In einer Kapelle in Old Jewry erheben sich die Gläubigen am Ende der Predigt. Mary Young, die von ihren Kumpanen Jenny Diver genannt wird, sitzt zwischen zwei betagten Damen. Sie erweckt den Anschein fortgeschrittener Schwangerschaft; unter ihrem Gewand verbergen sich künstliche Arme und Hände. In jenem Augenblick, da die beiden Frauen aufstehen, entwendet sie deren goldene Taschenuhren und reicht sie einem Spießgesellen auf der Nachbarbank. Dieser Diebstahl ist keine bloße Laune des Augenblicks: Ein Gehilfe hatte im Kirchengestühl Plätze belegt, ein anderer gab den Bedienten, und Jenny hatte ihre Rolle bis ins Kleinste einstudiert.
Die Chronik von George Borrow hebt freilich lange vor dieser Begebenheit an. Mary erblickte im Norden Irlands das Licht der Welt und verlor schon früh ihre Eltern. Eine alte Frau nahm sich ihrer an und zog sie auf. Herangewachsen, reist sie nach London, wo sie auf eine Landsmännin namens Anne Murphy trifft, die ihr ein gemeinsames Unterkommen in Long Acre anbietet. Mary versucht zunächst, sich mit Nadelarbeit über Wasser zu halten; doch die Aufträge bleiben aus und der karge Lohn reicht kaum zum Leben. Murphy eröffnet ihr alsdann einen anderen Ausweg, fordert dafür jedoch unbedingte Verschwiegenheit.
Eines Abends führt sie Mary zu einer Zusammenkunft nahe St Giles. Die dort versammelte Gesellschaft fristet ihr Dasein vom Taschendiebstahl im dichten Gedränge vor Theatern und auf öffentlichen Plätzen. Noch in derselben Nacht erbeuten die Diebe achtzig Pfund an barem Geld sowie eine kostbare goldene Uhr. Da Mary das Handwerk des heimlichen Zugriffs noch nicht beherrscht, speist man sie mit zehn Guineen ab – weit weniger als ein voller Anteil. Sie fügt sich der Ordnung und tritt einer Bande bei, in der gediegene Unterweisung ebenso schwer wiegt wie verwegene Kühnheit.
Zwei Stunden täglich bringen ihr die erfahrenen Mitglieder die Kunstgriffe des Diebstahls bei. Borrow berichtet, dass sie binnen weniger Monate zu einer der geschicktesten Gestalten der Truppe heranreift. Der Spott- und Ehrenname Jenny Diver besiegelt ihren Ruf. Die Chronik schildert ihren Aufstieg als das Werk vollendeter Technik, geschickter Täuschung und genauer Abstimmung: Eine Mitschuldige lenkt die Blicke auf sich, eine fremde Hand greift zu, woraufhin sich die Bande lautlos im Menschengewühl verliert.
Vor dem Portal einer Kapelle in Old Jewry drängt sich eine Menge, um einem berühmten Prediger zu lauschen. Jenny reicht einem Herrn die Hand, der sie stützt, um ihr durch das Gedränge zu helfen. Sie nutzt die Berührung, um ihm unbemerkt einen Diamantring vom Finger zu streifen. Der Bestohlene bemerkt den Verlust erst nach Verlassen des Gotteshauses; er erinnert sich vage, eine Dame gestützt zu haben, die ihn beraubt haben könnte. In den Gassen fehlt von ihr jede Spur. Dieser Streich bewegt ihre Genossen dazu, ihr fortan den gleichen Anteil an der Beute zuzugestehen, selbst wenn sie nicht eigenhändig zugegriffen hat.
Mit der Zeit schlagen die Zeitungsberichte zu hohe Wellen. Statt dieselben Streiche in London zu wiederholen, weicht die Bande zur Sommermesse nach Bristol aus. Mary und Anne Murphy treten dort als ehrbare Kaufmannsgattinnen auf; Marys Geliebter übernimmt die Rolle des Livrierten. Man mietet Zimmer in verschiedenen Gasthöfen und vereinbart: Sollte einer gefasst werden, bemühen sich die anderen, ihn durch den Anschein untadeligen Leumunds freizubekommen. Die Bande reist mit einem fest gefügten Netz aus Lügen und Alibis im Gepäck.
Nach London zurückgekehrt, verdingt Mary einen echten Bedienten, während ihr Favorit das Auftreten eines vornehmen Gentlemans annimmt. Sie mietet eine Wohnung nahe Covent Garden, unweit der Theaterhäuser. Auf Raubzügen durch andere Städte füllen sie ihre Kassen und kehren wieder in die Hauptstadt zurück, wo die Gefahr einer Entdeckung stetig wächst. Schließlich wird Mary wegen Taschendiebstahls festgenommen. Man überstellt sie nach Newgate, wo sie fast vier Monate bis zu ihrer Verschiffung einsitzt. Selbst hinter Kerkermauern verwendet sie laut Borrow beträchtliche Summen zum Ankauf von Hehlerware. Als sie das Schiff nach Virginia besteigt, füllt ihr Frachtgut beinahe einen ganzen Fuhrwagen.
In den Kolonien Virginias veräußert sie ihre Waren und führt für einige Zeit ein auskömmliches Leben. Doch bald wird ihr gewahr, dass die Kunstgriffe, die ihr in England solchen Reichtum einbrachten, in Übersee kaum Früchte tragen. Sie wendet sich einem jungen Mann zu, der nach London zurückzukehren gedenkt, und begleitet ihn an Bord. Noch während das Schiff vor Gravesend ankert, stiehlt sie an Habseligkeiten zusammen, was greifbar ist, gibt vor, von Unwohlsein befallen zu sein, und bittet darum, an Land gesetzt zu werden. Kaum hat sie festen Boden unter den Füßen, flieht sie eilends. Die Chronik schweigt über das Schicksal des jungen Mannes; sie zeigt eine Verbindung, die allein dem Diebstahl und dem Entkommen diente.
Mary zieht fortan durchs Land und nimmt ihr altes Handwerk wieder auf. Als sie nach London zurückkehrt, sind ihre früheren Spießgesellen längst verschwunden. Sie treibt sich an der Royal Exchange herum, vor Theatersälen, auf der London Bridge und an anderen belebten Orten. Auf der Brücke wird sie beim Bestehlen eines Mannes auf frischer Tat ertappt; dem Richter nennt sie sich Jane Webb. Der Belastungszeuge berichtet überdies, man habe ihm fünfzig Pfund geboten, damit er nicht vor Gericht erscheine. Eine Zeugin versichert, Mary habe an einem einzigen Tag über zwanzig Personen bestohlen. Da das Register ihrer früheren Verurteilung dem Gericht jedoch nicht vorliegt, wird sie lediglich wegen des aktuellen Falls – dessen Streitwert unter einem Schilling liegt – abermals zur Deportation verurteilt.
Aus dieser Verbannung kehrt Mary in weniger als einem Jahr zurück. Borrows Bericht verliert kein Wort darüber, auf welchem Wege ihr dies gelang; er findet sie in London wieder, erneut umtriebig an den belebtesten Straßenecken. In der Sherborne Lane balanciert eine Dame über Bretter, die über das Rinnsel gelegt sind. Ein Mann ergreift ihre Hand, vorgeblich um ihr hinüberzuhelfen, und drückt ihre Finger mit Nachdruck. Während dieser Ablenkung stiehlt Mary ihr dreizehn Schillinge und einen Penny. Doch diesmal schöpft das Opfer sogleich Verdacht, packt die Diebin am Saum ihres Kleides und schleppt sie zur Wache.
Am folgenden Tag überstellt der Lord Mayor sie nach Newgate, auf dass ihr am Old Bailey der Prozess gemacht werde. Die Geschworenen sprechen sie des heimlichen Diebstahls für schuldig. Das Urteil lautet auf Tod durch den Strang. Borrow berichtet, dass sie am Morgen der Hinrichtung gefasst wirkt, jedoch die Besinnung verliert, als der Henker herantritt, um ihr die Schlinge umzulegen. Mühsam gewinnt sie ihre Fassung zurück und fährt in einer Trauerkutsche, begleitet von einem Geistlichen, nach Tyburn hinaus. Nach langem Gebet wird sie am 18. März 1741 gehängt (Borrows Bericht druckt das Jahr 1740 ab). Auf ihr letztes Geheiß hin, so die Chronik, werden ihre sterblichen Überreste in St Pancras beigesetzt.
Die künstlichen Arme hatten einst das Bild einer regungslosen Dame vorgespiegelt, während die wahren Hände ihr Werk taten. Falsche Namen hatten Jenny vor ihren alten Urteilen geschützt. In der Sherborne Lane bedurfte es indessen weder der Wiedererkennung ihres Antlitzes noch der Aufdeckung ihrer weiten Reisen: Eine Bestohlene bemerkte den Griff und hielt die Diebin am Kleide fest. Nach goldenen Uhren, einem Diamantring und wagenladungenweise Frachtgut über den Atlantik schloss sich die Gerichtsakte über dem Wert von dreizehn Schillingen und einem Penny.
