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Justiz & Skandale · England

Claxtons Wiederkehr

London und der Atlantik in den 1720er-Jahren. John Claxton, Seemann aus Sunderland, verlässt Yarmouth nach seiner Heirat und schließt sich Dieben an. Ein unter Beihilfe der Magd eines Holzhändlers verübter Silberdiebstahl geht drei Verurteilungen und zwei verbotenen Rückkehren aus der Deportation voraus. Das Fürwort jenes Kapitäns, der ihm einst die Freiheit schenkte, bewahrt ihn zunächst vor dem Galgen; erst das letzte Urteil führt ihn im Alter von etwa achtundzwanzig Jahren zum Richtplatz.

In Livorno eilte Jack Claxton ohne seine Last dem Hafen zu. Augenblicke zuvor hatte er noch die Kostbarkeiten getragen, welche die Gattin eines italienischen Kapitäns zusammengepackt hatte, um mit dem Obersteuermann jenes Schiffes zu fliehen, auf dem der junge Seemann Dienst tat. Der Bruder des Kapitäns hatte die Frau soeben festgesetzt. Claxton ließ das Diebesgut fallen und ergriff die Flucht; an Bord gelangt, schlug er beim Schiffer Alarm, der sogleich die Anker lichten ließ. Diese erste Begebenheit geht jenen Verfehlungen voraus, die ihn später wiederholt in das Gefängnis von Newgate bringen sollten.

Sein Vater war Seemann in Sunderland, ein Mann von bescheidenen Mitteln, dem es nicht vergönnt war, seinem Sohn eine gründliche Bildung zuteilwerden zu lassen. Die Chronik vermerkt, dass der Knabe für Schulbücher wenig Sinn hatte und vielmehr von fernen Ländern und Seereisen träumte. So ging er denn zur See, ehe er viel gelernt hatte. Seine erste Fahrt führte ihn durch die Straße von Gibraltar nach Livorno. Dort begleitete er den Steuermann an Land. Dieser hatte ein Verhältnis mit einer Irin angeknüpft, der Ehefrau eines italienischen Kapitäns, der damals in Sizilien weilte; die Frau erbot sich, den Schmuck und die sonstigen Güter ihres Mannes – im Wert von mehreren tausend Kronen – an sich zu bringen und mit ihrem Geliebten aus Italien zu entfliehen.

Drei Tage lang gab sich der Steuermann als deren Vetter aus und ging im Hause ein und aus. Aufmerksame Nachbarn schöpften Verdacht und benachrichtigten Stefano di Calvo, den Bruder des abwesenden Kapitäns. Dieser eilte unverzüglich nach Livorno. Im Hause fand er die Wertsachen bereits verschnürt vor; die Frau hatte sie Claxton aufgebürdet, der sich anschickte, ihr zum Schiff zu folgen. Stefano drängte sie in ein Gemach, schloss sie dort ein und verrammelte die Außentüren. Da der junge Seemann das Scheitern des Unternehmens vor Augen sah, warf er die Fracht von sich. Er lief zum Hafen und meldete dem Schiffer, was vorgefallen war. Das Schiff stach sogleich in See, da der Kapitän gerichtliche Nachspiele und Nachteile für die Reeder fürchtete.

Der Chronist bemerkt ausdrücklich, dass sich Claxton bis dahin im Lichte des Gesetzes keines eigentlichen Verbrechens schuldig gemacht hatte. Gleichwohl, so heißt es, sei er auf seinen Fahrten schon damals zu mancherlei bösen Streichen geneigt gewesen. Nach England zurückgekehrt, lief das Schiff Yarmouth an. Dort vermählte sich Claxton mit einer jungen Frau, die über einiges Vermögen verfügte. Er brachte den größten Teil dieser Mitgift an sich und reiste nach London ab, vorgeblich, um ein neues Schiff zu suchen. Der Bericht nennt weder den Namen der Gattin noch die Einzelheiten ihrer Abreden. Es wird lediglich überliefert, dass er sie bald im Stich ließ und die seemännische Absicht, die ihn fortgetrieben hatte, gänzlich vergaß.

In London schloss sich Claxton einer Diebesbande an, verführt, wie die Quelle beteuert, durch Frauenspersonen und deren Helfershelfer. Der erste Diebstahl, von dem eingehend berichtet wird, galt dem Hause eines Holzhändlers, in dem die Spitzbuben eine beträchtliche Menge Silbergerät zu erbeuten hofften. Ein Hindernis schützte das Anwesen: Die Magd pflegte jeden Abend, nachdem sie das Hoftor verschlossen hatte, die Schlüssel ihrem Herrn zu überbringen. Es galt also zu verhindern, dass das Tor verriegelt wurde, oder einen anderen Zugang zu erzwingen.

Die Spießgesellen auserkoren Claxton, sich an die Magd heranzumachen. Die Chronik schildert ihn als einen jungen Mann von kleiner Gestalt und gefälligem Äußeren. Man stattete ihn mit feinen Kleidern aus und fädelte in einer nahen Kerzenhandlung eine Bekanntschaft mit besagter Jungfer Anne ein. Claxton nahm in dem Viertel Quartier. Binnen etwa zwei Wochen brachte er sie dahin, sich um Mitternacht mit ihm zu treffen. Sie sollte, nachdem sie dem Herrn den Schlüssel ausgehändigt hatte, das große Hoftor lediglich in die Falle fallen lassen, sodass es nur von einem Riegel gehalten wurde. Während sie mit Claxton beim Punsch saß, drangen die übrigen Männer ein.

Sie entwendeten Silberwaren im Wert von achtzig Pfund und hinterließen die Räumlichkeiten in tadelloser Ordnung. Die Magd, die dem Trunke ebenfalls zugesprochen hatte, bemerkte den Diebstahl in jener Nacht nicht. Als der Verlust am Morgen offenbar wurde, lief sie Bestürzung voll zu ihrem Liebhaber; doch Claxtons Kammer war bereits geräumt. Er war noch vor dem Erwachen des Hausherrn und seiner Frau mit den Kumpanen und der Beute entflohen. Jungfer Anne verschwieg ihren Anteil an der Tat wohlweislich, wohl wissend, welche Strafe ihr drohte, erführe die Herrschaft, dass sie das Tor unverschlossen gelassen hatte. Sie sollte von Claxton nichts mehr vernehmen bis zu dessen Festnahme und Einlieferung nach Newgate wegen eines anderen Vergehens. Dieser Silbereinbruch, von der Chronik ausführlich dargelegt, ist von jenem späteren Fall zu unterscheiden, der Claxton die erste Verurteilung und die Verbannung nach Übersee eintrug.

Zusammen mit anderen Verurteilten eingeschifft, erwirkte er bald die Erlaubnis des Kapitäns, sich an Deck aufzuhalten. Seine Körperkraft und seemännische Erfahrung trugen ihm, so der Bericht, eine Behandlung ein, die jener der gewöhnlichen Schiffsleute glich. Wegen widrigen Wetters musste das Fahrzeug bei den Kanarischen Inseln beidrehen. Dort entspann sich ein Streit zwischen Claxtons Kapitän und dem Schiffer eines Schiffes aus Jamaika, das auf der Heimreise nach England begriffen war. Beide fochten ein Duell mit Degen und Pistolen aus. Der Kapitän des Transportschiffes hatte Claxton an seiner Seite; das wackere Verhalten des jungen Mannes während des Gefechts bewog jenen zu dem Versprechen, ihn bei der Ankunft in Amerika auf freien Fuß zu setzen. Der Schiffer hielt Wort.

Daraufhin setzte Claxton alles daran, nach England zurückzukehren, und langte sechs Wochen vor seinem einstigen Befreier in London an. Er fand seine früheren Kumpane wieder, wurde jedoch verhaftet, ehe er – folgt man dem Text – neue Untaten mit ihnen ins Werk setzen konnte. Bei den nächsten Gerichtssitzungen wurde er wegen unerlaubter Rückkehr aus der Deportation angeklagt und verurteilt. Der Kapitän, der mittlerweile ebenfalls heimgekehrt war, erfuhr von seinem Schicksal und verwandte sich für ihn. Die Todesstrafe wurde daraufhin in eine zweite Überführung nach Übersee umgewandelt.

In Neuengland verschaffte der Kapitän Claxton einen leichten Dienst bei einem Pflanzer. Doch kaum wandte der Dienstherr ihm den Rücken zu, entwich Claxton aufs Neue. Neun Monate später befand er sich wieder in London. Die Chronik lässt offen, ob er gedachte, sein altes Gewerbe wiederaufzunehmen; sie vermerkt nur, dass er wenige Wochen in England weilte, ehe ihn ein Häscher, der auf entwichene Sträflinge angesetzt war, in seinem einstigen Schlupfwinkel nahe Newgate aufgriff. Er wurde vor Gericht gestellt und ein drittes Mal schuldig gesprochen. Das Wesen dieser letzten Anklage wird im Text nicht näher erhellt; die überlieferte Verurteilung stützt sich allein auf seine verbotene Rückkehr.

Nach diesem dritten Spruch gab Claxton jede Hoffnung auf Begnadigung auf. Seit seiner Hochzeit in Yarmouth hatte er nie mehr nach seiner Ehefrau gefragt. Die Chronik erklärt diesen Umstand damit, dass er Schande von ihr und ihrer Familie fernhalten wollte, indem er sein Unglück in ihrer Heimatstadt nicht ruchbar werden ließ. Es ist weder überliefert, dass er ihr je geschrieben hätte, noch dass sie vor seinem Tode von seinem Ende erfuhr.

Im Kerker lauschte er den Andachten des Thomas Smith, der den Gefangenen aus Erbauungsschriften vorlas. Der Chronist versichert, Claxton habe daraus eine hinlängliche Einsicht in Reue und christlichen Glauben geschöpft. Auf dem Richtplatz zeigte er nach demselben Zeugnis keine ungewöhnliche Furcht. Er stimmte in die Gebete des Gefängniskaplans ein, hielt einen Augenblick stiller Einkehr und starb sodann, etwa achtundzwanzig Jahre alt, gemeinsam mit den bereits erwähnten Missetätern Smith und Reynolds.

Claxtons Lebenslauf schildert keinen stetigen Aufstieg im Verbrechen. Er führt von der Seefahrt zu einem vereitelten Fluchtplan, von einer Heirat in Yarmouth zu einem Einbruch, der durch die Schwäche einer Magd ermöglicht wurde, und schließlich von der Verbannung zu zwei heimlichen Rückkehren. Die Gunst eines Kapitäns erwirkte ihm die erste Begnadigung; eine Stellung in Neuengland vermochte ihn ebenso wenig zu binden. Was der Chronist am Ende als christliche Bekehrung preist, gehört den letzten Tagen im Kerker an, nach drei Schuldsprüchen. Dazwischen bleibt sein Weg der eines Mannes, den keine noch so weite Ferne dauerhaft von London noch von jenen Kumpanen zu trennen vermochte, zu denen er immer wieder zurückkehrte.

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Vollständige Lektüre der Quellennotiz newgate-102. Der Text unterscheidet ausdrücklich die früheren Begebenheiten (das Livorno-Abenteuer, den Silberdiebstahl und die erste Transportation) von dem späteren Sachverhalt, der die Verurteilungen wegen verbotener Rückkehr nach sich zog; die genaue Beschaffenheit des ersten strafbaren Delikts sowie des letzten Vergehens bleibt unbenannt. Die Magd Anne begünstigte den Zutritt, ein Prozess oder ein Urteil gegen sie wird jedoch nicht erwähnt. Das Richtjahr 1726 stützt sich auf den Verweis am Schluss auf die Verbrecher Smith und Reynolds, deren Einträge (100 und 101) jeweils 1726 ausweisen; da diese bezüglich des Hinrichtungstages voneinander abweichen (3. bzw. 23. August), wird hier kein bestimmter Tag genannt. Der englische Bericht ist von moralisierender Haltung geprägt; die Urteile über Frömmigkeit und Charakter sind der zeitgenössischen Quelle geschuldet.

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