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Justiz & Skandale · England

Die Kisten mit Goldstaub

Am 25. März 1839 wird an einem Londoner Kai eine Ladung Gold aus Brasilien einem falschen Bevollmächtigten ausgehändigt. Der Handlungsgehilfe Lewin Caspar, sein Vater Ellis, Emanuel Moses und Alice Abrahams sind in die Unterschlagung und den Weiterverkauf verstrickt; das Geständnis von Henry Moss und Zwistigkeiten bei der Beuteteilung führen zu einem Prozess, dessen juristische Anfechtung das Schicksal Lewins noch einmal wenden soll.

Am Montag, dem 25. März 1839, trafen am Kai der Dubliner Dampfschifffahrtsgesellschaft in London zwei Kisten mit Goldstaub ein. Sie stammten aus brasilianischen Bergwerken und hatten den Atlantik an Bord der Sea-Gull überquert, ehe sie über Falmouth ein zweites Mal in See gestochen waren. Man erwartete die Fracht im Auftrag der Agenten der Minengesellschaft. Ein Schreiben aus Falmouth hatte eine Sendung von hohem Wert angekündigt und vermerkt, dass die Kisten derjenigen Person auszuhändigen seien, die sich mit den gehörigen Papieren ausweise. Der Gehilfe, der das Schreiben erbrach, Lewin Caspar, stand ausgerechnet bei Hartley & Co. in Diensten, den Agenten des Schiffes.

Am Nachmittag erschien ein Mann im Kontor, versehen mit Dokumenten, die die Kisten samt ihren Kennzeichnungen genauestens beschrieben. Er trat mit der Gelassenheit eines Mannes auf, der ein alltägliches Geschäft abwickelt. Er beglich die Kaigebühren, überreichte dem Vorarbeiter für dessen Gefälligkeit ein Schillingstück, ließ die beiden Kisten in die wartende Droschke heben und fuhr davon. Niemand hegte in diesem Augenblick den geringsten Zweifel an seiner Berechtigung, die Ware in Empfang zu nehmen.

Einige Stunden später forderte der rechtmäßige Vertreter von Marsh & Co. die Kisten unter Vorlage seiner eigenen Papiere ein. Die erste Fuhre war da längst verschwunden. Der Goldstaub, dessen Wert auf viertausendsechshundert Pfund Sterling geschätzt wurde, war verloren; ein solcher Betrag drohte der Schifffahrtsgesellschaft zur Last zu fallen. Die Agenten schalteten unverzüglich die Kriminalbeamten Lea und Roe ein. Der Droschkenkutscher erinnerte sich, seinen Fahrgast in Cheapside aufgenommen und ihn zur Wood Street befördert zu haben, wo der Mann in ein anderes Fuhrwerk in Richtung Holborn umgestiegen war. Die Spur verlor sich beinahe im selben Augenblick, in dem sie aufgenommen worden war.

Die Ermittler folgten den Hinweisen bis zu jenem Mann, der die Kisten an sich gebracht hatte. Sie brachten in Erfahrung, dass er in der New Street Nr. 12 nahe dem London Hospital gewohnt hatte, daraufhin in die Mansell Street gezogen und schließlich spurlos verschwunden war. Es handelte sich um Henry Moss, Werkmeister beim Uhrmacher Hyams. Er kannte Ellis Caspar seit sechzehn Jahren und hatte für ihn gearbeitet; Lewin, der Sohn des Ellis, hatte die Uhrmacherei erlernt, ehe er Gehilfe bei Hartley geworden war. Die Magd von Moss bestätigte, dass er die beiden Männer bei sich empfangen hatte. Am Tag des Diebstahls war er in feinem Gewande ausgegangen; am Abend war er in einer Droschke mit zwei Kisten zurückgekehrt, die jenen vom Kai glichen. Unter dem Kaminrost des Salons bemerkte sie später halb verbrannte Trümmer der Holzkisten.

Die Polizei wandte ihre Aufmerksamkeit alsdann Henry Solomons zu, einem Goldscheider aus dem Strand. Dieser hatte Bull & Co., Händlern edler Metalle, für zwölfhundert Pfund Goldbarren verkauft, deren Herkunft er auf das Einschmelzen von Schnupftabakdosen und anderem Gerät zurückführte. Auf dem Polizeirevier in der Lambeth Street am 6. April vernommen, räumte er den Verkauf zwar ein, weigerte sich jedoch, Weiteres preiszugeben. Ein weiteres Verhör rückte ihn schließlich an die Seite der Caspars in den Kreis der Tatverdächtigen. Nun stellte sich Henry Moss der Obrigkeit und bot sich als Kronzeuge an – unter der Zusicherung, dass er gegen die übrigen Beteiligten aussagen dürfe. Sein Auftauchen veränderte die Haltung Solomons’, der sich bis dahin in Sicherheit gewiegt hatte, mit einem Schlage.

Moss berichtete, die beiden Caspars hätten den Streich seit mehreren Monaten vorbereitet und nur auf eine Gelegenheit gewartet, bei der sich der Inhalt einer wertvollen Ladung veruntreuen ließe. Im vergangenen Oktober hatte Ellis ihn zu einer Zusammenkunft mit seinem Sohne geladen. Sie trugen ihm auf, einen Brief in das Kontor von Hartley zu bringen, von Lewin ausgehändigte Kisten entgegenzunehmen und sie dem Vater zuzuführen. Man hatte Moss auserkoren, weil ein öffentlicher Träger Verdacht erregt hätte; die Heimlichkeit, so hielten sie ihm vor, gebiete es, dass Ellis nicht in der Nähe gesehen werde.

Der Plan ward jedoch aufgeschoben, da das erwartete Schiff nicht zur rechten Zeit eintraf. Die Caspars führten die Verzögerung auf eine Havarie zweier Schiffe zurück und erklärten darauf, die Kisten seien für den Transport ohnehin zu schwer. Sie speisten Moss mit bloß zehn Schillingen ab und hielten ihn an, man werde seiner Dienste noch bedürfen. In der Folge sandten sie ihm mehrere Zettel zur Abschrift, die nach seiner Schilderung auf weitere Entwendungen abzuzielen schienen. Am 24. März trafen sie ihn in der Turner Street, geleiteten ihn zu seiner Wohnung und bestellten ihn für den folgenden Morgen an die Ecke der Mark Lane. Um halb elf Uhr händigte Ellis ihm einen Brief und einen blauen Beutel ein. Moss begab sich in das Büro von Hartley, wo Lewin dessen Schreiben mit einem anderen verglich, ihm auf der Rückseite eine Order zur Vorlage am Kai vermerkte und versprach, sogleich nachzukommen. Am Kai unterzeichnete Moss die Empfangsbestätigung unter dem falschen Namen Dunn.

Er schaffte die Kisten nicht in einer einzigen Fahrt zu seiner Wohnung. Nachdem er sie in einer ersten Droschke zur Wood Street hatte bringen lassen, wechselte er den Wagen, trug eine der Kisten in seine Behausung und kehrte um, die zweite zu holen. Ellis schalt ihn hernach, weil er der New Street mit dem Fuhrwerk zu nahe gekommen war. Die Kisten wurden fortgeschafft und in der Hinterstube von Moss erbrochen. Sie bargen kleinere Blechkästen, die verteilt wurden, ohne sie gewaltsam zu öffnen; Moss und sein Weib verbrannten das Holzwerk der Kisten. Am folgenden Tage gewahrte er, dass die Kästen Golderz enthielten. Das Edelmetall wurde später abermals verlagert und in verschiedenen Häusern verborgen. Moss gab an, das Gold sei zu seinem Schwiegervater, einem gewissen Davis, geschafft worden, zu dem er sich geflüchtet hatte; Davis und Frau Abrahams hätten es daraufhin in kleinen Mengen fortgetragen. Vor den Schranken des Gerichts schilderte Solomons seinerseits Verhandlungen, die von Emanuel Moses, dem Vater der Alice, geführt worden seien.

An diesem Punkte zerbrach das Einvernehmen unter den Helfershelfern. Solomons erwarb Gold von Moses und dessen Tochter; beim Schmelzen setzte er Kupfer und Silber zu, um das Aussehen des Metalls zu verändern. Als Moss wähnte, man wolle ihn um seinen gebührenden Anteil prellen, entschloss er sich auszupacken. Solomons seinerseits legte schließlich seine Ankäufe im Einzelnen dar: Alice habe seine Werkstatt mehrfach aufgesucht und das Gold am Leibe verborgen herbeigebracht, während Moses zuvor erschienen sei, um das Geschäft einzuleiten. Er versicherte, Barlohn und Banknoten gezahlt, zugleich aber eine Schuld von mehreren tausend Pfund gegenüber Alice anerkannt zu haben. Beide Männer wurden von den Verteidigern einem eingehenden Kreuzverhör unterzogen; jeder von ihnen gestand ein, um den verbrecherischen Charakter des Handels gewusst zu haben. Ihre Zeugnisse zeichneten das Bild einer Beuteteilung, bei der ein jeder trachtete, mehr als den ihm zustehenden Teil an sich zu reißen.

Die Verhandlung vor dem Zentralen Kriminalgerichtshof wurde am 24. Juni 1839 eröffnet und erstreckte sich über acht Tage. Lewin und Ellis Caspar waren angeklagt, Moss zu dem Diebstahl angestiftet zu haben; Ellis, Moses und Alice hatten sich wegen Hehlerei zu verantworten, da sie das Gold wissentlich als Diebesgut an sich genommen hätten. Die Geschworenen vernahmen, wie die Kisten aus Amerika eingetroffen waren, auf welche Weise die Papiere vorgelegt und wie sie durch Hartleys Gehilfen ausgehändigt worden waren. Moss schilderte die Fahrten und Absprachen mit den beiden Caspars im Detail. Solomons beschrieb das Schmelzen und den Verkauf des Goldes. Das Verfahren beschränkte sich mithin keineswegs darauf, den Mann aus der Droschke zu überführen: Die Zeugen der Anklage waren selbst tief in den Absatz und die Teilung der Beute verstrickt.

Am 2. Juli, nach einem eingehenden Schlussvortrag des Richters, sprach die Jury Lewin Caspar der Anstiftung zum Diebstahl schuldig. Die übrigen wurden der Hehlerei schuldig befunden, da sie das Gold im Wissen um dessen unredliche Herkunft empfangen hatten; Ellis wurde überdies als Mitschuldiger vor und nach der Tat verurteilt. Alice wurde der richterlichen Milde empfohlen, da die Geschworenen davon ausgingen, sie habe unter dem herrschenden Einfluss ihres Vaters gehandelt. Doch eine Rechtsfrage sollte die Sache noch einmal aufrollen. Die Anklageschrift bezeichnete den eigentlichen Täter des Diebstahls lediglich als eine Person böser Absicht, ohne ihn namentlich zu nennen. Die Richter behielten sich die von der Verteidigung erhobene Rüge vor, die namentlich geltend machte, Hehler könnten nicht verurteilt werden, ehe der Diebstahl durch die förmliche Verurteilung seines Urhebers rechtlich feststehe.

Im Februar 1840 hoben die Richter das Urteil gegen Lewin wegen des Mangels in der Anklageschrift auf, bestätigten jedoch die Schuldsprüche gegen die Übrigen. Ellis und Moses wurden zu vierzehn Jahren Deportation verurteilt; Alice zu vier Monaten Gefängnis. Lewin hingegen blieb in Haft. Am 6. März trat er erneut unter einer verbesserten Anklageschrift vor die Schranken, die nun Henry Moss als Haupttäter benannte. Moss bekannte sich schuldig; die Vertreter der Krone erklärten, das Verfahren gegen ihn nicht weiter betreiben zu wollen, da er der Justiz durch die Aufdeckung seines Wissens gedient habe. Er wurde zu lediglich einem Tag Haft verurteilt. Tags darauf wurde Lewin auf Grund der neuen Anklageschrift abermals schuldig gesprochen und zu sieben Jahren Deportation verurteilt.

Der Goldstaub, so berichtet die Chronik, wurde zu großen Teilen wieder herbeigeschafft, und der Reederei erwuchs nur geringer Schaden. Doch hatten die beiden Kisten ihren Weg durch London von Droschke zu Droschke, von Truhe zu Truhe genommen, ehe jene, die sich die Beute teilten, einander verrieten. Der Prozess fand sein Ende in einer Verurteilung, deren Rechtsbestand an der Berichtigung eines Federstrichs in der Anklage hing; die Unterschlagung selbst aber hatte mit einem Schreiben aus Falmouth und einem am Kai hinterlassenen Schilling ihren Anfang genommen.

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Der herangezogene Text beschränkt sich auf das vollständige Kapitel „The Gold-dust Robbery“, S. 480–488, OCR-Zeilen 27558–28029 der Ausgabe pg46595.txt; er schließt vor dem darauffolgenden Kapitel „Jacob Frederick Ehlert“ ab. Er berichtet über den Diebstahl vom 25. März 1839, die Ermittlungen sowie den Prozess vom Juni und Juli, die richterlichen Beschlüsse vom Februar 1840 sowie die Neufassung der Anklage und das zweite Urteil gegen Lewin Caspar im März 1840. Das Schreiben aus Falmouth wird ausdrücklich von den am Kai vorgelegten gefälschten Legitimationspapieren unterschieden. Das Kapitel nennt einen Davis, den Schwiegervater von Moss, getrennt von Money Moses; eine Personenidentität wird nicht behauptet. Ein originales Sitzungsprotokoll oder eine unabhängige Gegenüberstellung lag nicht vor. Die antisemitischen Auslassungen des Chronisten von 1891 wurden in der Übersetzung getilgt.

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