Gio Batta erwachte, weil man ihn hieß, seine Decke herauszugeben. Er fand diese Forderung so billig und billigenswert, dass er zunächst um Entschuldigung bat. Die Wolle hatte sich unter seiner Schulter verfangen; er musste sich aufrichten, daran zerren, den Staub ein wenig herausschlagen. Der Schließer nahm das Bündel entgegen, ohne den Blick auf jenen zu richten, der es ihm darreichte. Eine Decke würde noch manchem dienen. Sie war in dieser Kammer der Gegenstand mit der gewissesten Zukunft.
Gio Batta erbat Wasser. Man brachte es ihm in einer gesprungenen Schale, deren Rand er mit dem Ärmel säuberte, ehe er ansetzte. Diese Regung befremdete ihn selbst. Seit dem Vortag glaubte er, allen kleinen Behutsamkeiten entsagt zu haben; sein Körper verlangte noch immer danach. Er behielt gar einen kühlen Schluck unter der Zunge, den er bedächtig hinunterschluckte. Auf dem Gang stritten Männer über einen verlegten Schlüssel. Die Tür stand offen, doch einer von ihnen hielt den Durchgang verstellt. Einen Schlüssel mochte man wohl verlieren; über den Gefangenen wachte man unerbittlich.
Er hatte sein Leben damit verbracht, karge Befehle zu empfangen. Dies heraufbringen, jenes tragen, warten, wiederkehren. In den Häusern, denen er gedient hatte, wurde sein Taufname weit öfter ausgesprochen als der der Herren, freilich nur, um ihn aus dem Gemach zu weisen. Am Morgen erriet er das Gemüt der Herrschaft an der Art, wie sie ihr Schuhwerk unters Bett stieß. Weit fortgeschleuderte Schuhe verhießen Zank und Tadel; jene, die sorgsam nebeneinandergereiht standen, verlangten nach einem Tage ohne Fehltritt. Er verstand sich auf solche Zeichen. Am heutigen Tage hatte niemand Schuhe hinterlassen, die aufzulesen gewesen wären.
Der Schließer befahl ihm, die seinen anzulegen. Ein Schnürriemen fehlte. Gio Batta bückte sich, versuchte die beiden viel zu kurzen Enden zu verknoten, hielt dann aber in jähem Zorn inne. Barfuß wollte er den Gang nicht antreten. Es war dies keine Eitelkeit; er hatte diese Schuhe bei jedem Wetter getragen, hatte sie geschmiert, flicken lassen, fern der Glut getrocknet, damit das Leder nicht verhärte. Sie gehörten ihm. Der Gedanke, der letzte Weg könne sie ihm noch vor allem anderen entreißen, schien ihm unerträglich.
— Gebt mir ein Stück Schnur.
Der Mann zögerte, als berge das Begehren eine Tücke. Dann kramte er in der Tasche und zog eine Schnur hervor. Sie war zu grob für die Öse. Er spaltete sie mit dem Fingernagel und zog einen Faden heraus. Gio Batta schaute ihm bei dem Werk zu. Diese wenigen Herzschläge lang waren sie vereint beschäftigt; der Schließer hatte ihm endlich etwas zu gewähren, das weder Befehl noch Frist war. Der Knoten hielt. Gio Batta setzte den Fuß auf den Boden, prüfte den Halt und erhob sich.
In einem Nebengelass wartete ein Mann, dessen Gewand ihn als Tröster der Verurteilten auswies. Er sprach mit sanfter Stimme. Gio Batta lauschte ihm wohl, doch die Worte drangen nur bruchstückhaft an sein Ohr; er erhaschte eine Silbe, verlor die nächste und ärgerte sich, einen so schlichten Satz nicht zu fassen. Der andere meinte, von Neuem anheben zu müssen. Da bat Gio Batta, man möge ihn für eine Weile unangesprochen lassen. Diese Gnade ward ihm gewährt. Er heftete den Blick auf einen Mauerspalt. Er lief schräg empor, brach unter einem Feuchtfleck ab und setzte sich weiter oben fort. Er suchte mit den Augen, wohin er noch führen mochte.
Als sie heraustraten, schmerzte das Licht seine Augen, sodass er sie schließen musste. Rom ging bereits seinem Tagwerk nach. Ein Rad polterte gegen einen Prellstein, ein Händler kurbelte sein Vordach auf, eine Frau zog den Korb ins Haus, den sie vor die Schwelle gestellt hatte. Blicke folgten dem kleinen Zug. Gio Batta hätte gern gewusst, was ein jeder in ihm erblickte: einen Namen, eine Untat, ein Schaugerüst oder einen Menschen, den man am folgenden Tage kaum mehr erkannt hätte. Vor allem sah er Hände. Die einen fuhren in ihrer Arbeit fort; andere verharrten mitten in der Bewegung. Ein Junge hielt einen angebissenen Apfel, ohne ihn zum Munde zu führen.
Der Pfad stieg an. Beim ersten Schritt glitt sein Fuß in dem notdürftig gebundenen Schuhwerk fort. Er verkürzte den Tritt. Sein Begleiter mäßigte die Schritte nach der Langsamkeit des Verurteilten, und Gio Batta wusste es ihm im Stillen Dank, obschon er es nicht auszusprechen vermochte. Er hatte sich ausgemalt, man würde ihn stoßen. Roheit wäre ihm beinahe willkommener gewesen: Sie hätte seiner Furcht eine Gestalt verliehen, einen Widersacher, gegen den man sich stemmen konnte. Diese Rücksichtnahme, die ihn gewähren ließ, gab ihm zu verstehen, dass alles längst unwiderruflich besiegelt war. Nunmehr konnte man sich in Geduld üben.
Einmal blieb er stehen. Es geschah weder um zu flehen noch um zu trotzen. Zwischen zwei Giebeln hatte er eine Altane erblickt, auf der Wäsche hing. Ein Hemd, vom Wind gebläht, fiel in sich zusammen und schwoll aufs Neue an. In einem der Häuser seiner Dienstzeit hatte man an den Waschtagen das Wasser über eine finstere, enge Stiege emporzuschaffen; wie hatte er diese Treppe gehasst, das Anschlagen der Eimer, das Schelten ob weniger Tropfen auf den Stufen! Wie gern wäre er sie nun wieder hinaufgestiegen. Dieses Tagewerk, das ihn einst so geschunden hatte, stand nun vor ihm, samt aller Mühsal, wie ein herrlicher, verlorener Tag.
Man berührte ihn am Arm. Er schritt weiter. Die Altane entschwand.
Auf dem Kapitol hatte auch das Warten noch Raum. Man musste eine Gasse bahnen, Zudringliche zurückweisen, einen Mann abwehren, der in ganz anderer Sache zur unrechten Stunde seine Klage vorzubringen suchte. Gio Batta stand unbeweglich. Er hatte gefürchtet, zu einer Sache herabgewürdigt zu werden; nun erfuhr er, dass selbst ein Ding warten musste, bis die Reihe an ihm war. Ein Schreiber blickte auf ihn, musterte seine Papiere und nannte seinen Namen. Gio Batta gab Antwort. Diese Erwiderung änderte nichts. Sie bezeugte lediglich, dass er zur Stelle war.
Der Scharfrichter trat heran. Gio Batta hatte sich Worte wider diesen Mann zurechtgelegt; vor ihm stehend fand er sie nicht wieder. Jenes Gesicht glich keineswegs der Gestalt, die er sich in der Nacht ersonnen hatte. Der Mann war auf sein Handwerk bedacht, maß den Raum ab, verdrießlich ob jener, die im Wege standen. Gio Batta fragte ihn, was er zu tun habe. Die Gewohnheit des Gehorsams war erwacht, älter und tiefer als das Entsetzen. Der Scharfrichter wies ihm die Stelle. Er fügte sich und wandte das Haupt noch ein letztes Mal empor — nicht, um die Menge zu besehen, sondern um zwischen den Dächern nach einem Flecken Himmelsblau zu spähen.
Sein Begleiter hob das unterbrochene Gebet wieder an. Diesmal vermochte Gio Batta einigen Worten zu folgen. Er vollendete sie nicht. Das Beil setzte diesem flüchtigen Bemühen ein Ende, so wie es das Keuchen seines Atems, den Schmerz im Fuße und all die Tage tilgte, die er so gern von Neuem begonnen hätte. Ringsum nahmen die Menschen sogleich ihr Treiben wieder auf. Der Richtplatz musste geräumt werden. Der Knabe mit dem Apfel, sofern er gefolgt war, durfte nun heimgehen.
Von dem Dasein dieses Dieners bewahrte die römische Finanzkammer einzig eine Ausgabe. Unter dem Datum des 13. Juli 1515 empfing der Scharfrichter drei Julii dafür, dass er Gio Batta den Kopf abgeschlagen hatte. Jahrhunderte später stieß Rodocanachi in den Rechnungsbüchern des Kapitols auf diesen Vermerk. Das Register verlor kein Wort über den Gang zur Richtbank noch über die Stunden des Bangens. Blieben allein der Vorname, der Stand des Dienstknechts und der Zahlungsbetrag. Jener, der zeitlebens geantwortet hatte, wenn man ihn rief, hinterließ gerade so viel Spur, dass sein Henkerslohn beglichen werden konnte.
