Am 22. Juli 1910 wurde von Bord der Montrose ein Funkspruch abgesetzt. Der Kapitän glaubte, zwei Passagiere wiedererkannt zu haben, deren Bildnisse durch die Gazetten gingen. In London indessen schienen die Nachforschungen über das Verschwinden von Cora Crippen bereits nahezu abgeschlossen: Ihr Ehemann hatte sich den Kriminalbeamten kooperativ gezeigt, und diese hatten das Anwesen durchsucht, ohne auf eine entscheidende Spur zu stoßen. Acht Tage später sollte der vom Kapitän gemeldete Mann vor der Küste Kanadas festgenommen werden. Unterdessen hatten menschliche Gewebereste unter den Ziegeln eines Londoner Kellerbodens dem Fall eine gänzlich neue Gestalt verliehen.
Ihren Anfang hatte die Begebenheit am Hilldrop Crescent im Norden Londons genommen. Hawley Harvey Crippen, ein aus Michigan gebürtiger Amerikaner, hatte sich mit seiner Ehefrau in England niedergelassen. Cora war vordem unter dem Künstlernamen Belle Elmore aufgetreten; ihr Geburtsname lautete Kunigunde Mackamotzki, bisweilen firmierte sie auch als Cora Turner. Diese Namen sind keineswegs nebensächliche Details: Im Jahre 1910 verblasste ihre Person hinter einer Vielzahl einander widersprechender Darstellungen – zunächst jenen ihres Gatten, alsdann jenen der Tagespresse und der Ermittler.
Filson Young, der im Jahre 1920 den Bericht über das Gerichtsverfahren einleitete, schilderte ein von Zerrüttung geprägtes Eheleben sowie ein Verhältnis zwischen Crippen und dessen Sekretärin Ethel Le Neve. Er erörterte sodann mehrere denkbare Erklärungen für die Tat, ehe er seine eigene These verfocht. Hierbei handelt es sich um die Mutmaßungen eines nachträglichen Chronisten, nicht um die Feststellungen der Kriminalpolizei. Weder vermögen sie zu ergründen, was in Coras Geist vorging, noch das wahre Motiv des Angeklagten zu belegen. Die von ihm angeführten Zeugenaussagen und Begebenheiten sind sorgsam von seinem moralischen Porträt zu scheiden, das oft von Härte und den Vorurteilen seiner Epoche gezeichnet ist.
Am 31. Januar speisten die Martinettis bei den Crippens. Nach Youngs Schilderung wurde Cora nach diesem Abend nicht mehr lebend gesehen. Die Daten der Bestellung und der anschließenden Lieferung von Hyoscin, die das Werk in den Januar datiert, sollten der Anklagebehörde später ein wesentliches Gerüst für die Rekonstruktion des Tathergangs liefern. Zu diesem Zeitpunkt jedoch besaßen Coras Freunde weder einen Leichnam noch eine überprüfbare Erklärung. Im Februar ging ein Schreiben ein, worin sie ihren Austritt aus der Music Hall Ladies’ Guild ankündigte. Im März ließ Crippen verlauten, sie sei in Kalifornien verstorben; entsprechende Todesanzeigen wurden geschaltet. Als ihn später ein Polizeibeamter vernahm, räumte er ein, diese Geschichte erdichtet zu haben, und gab nunmehr vor, sie habe ihn verlassen. Seine aufeinanderfolgenden Erklärungen schlossen einander aus; keine vermochte die Kardinalfrage zu beantworten: Wo war Cora?
Die Vertrauten der Sängerin waren sich keineswegs einig über das weitere Vorgehen. Vielen, die von einer Abreise hörten, schien ihr Fortgang nicht gänzlich unwahrscheinlich; andere hingegen schöpften Verdacht, namentlich als Ethel Le Neve mit Schmuckstücken gesehen wurde, die einst Cora gehört hatten. Am 30. Juni wandte sich ein Freund an Scotland Yard. Die Inspektoren Walter Dew und Mitchell suchten Crippen am 8. Juli auf. Dieser legte ihnen eine ausführliche Erklärung dar, begleitete sie zum Hilldrop Crescent und ließ sie sämtliche Räumlichkeiten vom Dachboden bis zum Keller unbeeinträchtigt in Augenschein nehmen. Young berichtet, Dew habe später erklärt, an jenem Tage nicht das Geringste gefunden zu haben, was der Erzählung des Gatten widersprochen hätte. Die Untersuchung stand abermals am Anfang.
Man muss sich hüten, Cora lediglich durch das Prisma der Aussagen ihrer Umgebung zu betrachten. Young schildert sie vornehmlich als erfolglose Varietésängerin, doch räumt seine eigene Einleitung ein, dass sie in der Music Hall Ladies’ Guild, wo sie das Amt der Schatzmeisterin bekleidet hatte, eine geachtete Rolle spielte. Ihre Freunde waren mithin keine bloßen Statisten im Schatten der Ehe: Sie bildeten jenes Geflecht, das ihr Fehlen bemerkte und schließlich Alarm schlug. In Youngs Darstellung waren es vor allem Coras Vertraute, denen auffiel, dass Le Neve Teile ihres Geschmeides trug, und die die Behörden einschalteten. Diese Vermittlung rührt von dem späteren Autor her; weder die Schmuckstücke noch der Argwohn der Freunde vermögen für sich allein den unumstößlichen Beweis für Coras Schicksal zu erbringen.
Am darauffolgenden Tage verließen Crippen und Le Neve London. Als Dew am 11. Juli die Geschäftsräume Crippens abermals aufsuchte, erfuhr er von dessen Abreise. Von neuem Misstrauen erfasst, nahm er die Durchsuchung am Hilldrop Crescent wieder auf. Am 11. und 12. Juli blieben die Nachforschungen fruchtlos. Am 13. Juli prüfte er die Ziegel des Kellerbodens mit einem Schürhaken. Einer gab nach. Nur wenige Zentimeter unter dem Estrich stießen die Kriminalbeamten auf eine Masse menschlicher Gewebeteile. Kopf, Gliedmaßen und Knochen fehlten; auch die Organe, die Aufschluss über das Geschlecht hätten geben können, waren nicht vorhanden. Der Fund war eine materielle Tatsache, die Identität des Opfers indessen noch keineswegs erwiesen.
Die erste polizeiliche Vernehmung war keineswegs eine flüchtige Förmlichkeit gewesen. Young berichtet, Crippen habe seine Erklärung stückweise diktiert, die Niederschrift mitunter unterbrochen, um Patienten zu empfangen und einen Zahn zu ziehen, und schließlich mit Dew im Holborn Restaurant gespeist. Dieser Bericht, wie getreu er auch sein mag, entstammt dem Buch von 1920 und womöglich den Erinnerungen des Inspektors; er macht das gemeinsame Mahl weder zum Unschuldsbeweis noch die spätere Flucht zum Geständnis. Er bezeugt vor allem, dass die Ermittler den Schauplatz seinerzeit verließen, ohne den Grund des Kellers umgegraben zu haben. Die Wiederaufnahme der Grabungen am 13. Juli erwuchs nicht aus einer unmittelbaren Entdeckung, sondern aus dem Zweifel, den das plötzliche Verschwinden des Hauptbeteiligten neu entfacht hatte.
Die Gerichtsmedizin bemühte sich, diese Lücke zu schließen. Das Kapitel bei Young fasst die vor Gericht vorgelegten Gutachten zusammen: Fragmente eines Schlafanzugs dienten dazu, den Zeitpunkt des Vergrabens einzugrenzen; chemische Analysen wurden beigebracht, um das Vorhandensein von Hyoscin nachzuweisen; ein Mal auf einem Hautlappen wurde als alte Operationsnarbe gedeutet, die mit Coras Krankengeschichte übereinstimmte. Diese Befunde bildeten die Grundpfeiler einer bis heute umstrittenen Identifizierung. Youngs Werk ist indessen weder das originale Sektionsprotokoll noch das gerichtliche Verhandlungsdossier: Es stellt eine retrospektive Zusammenfassung dar, die von den eigentlichen gerichtlichen Erörterungen wohl zu unterscheiden ist.
Am 16. Juli wurde Haftbefehl gegen Crippen und Le Neve erlassen. Sie hatten bereits Belgien durchquert und Antwerpen erreicht. Am 20. Juli lichtete die Montrose mit dem Paar an Bord die Anker gen Kanada. Crippen reiste unter dem Namen Robinson, Le Neve wurde als dessen Sohn ausgegeben. Am 22. Juli glaubte Kapitän Kendall, die Flüchtigen anhand der von Polizei und Presse verbreiteten Personenbeschreibungen zu erkennen. Er sandte einen Funkspruch aus. Dieses Signal bewies ihre Identität keineswegs; doch verschaffte es den Behörden den nötigen Vorsprung, um die Verfolgung aufzunehmen.
Dew und Mitchell stachen am 23. Juli von Liverpool aus auf der Laurentic in See. Am 31. Juli erreichte Dew vor Father Point als Lotse verkleidet die Montrose. Er nahm Crippen und Le Neve fest. Was eine unbemerkte Überfahrt hätte werden sollen, endete als Aufbringung auf hoher See: Reisende, erkannt an bloßen Merkmalen, unter falschem Namen unterwegs, eingeholt von einer noch jungen Technik. Nach den Auslieferungsverfahren in Québec nach England zurückgebracht, wurden sie nicht allein wegen ihrer Flucht vor Gericht gestellt. Für die Anklage erhellte die Seereise das Verschwinden; der Schuldspruch freilich musste auf den vor den Schranken des Gerichts dargelegten Beweisen fußen.
Der Prozess gegen Crippen begann am 18. Oktober 1910 im Old Bailey. Youngs Bericht gibt die fünf Verhandlungstage wieder, doch die vorliegende Betrachtung schließt vor dem Wortlaut jenes Protokolls. Das Urteil freilich wird auch durch zeitgenössische Zeitungsberichte in digitalen Archiven bezeugt: Am 22. Oktober befanden die Geschworenen den Angeklagten für schuldig, und der Richter verkündete das Todesurteil. Crippen beteuerte seine Unschuld. Der Gerichtshof erkannte somit auf seine Schuld am Tode seiner Gattin; er löste damit jedoch keineswegs alle materiellen Rätsel um die unter dem Hause geborgenen Überreste. Le Neve, die separat angeklagt war, wurde freigesprochen. Crippen starb am 23. November im Pentonville-Gefängnis am Galgen.
Die Frage nach der Identität der Leichenteile war kein nachträglicher Einwand der Verteidigung. Nach Youngs Zusammenfassung und den damaligen Gerichtsberichten pochte die Verteidigung mit Nachdruck darauf, dass der Nachweis erbracht werden müsse, die Gewebeteile stammten tatsächlich von Cora. Die Anklage focht eine Indizienkette an: das Verschwinden, widersprüchliche Angaben, die Flucht, die verscharrten Fleischreste und jenes Hautmerkmal, das als Narbe gedeutet wurde. Den Geschworenen lag kein unversehrter Leichnam vor, den Angehörige hätten identifizieren können; sie hatten unvollständige Fragmente und die Deutungen der Sachverständigen zu würdigen. Das Urteil begründete Crippens strafrechtliche Schuld im Sinne des Gerichts, doch gestattet Youngs Text nicht, jedes Wortgefecht der Verhandlung ohne Einsicht in das vollständige Protokoll nachzuvollziehen.
Nahezu ein Jahrhundert lang schien die unter dem Mikroskop begutachtete Narbe jeden Zweifel an der Identität zu zerstreuen. Im Jahre 2007 gaben Forscher bekannt, die mitochondriale DNA eines im Royal London Hospital aufbewahrten histologischen Objektträgers mit jener mütterlicher Verwandter Coras verglichen zu haben. Die 2011 von David Foran und seinen Kollegen veröffentlichte Studie gelangte zu dem Schluss, das untersuchte Gewebe stamme nicht von Cora und weise vielmehr auf ein männliches Individuum hin. Dieser Befund ist das Resultat einer wissenschaftlichen Veröffentlichung, kein neues richterliches Erkenntnis. Er bezieht sich auf das Präparat, das einst zur Identifizierung beigetragen hatte; er benennt weder die Person, deren Überreste gefunden wurden, noch beweist er, wo Cora verblieben war, noch vermag er für sich allein das gesamte Beweisgebäude des Prozesses zu rekonstruieren.
Die Montrose hatte es den Ermittlern ermöglicht, Crippens habhaft zu werden; die Gewissheit der gerichtsmedizinischen Identifizierung hingegen hat die Zeiten nicht mit gleicher Beständigkeit überdauert. Im Jahre 1910 verurteilten die Geschworenen einen Mann aufgrund eines Indizienbündels, in dem jenes Hautmal die Schlüsselrolle spielte. Später erschütterte eine Untersuchung die Verbindung zwischen diesem Präparat und Cora, ohne das Geheimnis ihres Verbleibs zu lüften. Das Richturteil und das Ungewisse stehen unverändert nebeneinander: Crippen wurde schuldig gesprochen und hingerichtet, während die Identität der Fundstücke und das Schicksal Coras getrennte Rätsel bleiben.
