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Justiz & Skandale · England

Die braune Mähre des Jonathan Wood

Nachdem er sein väterliches Erbe durchgebracht hat, verlässt der Pferdehändler John Murrel Yorkshire in Richtung London und bricht mit seiner ersten Frau und seinen Kindern. Auf dem Markt von Newcastle lauscht er den Erzählungen Browns, eines gewieften Pferdediebes, und entwendet kurz darauf eine braune Mähre aus dem Besitz von Jonathan Wood. Dieser Tat überführt, wird er am 27. Juni 1726 hingerichtet.

John Murrel betrieb in Yorkshire einen Vieh- und Pferdehandel von beträchtlichem Umfang, der es ihm erlaubte, an die hundert Pfund Jahreszins zu entrichten. Er besaß ein Weib, Kinder, ein kleines, von seiner Gattin eingebrachtes Anwesen und eine Kundschaft, die er von Jugend auf kannte. Als jedoch sein Vermögen zerronnen war und das Gewerbe verfiel, begab er sich mit seinem Sohn nach London, nahm ein neues Weib an seine Seite und wandte sich von seiner ersten Familie ab. Erst später, nachdem er einem Pferdehändler namens Brown gelauscht hatte, der von seinen Diebstählen und Listen berichtete, bemächtigte sich Murrel einer braunen Mähre, die Jonathan Wood gehörte. Dieser letzte Streich führte ihn nach Newgate und an den Galgen.

Seine Eltern standen im Rufe der Rechtschaffenheit. Sie lehrten ihn das Lesen, das Schreiben und die Grundsätze der Religion und führten ihn hernach in ihr Gewerbe ein: Sie weideten Rinder und Rosse, ehe sie diese auf den Märkten feilboten. Herangewachsen, übernahm Murrel diesen Handel und pachtete ein Weidegut in Yorkshire. Er schlug selbst beträchtliche Mengen an Vieh um. Er vermählte sich mit einem jungen Frauenzimmer von bescheidenem Vermögen; mehrere Kinder entsprossen dieser Ehe, von denen fünf zur Zeit seiner Hinrichtung noch am Leben waren. Sie verblieben bei ihrer Mutter auf jenem kleinen Gute, das ihr eigen war.

Einige Jahre hindurch wahrte Murrel einen leidlich guten Ruf in der Gegend. Die Chronik wirft ihm jedoch einen verschwenderischen Aufwand vor: Dieser verzehrte seine Güter wie auch jene seiner Ehefrau, woraufhin seine Geschäfte ins Stocken gerieten. Da beschloss er, nach London hinaufzuziehen, und nahm seinen Sohn mit sich. In der Hauptstadt suchte er neuen Umgang und fand eine Frau, von der er hoffte, sie vermöge ihn zu unterhalten. Die Quelle lässt im Dunkeln, ob ein förmlicher Bund geschlossen wurde; sie berichtet lediglich, Murrel habe sie geheiratet oder geraume Zeit mit ihr gelebt, als wären sie Mann und Weib.

Die Kunde von diesem Wandel drang bis zu seiner ersten Gattin. Ihre Verwandten suchten sie von einer Reise abzubringen, die nach ihrem Dafürhalten ihren Kummer nur mehren würde; gleichwohl reiste sie nach London, in der Hoffnung, ihre Gegenwart könne den Gatten zur Umkehr bewegen. Murrel leugnete ab, dass sie sein Weib sei, und beredete den gemeinsamen Sohn, gleichfalls zu bestreiten, dass sie seine Mutter wäre. Der Knabe fügte sich in Furcht und Verwirrung. Von solcher Verstoßung gebeugt, musste die Frau in die Heimat zurückkehren. Murrel lebte fortan mit der anderen Gefährtin weiter.

In den folgenden Monaten nahm er den Pferdehandel wieder auf, doch vermag der Bericht nicht genau zu belegen, aus welchen Einkünften er sein Dasein fristete. Der erste Vorfall, der ihn unmittelbar mit der Justiz in Berührung brachte, war das Fortführen einer Mähre, die einem Londoner gehörte. Murrel behauptete, das Tier habe zuvor ihm zugehört und ihre Übereinkunft habe lediglich auf Treu und Glauben beruht; er wähnte sich daher im Recht, sie wieder an sich zu nehmen und weiterzuveräußern. Die Quelle berichtet von keiner Verurteilung in diesem Falle und weiß vor jenem Diebstahl von keiner anderen Unredlichkeit zu melden. Der Bericht wendet sich alsdann dem Markt von Newcastle zu, wo Murrel auf Rosskämmer stieß, die sich darauf verstanden, Rosse an sich zu bringen, ohne den eigentlichen Eigentümer abzufinden.

Unter ihnen befand sich ein Mann aus Yorkshire namens Brown, ein früherer Kumpan Murrels. Brown gab eine Begebenheit zum Besten, die seinen Zuhörern vor Augen führte, wie weit das Gewerbe mit gestohlenen Rossen getrieben werden konnte. Ein Offizier hatte unlängst ein Reittier erstanden, das er nach London führen wollte. Brown bemächtigte sich des Tieres, ritt gen Westen, beschnitt Mähne und Schweif und veräußerte es sodann an einen Landpfarrer für dreizehn Guineen, etwa sieben Guineen unter seinem Werte. Der Geistliche betreute eine zweite Pfarre in einiger Entfernung und ließ das Pferd während des Gottesdienstes in einem kleinen Schuppen an der Ecke des Kirchhofs stehen.

Brown kehrte mit einer neuen List zurück. Er verschaffte sich einen roten Rock nebst dem Rüstzeug eines Reitersoldaten, erbrach die Stalltür und ritt auf dem Pferde davon, während die Gemeinde in der Kirche weilte. Er eilte stracks nach Worcester, legte das Soldatenkleid ab und nahm wieder die Gestalt eines Pferdehändlers an. Das Tier verkaufte er an einen Arzt mit dem Rate, es vierzehn Tage auf der Weide zu lassen – ein Kunstgriff, um eine alsbaldige Nachforschung hintanzuhalten. Der Arzt ging darauf ein.

Tags darauf erblickte Brown am Rande der Stadt den Pfarrer nebst seinem Knechte. Aus Furcht, sie möchten ihm nachspüren, wagte er sich nicht mehr in die Stadt. Stattdessen begab er sich zur Koppel des Arztes, holte das Pferd wieder heraus und entwendete in der Herberge, darin er abgestiegen war, Sattel und Zaumzeug. So ritt er gen Essex davon. Dort verweilte er bis zum Markt von Northampton, wo er das Pferd für siebenundzwanzig Guineen an einen Offizier veräußerte, der ebenjenem Regimente angehörte, aus dem das Tier ursprünglich stammte. Aus Flandern heimgekehrt, erkannte der Offizier das Ross wieder und gab eine möglichst genaue Beschreibung des Verkäufers ab, da er sein Geld nicht einbüßen wollte.

Ein anderer Offizier ließ einen Steckbrief anschlagen, der Mann und Ross beschrieb und fünf Guineen Belohnung für die Ergreifung aussetzte. Die Bekanntmachung erregte die Aufmerksamkeit des Pfarrers und des Arztes, die sich zusammentaten, um Brown aufzuspüren. Schließlich ward er in Cornwall verhaftet, vor Gericht gestellt und schuldig gesprochen. Der Hauptmann, welcher der erste Eigentümer des Tieres gewesen war, zeigte sich von der Gewandtheit des Schelms derart eingenommen, dass er einen Aufschub der Strafe erwirkte und ihn ins Ausland mitnahm. Dort verblieb Brown bis zum Frieden von Utrecht; nach England zurückgekehrt, nahm er das Gewerbe mit gestohlenen Pferden wieder auf und erstand fünf oder sechs Rosse aus dem Süden des Landes, die er auf den Jahrmärkten abzusetzen gedachte.

Diese Reihe von Verkäufen, Verwandlungen und Wiedererkennungen hatte mit einem Diebstahl ihren Anfang genommen und sich vor den Augen mehrerer Besitzer fortgesponnen. Murrel vernahm Browns Bericht auf dem Markt von Newcastle. Er billigte das Beispiel und tat es ihm unverzüglich nach, doch nahm sein Beginnen einen anderen Ausgang: Die braune Mähre, deren er sich bemächtigte, gehörte Jonathan Wood. Murrel ward bald darauf festgenommen und nach Newgate verbracht. Bei den folgenden Sitzungen des Old Bailey erachtete man die Beweise für völlig erdrückend, und die Geschworenen sprachen ihn schuldig. Er wurde wegen dieses Pferdediebstahls verurteilt, nicht wegen der Taten Browns und auch nicht wegen jener ersten Mähre, die er kraft einer mündlichen Abrede zurückgefordert haben wollte.

Unter dem Urteil zeigte Murrel Reue über seine Sünden, beklagte sich jedoch zugleich über die Strenge des Gesetzes, das ihn für den Diebstahl eines Pferdes zum Tode verdamme. Der Chronist berichtet, diese Strafe habe ihn hart dünken wollen, und er habe geglaubt, ihr entgehen zu können. Was ihn indessen am meisten peinigte, war die Abwendung seines Sohnes und seiner Verwandten, die sich nach Kräften hüteten, in seine Händel hineingezogen zu werden. Dem Geistlichen, der seinen Klagen lauschte, hielt man entgegen, wie schmählich er sein eigenes Weib und das Kind behandelt habe, als sie nach London gekommen waren. Da begann er, so vermerkt die Nachricht, in der Verstoßung seiner Familie eine Schuld zu erblicken, deren Folgen ihm seine Verlassenheit nunmehr bitter zu Gemüte führte.

Als man ihn zum ersten Male vor Gericht führte, um das Urteil zu empfangen, stellte sich Murrel derart täuschend tot, dass die Wärter ihn nach Newgate zurückschafften. Diese Finte verschaffte ihm indes nur einen kurzen Aufschub. In der darauffolgenden Sitzung ward das Todesurteil verkündet und der Vollstreckung übergeben. Er verschied am 27. Juni 1726 im Alter von vierzig bis fünfzig Jahren. So schließt der Bericht das Leben eines Viehhändlers, der jahrelang einem ehrlichen Erwerb nachgegangen war, seinen ersten Herd verließ und sich schließlich zu einem Pferdediebstahl hinreißen ließ, dessen Beweis man für unumstößlich hielt.

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Englischer Originalbericht vollständig ausgewertet. Murrel wird auf unumstößliche Beweise hin wegen des Diebstahls der braunen Mähre von Jonathan Wood verurteilt. Die Quelle erwähnt zuvor einen weiteren streitigen Pferdediebstahl, bei dem Murrel vorgab, ein ihm früher gehörendes Reittier aufgrund einer mündlichen Abmachung wieder an sich genommen zu haben; eine Verurteilung ist hierbei nicht vermerkt. Die Geschichte Browns ist eine Anekdote, die Murrel auf dem Markt von Newcastle vernimmt und sich zum Vorbild nimmt: Die Kette von Diebstählen, Verkleidungen, Weiterverkäufen samt Verhaftung und Verurteilung in Cornwall betrifft Brown, nicht Murrel. Murrel stirbt am 27. Juni 1726 in einem Alter zwischen vierzig und fünfzig Jahren. Die Chronik lässt offen, ob seine Londoner Lebensgefährtin rechtmäßig angetraut war. Die moralischen Urteile des Chronisten über Murrels Eheführung sind als zeitgenössische Deutungen ausgewiesen.

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