest, dass er zwei oder drei Bürger schwer verwundete, ehe man ihn bändigen konnte. Nach Newgate überstellt, wurde er in der darauffolgenden Sitzung abgeurteilt und schuldig gesprochen. Diesmal gab es keine Hoffnung auf Gnade. Der Chronist beschreibt ihn als verstockten Sünder ohne Frömmigkeit und Reue – ein Urteil, das er dem Schweigen des Delinquenten auf dem Richtplatz gegenüberstellt.

Vor der versammelten Menge schwieg Lewis beharrlich; er äußerte lediglich sein Bedauern darüber, nicht in Carolina geblieben zu sein, da man ihn dort wohl kaum an den Galgen gebracht hätte. Er zählte nahezu vierzig Jahre. Seine Hinrichtung fand am 27. Juni 1720 statt. Sein Lebensweg führte somit von einer durch Moll ersonnenen Verleumdung bis zu einem Todesurteil, das er letztlich seinen eigenen Taten verdankte: Dazwischen hatten weder Freisprüche noch Gefängnisstrafen noch die Verbannung über das Meer seinem kriminellen Treiben Einhalt gebieten können.

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Vollständige Durchsicht der Quelle Newgate-053 (2.341 Wörter einschließlich redaktioneller Anmerkungen), SHA-256 20830c33640dfd13ed30f9deb05b23cc309b39b971c0df99e0e30f680ada4ed2. Die Anmerkung [43] bezüglich des alten Artillerieplatzes blieb unberücksichtigt. Der Haupttext datiert die Hinrichtung auf den 27. Juni 1720, nennt die Identität John Lewis alias Laurence, seine Fleischerlehre, die wiederholten Anklagen und Freisprüche, die Zwangsdeportation und Rückkehr nach England sowie den finalen Raubüberfall, der zu seiner Verurteilung führte. Die Anschuldigungen von Moll Davis sowie die den Akteuren zugeschriebenen Äußerungen verbleiben streng im Rahmen der Chronik; die den früheren Prozessen vorausgehenden Delikte werden nicht fälschlich als rechtskräftige Verurteilungen gewertet. Das Material unterscheidet sich von sämtlichen anderweitig bekannten Berichten über Lewis oder Laurence: Abgleiche bezüglich Moll Davis/Diver, Susan, der Gravesend Road und der Deportation nach Carolina in zugänglichen Archiven blieben ohne direkten Treffer. Die Quelle nennt weder Geburtsort noch Herkunftsfamilie; dieser Umstand wurde im Text getreu bewahrt.

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