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Hochstapler & Vermögen · Frankreich

Der Haftbefehl der Avenue Marceau

In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1893 dringen Diebe in das Stadtpalais des Marquis de Panisse-Passis ein, indem sie sich als Ermittlungsrichter im Gefolge des Panama-Skandals ausgeben. Sie plündern das Haus und fesseln das Hausmeisterehepaar. Marie-François Goron schildert die Untersuchung, die von Pierre Alleaume alias Tajean über Renard bis zu Paul le Cocher führt – und schließlich zur Entdeckung einer regelrechten Werkstatt für falsche Polizeiidentitäten.

An jenem Abend, als die falschen Justizbeamten an der Avenue Marceau läuteten, ahnte die Concierge fast augenblicklich Unheil. Die Herren trugen Gehrock und Zylinder, einer schmückte sich gar mit der Rosette der Ehrenlegion; dennoch flüsterte sie ihrem Mann zu, die Fremden seien „verkleidet“. Ihr Gemahl hingegen hörte in den Drohungen des Mannes, der sich als Kommissar Clément vorstellte, bereits die Gefängnistore ins Schloss fallen. Eben jenes häusliche Zaudern zwischen Misstrauen und pflichtschuldiger Unterordnung sollten die Diebe sieben Stunden lang weidlich ausnutzen.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1893 weilte der Marquis de Panisse-Passis im fernen Nizza. Sein Palais an der Avenue Marceau, einzig von den concierges gehütet, erregte durch Gemälde, Geschmeide und Tafelsilber die Begehrlichkeit der Pariser Unterwelt. Nach den Erinnerungen, die Marie-François Goron, der damalige Chef der Sûreté, später hinterließ, erschienen gegen fünf Uhr abends vier Männer vor dem Portal. Ihr Anführer gab sich als Clément aus, Kommissar mit besonderem richterlichen Auftrag. Einen Komplizen stellte er als den Polizeipräfekten vor und ließ sogleich einen fünften Mann eintreten, der als erwarteter Brigadier firmierte.

Der Haftbefehl, den der Rädelsführer vorwies, trug den trügerischen Schein der Rechtmäßigkeit. Er ordnete die Festnahme des Marquis an, dem zur Last gelegt wurde, einen Scheck über zweihunderttausend Francs von der Panama-Gesellschaft angenommen zu haben, und bezeichnete den Hausmeister als den Endossanten eben dieses Wechsels. Die Berichterstattung über den echten Panama-Skandal beherrschte damals täglich die Spalten der Gazetten: Minister, Abgeordnete und Würdenträger sahen sich Tag für Tag von neuen Enthüllungen bedroht. Die Hochstapler hatten ihre Kulisse mit Bedacht gewählt; es bedurfte keineswegs des blinden Glaubens der Dienstleute an jedes Detail, solange die schiere Furcht jegliche Gegenwehr im Keim erstickte.

Die Frau wandte ein, der Herr habe streng untersagt, während seiner Abwesenheit fremde Personen einzulassen. „Wir sind in eine Falle geraten“, raunte sie ihrem Gatten zu. Dieser erwiderte kleingeistig, ein Concierge habe der Obrigkeit Folge zu leisten. Der angebliche Kommissar führte den Mann in das Kabinett des Hausherrn und hob ein Verhör an, dessen abstruse Wendungen das Opfer vollends verwirrten. Er behauptete, der Concierge habe den Scheck gezeichnet und dafür dreißigtausend Francs eingestrichen. Dies habe sich bereits 1888 zugetragen – obschon der Bedienstete erst seit siebzehn Monaten in den Diensten des Marquis stand. Auf diesen Einwand versetzte Clément ungerührt, die Anstellung als Hausmeister sei eben der Lohn für jene Gefälligkeit gewesen.

Ein Spießgeselle spielte den Protokollführer und gab vor, die Aussagen zu notieren. Als sich der gepeinigte Hausmeister versehentlich auf den Zylinder des vermeintlichen Magistrats setzte, erging sich dieser in theatralischem Zorn über das zerknitterte Beinkleid, ehe er das Verhör mit eisiger Amtsmiene fortsetzte. Jene Mischung aus falscher Würde, absurden Vorwürfen und inszenierten Wutausbrüchen verlieh dem Schauspiel den Anstrich einer unbegreiflichen, aber unerbittlichen Prozedur. Das Paar wurde getrennt verhört. Der Concierge band man die Hände mit einem Lederriemen; derweil streifte ein Gauner in der Loge Schurz und Kappe des Mannes über und nahm ungerührt die Abendpost entgegen, als ginge alles seinen gewohnten Gang.

Von sieben Uhr an wurde das Palais methodisch geplündert. Die Einbrecher erbrachen einen Sekretär, eigneten sich ein Scheckbuch an, nahmen Gemälde von den Wänden und ließen eine wertvolle Autographensammlung mitgehen. Im Schlafgemach der Marquise stießen sie auf den Schlüssel zu jenem Möbel, hinter dem der Geldschrank verborgen lag. Das nötige Werkzeug führten sie unter den Gehröcken mit sich; nach zweistündiger Arbeit gab der Tresor schließlich nach. Silberzeug, Juwelen und Inhaberpapiere wanderten in die Koffer. Einer der Diebe stieg daraufhin in den Keller, um erlesenen Wein heraufzuholen; die Eindringlinge nahmen sich die Muße zu zechen, ehe sie ihr Verzeichnis vollendeten.

Die Beute wurde auf eine Plane und einen Mietswagen verladen. Ehe sich die Bande entfernte, hieß der falsche Präfekt – den seine Spießgesellen vertraulich „Monsieur Lozé“ nannten – die beiden Hausleute Rücken an Rücken fesseln. Er kündigte ihnen kühl an, in einer Stunde werde ein Wagen sie ins Dépôt überführen. Als das Paar gewahr wurde, dass die Wächter abgezogen waren, gelang es ihnen mühsam, die Stricke abzustreifen. Sie stiegen in ihre Loge hinab und brühten sich zwei Tassen Tee auf, um die Fassung wiederzugewinnen. Diese Einzelheit sorgte später vor Gericht für Heiterkeit, offenbart aber vor allem die seelische Lähmung der Opfer: Die Diebe waren längst entkommen, und die Bestohlenen harrten noch immer der echten Polizei.

Erst um zwei Uhr morgens schlugen sie endlich Alarm. Goron wurde am folgenden Vormittag an der Seite des Untersuchungsrichters Atthalin benachrichtigt. Zu Beginn entbehrte die Untersuchung jedweden greifbaren Anhaltspunkts; die Dienstleute selbst standen kurzzeitig im Verdacht, das Verbrechen erdichtet zu haben. Ihre Arglosigkeit erwies sich jedoch rasch. Der Marquis eilte nach Paris zurück, vermochte jedoch keine sachdienlichen Hinweise beizusteuern. Die Liste des Raubgutes wurde öffentlich bekanntgemacht, um den Absatz zu vereiteln und Informanten zu alarmieren: Niederländische Meister, graviertes Wappensilber und Geschmeide standen darauf verzeichnet, aber auch eine einfache Auflaufform und zinnerne Löffel – selbst die bescheidene Habe der Dienerschaft hatten die Räuber mitgenommen.

Nach achttägigen, vergeblichen Streifen verwies ein Polizeispitzel auf einen gewissen Pierre Alleaume, dessen Vorleben eine nähere Betrachtung verdiene. Statt ihn voreilig festzusetzen, ließ Goron den Mann beschatten, um dessen Hintermänner ausfindig zu machen. Als der Sûreté-Chef um sechs Uhr morgens die Treppe zu Alleaumes Wohnung in der Rue des Petits-Carreaux emporstieg, begegnete ihm ein kleiner Greis im Abstieg. Ohne die Fassung zu verlieren, gab der Alte an, soeben von jenem Gauner zu kommen und auf dem Wege zu sein, den Polizeichef zu verständigen. Goron gab sich trocken zu erkennen und hieß ihn die Taschen leeren; zum Vorschein kamen Bruchstücke von massivem Gold. Der Greis beteuerte vergeblich, Alleaume habe ihm den Mantel lediglich über die Schultern geworfen.

Im Zimmer überwältigte Goron den Mann namens Alleaume, dessen wahrer Name Tajean lautete. Er räumte den Einbruch in das Stadtpalais ein, hütete sich jedoch, seine Genossen zu verraten. Seiner Darstellung nach ging der Anschlag auf zwei Unbekannte namens „Julot“ und „Amédée“ zurück. Er selbst habe lediglich in Dienstbotentracht die Loge gehütet, während die anderen das Palais ausräumten. Goron schenkte diesen Schutzbehauptungen keinen Glauben. Im Zuge fieberhafter Razzien und Haussuchungen in verschiedenen Pariser Vierteln zählte die Sûreté bis zum Abend vierundzwanzig Festgenommene; die Aussagen der Hehler fügten die Mosaiksteine zusammen.

Am 25. Februar gingen den Beamten schließlich der beleibte Paul, genannt „Paul le Cocher“, und ein älterer Mann namens Renard in einer Weinstube an der Avenue Hoche ins Netz. Zunächst leugneten beide rundweg ihre Anwesenheit in der Hauptstadt und behaupteten, geradewegs aus London eingetroffen zu sein. Doch Alleaume identifizierte Renard zweifelsfrei als den falschen Kommissar Clément und Paul als jenen Gauner, der den Präfekten Lozé gemimt hatte. Die Aussagen der Komplizen enthüllten nun endlich die genaue Rollenverteilung jener makabren Inszenierung.

Das von Renard unter falschem Namen angemietete Zimmer in der Rue Lafontaine offenbarte das ganze Ausmaß seines kriminellen Gewerbes. Neben dem Großteil des Silbers und mehreren Meisterwerken des Marquis fand Goron amtliche Briefköpfe der Polizeipräfektur, Siegel, Stempel, Blanko-Haftbefehle und gedruckte Visitenkarten von Richtern und Kriminalbeamten. Diese Utensilien lagen einträchtig neben modernen Einbruchswerkzeugen. Ein sichergestelltes Notizbuch verzeichnete über zweihundert Adressen künftiger Opfer samt Angaben über deren Reisegewohnheiten und Schwächen. Der Coup an der Avenue Marceau war kein spontaner Streich gewesen, sondern das Werk akribischer Planung und vollendeter Täuschungskunst.

Zu den Akten gehörten ferner mysteriöse Briefe einer Unbekannten namens Octavie, deren Identität Goron im Dunkeln belassen musste. Zwar förderte die Sûreté weitere Schlupfwinkel und Tarnnamen Renards zutage, doch spiegeln Gorons Notizen über eine weitverzweigte Bande zwischen Paris und London auch die Mutmaßungen des ermittelnden Autors wider. Renard soll überdies in Rueil und anderen Provinzstädten aktiv gewesen sein und Beutegut aus anarchistischen Kreisen weiterveräußert haben, wenngleich das Dossier diesen Umstand als reines Zweckbündnis ohne politische Gesinnung einordnet.

Vor den Geschworenen rühmte sich Renard noch zynisch seines schauspielerischen Talents im Richterkleide. Goron vermerkt, dass der Gauner zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit in Französisch-Guayana verurteilt wurde. Aus der Verbannung gelang Renard später die Flucht; in einem Schreiben an den pensionierten Polizeichef verwahrte er sich gegen einzelne Prozesspunkte – ein Dokument, das Goron unkommentiert seinen Memoiren beifügte. Bei den Pariser Concierges hinterließ der Vorfall ein dauerhaftes Misstrauen: Trat später ein echter Kommissar zur Durchsuchung an, begegnete ihm mancherorts die spöttische Antwort, die Posse sei hinlänglich bekannt. Die Räuber waren verurteilt, das Gift des Zweifels an der Staatsgewalt aber blieb in den Entrees der Hauptstadt zurück.

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Vollständiges Kapitel XVI: „Le faux Panama, et les faux magistrats“, S. 283–332, nach dem Text der Flammarion-Ausgabe von 1897 auf Wikisource. Das Kapitel datiert den Einbruch in das Palais des Marquis de Panisse-Passis an der Avenue Marceau auf die Nacht vom 27. auf den 28. Januar 1893. Goron beschreibt das Vorweisen des gefälschten Mandats, die Rollen der Komplizen, den Diebstahl, die Fesselung und spätere Befreiung der Hausmeister sowie die Verhaftungen von Tajean, Renard und Paul le Cocher. Die Durchsuchung bei Renard soll gefälschte Dienstausweise, Siegel, Einbruchswerkzeug und ein detailliertes Adressbuch zutage gefördert haben. Dem Text zufolge wurde Renard zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt und floh später aus Guayana. Sämtliche Namen, Zitate und Ermittlungsschritte geben Gorons Memoiren wieder; originale Prozessakten oder Strafvollzugsregister wurden nicht eingesehen. Die Identität der Briefschreiberin Octavie bleibt ungeklärt. Der historische Panama-Skandal wird explizit vom eigentlichen Raubdelikt an der Avenue Marceau unterschieden.

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