Der Schuss war soeben verhallt, als ein Mann taumelnd die Wandelhalle durchmaß. William Smith, Abgeordneter für Norwich, sah ihn auf sich zustürzen und vermutete zunächst, der Bedrängte suche Schutz. Der Mann schleppte sich noch wenige Schritte voran, schlug vornüber auf den Steinboden und rührte sich nicht mehr. Erst als Smith ihn mit Hilfe eines weiteren Zeugen umwendete, erkannte er Spencer Perceval. Der britische Premierminister hatte das Unterhaus betreten, um seinen Amtsgeschäften nachzugehen. Nun trug man ihn in das Gemach des Sekretärs des Speakers, und die Männer, die ihn stützten, fühlten, wie das Leben aus ihm wich.
Dicht beim Kamin war John Bellingham auf einem Stuhl sitzen geblieben. Er hatte die Verwirrung nicht genutzt, um auf die Straße zu entkommen. Eine Pistole war soeben abgefeuert worden; eine zweite, noch geladene Waffe sollte man bei ihm finden. Als der Anwalt Henry Burgess ihn nach dem Grund seiner Tat befragte, führte seine Antwort den Mord unmittelbar auf jene Angelegenheit zurück, mit der er die Ministerien seit Jahren behelligte: Man verweigere ihm Genugtuung. Es war der 11. Mai 1812. Für jene, die Perceval umringten, war ein Mensch gestorben. Bellingham wähnte, endlich Gehör gefunden zu haben.
Die offene Rechnung
Die Vorgeschichte hatte weitab von Westminster ihren Anfang genommen, im Handel mit Russland. Bellingham war nach Archangelsk gereist; dort geriet er über Geldstreitigkeiten mit seinen Partnern in Konflikt. Er geriet in Haft, rief die britischen Repräsentanten an und focht die gegen ihn gefällten Urteile an. Nach England im Jahr 1809 zurückgekehrt, ließ er die Sache nicht auf sich beruhen. Sie wuchs sich zu einer Forderung gegen die eigene Regierung aus, der er vorwarf, ihn im Stich gelassen zu haben.
Es gebietet die historische Sorgfalt, den Streit den Beteiligten selbst zu überlassen. Bellingham stellte sich als Opfer einer Verfolgung dar. Der vormalige Botschafter, Lord Granville Leveson Gower, sollte dem entgegenhalten, Schiedsrichter hätten den Kaufmann als Schuldner von zweitausend Rubeln ausgewiesen, und der Gesandtschaft habe es nicht zugestanden, ihn einer rechtmäßigen Haft zu entziehen. In einem Schreiben vom 17. Mai, das drei Tage darauf im Parlament verlesen wurde, erinnerte Gower an Schritte zugunsten des Händlers, an geringe Barbeihilfen und gar an eine Nacht Asyl in seinem Hause.
Jener Brief diente zugleich der Verteidigung des angegriffenen Diplomaten. Er schließt die russische Akte keineswegs endgültig ab; er verbietet es jedoch, Bellinghams Anklage als erwiesene Tatsache nachzuerzählen. Hier standen zwei Versionen gegeneinander. Bellingham hatte sich angemaßt, diesen Zwist durch eine Tat zu entscheiden, die weder die Höhe seines erlittenen Schadens noch die Schuld der von ihm Bezichtigten beweisen konnte.
In England schrieb er, sprach vor und begann von neuem. Die Gerichtsüberlieferung zeigt ihn, wie er von einer Behörde zur nächsten zog, vom Kronrat zum Schatzamt, die Fürsprache eines Abgeordneten erbat und beim Prinzregenten vorsprach. Jede ablehnende Bescheidung warf ihn auf seine ursprünglichen Schriftsätze zurück. Er trug die Erzählung seines Unglücks mit sich; jene aber, an die er sie richtete, erkannten den Anspruch nicht an, den er daraus ableiten wollte. Zwischen beiden Seiten tat sich eine unüberbrückbare Kluft auf.
Eine Tasche im Rock
Eine vor Gericht geschilderte Episode verleiht dieser Verbohrtheit einen fast häuslichen Zug. Anne Billet, die Bellingham von Kindheit an kannte, berichtete, sie habe ihn und seine Gemahlin in ein Ministerium begleitet. Er wollte ihnen vorführen, dass sein Gesuch nunmehr zum Ziele führe. Der Beamte wiederholte jedoch ungerührt, dass er sich keinerlei Hoffnung machen dürfe. Auf die Straße getreten, ergriff Bellingham die Hand seiner Frau und deutete diese Auskunft als Ermutigung. Die Zeugin erblickte in einem solchen Gebaren die Zeichen einer geistigen Zerrüttung; der Bericht berechtigt uns gleichwohl nicht, ihr Urteil in eine nachträgliche Diagnose umzumünzen.
Am 23. März 1812 hatte Bellingham den Richtern von Bow Street ein Drohschreiben zukommen lassen. Darin kündigte er an, er werde sich selbst Recht verschaffen und bereitstehen, seine Haltung vor den Gerichten zu verteidigen, sollte ihm weitere Genugtuung versagt bleiben. In seiner Verteidigungsrede ging er so weit, eine Antwort, die ihm die Wahl seiner weiteren Schritte anheimstellte, als Erlaubnis zur Tat umzudeuten. Es war seine Auslegung, kein Freibrief zum Morden.
Um diese Zeit verkehrte er häufig im Unterhaus. Vincent George Dowling, der ihn nach dem Schuss stellen sollte, hatte ihn auf der Galerie bemerkt und gehört, wie er sich nach den Namen der Redner erkundigte, namentlich nach jenen der Regierungsmitglieder. Diese Besuche hatten mithin Zeugen. Sie führten die Personen, die er zu identifizieren suchte, und die Papiere, die er nicht durchzusetzen vermochte, in derselben Geschichte zusammen.
Ein anderer Zeuge hatte lediglich mit seinem Gewand zu tun gehabt. Dem Schneider James Taylor war aufgetragen worden, einen Rock mit einer Seitentasche von eigens bestimmter Länge zu versehen. Er führte die Arbeit aus und lieferte das Kleidungsstück ab. Vor Gericht nahm diese kleine Nadelarbeit einen unheimlichen Rang unter den Rüstungen zur Tat ein: Was für den Handwerker ein alltäglicher Auftrag gewesen war, wandelte sich in ein Beweisstück des Mordes. Nichts rechtfertigt die Annahme, er habe damals den Verwendungszweck erahnt.
Die Wandelhalle
Am 11. Mai, gegen fünf Uhr nachmittags, erblickte John Morris den Kaufmann Bellingham nahe dem gewöhnlich geschlossenen Flügel der Flügeltür. Es schien ihm, als passe er jemanden ab. Morris setzte seinen Weg zur Galerie fort; fast im selben Augenblick vernahm er den Knall. Der Mord vollzog sich nicht inmitten einer Debatte. Er traf einen Mann in jenem Durchgang, den man betrat, durchmaß und in dem man vor den Verhandlungen verweilte.
Smith und sein Begleiter schafften Perceval beiseite. Blut trat ihm auf die Lippen; die letzten Lebenszeichen erloschen binnen weniger Minuten. Der herbeigerufene Wundarzt William Lynn vermochte ihn nicht mehr zu retten. Unterdessen war Burgess auf Bellingham zugetreten und hatte ihm die entladene Pistole entwunden. Dowling fand die andere Waffe am Leib des Verhafteten. Diese zweite Pistole kam nicht zum Schuss: Ihr nachträglich ein zweites, sicheres Ziel zuzuschreiben, hieße, das Verbrechen über das hinaus fortzuspinnen, was die Zeugnisse belegen.
Bellingham stellte sich den Fragen und wurde sogleich im Gebäude verhört. Er suchte zwischen Perceval als Mensch und dem Minister, gegen den sich seine Klage richtete, zu trennen. Eine solche Unterscheidung mochte ihm für eine Rede dienlich sein; an dem leblosen Körper, den man eben fortgetragen hatte, vermochte sie nichts zu ändern. Jane Perceval verlor ihren Gemahl, zwölf Kinder ihren Vater. Die Regierung mochte einen Nachfolger finden. Der Familie war dies versagt.
Vier Tage bis zur Schranke
Das Verfahren vor dem Old Bailey begann am 15. Mai. Bellingham hatte gehofft, die Obrigkeit zur Prüfung seiner Beschwerden zu zwingen; nun stand er vor Geschworenen, die über einen Mord zu richten hatten. Seine Verteidiger beantragten Aufschub, um Erkundigungen über seinen Geisteszustand einzuholen. Das Protokoll verzeichnet ihre Bemühungen wie auch die Einwände des Angeklagten bezüglich seiner Schriften, die sich teils in den Händen der Anklage befanden. Dennoch fand die Verhandlung an diesem Tage statt. Die beschlagnahmten Papiere wurden ihm vor seinem Plädoyer nach Prüfung ihrer Unversehrtheit ausgehändigt; dem Bericht zufolge lagen seinem Rechtsbeistand ohnehin bereits Abschriften vor.
Er selbst dachte nicht daran, sich durch eine Verteidigungslinie retten zu lassen, die in seinen Augen den Wert seiner Forderung geschmälert hätte. Er dankte der Anklagebehörde dafür, dass sie das Argument des Wahnsinns bekämpfe, und breitete sodann weitläufig seine Vorhalte aus. Er gestand ein, den Tod herbeigeführt zu haben, bestritt jedoch die kriminelle Bedeutung, welche die Justiz seiner Tat beimaß. Er erklärte überdies, er hätte es vorgezogen, den vormaligen Gesandten anzutreffen. Dieses Bekenntnis erhellt die Richtung seines Grolls; es wäscht ihn nicht rein von der Schuld an dem Opfer, das er tatsächlich zu treffen beschlossen hatte.
Die für die Verteidigung aufgerufenen Zeugen legten ihre Wahrnehmungen dar. Anne Billet schilderte jene felsenfeste Zuversicht auf ein nahes Vermögen, genährt ohne jeglichen Geldeingang, und die offenkundige Unmöglichkeit, ihm das Scheitern seiner Schritte begreiflich zu machen. Die Geschworenen ließen die Verteidigung nicht gelten. Bellingham wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Seine Überzeugung, im Recht zu handeln, hatte sich den Männern, die über ihn zu Gericht saßen, nicht mitgeteilt.
Die geschlossene Woche
Am 18. Mai wurde er zu Newgate gehängt. Sieben Tage nur lagen zwischen der Bluttat und der Hinrichtung. Die Chronik vermerkt, dass er am Fuße des Galgens noch immer von Russland und seiner Familie sprach. Man mag in diesem Beharren die verzehrende Macht erkennen, die seine Angelegenheit über ihn gewonnen hatte; man darf darin weder einen neuen medizinischen Beweis noch die Rechtfertigung suchen, die das Gericht ihm verweigerte.
Auch er hinterließ Frau und Kinder. Für sie vermochte der Pistolenschuss keinerlei Entschädigung zu erwirken. Der Familie Perceval sicherte das Parlament finanziellen Beistand zu: Fünfzigtausend Pfund wurden bewilligt, dazu eine jährliche Rente von zweitausend Pfund für Jane. Das Geld diente nun einem anderen Zweck – den Folgen eines Mordes statt der Forderung eines Kaufmanns.
Bellingham hatte die Staatsgewalt vor die Schranken seiner Geschichte zitieren wollen. Er feuerte auf einen Menschen und musste erfahren, dass der Prozess sich um diesen Leichnam und seinen eigenen Schuss drehte. Seine Papiere waren nicht vernichtet. Sie blieben erhalten – samt ihren Forderungen, ihren Zurückweisungen und ihren Widersprüchen. Doch jener, dem er die Rechnung hatte präsentieren wollen, vermochte nicht mehr zu antworten.
