Ein Wechsel über einhundertzwanzig Francs
Dem Direktor des Diskontkontors von Pontoise lag lediglich ein Wechsel über einhundertzwanzig Francs vor. Am 29. November 1851 reichte ein gewisser Duchemin das Papier zur Diskontierung ein; als Aussteller zeichnete der Bauunternehmer Fontenay-Godet, als Begünstigter der Steinhauer Édouard Lullier. Irgendein Detail weckte das Misstrauen des Bankiers. Er ließ die Unterschrift jenem Manne vorlegen, dessen Namen sie trug. Fontenay-Godet hatte das Dokument nie unterzeichnet.
Die Angelegenheit hätte im gewöhnlichen Rahmen eines Fälschungsverfahrens verbleiben können: Ein Handwerker hatte sich unbefugt den Kredit seines Meisters angeeignet; ein Dritter hatte den Schein entgegengenommen; eine schlichte Prüfung unterbrach seinen Umlauf. Doch schon zuvor hatte ein anderer Wechsel, ausgestellt auf den Namen Mayant Vater, ähnliche Bedenken hervorgerufen. Kurz vor dem Verfalltag hatte ein Bekannter Lulliers angeboten, das Papier zurückzukaufen und den Betrag zu begleichen. Das Kontor behielt das Dokument jedoch ein. Auch der herbeigerufene Mayant bestritt seine Unterschrift entschieden.
Zwei Dementis wiesen in dieselbe Richtung. Bald kamen weitere Wechsel ans Licht, verteilt unter Kaufleuten und Gewerbetreibenden. Die Summen waren bescheiden gewählt: Sie erregten weitaus weniger Argwohn, als es eine beträchtliche Verschreibung getan hätte. Lullier hatte einen Weg gefunden, das Vertrauen seiner Mitmenschen in kleinen Tranchen abzuschöpfen.
Bei der Hausdurchsuchung fanden die Beamten drei vorbereitete Wechsel, noch unbeschriebenes Stempelpapier und Schreibübungen zur Nachahmung fremder Schriftzüge. Vor dem Untersuchungsrichter gestand Lullier die Fälschungen sogleich ein. Doch zwischen den stockenden Worten, die der Richter beharrlich zu erhellen suchte, trat ein ungleich finstereres Verbrechen zutage: Er hatte seine Frau getötet. Ihre Leiche liege in einem Fass, verborgen in einem Keller, dessen Lage er genau bezeichnen könne.
Hortense wollte fort
Hortense Lefèvre hatte Lullier drei Jahre zuvor geheiratet. Nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes war sie mit Einwilligung ihres Gatten nach Paris gezogen, um dort als Amme zu arbeiten. Ein jüngst verwitweter Mann suchte eine Pflegerin für seinen Säugling; sie verdingte sich bei ihm für vierzig Francs im Monat. Es war eine ehrliche Arbeit, ein eigener Lohn, ein Aufenthalt unter fest vereinbarten Bedingungen.
Lullier besuchte sie dort. Schon bald keimte in ihm ein grundloser Verdacht gegen den Dienstherrn auf, und er verlangte ihre vorzeitige Rückkehr nach Pontoise. Die Gerichtsakten vermerken seine Eifersucht; einen Beweis für ein verbotenes Verhältnis erbringen sie nicht. In der Darstellung, die der Angeklagte später vor den Richtern ablegen sollte, diente dieser Verdacht als Rechtfertigung seines Handelns. Hortense selbst konnte ihre Stimme nicht mehr erheben.
Am Morgen des 5. November 1850, so schilderte er es, habe sie ihre Kiste gepackt, um nach Paris zurückzukehren. Er trat ihr in den Weg und bedrohte sie. Da sie jedoch auf ihrem Entschluss beharrt habe, habe er sie an der Kehle gepackt und erwürgt. Diese Schilderung ließ die Tat als unmittelbare Entladung eines Streits erscheinen. Ein anderes Geständnis sollte ihn freilich weit schwerer belasten: Er räumte ein, bereits seit Monaten mit dem Gedanken an die Ermordung seiner Frau umgegangen zu sein.
Hortenses Wunsch nach einem eigenen Leben steht somit im Mittelpunkt des Falls – überliefert jedoch einzig durch den Mann, der ihren Aufbruch gewaltsam verhinderte. In den Akten blieben von ihr nur die gepackte Kiste, die Pariser Anstellung und der jäh abgebrochene Vertrag. All dies zeugte von einem Dasein, das sich andernorts entfalten wollte. Lullier beendete es in ihrer gemeinsamen Kammer.
Das Fass überquert den Platz
Zwei Tage lang behielt er den Leichnam im Haus. Dann beschaffte er sich ein leeres Fass, schlug einen Boden heraus und zwängte die zuvor entkleidete Hortense hinein. Nachdem er das Gebinde wieder verschlossen hatte, schaffte er es auf einem Handkarren zu einem Kellergewölbe, in dem er gewöhnlich sein Werkzeug verwahrte.
Sein Weg führte ihn am Steuerposten vorbei und über einen belebten, von Läden und Bürgerhäusern gesäumten Platz. Niemand hielt es für nötig, das Fass zu öffnen. Was ein Handwerker am helllichten Tage beförderte, mochte zwar Blicke anziehen, weckte aber keine Fragen. Ein alltägliches Behältnis und die vertraute Haltung der Arbeit genügten vollauf, um den Mord unbehelligt vorüberzuziehen zu lassen.
Daraufhin streute Lullier die Erklärung, die er benötigte: Seine Frau sei nach Paris zurückgekehrt und wolle nicht mehr zu ihm. Da sie bereits dort gelebt hatte, besaß diese Behauptung eine bestechende Plausibilität. Für ihren Fortgang gab es einen Präzedenzfall; ihr anhaltendes Schweigen ließ sich zwanglos durch den Bruch erklären. Über ein ganzes Jahr hinweg trat keine Nachforschung dem Wort des Ehemanns entgegen.
Die Leiche jedoch ruhte in einer abgeschlossenen Gruft innerhalb des Kellers, neben einem weiteren Holzfass. Lullier hatte den Zugang mit einem Vorhängeschloss gesichert. Von jenem Augenblick an barg jede Veränderung des Gebäudes eine tödliche Gefahr. Er musste nicht bloß eine vergangene Tat verheimlichen – er war gezwungen, das Gewölbe in exakt jenem Zustand zu bewahren, der sein Geheimnis deckte.
Gefangener seines Kellers
Als der Eigentümer den Schlüssel zurückforderte, erfand Lullier allerlei Vorwände, um ihn nicht aushändigen zu müssen. Ein Schlosser brach schließlich den Hauptkeller auf; Maurerarbeiten wurden anberaumt. Lullier weigerte sich standhaft, das hintere Gewölbe freizugeben, bot an, den Pachtzins dafür zu entrichten, und mietete eigens eine kleine Kammer darüber. Er gab vor, den Schlüssel verloren zu haben, besserte jedoch heimlich von innen die Bretterwand aus, die beide Räume trennte.
An Markttagen tummelten sich Händler im Hof und im Keller. Lullier wich nicht von der Stelle. Das alltäglichste Kommen und Gehen geriet ihm zur quälenden Bewachung: Jederzeit konnte ein Fremder herantreten, ein Hausherr Nachschau halten, ein Handwerker den nötigen Raum für sein Tagwerk beanspruchen. Auf jede rechtmäßige Nutzung des Hauses antwortete der Mörder mit neuer, verbissener Vorsicht.
Er unternahm den Versuch, den Leichnam im Boden zu verscharren, ließ jedoch aus Furcht vor dem Lärm davon ab. Schließlich fielen ihm die ausgetretenen Stufen der Kellertreppe ins Auge. Er bot an, sie unentgeltlich umzudrehen – in der Absicht, wie die Anklage später festhielt, die Bauarbeiten für eine heimliche Verlegung seines Verstecks zu nutzen. Der Mann, der seine eigene Arbeit längst vernachlässigte, trug nun unbezahlte Dienste an. Die scheinbare Gefälligkeit hatte ein finsteres Fundament.
Unterdessen mehrten sich durch seinen Lebenswandel und die falschen Wechsel die Gläubiger, denen er Rede und Antwort stehen musste. Die Gerichtsberichte zeichnen das Bild eines Mannes, der die Schenken frequentierte, die Werkplätze mied und sein kleines Kind misshandelte, bis die Großmutter mütterlicherseits es zu sich nahm. Der Keller blieb verschlossen; doch das übrige Leben des Steinhauers bot unaufhörlich Anlass zu Klagen, Schulden und polizeilicher Aufmerksamkeit.
Was der Strick enthüllt
Seinen Weisungen folgend wurde das Fass aus dem Gewölbe geborgen und in das Hospiz überführt. Zwei Wundärzte öffneten es in seiner Gegenwart. Lullier erkannte die Gebeine von Hortense an. Der Befund bestätigte den Tod durch Erdrosseln, brachte jedoch einen Umstand ans Licht, den der Mörder verschwiegen hatte: Ein dünner Strick war dreifach eng um den Hals gelegt.
Zur Rede gestellt über diese Auslassung, behauptete er, seine Frau zunächst mit bloßen Händen gewürgt zu haben; den Strick habe er erst angelegt, um sicherzugehen, dass sie nicht wieder zum Leben erwache. Die Ärzte vermochten die genaue Reihenfolge der Gewaltakte nicht zweifelsfrei zu bestimmen. Ihr Gutachten klärte mithin nicht die gesamte Chronologie; es zwang den Angeschuldigten jedoch, ein Bekenntnis nachzubessern, das er zuvor als vollständig ausgegeben hatte.
Vor dem Assisengericht des Départements Seine-et-Oise wiederholte Lullier am 26. Mai 1852 sein Geständnis und berief sich aufs Neue auf seine Eifersucht. Die Geschworenen sprachen ihn schuldig; das Gericht verhängte die Todesstrafe. Der Mann, dessen gefälschter Namenszug die Ermittlungen ausgelöst hatte, stand nunmehr am Richtplatz für ein Verschwinden, von dem kein Schuldschein je gekündet hatte.
Die Rückkehr nach Pontoise
In der Nacht vom 13. auf den 14. Juli wurde ihm eröffnet, dass seine Hinrichtung unmittelbar bevorstehe. Begleitet von einem Geistlichen verließ er Versailles im Gefangenenwagen. In Saint-Germain hielt der Zug an; man reichte ihm Wein. Daraufhin ging die Fahrt durch das Waldgebiet weiter nach Pontoise, wo der Tross noch vor Tagesanbruch eintraf.
Die Zeitungen hoben seine Gebete und seine gefasste Haltung hervor. Solche Berichte gehörten zum festen Kanon der Schilderungen jener letzten Stunden; was Hortense in den ihrigen erlitten hatte, blieb darin ungesagt. Nach einem kurzen Verweilen im Gefängnis führte ihn ein Karren auf den Place Notre-Dame. Dort fiel am 14. Juli 1852 das Beil.
Einst hatte er die Straßen von Pontoise mit einem Fass durchquert, in das niemand hineinzusehen begehrte. Diesmal wussten die Behörden genau, welche Fracht der Wagen barg und wo die Reise enden würde. Zwischen jenen beiden Fahrten lagen die Wachsamkeit eines Bankiers, ein Verhör und ein endlich erbrochenes Gewölbe. Der Mord hatte ein volles Jahr im Verborgenen geruht; der Mann, der sein Schweigen brach, wollte ursprünglich nichts weiter als eine Unterschrift prüfen.
