Sieben Jahre lang sollte William Barton dem heimatlichen Boden Englands fernbleiben. Doch er kehrte vor Ablauf der Frist zurück, suchte in London seine Gattin auf und verfiel von neuem jenen Räubereien, die ihn bereits einst vor die Schranken des Gerichts gebracht hatten. Seine bloße Wiederkehr trug ihm die Todesstrafe ein; doch war es der Raubüberfall auf die Kutsche eines Viscounts, der ihn abermals seinen Richtern überantwortete. Von all den weiten Fahrten, von denen er zu berichten wusste, sollte jene, die ihn zu den Seinen zurückführte, seine letzte sein.
William Barton erblickte in der Londoner Thames Street das Licht der Welt. Sein Vater, den die Chronik als einen unruhigen, jeglichem Laster ergebenen Mann schildert, schiffte sich nach Jamaika ein, begleitet von einer Mätresse und beladen mit Handelsgütern, die er dort zu veräußern oder auf einer Plantage anzulegen gedachte. Das Kind überließ er der Obhut der Mutter, ohne für deren Unterhalt im Mindesten gesorgt zu haben. Der Knabe fand schließlich Aufnahme bei seinem Großvater, dem Inhaber eines ansehnlichen Speisehauses in Covent Garden. Der Greis nahm sich seiner an und erwies sich als mild und nachsichtig. Die Gäste bedachten den jungen Will häufig mit kleinen Geldgeschenken; zusammengenommen hätten sie ausgereicht, ihn mit seinem Stande zufriedenzustellen.
Bartons Sinn stand indessen nach fernen Meeren. Allen Warnungen des Großvaters zum Trotz heuerte er an, um seinen Vater zu suchen, den er sich auf den Antillen zu Reichtum gelangt wähnte. Auf Jamaika fand er das erhoffte Vermögen nicht vor: Der Vater war verstorben; das Weib, welches ihn begleitet hatte, hatte sich auf einer Plantage festgesetzt, von der Barton sie nicht zu vertreiben vermochte. So ging er abermals zur See und schlug sich durch, so gut es ging.
Das Schiff, auf dem er fuhr, wurde bald darauf von den Spaniern wegen des Verdachts auf Schmuggel aufgebracht. Barton und seine Gefährten gerieten in Gefangenschaft und wurden nach Spanien überführt. Der Überlieferung nach litten sie anfangs unter harter Behandlung und knapper Kost; mit der Annäherung an das Festland soll sich ihr Los ein wenig gemildert haben. Nach der Landung warf man sie in einen Kerker, aus dem Barton unaufhörlich zu entkommen sann. Man kommandierte die englischen Gefangenen ab, eine baufällige Mauer des äußeren Hofes auszubessern. Da das Fundament erneuert werden musste, nutzten Barton und ein Mitgefangener die Arbeiten aus, um den spanischen Soldaten unbemerkt die Pulverbeutel zu entwenden und das Schießpulver in einem Säckchen zu sammeln. Sie brachten es unter jenem Teil des Mauerwerks an, den sie erreichen konnten, und zündeten es an. Die Detonation riss zwei Yards Mauerwerk hinweg; die Bestürzung der Wachen nutzend, schlüpften sie durch die Bresche und gewannen das Freie.
Kaum entronnen, suchten die Flüchtigen Zuflucht in einem Kloster. Die Mönche speisten sie, hielten schützend die Hand über sie, als der Kerkermeister sie herausverlangte, und stellten sie mit dem übrigen Gesinde in ihren Dienst. Die klösterliche Gastfreundschaft bot ihnen Nahrung und Sicherheit, doch Barton und sein Genosse mochten dort nicht verharren. Des Nachts erbrachen sie die Außentore und schlichen sich auf ein englisches Schiff, das im Hafen zur Abfahrt bereitlag. An Bord erfuhren sie, dass die Ordensleute sich bereits mit dem Kapitän über die Bezahlung ihrer Überfahrt geeinigt hatten. Ihre Flucht hatte ihnen somit nichts eingetragen als die Gefahr, wieder aufgegriffen zu werden oder schutzlos zu reisen; hätten sie Geduld bewahrt, wären sie auf jenem Wege entkommen, den ihre Wohltäter bereits für sie bereitet hatten.
Nach England zurückgekehrt, trat Barton in die Armee ein und focht in mehreren Feldzügen in Flandern. Seine Offiziere waren ihm wohlgesinnt, vermerkt die Chronik, und er stand kurz vor der Ernennung zum Zahlmeister-Sergeant. Der Friedensschluss vereitelte diese Aussicht; sein Regiment wurde aufgelöst, und er fand sich ohne Brot wieder. Die Gewohnheit, von seinen Kriegsabenteuern zu prahlen, behielt er bei. Zwei dieser Anekdoten betreffen Diebesstreiche, die er seinen Wanderjahren zuschrieb und die der Chronist nach seinen eigenen Worten wiedergibt.
Die erste Begebenheit trug sich nahe Brüssel zu und drehte sich um den Baron de Casteja, einen Edelmann spanischer Abkunft. Der Baron hatte lange Zeit dem Würfelspiel gefrönt und sein Vermögen durchgebracht; als er von seinem Bruder mehr als hunderttausend Kronen erbte, verfiel er abermals der Spielwut. Eine erste Abschlagszahlung von vierzigtausend Kronen ward ihm ausgezahlt. Unter dem Vorwand, eine Anstellung für seinen Sohn zu suchen, reiste er in Begleitung seiner Gemahlin und mit zwanzigtausend Kronen im Gepäck nach Brüssel. Dort vergaß der Baron sein Vorhaben über einer Abendgesellschaft und verspielte die gesamte Summe. Heimgekehrt, verharrte er eine Woche in finsterem Groll, brachte dann heimlich weitere zwanzigtausend Kronen zusammen und rüstete sich zu einer neuerlichen Abreise.
Die Baronin, in Sorge um das künftige Wohl ihres Sohnes, offenbarte sich ihrem Haushofmeister. Dieser weihte drei Bedienstete sowie den Pagen der Herrin in den Plan ein und warb überdies Barton und einen weiteren, in der Nachbarschaft einquartierten Engländer an. Der Chronik zufolge wurden sie für ein geringes Entgelt gedungen. Die Dame besorgte Maskierungen, ließ die Zündlöcher der von ihrem Gemahl und zwei Begleitern getragenen Waffen vernageln und legte selbst Männerkleidung an. Am Abend brach sie an der Spitze ihres kleinen Haufens aus einem Gehölz hervor und überfiel den Baron auf offener Straße. Dieser vermochte keinen Widerstand zu leisten; die Rotte bemächtigte sich der zwanzigtausend Kronen. Die Baronin legte das Geld zum Besten ihres Sohnes an, und der Baron, tief erschüttert über den Verlust dessen, was den Seinen ein Auskommen hätte sichern sollen, entsagte dem Spiel für immer. Die Chronik deutet dieses Abenteuer als jenen Augenblick, da Barton Gefallen am Raubhandwerk fand; gleichwohl überliefert sie den Vorfall lediglich als eine Erzählung aus seinem Munde, ohne weitere Beweise beizubringen.
Barton berichtete ferner, er sei nach seiner Gefangennahme durch die Franzosen in die Dienste eines mittellosen gaskognischen Offiziers in einer Grenzfestung getreten. Dort war das Hasardspiel streng untersagt, und die Profosse hatten die Quartiere zu durchsuchen, um Zuwiderhandelnde zu strafen. Der Gaskognier stand im Einvernehmen mit einem Landsmann und Waffenbruder, einem berüchtigten Falschspieler, der ihm die Häuser verriet, in denen man heimlich zusammenkam. Der Hauptmann, Barton und ein dritter Gesell verkleideten sich als Ordnungshüter; fast jede Nacht drangen sie, gefolgt von einer Schar Neugieriger, in diese Schlupfwinkel ein und pressten den Spielern Geld ab, die sie für die Obrigkeit hielten. Nach dieser Darstellung beteiligte sich Barton an den betrügerischen Razzien, während die Ausspähung jenem Landsmann des Hauptmanns oblag. Auch diese Begebenheit gründet allein auf seinen eigenen Bekenntnissen, wie der Verfasser sie aufzeichnete.
Die Chronik schreibt Bartons Hang zum Verbrechen zu einem Teil seiner Zuneigung zu seiner Ehefrau zu. Er habe sie nicht durch schwere Arbeit ihr Brot verdienen sehen wollen und danach getrachtet, ihr ein bequemes Dasein zu verschaffen – selbst um den Preis des Galgens. Der Verfasser fügt hinzu, Barton habe aus seinen Reisen ein großes Geschick im Ausklügeln seiner Beutezüge mitgebracht und oft den Grundsatz verfochten, der den Dieb mit dem Eroberer vergleicht: Allein der Wert der Beute unterscheide beide voneinander. Solche Betrachtungen entspringen dem moralischen Urteil des Chronisten; die von ihm geschilderten Taten lassen jedoch erkennen, mit welcher Kaltblütigkeit Barton seine Streifzüge ins Werk setzte.
Eines Tages erblickte Barton auf einer Landstraße eine Reisekutsche. Sein Kumpan, ein ehemaliger Soldat, ritt voran, um die Insassen auszukundschaften: vier Kavaliere mit Musketellen, zwei Damen und ein Diener. Barton wies ihn an, eine Anhöhe zu umreiten und, sobald er im Rücken des Wagens stünde, einen Schuss über das Verdeck hinweg abzugeben. Währenddessen ritt Barton gemächlich heran und brachte das Fuhrwerk zum Stehen. Die beiden Männer vollführten ihren Anschlag. Die Reisenden, durch den Schuss erschreckt, händigten ihre Habe aus; die Beute belief sich auf etwa einhundert Pfund. Barton nahm überdies zwei silberbeschlagene Pistolen und zwei messingene Musketellen an sich, woraufhin die Räuber das Weite suchten.
Bartons Glück verließ ihn bei einem Diebstahlsversuch in Covent Garden, wo sein Gesicht allzu bekannt war. Er wurde festgenommen, nach Newgate verbracht, schuldig gesprochen und zu siebenjähriger Verbannung in die britischen Kolonien verurteilt. Nach der Überfahrt kaufte ihn ein Pflanzer für die Summe von achtzehn Pfund. Die Chronik hebt hervor, dass sein Dienstherr ihn nicht zu den zermürbenden Arbeiten heranzog, die in solchen Berichten gewöhnlich geschildert werden, sondern ihm die Aufsicht über die Sklaven übertrug und ihn bei eigener Abwesenheit mit deren Fürsorge betraute. Barton selbst gestand ein, dort ein erträgliches Dasein geführt zu haben, mit dem er hätte zufrieden sein können. Er blieb eine Weile bei diesem Manne, bis die Sehnsucht nach London, nach seinen Freunden und vor allem nach seinem Weibe ihm den Aufenthalt unerträglich machte.
Lange bereitete er seine Rückkehr vor, ungeachtet der drohenden Todesstrafe, die auf dem vorzeitigen Bruch der Verbannung stand. Es gelang ihm, sich seinem Herrn zu entziehen, ein Schiff zu besteigen und nach London zurückzukehren. Zunächst suchte er seine Gattin auf, nahm bei ihr Wohnung und griff wieder zu jenen verbotenen Mitteln, mit denen er früher beider Auskommen bestritten hatte. Barton beteuerte stets, dass sie an seinen Diebstählen keinen Anteil gehabt, ja nicht einmal darum gewusst habe. Der Bericht enthält keinerlei unabhängige Zeugnisse, die sie belasten würden.
Bereits seine bloße Rückkehr stempelte ihn zum Geächteten; ein neuerlicher Überfall führte ihn ein zweites Mal vor das Gericht von Old Bailey. Er hatte Lord Viscount Lisbourn, einen Peer des Königreichs Irland, samt einer mitreisenden Dame beraubt. Die Beute bestand aus einem Degen mit Silbergreif, einer Schnupftabakdose und etwa zwölf Schillingen. Barton wurde gefasst, gerichtet und schuldig gesprochen. Nach Verkündung des Todesurteils gab er jede Hoffnung auf das irdische Leben auf und suchte mit Gebetbüchern und Andacht jenen Seelenfrieden wiederzuerlangen, den er durch seine Laster verwirkt zu haben bekannte. Als er erfuhr, dass seine Verwandten für seine Tochter sorgen würden und es seiner Gattin nicht am Nötigsten fehlen werde, ließ er die irdischen Sorgen fahren und bewies, so der Chronist, eine bemerkenswerte Fassung vor dem Tode.
Am 12. Mai 1721, im Alter von etwa einunddreißig Jahren, ward Barton hingerichtet. Der Chronist schreibt seine Standhaftigkeit dem ihm eigenen Kriegermute sowie einer späten Einkehr zu Gott zu. Weder die weiten Meere noch Kerker oder Fluchten hatten seine Anhänglichkeit an seine Frau und die Sorge um sein Kind auszulöschen vermocht; doch eben diese Gefühle hatten ihn zurück nach London getrieben, wo ihn seine Taten einholten. Seine Erzählungen aus Brüssel und Frankreich bleiben das persönliche Zeugnis seiner Prahlerei; der Richtspruch jedoch, der sein Schicksal besiegelte, erging wegen des Raubes an Viscount Lisbourn und dessen Reisebegleiterin.
