Zum Inhalt springen
Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · Schottland / England

Die Tür, die Ann Bond durchschreiten wollte

London, 1730. Nachdem sie unter falschem Namen eine Stelle als Dienstmagd angenommen hat, will Ann Bond das Haus des Obersten Charteris verlassen. Das Kapitel bei Jackson schildert ihre Klage, den Prozess, der ihn verurteilt, und die Begnadigung, die ihm gewährt wird, nachdem der Klägerin eine Rente zugesichert worden ist.

In London stand Ann Bond auf der Schwelle einer Herberge, als eine Unbekannte ihr eine Stelle als Dienstmagd anbot. Als Herr war ihr ein gewisser Oberst Harvey genannt worden. Drei Tage nach ihrer Ankunft erfuhr sie, dass sie in den Diensten des Obersten Charteris stand. Am folgenden Tag wollte sie den Ort verlassen; doch die Tür wurde bewacht. Das Kapitel von William Jackson, erschienen in einem Kriminalkalender, berichtet von der Anklage, die Ann erhob, vom Prozess und von der Begnadigung des Obersten. Sein Porträt von Charteris ist von scharfer Polemik geprägt; die biografischen Episoden entstammen Jacksons Feder und nicht den Verhandlungsprotokollen des Gerichts.

Ehe Ann auf diesen Seiten in Erscheinung tritt, lässt Jackson die Geschichte beim Militär ihren Anfang nehmen. Charteris war, seinen Worten nach, ein gewandter Falschspieler. Während der Winterquartiere nahm er den Offizieren bei Karten und Würfeln ihr Geld ab; war ihre Börse erschöpft, lieh er ihnen Summen zu einem Wucherzins von hundert Prozent. Als Pfand behielt er ihre Offizierspatente ein. Argyle und Stair, junge Offiziere, die den Ruin ihrer Kameraden fürchteten, trugen die Sache dem Grafen von Orkney vor, der damals in Brüssel weilte. Orkney verständigte Marlborough. Das Kriegsgericht trat zusammen, besetzt mit ebenso vielen englischen wie schottischen Offizieren. Es verurteilte Charteris dazu, die durch Wucher erpressten Summen zu erstatten, erkannte ihm sein Patent ab und stieß ihn aus dem Regiment aus. Sein Degen wurde zerbrochen; Trommelwirbel begleitete seinen Abtritt.

Auf dem Weg von Brüssel nach Mecheln, so berichtet Jackson weiter, warf der Oberst seine Hosen in einen Graben. Im Gasthof angelangt, behielt er seinen scharlachroten Mantel bis zu den Knien zugeknöpft. Am Morgen läutete er in rasendem Zorn: In seinen Beinkleidern, so behauptete er, hätten sich ein Diamantring, eine goldene Uhr und beträchtliche Geldsummen befunden. Er selbst hatte das Fenster eingeschlagen, um den Anschein eines Einbruchs zu erwecken; er deutete an, der Wirt könne ihn bestohlen haben, und drohte, ihn als Mitschuldigen an den Galgen zu bringen. Schließlich brachten Brüder eines nahen Klosters das Geld auf, damit der Gastwirt den angeblichen Verlust ersetzen konnte. Der Mann, der sich tags zuvor seines Gewandes entledigt hatte, verwandelte die Herberge nunmehr in den Schauplatz eines Verbrechens.

Hierauf kehrte er nach Schottland zurück. Jackson berichtet, dass Unterwerfung und Geld ihm ein neues Patent in einem Kavallerieregiment und schließlich den Rang eines Obersten verschafften. In Edinburgh, mitten in den Streitigkeiten um die Union der Königreiche, soll er mit der Herzogin von Queensberry Karten gespielt haben. Er wies ihr einen Platz nahe einem großen Spiegel an, worin er ihre Karten erblickte, und gewann dreitausend Pfund. Der Herzog, erbittert über diesen Betrug, setzte der Erzählung zufolge ein Gesetz durch, das das Spiel um Summen jenseits einer gewissen Grenze untersagte. Jackson fügt hinzu, dass Charteris daraufhin Gelder auf Hypotheken verlieh, Güter in Schottland und Lancashire erwarb und sich in London niederließ.

Die Hauptstadt bot ihm, so das Kapitel weiter, hinreichend Gelegenheit, seine Geschäfte und seinen Lebenszuschnitt auszuweiten. Von ihm bezahlte Frauen sprachen in den Ausspannen, an denen die Landkarren hielten, junge Mädchen an; sie versprachen ihnen eine Magdstelle in seinem Haus. Der wahre Name des Herrn wurde verschwiegen. Ann Bond war nach London gelangt und hatte ihren Dienst wegen einer Krankheit aufgeben müssen. Nachdem sie in einer einfachen Kammer wieder zu Kräften gekommen war, setzte sie sich vor die Tür. Dort war es, wo eine Frau sie auf einen Oberst Harvey ansprach.

Ann willigte in die Anstellung ein. Die Kupplerin führte sie zu dem Hause, wo sie drei Tage verbrachte, ehe sie die wahre Identität ihres Herrn erfuhr. Er gab ihr Geld, um die Kleider auszulösen, die sie während ihrer Krankheit versetzt hatte, und erbot sich, ihr neue zu kaufen. Sie schlug diese Gewänder aus. Daraufhin bot er ihr einen Beutel voll Gold, eine lebenslange Rente und ein Haus an, sofern sie einwillige, sein Lager zu teilen. Sie wies den Antrag zurück: Sie werde ihre Pflicht als Dienstmagd tun, entgegnete sie, und es stehe ihm frei, sie zu entlassen, wenn ihre Arbeit ihm nicht gefalle.

Tags darauf hörte Ann einen Besucher nach dem Obersten Charteris verlangen. Der Name jagte ihr Furcht ein. Ihr war der Ruf bekannt, den Jackson diesem Mann zuschreibt, und sie erklärte der Wirtschafterin, sie sei krank und müsse das Haus verlassen. Die Wirtschafterin benachrichtigte den Herrn. Er ließ sie vor sich fordern, drohte, sie niederzuschießen, sollte sie weichen, und befahl dem übrigen Gesinde, die Tür verschlossen zu halten.

Am folgenden Tag schickte der Küchenjunge sie in den Salon. Charteris hieß sie, das Kaminfeuer zu schüren. Jackson berichtet, er habe ihr den Mund zugehalten und Gewalt an ihr geübt; als sie ankündigte, ihn vor Gericht zu bringen, schlug er mit der Reitpeitsche auf sie ein und überhäufte sie mit Schmähungen. Die Tür öffnete sich, und der Küchenjunge trat ein. Charteris behauptete nun, Ann habe ihm dreißig Guineen entwendet, und befahl, sie davonzujagen. Ihre Anklage verkehrte sich gegen sie selbst in einen Vorwurf des Diebstahls; sie wurde vor die Tür gesetzt.

Ann begab sich zu einer gewissen Mrs. Parsons und erbat deren Rat. Diese riet ihr, gerichtlich Klage zu erheben. Die Anklage wurde der Großen Jury als vollendete Nötigung und nicht als bloßer Versuch unterbreitet; eine Anklageschrift ward ausgefertigt. Charteris wurde in Newgate eingekerkert, zunächst mit schweren Eisen beladen. Bald jedoch zahlte er dafür, leichtere Fesseln zu tragen, eine Kammer zu mieten und sich bedienen zu lassen. Sein Schwiegersohn, der Graf von Wemyss, erwirkte einen Habeas-Corpus-Erlass; der Oberst wurde gegen Bürgschaft auf freien Fuß gesetzt und erwartete den Prozess in Freiheit.

Vor dem Old Bailey griff die Verteidigung den Leumund Anns an. Jackson versichert, diese Angriffe seien ins Leere gelaufen, und es habe kein Grund vorgelegen, ihrer Klage unlautere Beweggründe zu unterstellen. Nach langwieriger Verhandlung sprachen die Geschworenen Charteris schuldig. Der Kalender verliert sich nicht in den Einzelheiten der Zeugenaussagen, hält jedoch das Urteil fest: einen Schuldspruch und das Todesurteil. Die Bürgschaft hatte die Anklage nicht aus der Welt geschafft; der Prozess hatte Ann und ihr Zeugnis wieder in den Mittelpunkt gerückt.

Der Verurteilung folgte die Hinrichtung nicht auf dem Fuße. Der Graf von Wemyss ließ den schottischen Gerichtspräsidenten Forbes herbeirufen, um die Sache vor dem Geheimen Kronrat zu vertreten. Jackson berichtet, für diesen Dienst sei Forbes ein Gut im Ertrag von dreihundert Pfund jährlich überschrieben worden. Der König willigte schließlich ein, Charteris zu begnadigen, sofern der Klägerin eine angemessene Rente ausgesetzt würde. Die Begnadigung erfolgte nach dem Richterspruch: Sie war kein Freispruch. Das Kapitel nennt die Höhe der Rente nicht, macht diese Bedingung jedoch zum Schlusspunkt des Verfahrens.

Charteris zog sich nach Edinburgh zurück und lebte dort, so Jackson, noch etwa zwei Jahre, ehe er starb. Der Kalender vermerkt den genauen Tag nicht. Er berichtet, der Oberst sei in der Familiengruft der Greyfriars beigesetzt worden, und die Menge habe fast seinen Sarg in Stücke gerissen. Kurz nach seiner Verurteilung war ein Kupferstich erschienen, der ihn auf der Anklagebank des Old Bailey zeigte, versehen mit einer satirischen Inschrift. Jackson gibt zudem eine John Arbuthnot zugeschriebene Grabschrift wieder, die schließt, Charteris sei verurteilt worden »für das, was er nicht getan hatte«. Diese Wendung widerspricht dem Prozessbericht; sie ist eine im Kapitel überlieferte Satire, kein gerichtliches Schriftstück.

Nach dem Prozess verliert sich Ann Bonds Spur fast gänzlich auf diesen Seiten. Jackson erwähnt, dass ihr eine Rente ausgesetzt werden sollte, und wendet sich alsdann wieder dem Tod, dem Sarg und dem Spott zu, der Charteris traf. Zu Beginn hatte sie das Gold, das Haus und die Rente ausgeschlagen, die man ihr für ihre Einwilligung geboten hatte; sie hatte zu fliehen versucht und hernach Rat bei Mrs. Parsons gesucht. Ihre Klage hatte zu einem Schuldspruch geführt, den die Begnadigung nicht ungeschehen machte. Die Kompilation bewahrt ihre Stimme lange genug, um vom Urteil zu künden, folgt dem weiteren Lebensweg jener Frau, zu deren Gunsten jene Rente begründet werden sollte, jedoch nicht weiter.

Aus diesem historischen Fall könnte ein Buch entstehen

Helfen Sie uns, unser nächstes Buch zu wählen

Sie haben soeben den vollständigen Bericht dieses Falles gelesen. Er inspiriert uns zu drei Romanprojekten. Welches möchten Sie gedruckt sehen? Ihre Stimme hilft AB Éditions bei der Auswahl.

Novelle

Die Hintertür

London. Eine junge Dienstmagd, gedungen im Namen eines ihr unbekannten Dienstherrn, entdeckt, dass in dem Hause, darin sie dient, eine andere Magd wider ihren Willen festgehalten wird. Eine Schneiderin aus der Nachbarschaft bietet ihr einen heimlichen Pfad zur Straße; doch das Anwesen wird von jenen überwacht, die fürchten, ein Skandal könne ihre eigene Stellung vernichten. Die Erzählung schildert ihren Entschluss, einen Zeugen zu suchen und abzuwägen, wem ein Brief anzuvertrauen sei. Eine fiktive Novelle, die dem Preis eines glaubhaften Wortes nachspürt.

Stimmen werden geladen…

Roman

Die Rente der Mrs. Vale

Eine schottische Witwe erhält den Auftrag, eine Rente zu verwalten, die einer vormaligen Dienstmagd nach einem aufsehenerregenden Prozess zugesichert wurde. Die Zahlungen treffen ohne jede Erklärung ein, während ein Londoner Gerichtsschreiber zu ergründen sucht, wer für sie Bürgschaft leistete. In diesem fiktiven historischen Roman entdeckt die Witwe, dass die Summe das Ansehen eines Adelshauses ebenso schützt wie eine Frau ohne einflussreiche Verwandtschaft. Sie muss entscheiden, ob sie die Rechnungsbücher offenlegt – auf die Gefahr hin, die Ländereien zu verlieren, von denen ihre Kinder leben.

Stimmen werden geladen…

Trilogie

Die drei Schlüssel des Hauses

Diese fiktive Trilogie begleitet drei Generationen von Dienstfrauen in ein und demselben Londoner Stadthaus. Die erste findet einen Schlüssel, den ihre Herrin als verloren ausgibt; die zweite muss zwischen zwei Erben entscheiden, die um die Haushaltsbücher streiten; die dritte stößt auf einen Brief, der in einem Pfandregister verborgen liegt. Jeder Band erzählt eine eigenständige Nachforschung über Gesindedienst, Versprechen und Beweislast, während das Haus die Besitzer wechselt und die Gesetze der Stadt sich wandeln.

Stimmen werden geladen…

Eine Stimme pro Fall in diesem Browser, jederzeit änderbar. Die beliebtesten Projekte fließen in unser Verlagsprogramm ein. Wie Ihre Auswahl gespeichert wird.

Weitere Buchprojekte im Salon entdecken →
Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Vollständige Lektüre des Kapitels zu Francis Charteris im lokalen OCR von Band II, Zeilen 9711–10143 einschließlich (2.604 Wörter). Der folgende Titel, Robert Hallam, ist ausgeschlossen. Die Kompilation ist polemischer Natur und schreibt Charteris mehrere biografische Episoden zu, die im Prozess Bond nicht als Beweismittel verhandelt wurden. Als Verhandlungsdatum wird der 25. Februar 1730 angegeben; ein systematischer Abgleich mit den Originalprotokollen wird nicht beansprucht. Der bibliografische Vermerk der Wellcome Library wurde separat ausschließlich durch den Root-Agenten eingesehen, nicht durch diesen Verfasser. Jener Vermerk (Signatur e8dtgt54) nennt den 27. Februar 1729/30 gegenüber dem 25. Februar bei Jackson; der verfassende Bearbeiter hat diese Notiz nicht herangezogen. Der Bericht vermeidet die Nennung des genauen Tages.

← Alle 1.003 Fälle des Kabinetts