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Justiz & Skandale · England

Die Assekuranzen der Dryad

Im Jahre 1839 sticht die Brigg Dryad von Liverpool mit Kurs auf Santa Cruz in See, läuft auf mehrere Riffe auf und wird schließlich zum Totalverlust erklärt. Der Prozess gegen Patrick und Michael Wallace im Jahre 1841 dreht sich um überhöhte Versicherungspolicen und den Vorwurf, Kapitän Edmund Loose zur vorsätzlichen Zerstörung des Schiffes angestiftet zu haben. Matrosen treten in den Zeugenstand; der Kapitän ist mutmaßlich tot. Die Brüder werden schuldig gesprochen und zu lebenslanger Deportation verurteilt.

Am 10. November 1839 läuft die Brigg Dryad unweit des Kaps Cruz auf ein Riff. Nach den Bekundungen des Matrosen Benjamin Shooltz schlägt das Schiff in jener Nacht kein Leck. Die Mannschaft schickt sich an, das Fahrzeug freizubekommen, doch es ergeht kein Befehl. Kapitän Edmund Loose begibt sich unter Deck; die Segel bleiben gesetzt. Zwei Jahre darauf haben sich vor dem Londoner Central Criminal Court zwei Kaufleute aus der City, die Gebrüder Patrick Maxwell Stewart Wallace und Michael Shaw Stewart Wallace, wegen dieses Schiffbruchs zu verantworten: Die Anklage wirft ihnen vor, Loose zur vorsätzlichen Vernichtung der Dryad angestiftet zu haben.

Loose bleibt der Verhandlung fern; Pelham vermerkt, er sei vermutlich bereits verstorben. So lauschen die Geschworenen stattdessen den heimgekehrten Seeleuten, mustern die Entschädigungszahlungen der Assekurateure und rekonstruieren die auf See getroffenen Entschlüsse. Die Anklageschrift führt den vermeintlichen Schaden auf, der den Reedern und den Eigentümern der Fracht zugefügt worden sei. Sechsundzwanzig Anklagepunkte werden verlesen, doch ehe die verhängnisvolle Reise gewürdigt werden kann, drängt sich eine juristische Vorfrage auf: Dürfen die beiden Brüder überhaupt gerichtet werden, wenn der als Haupttäter belangte Kapitän dem Gerichtssaal fernbleibt?

Am 3. März 1841 macht der Verteidiger der Gebrüder Wallace geltend, ein Verfahren wegen Anstiftung und Beihilfe sei in Abwesenheit des Täters unstatthaft. Der Generalstaatsanwalt beruft sich indessen auf ein Statut aus der Regentschaft Georgs IV., welches die Aburteilung von Gehilfen auch dann gestatte, wenn die Ergreifung des Haupttäters fehlschlage. Der Gerichtshof lässt das Verfahren als eigenständiges Verbrechen zu, behält den Rechtsstreit jedoch einer künftigen Überprüfung vor, damit den Angeklagten hieraus kein Nachteil erwachse. Die Krone trennt die Verhandlungen: Patrick wird als Erster vor die Schranken gerufen; dieselben Beweise sollen hernach gegen Michael ins Feld geführt werden.

Ehe die Reiseroute der Dryad nachgezeichnet wird, erfährt die Jury, in wessen Eigentum die Brigg stand und weshalb so zahlreiche Policen gezeichnet worden waren. Ein Viertel des Schiffs gehörte den Schiffsmaklern Howden und Ainslie; die übrigen drei Viertel besaß Michael, der sie 1838 für 1.600 Pfund Sterling erworben hatte. Das Fahrzeug war daraufhin ausgebessert und instand gesetzt worden, was Kosten von rund 600 Pfund verursachte. Im Juli 1839 charterte das Handelshaus Zulueta & Co. die Brigg für eine Fahrt von Liverpool nach Santa Cruz zum Frachtlohn von 300 Pfund. Michael, dem die Schiffsführung oblag, wies Howden und Ainslie an, den Schiffskörper mit 2.200 Pfund und die Fracht mit 300 Pfund zu versichern. Weitere Verträge über Ladung, Rumpf und Ausrüstung wurden bei diversen Assekuranzgesellschaften abgeschlossen. Zulueta versicherte seine Güter bei Lloyd’s. Pelham hält fest, dass die im Namen der Gebrüder Wallace gezeichneten Summen den tatsächlichen Wert ihres Anteils an Schiff und Ladung bei weitem überstiegen.

Die Dryad nimmt in Liverpool rund dreihundert Tonnen Fracht an Bord und sticht am 7. September in See. Nach dem Auslaufen gesteht Michael seinem Agenten Stott, er habe entgegen den Vereinbarungen mit Zulueta eigene Güter verladen. Im Januar geht bei den Assekurateuren die Schadensmeldung über den Totalverlust des Schiffes ein. Der Großteil der Entschädigungssummen wird an die Brüder ausgezahlt und ihren Konten gutgeschrieben. Alsbald aber treffen die nach London zurückgekehrten Matrosen ein und nähren den schwelenden Argwohn mit ihren Berichten. Im November 1840 wird Patrick verhaftet. Michael flieht aus seinem Anwesen am Tredegar Square und lässt das Haus möbliert, doch verwaist zurück; am 16. Dezember spürt man ihn in einer unscheinbaren Häuserzeile nahe Lancaster auf. Pelham zufolge gab er an, er habe sich dorthin zurückgezogen, um nicht als Zeuge gegen den eigenen Bruder aussagen zu müssen.

Ronald Maxwell, der Erste Offizier der Dryad, berichtet von den ersten Warnsignalen. Am 17. Oktober, unweit von Anegada, bemerkt er die Brandung und warnt Loose. Shooltz steht am Ruder. Maxwell befiehlt ihm beizudrehen, um das Fahrzeug vom Riff abzuwenden; da stürmt der Kapitän an Deck, entreißt dem Rudergänger das Rad und steuert die Dryad geradewegs in die Gefahr. Matrosen eilen herbei und rufen aus, sie dächten nicht daran, ihr Leben zu verwirken. Shooltz ergreift wieder das Ruder, das Schiff dreht bei und schrammt haarscharf an den Brechern vorbei. Maxwell bezeugt, Loose habe ihm hernach gedroht, ihn wegen Meuterei vor Gericht zu bringen.

Zwei Tage später, so Maxwell weiter, nähert sich die Dryad den Silver Keys nördlich von Saint-Domingue. Ein Felsen ragt wenige Faden backbords empor. Der Kapitän behauptet, nichts zu sehen; ein Mann im Mastkorb schreit, unter dem Bug lägen Klippen. Das Schiff setzt auf, kommt nach einer Viertelstunde frei und rammt sogleich einen zweiten Felsen. Das Ruder wird abgerissen. Der Schiffszimmermann zimmert ein Notruder. Die Mannschaft packt alsbald ihre Habe in Säcke, gerüstet, das Schiff beim nächsten Aufprall zu verlassen.

Auf der Höhe von Cap-Haïtien bricht das Notruder entzwei. Maxwell rät, den Hafen anzusteuern oder bis zum Morgengrauen auf See zu kreuzen, um einen Lotsen an Bord zu nehmen. Er bezeugt, Loose habe die Einfahrt verweigert, da ohne Lotsen der Versicherungsschutz erlösche. Nördlich der Reede taucht ein stattliches Schiff auf: Die Bencoolen feuert einen Kanonenschuss ab, um die Dryad vor der drohenden Gefahr zu warnen, und setzt ein Flaggensignal, das nach einem Lotsen verlangt. Loose weigert sich, sein eigenes Signal zu hissen. Gegen elf Uhr gelangt der Lotse dennoch an Bord und bringt die Dryad sicher in den Hafen. Dort verweilt das Schiff neun bis zwölf Tage; die Mannschaft führt Klage über Loose und versucht vergeblich, die Erlaubnis zum Abmustern zu erwirken.

Am 5. November sticht die Dryad abermals in See. Am 10. November läuft sie unweit des Kaps Cruz erneut auf ein Riff. Shooltz berichtet, die Untiefe sei bereits tags zuvor gesichtet worden, ohne dass der Kurs geändert worden wäre. Das Schiff macht in jener Nacht kein Wasser. Die Seeleute stehen bereit, es freizubekommen, doch der Kapitän versagt den Befehl, belässt die Segel im Wind und geht unter Deck. Eine Piroge mit Spaniern legt an der Bordwand an. Loose erkundigt sich nach der nächsten Stadt; man bedeutet ihm, sie liege dreißig Meilen jenseits der Berge, und an Land weile ein Konsul. Der Kapitän setzt über und kehrt später zurück. Während seiner Abwesenheit erblicken die Matrosen achtern im klaren Wasser eine Zigarrenkiste, die mit einem Bolzen beschwert auf den Grund gesunken ist. Shooltz beteuert, er habe sie mit Hilfe eines Riemens aus sechs Faden Tiefe emporgeholt. Sie enthält Briefe sowie herausgerissene Blätter des Logbuchs.

Ehe er das Wrack verlässt, bemerkt Shooltz überdies ein Loch unter dem Heck, das von einer verschlossenen Kammer aus einsehbar ist. Er hält es für ausgeschlossen, dass ein Felsen diesen Schaden verursacht habe, räumt vor den Anwälten indessen ein, er habe Loose nicht beim Aufbohren beobachtet: Es handle sich um eine bloße Vermutung. Nach der Rückkehr des Kapitäns rettet sich die Mannschaft im Beiboot nach Jamaika, wo der Havarieprotest den Verlust als reinen Unfall ausweist. Die Seeleute jedoch behalten die geborgenen Papiere ein. Shooltz sagt aus, man habe sie dem Kapitän zwei Tage nach der Ankunft vorgelegt; Loose habe sie Simpson aus den Händen gerissen und ihm dafür vier Ein-Pfund-Noten zugesteckt. Die Schriftstücke, so deutet es der Zeuge, hätten auf einen vorsätzlichen Schiffsbruch hingewiesen; ein förmliches Geständnis des Kapitäns vermag er indes nicht zu bezeugen.

Diese Aussage bildet den heikelsten Punkt des Verfahrens. Shooltz muss einräumen, den Protest auf Jamaika unterzeichnet und den Untergang zunächst als Unglücksfall dargestellt zu haben. Um seine Beschuldigungen gegen den Kapitän zu stützen, beruft er sich auf den Inhalt der aufgefundenen Dokumente. Weitere Zeugen bringen die überhöhten Versicherungssummen mit den Gebrüdern Wallace in Verbindung. Doch da Loose, wie Pelham mutmaßt, wohl nicht mehr unter den Lebenden weilt, bleibt der Verteidigung jedes Kreuzverhör verwehrt. Für Patrick greift Advokat C. Phillips die Glaubwürdigkeit von Shooltz an, verweist auf dessen anfängliche Schilderung des Unfalls und ficht an, dass Assekuranzen – wie zahlreich sie auch sein mögen – für sich allein noch keinen Vorsatz zur Zerstörung des Schiffes belegten. Die Geschworenen sprechen Patrick schuldig.

Tags darauf steht Michael vor Gericht. Mr. Jervis wiederholt die Einwände der Verteidigung: die Abwesenheit von Loose, den auf Jamaika beglaubigten Havarieprotest und die Fragwürdigkeit der Zeugenbekundungen. Auch Michael wird von den Geschworenen schuldig gesprochen. Die Brüder werden gemeinsam vor die Schranken geführt. Richter Tindal bestätigt die Schuldsprüche und hält den Verurteilten das verheerende Ausmaß vor Augen, welches ein Betrug an den Seeversicherern für das gesamte Handelswesen bedeute. Er betont das frevelhafte Spiel mit Menschenleben, obschon die Angeklagten lediglich wegen der Anstiftung von Loose zum Schiffbruch verurteilt worden seien.

Tindal stellt klar, dass der Vollzug der Strafe noch von der Entscheidung über die offengehaltene Rechtsfrage abhänge. Er ruft in Erinnerung, dass die Tat nicht mehr mit dem Tode bedroht sei, und verhängt gegen beide Brüder die lebenslange Deportation in die überseeischen Kolonien. Über den weiteren Fortgang des Revisionspunktes schweigt Pelham. So schließt das Verfahren mit zwei Schuldsprüchen, einem schweren Strafmaß und einer Ungewissheit, die ungelöst über dem Schicksal des abwesenden Kapitäns schwebt. Die Dryad aber kehrt nicht mehr von der See zurück.

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Auszug beschränkt auf den Eintrag der Gebrüder Wallace, OCR-Zeilen 35789–36219 der lokalen Datei des Project Gutenberg eBook 46595, 5.076 Wörter. Die Textgrenze schließt vor der Überschrift „David Sams“ und klammert die benachbarten Einträge Harrison Flather, Richard Moore und David Sams aus. Die Seefahrt und die Berichte der Matrosen betreffen die Dryad im Jahre 1839; die Gerichtsverhandlungen fanden in den Sessionen vom März 1841 statt. Pelham vermerkt, Kapitän Loose sei vermutlich bereits verstorben gewesen. Eine Überprüfung anhand gerichtlicher Originalakten wird nicht beansprucht.

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