Am 13. August 1858, während die Familien von Darnstedt das heitere Wetter nutzten, um die Ernte einzubringen, verschwand ein Kind von einem Gehöft am Ufer der Ilm. Am selben Abend wusste man noch weder, wo man suchen sollte, noch was vorgefallen war. Doch die von einem Blinden vernommene Stimme, die Abdrücke eines beschlagenen Schuhs in der feuchten Erde und die wechselnden Einlassungen eines jungen Mannes machten aus einem Gelddiebstahl bald ein Verbrechen von blutiger Schwere.
Karl Friedrich Jährling war mit seinen drei älteren Kindern zur Feldarbeit aufgebrochen. Daheim blieben seine Ehefrau, die damit beschäftigt war, Kaffee zu kochen, um ihn den Arbeitern auf das Feld zu bringen, der kleine Ernst im Alter von fünfeinhalb Jahren, ein Säugling in seinem Wagen sowie Karl Friedrich Fleck, ein vierundsechzigjähriger Mann, der seit frühester Kindheit erblindet war. Fleck genoss seit langem das Obdach der Familie Jährling. Er vermochte nicht zu sehen, wer ein- und ausging, doch kannte er wohl die Stimmen jener, die häufig im Hause verkehrten.
Nach dem Aufbruch des Hausvaters vernahm er Tritte aus der Durchfahrt. Ein Fremder fragte den kleinen Ernst, ob die Eltern anwesend seien und wo der Hausschlüssel liege. Das Kind erwiderte, sie seien auf dem Felde. Fleck erhob sich, verwahrte sich gegen diesen ungebührlichen Zutritt und hörte, wie der Mann sich über den Hof zurückzog. Er schloss die Tür, ohne den Schlüssel abzuziehen, und nahm den weinenden Säugling auf den Arm. Etwa zehn Minuten darauf drehte sich der Schlüssel abermals im Schloss. Der Unbekannte betrat die Wohnstube; Fleck folgte ihm bis zur Schwelle, hieß ihn auf die Rückkehr Jährlings warten und glaubte, ihn eingesperrt zu haben, indem er den Schlüssel von außen umdrehte.
Der Blinde trat zum Hausflur, um zu lauschen, ob der Erntewagen herannahe. Als er die Tür aufs Neue prüfte, war der Schlüssel verschwunden. In die Tür war ein kleines Fenster eingelassen, durch das ein Mann mit langen Armen von innen her an das Schloss gelangen und den Schlüssel abziehen konnte. Fleck wusste nichts von dieser Beschaffenheit. So harrte er der Rückkehr der Familie, ohne zu ahnen, dass der Eindringling längst entwichen war.
Als Jährling mit dem beladenen Wagen heimkehrte, widmete sich die Familie zunächst dem Abladen des Getreides. Seine Tochter Emma betrat darauf das Haus. Die Zwischentür war zwar geschlossen, doch nicht verriegelt; die Türscheibe und das Schreibpult standen offen, und eine Hacke lehnte an dem Möbelstück. Die Lade des Pultes war erbrochen, ein Schiebfach mit Geld verschwunden. Es handelte sich um den Erlös aus einem jüngst getätigten Getreideverkauf: mindestens vierundvierzig Taler laut der späteren Anklage. Erst nachträglich berichtete Fleck, was er vernommen hatte. Ernst jedoch blieb unauffindbar.
Zunächst suchte man nach einem Kinde, das sich versteckt haben oder zum Spiel fortgelaufen sein mochte. Da erblickte der Vater in dem finsteren Durchgang hinter der Scheune zwei Blutflecken. Die Nachforschungen dieses Tages blieben fruchtlos. Am folgenden Tag fuhren Männer die Ilm im Kahne hinauf. Unweit von Darnstedt, auf einer Sandbank, entdeckten sie den Leichnam des kleinen Ernst, den die Strömung angeschwemmt hatte.
Die gerichtliche Besichtigung ergab drei schmale Wunden am Halse, beigebracht durch ein spitzes und schneidendes Werkzeug. Keine davon war tödlich gewesen. Nach dem Gutachten der im Bericht zitierten Ärzte war das Kind lebend in das Wasser gelangt und ertrunken; sie schätzten, dass der Leichnam zwischen zwölf und vierundzwanzig Stunden im Fluss gelegen hatte. Raub und Tod waren nunmehr untrennbar miteinander verknüpft, doch galt es noch, jenen zu finden, der den Garten durchschritten, den Hof überquert und das Geld an sich gerissen hatte.
Ein Fußabdruck nahe dem Wasser erregte die Aufmerksamkeit der Untersuchungsbeamten. Der Absatz wies ein eigenartiges Hufeisen auf; entlang der Sohle zeichneten grobe Nägel ein unverwechselbares Muster, wobei zwei Nägel fehlten. Ein kleiner Niet ragte über den Rand des Absatzes hinaus. Dieselben Spuren fand man auf der niedrigen Gartenmauer und entlang des Pfades, der zum Gehöft führte. Andere Fährten wiesen zu einer Erle am Ufer der Ilm, wo Krautblätter lagen; auf einigen meinte man Blutflecken zu erkennen – ein Indiz, das mit gebotener Vorsicht vermerkt wurde. Schließlich tauchten die Abdrücke in einem Gerstenfeld wieder auf, das Bernhard Stempner am Tage des Verbrechens gemäht hatte.
Stempner, neunzehn Jahre alt, stand damals in Diensten seines Stiefvaters Gottfried Treuter. Einst war er ein geschätzter Schüler gewesen, doch für die letzten Monate verzeichnete die Untersuchung Schulden, unbezahlte Darlehen und Gelder, die er den Eltern entwendet hatte. Diese Verfehlungen erklärten das Verbrechen nicht, lieferten den Ermittlern jedoch einen begründeten Anlass, ihr Augenmerk auf ihn zu richten, zumal seine Ausgaben die Löhne weit überstiegen, die er erhalten zu haben vorgab. Jährling wusste, dass das Schuhwerk des jungen Mannes beschlagen war. Am 17. August forderte der Gendarm Knabe ihn auf, die Schuhe auszuziehen. Das Absatzeisen, der kleine Niet und die beiden fehlenden Nägel stimmten genau mit den auf dem Fluchtweg gesicherten Abdrücken überein.
Stempner räumte ein, dass seine Schuhe den Spuren glichen, bestritt jedoch, das Feld verlassen zu haben. Hinsichtlich des Geldes, das er in den folgenden Tagen ausgegeben hatte, verwickelte er sich in Widersprüche. Zunächst behauptete er, seinen Eisenbahnlohn empfangen zu haben; die Register bewiesen, dass er am Zahltag nicht erschienen war und seinen Verdienst gar nicht eingefordert hatte. Sodann berichtigte er seine Angaben über die Summen, die er seinem Stiefvater übergeben haben wollte. Ein Talerstück, dessen Herkunft sich einwandfrei bestimmen ließ, stammte aus dem geraubten Schubfach. Ein Teil des Geldes fand sich verborgen in Lehmziegeln; der Rest blieb verschollen.
Das zeitliche Gerüst schloss sich enger durch das Zeugnis des Musikers Kober. Dieser war um zwei Uhr zu Fuß vom Bahnhof Apolda aufgebrochen und gegen vier Uhr nahe dem Uferweg auf Stempner getroffen. Der junge Mann behauptete, die Begegnung habe eine Stunde später stattgefunden und er sei auf anderem Wege vom Feld gekommen. Doch die Entfernungen, die Zeiteinteilung und der von Kober beschriebene Pfad ließen seine Darstellung unhaltbar erscheinen. Die Anklage erblickte darin den Versuch, sich eine Frist von einer Stunde zu verschaffen und den Lauf der Fußspuren zu verschleiern.
Ein Beweisstück blieb von sonderbarer Natur: Fleck hatte den Eindringling bei seiner ersten Vernehmung nicht benennen können. Er hatte ausgesagt, die Stimme sei ihm fremd gewesen. Einige Tage darauf vernahm er bei einer vom Richter geleiteten Gegenüberstellung mehrere Männer sprechen, ohne sie zu sehen. Er verwarf die eine Stimme, dann eine weitere. Als Stempner vorgeführt wurde, erkannte Fleck die seine. In der Hauptverhandlung wurde der Greis vor den Geschworenen befragt. Als Stempner, der bis dahin geschwiegen hatte, im Laufe eines Wortwechsels wenige Worte sprach, fuhr Fleck empor und erklärte, dies sei unzweifelhaft jene Stimme. Der Vorgang machte tiefen Eindruck auf die Zuhörerschaft; er trat nicht an die Stelle der übrigen Indizien, verbot es aber, dieses Wiedererkennen als bloßes Dorfgerede abzutun.
Die Verhandlung fand vom 11. bis 13. November 1858 in Weimar statt. Stempner stand den Zeugen gegenüber und beharrte auf seinem Leugnen. Die Verteidigung focht die Beweiskraft der Fährten an und bezweifelte, dass ein Einzelner den Diebstahl verübt und das Kind getötet haben könne. Fleck wiederholte, was er gehört hatte; Kober blieb bei seiner Zeitangabe; die Spuren des Schuhwerks und die Unwahrheiten über das Geld wurden eingehend gewürdigt. Die Geschworenen sprachen Stempner einstimmig schuldig. Das Gericht erkannte auf die Todesstrafe.
Nach dem Urteilsspruch beteuerte Stempner zunächst weiterhin seine Unschuld. Am folgenden Tage, nach einer Unterredung mit seinem Verteidiger, gestand er, in das Haus eingedrungen zu sein und Ernst getötet zu haben; er behauptete jedoch zunächst, der Mord sei erst nach dem Diebstahl geschehen, als der Knabe gedroht habe, ihn zu verraten. Vierzehn Tage später widerrief er diese Reihenfolge der Ereignisse. Nun erklärte er, er habe das Kind getötet, noch ehe er das Pult erbrach, aus Furcht vor einem Zeugen. Er gab zu, den Knaben erwürgt, ihm dreimal in den Hals gestochen und ihn hernach in die Ilm geworfen zu haben; erst daraufhin habe er das Geld an sich genommen. Gegenüber seinem Seelsorger kleidete er die Tat in ein anderes Licht: Er habe wohl stehlen wollen, den Mord jedoch nicht von langer Hand geplant; beim Anblick des kleinen Ernst sei er einer Regung erlegen, deren Triebfeder das Geld gewesen sei. Die Chronik erachtet diesen Bericht an den Geistlichen als den tatsächlichen Vorgängen am nächsten kommend, ohne das frühere Geständnis zu übergehen.
Stempner wurde am 8. Dezember 1858 hingerichtet. Der Überlieferung nach vernahm er die Nachricht mit Fassung, bat darum, kein Gnadengesuch einzureichen, und starb, ohne seine Geständnisse zu widerrufen. Den Ausgangspunkt hatte eine Stimme gebildet, die Fleck anfänglich für unbekannt erklärt hatte; die Verurteilung aber gründete sich auf ein geschlossenes Gefüge, in dem jene Stimme mit dem Pfad der Tritte, den wandelbaren Ausflüchten und dem wiedergefundenen Gelde zusammenfiel. In diesem Handel hatte der alte Blinde niemanden erblickt. Und doch hatte er den vernommen, den die anderen noch nicht im Verdacht hatten.
