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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Das weiße Papier des Temple

London, 1727. Widdington Darby wird in seinen Gemächern im Temple ermordet und seiner Habe beraubt. Henry Fisher, den er einst unterstützt hatte, gerät in Verdacht, nachdem er plötzlich zu Geld und kostbaren Effekten gelangt ist. Gegenstände, Zeugenaussagen und Pistolenkugeln belasten Fisher schwer; er bestreitet die Tat, behauptet, ein Paket gefunden zu haben, und bricht vor jedem überlieferten Prozess mit Roger Johnson aus Newgate aus.

Am Dienstag, dem 11. April 1727, fand man Widdington Darby um neun Uhr morgens tot in den Gemächern auf, die er im Temple bewohnte. Diese Affäre eröffnete sich mit einer Leere: jener des Dieners, der am Vorabend nach Hause zurückgekehrt war, und alsbald jener eines Mannes, den die ersten Nachforschungen noch nicht zu benennen vermochten.

Darby war jung und trat, wie die erhaltene Chronik berichtet, mit einigem Glanz in der Welt auf. Er trug mit Vorliebe Ringe, eine reich verzierte Schnupftabaksdose und eine bemerkenswerte goldene Taschenuhr. Diese Gegenstände, die durch ihren Schimmer ins Auge fielen, erregten womöglich die Begierde einer Person aus seinem Bekanntenkreis; die Chronik führt diese Möglichkeit an, ohne sie freilich beweisen zu können. Die Räumlichkeiten gehörten zum Kanzleibüro des Sir George Cook. Da Darbys Diener andernorts logierte und ihn allabendlich verließ, blieb das Zimmer nach dem Aufbruch der Besucher unbeaufsichtigt zurück.

Am Vorabend, oder vielmehr in jener Nacht, die dem Fund vorausging, hatte Darby eine zahlreiche Gesellschaft bewirtet. Die Gäste speisten spät und verabschiedeten sich erst gegen elf Uhr; hierauf ging auch der Diener fort. Am folgenden Morgen fand man den Hausherrn in seiner Schreibstube, getroffen von einer Pistolenkugel in den Kopf. Sein Ohr und seine Hand wiesen Schnittwunden auf. Die Ringe, die Uhr und andere Kostbarkeiten waren verschwunden; die Schatulle war erbrochen worden, und das darin verwahrte Geld sowie die Wäsche hatte man entwendet. Gewalttat und Diebstahl traten gemeinsam zutage, doch die Umstände ließen vorerst nicht erkennen, welches Verbrechen den Anstoß zum anderen gegeben hatte.

Am folgenden Tag berief der Coroner die Geschworenen an den Tatort ein. Da keinerlei Indizien auf den Urheber der Tat hinwiesen, vertagte er die Untersuchung ohne Nennung eines neuen Termins und ordnete die Beisetzung des Leichnams in einer Gruft der St.-Andrew-Kirche zu Holborn an. Es verging einige Zeit, bis ein Hinweis den Verdacht in eine bestimmte Richtung lenkte. Diese Verzögerung ließ weder das Diebesgut noch die Schulden derjenigen verschwinden, die mit Darby vertraut gewesen waren; es bedurfte lediglich eines Anstoßes, um die bis dahin getrennten Fäden zusammenzuführen.

Ein Herr Moody, der der Geschworenenbank des Coroners angehört hatte, erfuhr, dass ein gewisser Henry Fisher, der sich bislang in höchst bedrängten Verhältnissen befunden hatte, plötzlich reichlich mit Geld versehen war. Darby hatte ihn gekannt und ihm wiederholt aus der Not geholfen. Seit der Mordtat hatte Fisher drängende Schulden beglichen und zeigte kostbare Habseligkeiten vor, die man zuvor nie an ihm gesehen hatte. Dieser Wandel bewies für sich genommen noch nichts; er verdiente es jedoch, mit dem im Temple begangenen Raub in Verbindung gebracht zu werden. Moody sprach darüber mit Herrn York, der sich mit großem Eifer der Suche nach dem Mörder widmete. Beide kamen überein, sich an Willoughby zu wenden, Fishers Vermieter – einen als rechtschaffen bekannten Mann, der weit eher in der Lage war, die im Zimmer des Mieters verbliebenen Gegenstände in Augenschein zu nehmen.

Sie trafen ihn in einer Schenke in der Southampton Street an und setzten ihn über den Verdacht in Kenntnis, der auf seinem Kostgänger lastete. Nach seiner Rückkehr nutzte Willoughby die Abwesenheit Fishers, um eine Kiste zu öffnen. Darin entdeckte er das Oberteil und den Boden einer Tabatiere, eine Gesichtsmaske und ein Paar spitzenbesetzte Manschetten. York erkannte die Bruchstücke der Tabakdose sogleich als Eigentum Darbys wieder; überdies argwöhnte er, dass die Manschetten dem Toten gehört hatten. Dieser Fund entschied die Frage des Mordes noch keineswegs, doch er brachte das Raubgut in die Hände eines Mannes, auf den die finanziellen Umstände ohnehin bereits hindeuteten.

Nunmehr bedurfte es der richterlichen Gewalt. Die drei Männer begaben sich zu Sir William Thompson, um einen Haftbefehl zu erwirken. Unter Eid bezeugten sie die Tatsachen, die ihren Fund begleitet hatten. Eine Frau fügte dem eine bemerkenswerte Aussage hinzu: Noch ehe sie die Manschette gesehen hatte, wies sie ein Spitzenfragment vor und erklärte, falls die Wäsche tatsächlich Darby gehört habe, müssten die beiden Stücke nahtlos aneinanderpassen. Der Vergleich bestätigte diese Übereinstimmung vollkommen. Willoughby beschwor ferner, Fisher habe sich am Tag des Mordes bei ihm eine halbe Krone geliehen, um seine Wäscherin zu entlohnen, so mittellos sei er zu jenem Zeitpunkt gewesen. Nach Anhörung dieser Darlegungen stellte Thompson den Haftbefehl aus.

Eine Zeugin gab an, in der Mordnacht in der Nähe von Darbys Gemächern eine Gestalt erblickt zu haben, die Fisher täuschend ähnlich sah. Ein weiterer Zeuge bekräftigte unter Eid, Fisher sei an jenem Dienstag, an dem Darby tot aufgefunden wurde, erst gegen zwei Uhr morgens in seine Unterkunft zurückgekehrt. Gegen acht Uhr unterrichtete ihn ein Bote vom Tod des Juristen; die Chronik vermerkt, dass er kaum eine Regung zeigte und sich mehrere Stunden lang einschloss. Dieses Gebaren wurde den verdächtigen Umständen zugerechnet, wiewohl die bloße Haltung eines Menschen für sich allein kein Verbrechen beweisen kann. Die Ermittler verfügten nun jedoch über Gegenstände, Uhrzeiten und Zeugenaussagen, die sie der Prüfung des Magistrats vorlegen konnten.

Bei seiner Rückkehr gegen zwei Uhr morgens wurde Fisher von Willoughby, York und Moody im Beisein eines Constables festgenommen. Am Sonntagmittag wurde er Sir William Thompson zum Verhör vorgeführt. Er sagte aus, er habe gegen Ende jener Mordwoche, als er gegen vier Uhr nachmittags Lincoln’s Inn Fields durchquerte, am Fuße der Gartenmauer von Lincoln’s Inn ein in weißes Papier gewickeltes Paket aufgelesen. Dieses habe, so beteuerte er, mehrere kostbare Gegenstände aus dem Besitz des Verstorbenen enthalten. Er räumte ein, Diamanten für zehn Guineen an einen Juwelier in der Paternoster Row veräußert, die Uhr für neun Guineen bei einem Kupferschmied in der Bond Street versetzt und die Kette sammt den Gehängeknöpfen an eine Person in der Lombard Street verkauft zu haben.

Jede Kenntnis von dem Mord bestritt er entschieden und behauptete, zur Tatzeit in der Duke Street nahe St. James Billard gespielt zu haben. Bei seiner Verhaftung fand man zwei Ringe Darbys an seiner Person; die Steine waren herausgebrochen und die Reife in Papier geschlagen worden. Ebenso trug er ein Petschaft bei sich, dessen Wappen abgefeilt worden war. Diese Funde wurden den Beweisstücken beigefügt, und Fisher wurde in das Gefängnis von Newgate überstellt. Seine Darstellung von dem in den Gartenanlagen gefundenen Paket stand in unauflösbarem Widerspruch zu den Indizien, die man in seiner Kammer und an seinem Leibe gesichert hatte.

Die Untersuchung beschränkte sich indes nicht auf die sichergestellten Effekten. Bald darauf erließ der Coroner eine Anordnung; ein Beschluss des Unterhauses gestattete die Exhumierung des Leichnams. Im Beisein mehrerer Zeugen öffnete ein namhafter Wundarzt die Schädeldecke. Er stellte eine klaffende, zerrissene Wunde nahe dem linken Ohr fest und bemerkte, dass das dortige Schläfenbein gänzlich zersplittert war; Knochensplitter waren bis in das Gehirn eingedrungen. Das gegenüberliegende Schläfenbein wies an der entsprechenden Stelle einen Bruch auf. Als der Chirurg das Hirn heraushob, fiel eine Kugel auf das Kissen, das man zu ebener Erde unter das Haupt gelegt hatte.

Man verglich dieses Geschoss mit anderen Kugeln, die bei Fisher gefunden worden waren, der zu jener Zeit unter Mordverdacht in Newgate einsaß. Die extrahierte Kugel schien aus derselben Gussform zu stammen wie die übrigen; sie wog kaum weniger als eine von ihnen und passte genau in den Lauf einer der Pistolen, die man bei Fisher beschlagnahmt hatte. Gewisse Spuren ließen vermuten, dass diese Waffe abgefeuert, hernach jedoch wieder geladen worden war. Die Chronik verzeichnet somit eine Reihe materieller Übereinstimmungen; sie liefert jedoch keine technischen Protokolle und gestattet es nicht, das Wort „schien“ in eine unumstößliche Gewissheit zu verwandeln.

Die gesellschaftliche Herkunft Fishers ließ seinen Fall dem Chronisten umso bemerkenswerter erscheinen. Er war der Sohn eines hochgeachteten Tuchhändlers aus dem Westen Englands, der ihn nach London geschickt und als Schreiber bei einem Prokurator untergebracht hatte. Sein Vater, so fügt der Bericht hinzu, habe für ihn getan, was in seinen Kräften stand und billig war. Fisher lebte jedoch weit über die Zuwendungen hinaus, die er empfing, und hatte sich in Zeiten der Not häufig an Darby gewandt. Hinter Gittern stellte er eine Fröhlichkeit und Sorglosigkeit zur Schau, die der Chronist für unvernünftig hielt; die Indizien schienen vielen derart erdrückend, dass eine Verurteilung unausweichlich schien. Man muss dieses allgemeine Urteil jedoch von einem richterlichen Spruch trennen: Ein Prozess gegen Fisher ist nirgends überliefert.

Die Chronik berichtet von keinem Urteil über Fisher. Als Handwerker an den im Bau befindlichen Zellen arbeiteten, machten sich Fisher und Roger Johnson eine Stelle zunutze, die lediglich mit Latten und Gips verschlagen war. Sie brachen eine Öffnung hinein und stiegen über die Leiter eines der Arbeiter hinab. Auf diese Weise entkamen sie aus Newgate. Johnson wurde später wieder gefasst und wegen des Ausbruchs vor Gericht gestellt; er beteuerte, Fisher habe die Flucht allein ins Werk gesetzt, und wurde freigesprochen. Was Henry Fisher betrifft, den der Bericht weiterhin als mutmaßlichen Mörder Darbys bezeichnet, so verlief sich jede Spur von ihm.

Das an der Gartenmauer entdeckte Paket, die veräußerten Wertsachen und das Verschwinden der beiden Männer ließen das Verfahren unvollendet. Die Chronik hatte die Gründe des Verdachts, die Leichenschau und den Ausbruch festgehalten; von einer Verurteilung oder einer späteren Entkräftung von Fishers Leugnen weiß sie nichts zu berichten. Er bleibt somit ein schwer Verdächtiger, nicht ein Verurteilter, dessen Schicksal besiegelt wäre. Das abschließende Schweigen der Akte ist dasjenige eines abgebrochenen Handels und nicht der Beweis für ein Urteil, das niemand überliefert hat.

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Vollständig eingesehene Quelle. Der Titel datiert den Mord ausdrücklich auf den 11. April 1727. Das Dokument berichtet über Verdachtsmomente, belastende Indizien, Fishers Bestreiten der Tat und seinen Ausbruch aus Newgate zusammen mit Roger Johnson; es verzeichnet weder ein Gerichtsverfahren noch ein Urteil gegen Fisher, der in der Quelle zeitlebens tatverdächtig bleibt. Der Kugelvergleich wird lediglich im Sinne einer Ähnlichkeit und Passgenauigkeit mit einer Pistole beschrieben, nicht als zweifelsfreie ballistische Identifikation. Das in Lincoln’s Inn Fields aufgelesene weiße Päckchen gibt die eigene Einlassung Fishers wieder. Der Bericht erwähnt Gebrauchsspuren an einer Pistole, enthält jedoch kein förmliches Gutachten. Weder ein feststehendes Tatmotiv noch innere Gedanken der Akteure wurden ergänzt. Die Urteile der Chronik über Aussehen und Benehmen sind stets als zeitgenössische Zuschreibungen gekennzeichnet.

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